23.08.2004

Im Bunker des Bösen

Von Wiegrefe, Klaus

Am Ende seiner Herrschaft hauste Hitler im Schutz meterdicker Wände unter der Erde. Handlanger feierten dort Orgien, die Goebbels brachten ihre Kinder um, der "Führer" heiratete und erschoss sich dann. Bernd Eichingers Film "Der Untergang" gibt dem absurden Drama nun ein reales Gesicht.

Der 38-jährige Johannes Hentschel war Elektromeister, und während er im Führerbunker in Berlin den Angriff der Roten Armee erwartete, überlegte er, ob es wohl von Vorteil sei, ein Handwerk gelernt zu haben. Würden ihn die Vertreter der proletarischen Weltrevolution besser behandeln, wenn sie erfuhren, dass er zu den Werktätigen zählte?

Andererseits harrte Hentschel als Letzter in Adolf Hitlers Betongruft aus, und die Gefahr schien groß, dass die Angreifer ihre Wut an ihm ausließen. Die Überreste des "Führers" und seiner Ehefrau Eva lagen verscharrt im Garten der Alten Reichskanzlei; dessen Entourage hatte sich abgesetzt.

Hentschel war nur geblieben, um den Dieselgenerator zu überwachen, der die Wasserversorgung in einem nahe gelegenen Notlazarett sicherstellte. Der Cheftechniker der Reichskanzlei wollte die Verletzten nicht im Stich lassen.

Es war der 2. Mai 1945. Um kurz nach neun Uhr hörte er russische Stimmen. Dann sah er die Eroberer kommen: ein Dutzend junger, tuschelnder und kichernder sowjetischer Ärztinnen in Uniform. Hitlers Handwerker hob sofort die Arme. Doch die Soldatinnen wollten nur eines wissen: "Wo sind die Klamotten?"

Der Berliner führte sie zum Ankleidezimmer von Eva Hitler, geborene Braun. Die Frauen erbeuteten schwarze Spitzen-BH und zogen mit einem "Freudengeheul wie die Squaws in Wildwestfilmen" (Hentschel) ab. Kurz darauf nahmen sowjetische Offiziere den Deutschen gefangen.

So ging in Berlin, der Hauptstadt des von Hitler ausgerufenen Tausendjährigen Reichs, der Zweite Weltkrieg nach 2071 Tagen zu Ende. Eine noch von dem Diktator eingesetzte Regierung in Flensburg schob die endgültige Kapitulation nur deshalb bis zum 8. Mai hinaus, um vielen Landsern die Möglichkeit einzuräumen, sich angloamerikanischen Streitkräften zu ergeben und sowjetischer Kriegsgefangenschaft zu entgehen.

Dass Nazi-Deutschland den Krieg nicht gewinnen konnte, hatte sich lange abgezeichnet. Doch Hitler lehnte eine Kapitulation ab: "Ich werde so lange kämpfen, solange ich noch einen Soldaten habe. Wenn mich der letzte Soldat verlässt, werde ich mich erschießen."

Das Ende von Großreichen ist meist blutig verlaufen. Aber der Strudel der Zerstörung, in dem der Nationalsozialismus versank, ist einzigartig. "Niemals zuvor", urteilt der Hitler-Experte Joachim Fest, "sind im Zusammenbruch eines Reiches so viele Menschenleben ausgelöscht, so viele Städte vernichtet und ganze Landstriche verwüstet worden."

Dem sinnlosen Widerstand fielen die Innenstädte von Dresden, Chemnitz oder Potsdam zum Opfer, die im Feuersturm der alliierten Bombenangriffe verglühten. Im Durchschnitt starben in den letzten Monaten täglich 10 000 Landser. Die Rote Armee bezahlte die Eroberung Ostdeutschlands mit rund 800 000 Toten.

Als der sowjetische Schriftsteller Konstantin Simonow Ende April 1945 bei Berlin durch jene Gegend fuhr, in der Sowjetsoldaten die 9. Armee Hitlers gerade größtenteils aufgerieben hatten, türmte sich vor ihm "etwas Unglaubliches - Pkw, Lastwagen, Panzer, Panzerwagen, Krankenwagen, Fahrzeuge aller Art - nicht einfach zusammengeschoben, sondern buchstäblich ineinander verkeilt, übereinander geschoben, auf dem Rücken liegend, in die umstehenden Bäume geschoben. In all diesem Gewirr von Metall und Holz eine schreckliche Masse verstümmelter menschlicher Körper. Und dieses Bild längs der Schneise bis in die ferne Unendlichkeit".

Hitler hat sich einem solchen Anblick nie gestellt. Während alliierte Panzer und Bomberflotten eine ähnliche Verwüstung nach Deutschland trugen wie jene, welche die Wehrmacht zuvor fast überall in Europa verbreitet hatte, hauste der Diktator in einem Bunker mit fast vier Meter dicken Außenwänden. Es war ein 250 Quadratmeter großer "Betonsarg", wie sich der Telefonist Rochus Misch erinnert, der in einem der rund 20 Räume beinahe acht Meter unter dem Garten der Alten Reichskanzlei in der Wilhelmstraße Dienst tat (siehe Seite 61).

Zwei Monate hockte Hitler in seinem Luftschutzkeller, umgeben von Getreuen und Fanatikern, Intriganten und Verrätern. Kein anderer Lebensabschnitt des Massenmörders weckt eine ähnlich morbide Faszination wie das Schlusskapitel in der Tiefe des Erdreichs.

Hier klagte er, das deutsche Volk habe sich seiner "als nicht würdig erwiesen".

Hier gestand er unter Tränen: "Der Krieg ist verloren."

Und nebenan, in den Kellern der Neuen Reichskanzlei, schrien Hunderte Verwundete oder verendeten still.

Seit Jahrzehnten finden Bücher über dieses bizarre Ende Hunderttausende Käufer. Als die Hitler-Sekretärin Traudl Junge vor über zwei Jahren ihre Erinnerungen veröffentlichte und kurz darauf Publizist Fest eine historische Skizze über die letzten Tage des "Dritten Reichs" vorlegte,

hielten sich beide Werke monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Einer der Leser war der Münchner Filmproduzent Bernd Eichinger, der schon mit "Im Namen der Rose" oder "Das Geisterhaus" Welterfolge gefeiert hat. Für den 55jährigen Sohn eines Ostfrontsoldaten lieferte die Lektüre der beiden Bücher den "dramaturgischen Schlüssel" zu einem Stoff, der ihn seit langer Zeit beschäftigte.

Mit knapp 14 Millionen Euro - dem größten Etat für einen deutschen Film seit Jahrzehnten - machte sich Eichinger ans Werk. Das Ergebnis ist ab 16. September in den Kinos zu sehen.

Und schon jetzt ist sicher, dass "Der Untergang" für Furore sorgen wird. Mit den Mitteln eines Spielfilms - manche Szene ist ausgedacht, Dialoge wurden erfunden - und einer glänzenden Besetzung ist Eichinger gelungen, was vor ihm keiner schaffte: Er hat dem absurden Drama in der Betongruft ein reales Gesicht gegeben.

Für die Nachgeborenen bleibt meist unverständlich, wie der schreiende, affektierte "Führer", der in den Wochenschauen zu sehen ist, Menschen in seinen Bann schlagen konnte. Hitler-Darsteller Bruno Ganz vermag als erster Schauspieler überhaupt davon eine Ahnung zu vermitteln. "Das ist wirklich Hitler - wenn man ihn sieht, beginnt man zu frieren", urteilt Fest, der Eichinger beraten hat, über die Kunst des 63-jährigen Ganz.

Als Bernd Freiherr Freytag von Loringhoven, Adjutant des 1945 amtierenden Generalstabschefs des Heeres Hans Krebs und häufiger Besucher des Führerbunkers, die Anlage besichtigte, in der Eichinger seine Protagonisten auftreten lässt, war er "überrascht über die Genauigkeit des Nachbaus".

Der Produzent und sein Regisseur Oliver Hirschbiegel erzählen die Geschichte vom Ende des "Dritten Reichs" aus Sicht von Sekretärin Junge, die 1942 zu Hitlers Entourage gestoßen war. Mit großen Augen beobachtet die vielleicht etwas zu feine Alexandra Maria Lara alias Junge, was um sie geschieht, und unterliegt selbst dem Bann des Diktators. Eigentlich will sie nicht sterben, und doch ist die Sogwirkung so groß, dass sie es Ende April 1945 ablehnt, den Bunker zu verlassen.

Die letzten Tage eines Menschheitsverbrechers: In den Nachkriegsjahren wurde heftig darüber gestritten, ob man sie überhaupt zeigen dürfe. Der erste Versuch unter der Regie von G. W. Pabst zehn Jahre nach Kriegsende ("Der letzte Akt") floppte in Westdeutschland, spätere Filme mit Alec Guinness (1972) und Anthony Hopkins

(1980) in der Hauptrolle belustigten durch unfreiwillige Komik.

Eichinger und Hirschbiegel sind der Gefahr entgangen, das Geschehen unter der Erde zu parodieren, indem sie immer wieder das brutale Kriegsgeschehen in Berlin gegenschneiden. Hitler mag in einer absonderlichen Scheinwelt gelebt haben, das Sterben oben war real.

In Scharen pilgerten unmittelbar nach Kriegsende alliierte Soldaten, Journalisten, Politiker zum Schutzkeller im sowjetischen Sektor Berlins. Genau ließ sich der britische Premierminister Winston Churchill, der selbst einen Großteil des Krieges in einem Bunker verbracht hatte, im Juli 1945 erklären, wo Hitlers Leben endete.

Als den Sowjets der Gruseltourismus zu viel wurde, sprengten sie 1947 Teile der Schutzräume und verfüllten die Eingänge. 1988 beseitigte das SED-Regime fast alle verbliebenen Reste. Aber noch immer führen Reiseleiter ihre Gruppen an die Ecke Gertrud-Kolmar-Straße/In den Ministergärten: "Here was the Führerbunker."

Wohl Ende Februar 1945 zog Hitler hier ein; kurz zuvor waren bei einem Bombenangriff seine Wohnräume in der Alten Reichskanzlei ausgebrannt. Das Gewölbe war Teil eines Labyrinths unter dem Berliner Regierungsviertel, dessen Überreste noch heute im Untergrund ruhen (www.berliner-unterwelten.de).

Eine steile Treppe führte vom Luftschutzkeller unter der Alten Reichskanzlei - dem so genannten Vorbunker - noch einmal 2,80 Meter hinab. Giftgassichere Stahltüren konnten den Bereich abschotten. Der Dieselgeruch des Generators mischte sich mit einer beklemmenden Feuchtigkeit. Permanent hämmernde Artillerieeinschläge ließen in den letzten Tagen feinen Staub von den Wänden rieseln.

Schon nach wenigen Metern kamen auf der linken Seite des schmalen Flurs die Räume Hitlers.

Glühbirnen warfen kaltes Licht auf unverputzte Betonwände. Nur ein breiter roter Läufer, einige kostbare Gemälde und wertvolle Sessel, die auf dem Korridor standen, signalisierten inmitten der Tristesse, dass hier der Diktator hauste. Sein Arbeitszimmer - ungefähr drei mal drei Meter - war so klein, dass stets einer der drei Sessel gerückt werden musste, wenn jemand durch das Zimmer gehen wollte.

Von hier wollte der Diktator den Endkampf führen - ohne jede Rücksicht auf die Menschen, die dem Österreicher einst zu-

gejubelt hatten: "Ich bin eiskalt, wenn das deutsche Volk nicht bereit ist, für seine Selbsterhaltung sich einzusetzen, gut: Dann soll es verschwinden!"

Alles wollte er zerstören, wenn der Krieg es erforderte: Brücken, Trinkwasseranlagen, Telefonzentralen, Gaswerke. Die Artillerie brauchte Schussfeld? Dann mussten Häuserblöcke gesprengt werden. Es fehlte an Rekruten? Hitler schickte 16-Jährige ohne Ausbildung in den Kampf.

Diese Brutalität Hitlers hat zu verschiedenen Deutungen Anlass gegeben. War die Vernichtung Deutschlands sein "letztes Ziel", wie Sebastian Haffner vermutet hat? Genoss er gar "Befriedigung" ob des Leidens der Zivilisten in der Oberwelt, wie Fest behauptet? Oder nahm der "Führer" die Zerstörung des Landes nur in Kauf, so sein Biograf Ian Kershaw (siehe Gespräch Seite 69)?

Produzent Eichinger hat sich der These Fests verschrieben, im Film ist von einer Befriedigung Hitlers allerdings nichts zu spüren. Ganz alias Hitler verströmt nur kalte Mitleidslosigkeit.

Am 9. März 1945 erging der Befehl, Berlin bis zur letzten Patrone zu verteidigen. Zu diesem Zeitpunkt stand die Rote Armee bereits an der Oder, 70 Kilometer von der Reichshauptstadt entfernt. Bald darauf fiel das Ruhrgebiet an die Amerikaner, die dann rasch zur Elbe vorstießen. Vier bis acht Wochen dauere es noch bis zum Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft und damit dem Ende des Krieges, prophezeite Rüstungsminister Albert Speer in einer Denkschrift für Hitler am 15. März.

Scharfe Sicherheitskontrollen sorgten dafür, dass niemand den Wahnsinn durch ein Attentat vorzeitig beendete. Offiziere wie Major Freytag, der täglich in den Bunker kam, mussten sich filzen lassen. "Warum stichst du das Schwein nicht endlich ab?", hatte ihn ein Kamerad Anfang 1945 gefragt. "Ich hätte nicht einmal ein Taschenmesser unbemerkt in den Bunker schmuggeln können", sagt Freytag heute.

Der Major ist einer der letzten Zeugen der Tage im Bunker. Der "Führer", so berichtet er, war körperlich nur noch ein "Wrack". Schwankend, das eine Bein nachziehend, schleppte sich der 55-Jährige durch die Gänge. Die zitternde linke Hand verbarg er hinter dem Rücken, wahrscheinlich litt er an Parkinson.

Hitlers blasse, teigige Haut zeugte vom Lebensrhythmus unter der Erde: Aufstehen um die Mittagszeit, dann die erste Lagebesprechung mit den Militärs im Lageraum, der so klein war, dass nur der Chef sitzen durfte (im Film sitzt auch Luftwaffenchef Hermann Göring). Meist folgten weitere Beratungen bis spät in die Nacht, an die sich in den frühen Morgenstunden Monologe vor müden Sekretärinnen und erschöpften Bediensteten anschlossen.

Auf die Mehrheit der Deutschen übte der Hinfällige längst keine Faszination mehr aus. Was sie dazu brachte, dennoch weiterzukämpfen, bezeichnete der britische Historiker Alan Taylor einst als "großes Geheimnis".

Motivierte sie die Angst, dass die Sieger Gleiches mit Gleichem vergelten könnten? Oder schreckte sie der Terror, mit dem die Nationalsozialisten alle überzogen, die sich dem Wahnsinn entziehen wollten? Schließlich fielen Tausende den fliegenden Standgerichten hinter der Front oder in den Straßenschluchten der Großstädte zum Opfer.

Hitler klammerte sich an die Hoffnung, dass die unnatürliche Allianz zwischen dem Kreml-Despoten Josef Stalin und den angloamerikanischen Demokratien zerfalle. Er müsse dem "proletarisch-bolschewistischen Koloss" nur einen großen Schlag versetzen, dann würden die Westmächte erkennen, dass er allein Stalin Einhalt gebieten könne ("der einzige Mann hierfür bin nun einmal ich").

Glaubte der Tyrann das wirklich, oder unterlag er am Ende seinen eigenen Schauspielkünsten, wie der Potsdamer Historiker Rolf-Dieter Müller meint?

Propagandaminister Joseph Goebbels las seinem Meister in jenen Tagen aus einer Biografie des preußischen Königs Friedrich II. vor. Dieser hatte während des Siebenjährigen Krieges (1756 bis 1763) in aussichtsloser

Lage erwogen, sein Leben zu beenden. Doch dann starb überraschend Zarin Elisabeth, und ihr Nachfolger schloss Frieden.

Tränen liefen dem "Führer" während der Lesestunde über die aufgedunsenen Wangen, und als am 12. April US-Präsident Franklin D. Roosevelt verschied, jubilierte Hitler über das angebliche erneute Mirakel. "Hier, lesen Sie!", rief er und wedelte mit der Meldung vor Speer hin und her. "Hier haben wir das große Wunder, das ich immer vorhergesagt habe. Wer hat nun Recht? Der Krieg ist nicht verloren."

Doch das Stimmungshoch im Bunker währte nur kurze Zeit. Am 16. April um drei Uhr morgens begann die Rote Armee ihre Schlussoffensive. Vier Tage später, an Hitlers 56. Geburtstag, erreichten sowjetische Panzer Bernau im Norden und Jüterbog im Süden der Hauptstadt.

Eva Braun, von Hitler bis dahin immer auf Distanz gehalten, war wenige Tage zuvor in den Bunker übergesiedelt. Bald schrieb sie einer Freundin: "Wir hören schon den Kanonendonner der Front. Wie Du Dir vorstellen kannst, schlafen wir schrecklich wenig. Aber ich bin so glücklich, besonders jetzt nahe bei ihm zu sein."

Der Diktator hatte die 22 Jahre jüngere Blondine 1929 zum ersten Mal im Atelier seines Leibfotografen gesehen, wo sie im kurzen Rock auf der Leiter stand. Vor der Öffentlichkeit verbarg er seine Liebschaft mit der lebenslustigen Münchnerin, die heimlich rauchte und ihn mahnte, wenn er seine feldgraue Uniform bekleckerte ("Schau, du bist ganz schmutzig! Den Rock kannst du doch nicht mehr anziehen!").

Seiner väterlichen Herablassung begegnete sie mit einer Mischung aus Verehrung und Fremdheit, und wie Juliane Köhler diese seltsame Frau auf die Leinwand bringt, zählt zu den Höhepunkten des Eichinger-Films.

Zur Feier des Geburtstags ihres Liebsten zog sie ein neues Kleid aus blausilbernem Brokat an. Der Diktator schenkte dem Outfit keine Beachtung. Mit schlaffem Handschlag und ausdruckslosem Blick nahm er die verlegenen Glückwünsche seiner Entourage entgegen.

Wohl das letzte Mal in seinem Leben verließ Hitler an diesem Tag den Bunker und betrat den Garten der Reichskanzlei, wo eine müde Gratulantenschar erschöpfter Soldaten Aufstellung genommen hatte, darunter auch einige Hitlerjungen.

Eine ähnliche Szene vom März 1945 ist auf Zelluloid festgehalten und wird im Eichinger-Film beinahe originalgetreu nachgestellt: Ein gebeugter, aschfahler Mann verleiht das Eiserne Kreuz. An seinem Geburtstag faselte Hitler einige Sätze von der Schlacht um Berlin, die unbedingt gewonnen werden müsse. Auf sein "Heil euch!" antwortete niemand.

Trotz der sowjetischen Offensive wollte der Despot unbedingt in der Hauptstadt bleiben und nicht nach Berchtesgaden ausweichen, um vom noch weitgehend unbesetzten Süddeutschland aus den Krieg fortzuführen. Nur in Berlin, so glaubte er, verfüge er über genügend Autorität, um den Krieg fortzusetzen und so Zeit zu gewinnen, bis Amerikaner und Sowjets übereinander herfielen: "Der Führer bin ich, solange ich wirklich führen kann. Führen kann ich nicht dadurch, dass ich mich irgendwo auf einen Berg setze."

Vergebens bedrängten ihn SS-Chef Heinrich Himmler, Außenminister Joachim von Ribbentrop, Marinechef Karl Dönitz: "Bald ist die Stadt eingeschlossen! Noch ist es Zeit, die südlichen Armeen zu befehligen, wenn Sie nach Berchtesgaden ausweichen."

Insgeheim waren die Paladine heilfroh, dass Hitler am 15. April militärische Stellvertreter für Nord- und Süddeutschland ernannt hatte, die dort den Kampf weiterführen sollten, falls das Reich geteilt würde. Nun fand jeder einen Vorwand, Berlin schleunigst zu verlassen.

Im Bunker herrschte an diesem Abend erstmals jene Mischung aus Lebensgier und Verzweiflung, die Menschen ergreift, wenn Katastrophen absehbar sind. Nachdem Hitler sich zurückgezogen hatte, lief Eva Braun hinauf in ihr Wohnzimmer im ersten Stock der zerstörten Alten Reichskanzlei und forderte jeden zum Mitkommen auf, der ihr begegnete.

Sie ließ den großen runden Tisch decken, es gab Champagner, dann wollte die junge Frau tanzen. Immer wieder kratzte die Grammofonnadel über die einzige Schellackplatte, die sich auftreiben ließ: "Blutrote Rosen erzählen dir vom Glück" - in Eichingers Film ein rauschendes Fest, in Wirklichkeit wohl eher eine überschaubare Veranstaltung, denn viele Zeitzeugen konnten sich an eine solche Festivität später nicht erinnern.

Am nächsten Morgen lag das Berliner Stadtzentrum erstmals unter Artilleriefeuer.

Es war ein ungleicher Kampf, der in den Mauern der Reichshauptstadt ausgetragen wurde: 465 000 Rotarmisten mit 1500 Panzern gegen rund 90 000 Landser und Volkssturmmänner mit weniger als 100 Tanks. Und dennoch starben 80 000 Sowjetrussen kurz vor dem Endsieg in den Häuserschluchten.

Scharfschützen der Waffen-SS nahmen Rotarmisten von Dächern aus ins Visier; Hitlerjungen feuerten mit Panzerfäusten aus Kellerfenstern. Nur jeder Fünfte der heute lebenden Deutschen war 1945 schon alt genug, um sich an das Kriegsende erinnern zu können. Und wie Steven Spielberg mit dem Epos "Der Soldat James Ryan" den Nachgeborenen das Gemetzel bei der alliierten Landung in der Normandie 1944 nahe gebracht hat, so führt Eichingers Film jenen, die nicht dabei waren, das Grauen des Häuserkampfes in Berlin vor Augen.

Die Sowjets wechselten auf Grund ihrer Verluste schließlich die Taktik und zerschossen mit schweren Haubitzen jene Gebäude, die Deckung bieten konnten. Mit Flammenwerfern machten Rotarmisten Jagd auf Hitlers Kämpfer in den Kellern.

Russische Artillerie weckte Hitler am 21. April zwei Stunden früher als gewöhnlich. Sichtlich verstört kam der Diktator ins Vorzimmer: "Was ist los? Woher kommt diese Schießerei?" Als er erfuhr, dass es Granateinschläge

waren, wurde er bleich: "Sind die Russen schon so nah?"

Immer wieder ließ er sich mit Karl Koller, dem Generalstabschef der Luftwaffe, verbinden, wie dieser hinterher berichtete, und einer der Anrufe ist auch im Film zu sehen. Hitler tobte ("Die Luftwaffe ist überflüssig"), drohte ("Man müsste die ganze Luftwaffenführung aufhängen") und forderte den totalen Krieg: "Jeder Kommandeur, der Kräfte zurückhält, hat binnen fünf Stunden sein Leben verwirkt."

Eine zusammengewürfelte Truppe unter SS-Obergruppenführer Felix Steiner sollte im Nordosten Berlins einen Gegenangriff starten, und Hitler tönte bereits, dass "der Russe die größte Niederlage seiner Geschichte" erleiden werde. Doch Steiners Angriff fand nicht statt, und erst jetzt räumte Hitler erstmals ein, dass er vor der totalen Niederlage stand.

Am 22. April 1945 schickte er während der täglichen Lagebesprechung alle niederen Chargen aus dem Raum, knallte die farbigen Stifte, die er stets bei sich trug, auf den Kartentisch und begann zu schreien. Verrat, Niedertracht, Unfähigkeit - Tränen liefen ihm übers Gesicht, immer wieder schlug er mit der Faust in die offene Hand: "Der Krieg ist verloren."

Seinen Sekretärinnen und auch Freundin Eva Braun befahl Hitler: "Ziehen Sie sich sofort um. In einer Stunde geht ein Flugzeug, das Sie nach Süden bringt."

Braun löste sich als Erste aus der Erstarrung, wie Junge berichtet, nahm seine Hände und sagte: "Aber du weißt doch, dass ich bei dir bleibe. Ich lasse mich nicht wegschicken." Hitler küsste sie auf den Mund; so eine Geste hatte bis dahin noch niemand gesehen.

Dass Hitler sich nicht schon an diesem Tag das Leben nahm - und damit den Krieg um zwei opfervolle Wochen verkürzt hätte - verdankten die Deutschen dem Parteisekretär Martin Bormann und den anwesenden Generälen, die Hitler nun ernsthaft zuredeten, es sei nicht alles verloren. Dem schloss sich Hitler schließlich an.

Und noch immer fanden sich Fanatiker, die ihm willig folgten.

Am 26. April landete die glühende Hitler-Bewunderin und Testpilotin Hanna Reitsch mit einem Fieseler Storch auf jenem Teil der Ost-West-Achse, der heute "Straße des 17. Juni" heißt. Vorn in der kleinen Maschine saß ihr Freund Robert Ritter von Greim, Generaloberst der Luftwaffe, den Hitler nach Berlin beordert hatte.

Etwas oberhalb der Baumkronen steuerte Greim in die Berliner Innenstadt - unbemerkt von den sowjetischen Jägern, welche die totale Lufthoheit ausübten. Doch dann riss ein Artilleriegeschoss den Boden

des Flugzeugs auf und verletzte Greim. Reitsch, die sich über den schwer Verwundeten beugte, brachte das Fluggerät mit knapper Not auf den Boden.

"Es gibt noch Treue und Mut auf der Welt", begrüßte Hitler den auf einer Trage liegenden Offizier und ernannte ihn zum neuen Luftwaffenchef.

Greim bat, im Bunker bleiben zu dürfen. Der "Führer" willigte ein und schenkte ihm und der zierlichen Reitsch zwei Giftphiolen: "Ich möchte nicht, dass einer von uns den Russen lebend in die Hände fällt oder dass sie unsere Leichen finden. Jeder hat dafür zu sorgen, dass von der eigenen Leiche nichts Erkennbares übrig bleibt."

Seinem Generalstabschef Koller gegenüber schwärmte der Ritter am Telefon von der "Kraft" des "Führers": "Das ist hier für mich wie ein Jungbad." So berichtete es Koller später. Im Untergangsfilm täuscht Hitler dem gutgläubigen Greim Reserven vor, die es nicht gab.

Langsam kippte die Stimmung in der Bunkeranlage. "Die Leute hatten nichts mehr zu tun. Sie beschäftigten sich nur noch mit einer Frage", berichtet Freytag: "Wie bringe ich mich um? Nehme ich eine Zyankali-Kapsel, oder schieß ich mir mit einer Pistole in die Schläfe oder den Mund?"

Auf über 100 000 Deutsche schätzt der Berliner Historiker Richard Lakowski die Zahl derjenigen, die im Frühjahr 1945 freiwillig ihr Leben beendeten, ein historisch wohl einmaliger Vorgang.

Die Nazis kamen mit der Weltgeschichte nicht mehr mit. Offiziere im Bunker

suchten Telefonnummern von Haushalten entlang den Einfallstraßen und erkundigten sich dort: "Verzeihen Sie, gnädige Frau, waren die Russen schon bei Ihnen?" Major Freytag bereitete die Lagekarten mangels besserer Informationen mit Meldungen der Agentur Reuters vor. So erfuhr er, wo die Amerikaner inzwischen standen.

In den Kellern unter der Regierungszentrale lagerten edle Weine und Liköre; es begann das Trinken gegen die Angst. Morgens um zwei Uhr ließ General Wilhelm Burgdorf dann alle Vorsicht fahren und schrie seinen Trinkkumpanen, den mächtigen Bormann, an: "Zu Hunderttausenden sind unsere jungen Offiziere in den Tod gegangen. Aber wofür denn? Für euch sind sie gestorben, für euren Machthunger."

Vergebens versuchte Krebs, ihn zu bremsen. Burgdorf: "Lass mich man, Hans, einmal muss das doch alles gesagt werden." Bormann erwiderte nur ölig: "Aber mein Lieber, du musst doch nicht gleich persönlich werden. Prost!"

Am folgenden Morgen schnarchten die drei Zecher vor Hitlers Räumen. Mühsam stieg Goebbels, den sein Klumpfuß behinderte, über die ausgestreckten Beine.

In "Der Untergang" nehmen an dem Gelage auch Eva Braun, Sekretärin Junge und andere Mitarbeiter Hitlers teil. Auf den Abtausch zwischen Bormann und Burgdorf hat Eichinger verzichtet.

Den Bunkerinsassen präsentierte sich der Schauspieler Hitler voller Todesverachtung. Doch als Major Freytag und zwei weitere Offiziere sich für einen Ausbruchsversuch bei ihm abmeldeten, sprach der Diktator eine halbe Stunde darüber, ob sie besser durch den Grunewald oder mit einem Elektroboot über die Havel flüchten sollten. Freytag schien, dass der Diktator "neidisch" auf die jungen Männer war, die das Leben wählten.

Derselbe Hitler, der lässig bemerkte, man müsse "einmal doch den ganzen Zinnober zurücklassen", klammerte sich nun an jede Hoffnung. Nach Geländegewinnen der von General Walther Wenck geführten 12. Armee bei Potsdam phantasierte er sofort von einem Entsatz der eingekesselten Hauptstadt: "Das wird wie ein Lauffeuer durch ganz Berlin gehen, wenn es heißt: Eine deutsche Armee ist im Westen eingebrochen."

Wer noch in den Gewölben verblieben war, glaubte gern die umlaufenden Gerüchte. Als einige Wehrmachtpanzer an der Reichskanzlei vorrollten, hieß es ernsthaft, die Vorhut der Armee Wenck sei eingetroffen.

Pilotin Reitsch hörte, wie im Nebenzimmer Propagandaminister Goebbels auf und ab humpelte und gleich einem probenden Theaterspieler ständig vor sich hinsprach. Wortfetzen wie "dem Führer die Treue halten" drangen zu ihr herüber.

Mit einem Stadtplan, der vom Schweiß seiner Hände feucht war, wanderte Hitler durch die Gänge und entwarf Angriffspläne für Einheiten, die dazu nicht mehr in der Lage waren. Dem damaligen Botenjungen Armin Lehmann, der dem "Führer" im Bunker begegnete, kam der Diktator vor wie ein "Schlafwandler". So erzählt er es in SPIEGEL TV**.

Der einzige Lichtblick für viele Insassen waren die Kinder von Goebbels, die im Vorbunker wohnten und in den Korridoren von "Onkel Hitlers" Betongruft fröhlich spielten. Freytag erinnert sich noch daran,

wie sie mit ihrer Mutter Magda, einer fanatischen Nationalsozialistin, eintrafen: "Vorneweg eine sehr elegant gekleidete und sehr distinguiert ausschauende Dame mittleren Alters und dann wie die Orgelpfeifen die sechs Kinder."

Auf 48 Stunden schätzte Hitler am frühen Morgen des 28. April die Zeit, die ihm noch blieb. Immer wütender forderte er von der Wehrmacht den Entsatz Berlins. Nichts geschah. Hitler schrie Verrat.

Schon am Vortag hatte er SS-Gruppenführer Hermann Fegelein, Himmlers Repräsentanten im Bunker, vermisst. Der Reichssicherheitsdienst holte den vielfachen Kriegsverbrecher und Opportunisten ("Ich habe entschieden nicht die Absicht, in Berlin zu sterben"), Schwager von Eva Braun, sturzbetrunken aus seiner Wohnung in der Bleibtreustraße 4 und sperrte ihn ein.

Eine Meldung der Nachrichtenagentur Reuters bedeutete für Fegelein das Todesurteil. Denn durch sie wurde im Führerbunker bekannt, dass SS-Chef Himmler von Lübeck aus den Westmächten heimlich die Kapitulation angeboten hatte. Der "Architekt der Endlösung" (US-Historiker Richard Breitman) glaubte, auf diese Weise sein Leben retten zu können - und war ernsthaft erstaunt, als die Alliierten ablehnten.

Wohl kein Ereignis in den letzten Monaten hat Hitler derart zum Toben gebracht wie der Verrat durch den Führer des Totenkopfordens, dessen Wahlspruch lautete "Unsere Ehre heißt Treue". Das Gesicht des Diktators verzog sich zu einer Fratze, während er brüllte und schrie. Da er Himmler nicht greifen konnte, hielt er sich an dessen Vertreter Fegelein.

Einer Version zufolge fanden sich in Fegeleins Büro in der Neuen Reichskanzlei Unterlagen, die ihn als Mitwisser der Himmler-Initiative entlarvten. Andere behaupteten nach dem Krieg, dass Fegelein sterben musste, weil er "sich absetzen wollte". In Eichingers Film wirft Hitler ihm beides vor: Fahnenflucht und Verrat.

In "Der Untergang" fällt Eva Braun, die insgeheim für den SS-Gruppenführer schwärmte, vor Hitler auf die Knie und bittet tränenüberströmt um Gnade für den Ehemann ihrer schwangeren Schwester, eine Szene, die auf Traudl Junges Erinnerungen zurückgeht. Hitlers Diener Heinz Linge zufolge hat sie freilich nie stattgefunden.

Gesichert ist, dass Angehörige des Reichssicherheitsdienstes Fegelein erschossen, wahrscheinlich am Gartenausgang hinter der Alten Reichskanzlei.

Nicht einmal dem Gift, das Himmler ihm gegeben hatte, traute der Diktator nun noch. Er gab eine Ampulle einem herbeigerufenen Arzt, der Hitlers Schäferhündin "Blondi" nach draußen führte und dem Tier die Dosis verabreichte. Sie wirkte.

Solange Hitler an seine Zukunft glaubte, hatte er Eva Braun nicht heiraten wollen. In seinem Leben gebe es nur Platz für Deutschland, nicht für eine Frau. Jetzt belohnte er die Treue der Gefährtin. Goebbels übernahm es, einen Standesbeamten

aufzutreiben. Mit einem Schützenpanzer, so hat der wohl beste Kenner der Abläufe im Führerbunker, Anton Joachimsthaler, ermittelt, ließ er Gauamtsleiter Walter Wagner herbeibringen, der in einer nahen Volkssturmeinheit Dienst tat.

Im Film fragt der als Standesbeamte eingesetzte Wagner mit zitternder Stimme das Brautpaar, ob es denn rein arischer Abstammung sei. Ja, ja. Eine wundervolle Szene, aber leider nicht belegt. Sicher ist nur, dass die Brautleute ihre arische Abstammung mit den Unterschriften auf der Heiratsurkunde bestätigten.

"Sie können mich ruhig Frau Hitler nennen", ermunterte die Braut nach der Zeremonie die verlegenen Ordonnanzen. Gefeiert wurde mit Sekt, belegten Broten und Tee. Die Stimmung war moll.

Sekretärin Junge tippte in jener Nacht Hitlers politisches und sein persönliches Testament. Die Nation forderte der Diktator "zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze" und "zum unbarmherzigen Widerstand gegen das internationale Judentum" auf. Sein Machtbereich hatte nicht einmal mehr die Größe der Vatikanstadt, doch Hitler berief noch eine neue Regierung. "Was sollen die Männer, die er ernennt, noch tun?", fragte sich Schreibkraft Junge.

Als das Tippen beendet war, stieg die Sekretärin in den Vorbunker hinauf, um Essen für die Goebbels-Kinder zu besorgen - und stieß auf eine Orgie:

"Ein erotisches Fieber schien alle erfasst zu haben. Überall, selbst auf dem Behandlungsstuhl des Zahnarztes, sah ich lüstern umschlungene Körper. Die Frauen hatten ihre intimsten Teile schamlos entblößt."

Tanz unter dem Vulkan. SS-Leute auf der Suche nach Deserteuren hatten, so fand der britische Publizist Antony Beevor heraus, junge Berlinerinnen mit dem Hin-

weis auf Champagner und Leckereien in die Reichskanzlei gelockt.

Am nächsten Vormittag standen Rotarmisten bereits im U-Bahn-Schacht an der Voßstraße, hundert Meter vom Führerbunker entfernt. Der Berliner Kampfkommandant, General der Artillerie Helmuth Weidling, meldete, dass er ein Ende der Schlacht um die Hauptstadt für den gleichen Abend erwarte.

Hitler ließ die Wachen an der Reichskanzlei verstärken, seine Personenschützer erhielten Handgranaten. "Alles Gute, ich danke Ihnen, es war nicht nur für Deutschland", verabschiedete er den Kommandanten der Reichskanzlei, SS-Gruppenführer Wilhelm Mohnke.

Vergebens bot Hitlers Pilot Hans Baur seinem "Führer" an, ihn in den Nahen Osten zu fliegen - "zu einem der Scheiche,

die ihm auf Grund der Judenfrage sehr gewogen waren", wie Baur sich später erinnerte. Hitler schenkte dem Getreuen das Bild Friedrichs des Großen, das im Bunker über seinem Schreibtisch hing.

Kurz vor dem Mittagessen - es gab Spaghetti - rief Vegetarier Hitler seinen Adjutanten, SS-Sturmbannführer Otto Günsche, herbei. Der frisch Vermählte teilte mit: "Ich werde mich erschießen, und auch Fräulein Braun wird aus dem Leben scheiden."

Der Diktator nahm dem ergebenen Günsche das Versprechen ab, die Körper zu verbrennen: "Ich will nicht, dass meine Leiche in einem Panoptikum ausgestellt wird."

Seinem Diener Linge befahl Hitler, sich nach Westen durchzuschlagen. Auf die Frage des schlichten Mannes, für wen er sich denn durchschlagen solle, gab der auch jetzt nicht um einen Einfall verlegene Despot die denkbar originellste Antwort: "Für den kommenden Mann!"

Hitler hatte einst getönt, er wolle "an der Spitze des letzten kämpfenden Bataillons unseres Heeres" fallen. Stattdessen verabschiedete er sich samt Gattin gegen 15.15 Uhr im Korridor des Bunkers mit Handschlag von Goebbels und anderen aus der Entourage. Traudl Junge: "Ich fühlte seine Rechte ganz warm in der meinen, er schaut mich an, aber er sieht mich nicht. Ganz weit weg scheint er zu sein."

Eva Hitler lächelte und sagte mit einem Schluchzen in der Stimme: "Grüßen Sie mir Bayern." Dann verschwand das Ehepaar in Hitlers Zimmern.

Was danach geschah, wird nicht mehr zu klären sein. Im Eichinger-Film endet das Leben beider hinter geschlossener Tür. Doch wie starb Adolf Hitler, wie seine angetraute Eva?

Ungefähr zwei Dutzend Menschen waren am Nachmittag des 30. April im Führerbunker, zahlreiche andere Zeugen im Vorbunker, und was sie alle hinterher Journalisten, Historikern, alliierten oder deutschen Vernehmern, sowjetischen Geheimpolizisten, freiwillig und unter Folter, berichteten, lässt sich unmöglich auf einen gemeinsamen Nenner bringen.

War ein Schuss zu hören (so der Film nach Traudl Junges Erinnerungen) oder nicht (was andere Zeugen behaupteten)? Wer stand vor der Tür und hielt wie lange Wache?

Sicher ist, dass nach einer Weile einige die Tür öffneten und einen erschossenen Hitler sowie seine vergiftete Gattin vorfanden.

Aber saß der Diktator beim Eintreten im Sessel oder auf dem Sofa? In dessen linker oder rechter Ecke? Hatte sich Hitler in den Mund geschossen oder in die Schläfe, und wenn ja, in welche?

Das Amtsgericht Berchtesgaden hat 1956 erklärt, Hitler habe sich "mit eigener Hand, und zwar durch einen Schuss in die rechte Schläfe, das Leben genommen". Daran gebe es "nicht den geringsten Zweifel".

Doch, den gibt es.

SS-Gruppenführer Mohnke berichtete nach 1945 von einer Mitteilung des Adjutanten Günsche, wonach Hitler seinen Diener Linge aufgefordert haben soll, ihm sicherheitshalber in den Kopf zu schießen.

SS-Gruppenführer Johann Rattenhuber, Kommandeur des Reichssicherheitsdienstes, der Leibwache der NS-Führung, war noch präziser. In sowjetischer Kriegsgefangenschaft sagte er aus, Linge habe ihm an Hitlers Todestag erzählt, er - Linge - habe gerade "den schwersten Befehl seines Lebens ausgeführt".

Linge laut Rattenhuber: "Hitler habe ihm heute befohlen, das Zimmer zu verlassen und, falls er nach zehn Minuten nichts höre, ins Zimmer wieder hineinzugehen und seinen Befehl auszuführen. Da er in diesem Moment Hitlers Pistole auf den Tisch im Vorraum legte, begriff ich, was er unter der schwersten Anordnung des Führers verstanden hatte und woher der Blutfleck auf dem Teppich gekommen war. Auf Grund des Dargelegten kam ich zu dem Schluss, dass Linge nach Ablauf der

zehn Minuten nach Hitlers Vergiftung ihn erschossen hatte."

Allerdings hat Linge erklärt, der "schwerste Befehl" habe sich auf die Order bezogen, Hitler zu verbrennen. Und Zeitgenossen, die ihn kannten - etwa Telefonist Misch - halten den SS-Sturmbannführer einer solchen Tat nicht für fähig.

Es muss gegen 15.40 Uhr gewesen sein, als Hitlers Helfer die Leichen über den hinteren Ausgang in den Garten der Reichskanzlei trugen. Während sowjetische Artilleriegeschosse in die Ruine einschlugen, legten die Männer die beiden Körper ab, begossen sie mit ungefähr 200 Liter Benzin und flüchteten sofort wieder in den Notausgang. Im Film nehmen Hitlers Getreue an den brennenden Leichen Abschied. Am 30. April 1945 hingegen warf Führersekretär Bormann einen brennenden Papierfidibus durch den Türspalt auf das Ehepaar, dann hoben die Männer, während sie nach draußen lugten, den rechten Arm: "Heil Hitler!"

Goebbels war nun - kraft Hitlers Testament - der neue Reichskanzler der Deutschen, was diese allerdings nicht wussten, weil der Tod des "Führers" zunächst geheim blieb. Und jetzt tat der Propagandaexperte jenen Schritt, für den er sein Idol zu Kriegsende vergebens zu gewinnen getrachtet hatte: Er startete eine Friedensofferte an Stalin.

Nach Mitternacht überquerte General Krebs die Linien, um mit Sowjetmarschall Wassilij Tschuikow - dem Sieger von Stalingrad - in dessen Gefechtsstand in Tempelhof, Schulenburgring 2, zu palavern.

Eichenlaub- und Monokelträger Krebs sprach Russisch und kannte Stalin persönlich. Als Vize-Militärattaché hatte er in der Sowjetunion gedient und war kurz vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 von dem Kreml-Diktator in aller Öffentlichkeit umarmt worden: "Wir müssen Freunde bleiben."

Ungefähr 20 Millionen Sowjetbürger hatte Hitlers Vernichtungskrieg das Leben gekostet. Krebs bot Tschuikow Verhandlungen an, um "Friedensgrundlagen zu schaffen, die dem Wohl und der Zukunft beider Völker dienen". Ein Höhepunkt der an bizarren Einfällen nicht armen Endzeit des NS-Regimes.

Stalin lehnte ab.

Morgens um sechs Uhr kehrte der General in den Bunker zurück. "Abgekämpft und müde sieht er aus, und wir brauchen gar nicht zu fragen, welche Nachricht er bringt", schilderte Junge später die Szene, die auch den Traumtänzer Goebbels aufgeben ließ.

Am 1. Mai 1945 um 22.26 Uhr meldete der Rundfunk, dass "unser Führer Adolf Hitler in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen ist".

Die meisten Bunkerinsassen bereiten zu diesem Zeitpunkt ihren Ausbruch vor, der in fast allen Fällen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft endete.

Goebbels hingegen wollte sich umbringen, doch vorher planten er und seine Frau noch die Ermordung von Helga, 12, Hilde, 11, Helmut, 9, Holdine, 8, Hedwig, 6, und Heidrun, 4, - ihren eigenen Kindern.

In Eichingers Untergangsfilm spielt Corinna Harfouch die Goebbels-Gattin als kühle Inkarnation des Bösen. Dass die Sprösslinge sterben würden, war für die gläubige Nationalsozialistin und glühende Hitler-Verehrerin eine Selbstverständlichkeit ("Die Welt, die nach dem Führer und dem Nationalsozialismus kommt, ist nicht wert, darin zu leben").

Allerdings zeigte sich die reale Magda Goebbels nicht ganz so gefasst wie ihre Verkörperung im Film. Zeitzeugen haben berichtet, dass sie beim Anblick der Kleinen immer wieder in Tränen ausbrach; doch Angebote, die Familie oder zumindest den Nachwuchs auszufliegen, lehnte sie ab.

Wohl alle Erwachsenen im Bunker wussten, was den Goebbels-Kindern bevorstand, und nichts wirft ein helleres Licht auf die Abstumpfung der Bunkerinsassen als die Tatsache, dass selbst nach Hitlers Tod niemand den Eltern in den Arm fiel.

Vor aller Augen machte Magda Goebbels die Kinder zum Sterben zurecht und ging mit ihnen dann in den Vorbunker. Der Zahnarzt Helmut Kunz, Adjutant des Chefarztes der SS-Sanitätsverwaltung in der Reichskanzlei, erklärte später sowjetischen Geheimdienstlern, er habe die Opfer mit Morphiumspritzen betäubt. Magda Goebbels habe dann Zyankali-Ampullen in den Mündern der Bewusstlosen zerdrückt, und so ist es im Film zu sehen.

In einer anderen Vernehmung korrigierte sich Kunz allerdings: Hitlers letzter Leibarzt Ludwig Stumpfegger sei der Täter gewesen. Diese Version erzählte auch Goebbels-Staatssekretär Werner Naumann dem Leibwächter Misch, der an jenem Abend Telefondienst leistete.

Misch beobachtete, wie Magda Goebbels nach dem Mord noch eine Weile Patiencen legte. Mit ihrem Ehemann stieg sie dann in den Garten der Reichskanzlei hinauf. Dort schluckten beide Gift, ehe eine SS-Ordonnanz in ihre Körper schoss - für alle Fälle.

Wenig später besetzte die 301. Schützendivision der Roten Armee kampflos den Führerbunker.

Hitlers Weltkrieg brachte über 50 Millionen Menschen den Tod; Friedhöfe zwischen dem Kaukasus und der französischen Atlantikküste erinnern an die Opfer. Vom Leichnam des Diktators hingegen ist nur wenig geblieben.

Ob die verkohlten Überreste, welche die sowjetische Spionage-Abwehr im Garten der Reichskanzlei sicherstellte, von Hitler stammten, wie die Geheimdienstler später behaupteten, ist umstritten. Lediglich Kieferteile konnte identifiziert werden. Die geborgenen Gebeine wurden jedenfalls in den folgenden Jahrzehnten von der 3. Stoßarmee bei jeder Versetzung aus- und anschließend wieder eingegraben: zuerst in Berlin-Buch, dann in Rathenow und schließlich in Magdeburg (SPIEGEL 15/1995).

Als die Einheit 1970 in die Sowjetunion zurückkehrte, ließ die Kreml-Führung die Knochen verbrennen und die Asche in die Elbe werfen. Nur die Kieferteile gibt es noch. Sie werden vom russischen Geheimdienst FSB aufbewahrt.

Vom Führerbunker - nahe dem Holocaust-Mahnmal - befinden sich noch einige Betonreste im Erdreich; darüber ist ein Parkplatz angelegt. An der Stelle, wo Bormann Hitlers Leichnam angezündet hat, steht ein Poller auf dem Bürgersteig. KLAUS WIEGREFE

* Vorn die Wilhelmstraße. * Links: Filmszene mit einem Modell der geplanten "Germania"-Halle; rechts: im März 1945 mit Architekt Hermann Giesler, Diener Heinz Linge und Sicherheitspolizeichef Ernst Kaltenbrunner vor einem Modell für die Umgestaltung von Linz. ** "Tod im Führerbunker", 20. September, 23 Uhr, Sat.1. * Mutmaßlich Lageraum (l.), Hitlers Schlafraum (2. v. l.), Hitlers Wohnraum (3., 4., 5. Bild v. l.), Warteraum (r.).

DER SPIEGEL 35/2004
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Im Bunker des Bösen