23.08.2004

„Jetzt wird der Chef verbrannt“

Hitlers Leibwächter und Telefonist Rochus Misch über die letzten Tage im Führerbunker
Misch, 87, wurde im oberschlesischen Alt Schalkendorf geboren. Der gelernte Maler lebt heute in Berlin.
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SPIEGEL: Herr Misch, wann haben Sie Adolf Hitler das letzte Mal gesehen?
Misch: Am 30. April 1945. Es war vielleicht um 11 Uhr, da ist er noch mal aus seinen Räumen gekommen und ging an mir vorbei. Ich stand auf, und wir haben uns angeguckt. Er ging dann weiter bis ans Ende des Ganges und wieder zurück, blieb stehen, ich guckte hinterher; er drehte sich noch mal um und verschwand.
SPIEGEL: Wie wirkte er auf Sie?
Misch: Sehr gefasst.
SPIEGEL: Und was geschah dann?
Misch: Jeder horchte und hat auf den Schuss gewartet. Ich habe allerdings nichts gehört. Dann rief jemand: "Linge, Linge, ich glaube, es ist so weit." Linge (Heinz Linge war der Leibdiener Hitlers -Red.) stieß mich zur Seite und ist dann an der Tür von Hitler stehen geblieben. Alle waren mäuschenstill. Der Einzige, der gequasselt hat am Telefon, war ich.
SPIEGEL: Haben Sie das Zimmer betreten?
Misch: Nein, aber als Linge oder Günsche (Otto Günsche war Hitlers Adjutant -Red.) die Tür aufgemacht hat, habe ich den Hitler auf dem Sofa sitzen sehen. Eva Braun lag neben ihm, mit angezogenen Knien Richtung Hitler, und Hitler hing so vorneüber.
SPIEGEL: Johann Rattenhuber, der Chef von Hitlers Leibgarde, hat später in Moskauer Haft ausgesagt, Linge habe ihm gegenüber den Eindruck erweckt, er hätte Hitler den Gnadenschuss gegeben.
Misch: Das glaube ich nicht, das passt nicht zu Linge. Hitler hatte sich auch vorher beraten lassen von dem Arzt Professor Werner Haase, wie man am sichersten Selbstmord begeht.
SPIEGEL: Kam Hitlers Selbstmord für Sie überraschend?
Misch: Wir haben immer noch gehofft, dass er aus Berlin rausgebracht wird. Aber der wollte nicht, da war nichts zu machen. Es ging dann von Tag zu Tag, vom halben Tag zum halben Tag, von Stunde zu Stunde, bis er schließlich dem Günsche oder dem Linge gesagt hat, er möchte jetzt nicht mehr gestört werden.
SPIEGEL: Waren Sie über Hitlers Tod erleichtert?
Misch: Ich hatte es mit der Angst zu tun, weil ich nicht wusste, was jetzt passiert. Ich fürchtete, wir würden von der Gestapo als Zeugen umgebracht.
SPIEGEL: Was haben Sie dann getan?
Misch: Ich wollte Schädle (Franz Schädle war Chef des Führer-Begleitkommandos -Red.) Meldung machen, bin aber auf halbem Wege umgekehrt, weil ich so durcheinander war. Als ich zurückkam, nur eine halbe Minute oder viertel Minute war vergangen, lag Hitler schon auf dem Boden, und Linge und einige andere waren am Einwickeln. Später haben sie die Leiche an mir vorbeigetragen.
SPIEGEL: Haben Sie das Verbrennen der Leiche gesehen?
Misch: Nein. Ein Mitarbeiter meinte noch: "So, jetzt wird der Chef verbrannt, geh mal schnell rauf." "Nee", sagte ich. "Ich geh da nicht rauf, geh du rauf." Aber der wollte auch nicht.
SPIEGEL: Wie sind Sie in Hitlers Dienst gekommen?
Misch: Ich habe mich 1937 für die SS-Verfügungstruppe gemeldet, aus der die Waffen-SS wurde.
SPIEGEL: Waren Sie Nationalsozialist?
Misch: Ich war gar nichts, nur Soldat wie viele Millionen andere auch. Aber ich war
Waise, und die warben mit der Aussicht, Beamter zu werden. Und da dachte ich, warum soll ich nicht in den Staatsdienst gehen. So kam ich zur "SS-Leibstandarte Adolf Hitler".
SPIEGEL: Damit zählten Sie noch nicht zur Entourage des Diktators.
Misch: Nein, ich war zunächst an der Front. Aber 1940 suchte die Adjutantur des Führers einen Mann für das Begleitkommando.
SPIEGEL: Und wie kamen die auf Sie?
Misch: Mein Kompaniechef hat mich vorgeschlagen.
SPIEGEL: Sie müssen sich irgendwie ausgezeichnet haben.
Misch: Ich war kurz zuvor schwer verwundet worden und bekam Genesungsurlaub. Da hat mir mein Kompaniechef vorgeschlagen, auf dem Hof des Bruders unseres Bataillonskommandeurs - der Bruder war eingezogen und die Frau erwartete ihr viertes Kind - den Urlaub zu verbringen. Und dann habe ich den Laden dort geschmissen. Und da hat die Schwägerin mich wohl sehr gut geschildert. Jedenfalls hat der Kommandeur mich zu sich gerufen und gesagt, wir müssen aufpassen, dass wir keinen Ärger bekommen, denn es geht direkt in die allernächste Nähe des Führers.
SPIEGEL: Wo kamen Sie hin?
Misch: In die Führerwohnung in der Alten Reichskanzlei. Wir waren Leibwächter, doch in der Zeit, in der es nichts zu tun gab, haben wir geholfen: Zeitungen und Depeschen verteilen oder Besucher wie Göring zu Hitler bringen. Die wollten dann von uns immer wissen: Wie fühlt sich der Führer, ist noch jemand anwesend und dergleichen.
SPIEGEL: Erinnern Sie sich an Ihr erstes Treffen mit Hitler?
Misch: Nach zwölf Tagen hat der Chefadjutant Wilhelm Brückner mich zu sich gerufen und ausgefragt: wo ich herkomme, wo verwundet und so weiter. Na ja, dann reißt er die Tür auf, und Hitler steht da. Der kam mit einem Brief. Wir waren ja auch seine Kuriere. Mir war heiß, mir war kalt, mir war alles. Hitler fragte Brückner, wo ich herkomme. Brückner sagte, aus Schlesien. Hitler meinte: Der junge Mann kann gleich mal was für mich tun. Bringen Sie den Brief bitte zu meiner Schwester nach Wien.
SPIEGEL: Wurden Sie als Leibwächter auch ausgebildet?
Misch: Nein. Man hat uns nur gesagt, dass wir nicht grob zu den Leuten sein sollten, die sich an Hitler herandrängten. Die älteren Kameraden sagten: Der Chef sieht das und kann dann böse werden.
SPIEGEL: Viele, die Hitler getroffen haben, berichten von einer hypnotischen Wirkung, die von ihm ausging. Haben Sie das auch empfunden?
Misch: Nein, überhaupt nicht. Das war ein ganz normaler Mensch.
SPIEGEL: Ab wann haben Sie für ihn Telefongespräche vermittelt?
Misch: Das gehörte von Anfang an dazu. Unsere Telefonnummer im Führerbunker weiß ich noch: 12 00 50.
SPIEGEL: Haben Sie die Telefonate mitgehört?
Misch: Ja, wir mussten bei Ferngesprächen regulieren: Wenn eine Stimme sehr hell war, haben wir sie ein bisschen dunkler gemacht und dergleichen. Wie bei einem Radio.
SPIEGEL: Können Sie sich erinnern, dass Hitler am Telefon über den Holocaust sprach?
Misch: Nein. Während meiner Dienstzeit wurde im engsten Kreis von Hitler darüber nicht korrespondiert. Ich habe davon erst nach der Kriegsgefangenschaft erfahren.
SPIEGEL: Sie waren dabei, als Hitler im Februar 1945 in den Führerbunker zog.
Misch: Zunächst ist er nach dem Luftalarm, wenn die Entwarnung kam, wieder nach oben rauf in seine Wohnung. Das war ja unten auch wie in einem Betonsarg. Das war ja kein Wohnbunker, das waren Zellen. Später blieb er unten.
SPIEGEL: Am 22. April 1945 brachte Joseph Goebbels seine Frau und seine Kinder in den Vorbunker. Wann war Ihnen klar, dass die Kinder ermordet würden?
Misch: Eigentlich erst, als Frau Goebbels sie zurechtgemacht hat zum Sterben.
SPIEGEL: Hat jemand versucht, Frau Goebbels zu stoppen?
Misch: Ich erinnere mich, dass ich mit Hanna Reitsch und dem Diener von Goebbels ein Glas Wein getrunken habe. Da kam Frau Goebbels mit den Kindern vorbei, und Frau Reitsch hat gesagt: "Mein Gott, Frau Goebbels, und wenn ich 20-mal einfliegen soll, um die Kinder herauszuholen, die dürfen hier nicht bleiben." Und dann kamen noch zwei Frauen aus dem Vorbunker und haben auf Frau Goebbels eingeredet. Aber sie hat gesagt: "Nein, Frau Reitsch, die Kinder bleiben hier."
SPIEGEL: Wie ging es weiter?
Misch: Später kamen die Kinder wieder runter, weiß gekleidet in Nachthemdchen, und die Haare waren gekämmt. Ich habe weitergearbeitet und telefoniert. Dann ist Frau Goebbels mit den Kindern stillschweigend weggegangen. Na ja, irgendwann kam der Dr. Naumann (Werner Naumann war Staatssekretär im Propagandaministerium -Red.) vorbei und sagte: "Dr. Stumpfegger (Ludwig Stumpfegger war der letzte Leibarzt Hitlers -Red.) gibt denen was zu trinken, irgend ein Bonbonwasser." Der Dr. Naumann sagte auch, wenn es nach ihm gegangen wäre, und dabei zeigte er Richtung Joseph Goebbels, dann wären die Kinder nicht mehr hier.
SPIEGEL: Haben Sie Frau Goebbels nach dem Mord noch einmal gesehen?
Misch: Ja, die kam hinterher in den Raum von Goebbels rein, die Tür war offen, da hat sie sich hingesetzt und Karten gelegt.
SPIEGEL: Zeigte sie irgendwelche Regungen?
Misch: Sie war in Tränen. Goebbels kam dann zu ihr. Er hat sie aber nicht gestreichelt
oder so, gar nichts. Er hat nur zugeschaut, wie sie Patiencen legte. Vielleicht eine Stunde oder anderthalb, ich weiß das nicht mehr so genau.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Magda Goebbels ihre Kinder eigenhändig getötet hat?
Misch: Naumann sagte mir, dass Dr. Stumpfegger es getan habe.
SPIEGEL: Wie sind Sie denn aus dem Bunker herausgekommen?
Misch: Wir waren ja zum Schluss so wenige da unten, und der Kontakt wurde mehr oder weniger freundschaftlicher Art. Ich habe zu Goebbels gesagt: "Ich möchte auch hier weg." Irgendwann kam er dann und sagte: "Na ja, wir haben verstanden zu leben, und jetzt werden wir auch verstehen zu sterben. Sie können jetzt Schluss machen."
SPIEGEL: Weit sind Sie nicht gekommen.
Misch: Ich bin in den U-Bahnhof Kaiserhof hinein und auf den Schienen langgelaufen. Ich habe dort noch Linge und andere aus dem Bunker getroffen. Bomben hatten die U-Bahn-Decke durchschlagen, und da haben die Russen immer Handgranaten runtergeschmissen. Wir sind alle durchgekommen bis zum Stettiner Bahnhof. Und dort hörten wir durch einen Luftschacht deutsche Stimmen. Und da haben wir gesagt, jetzt aber raus. Das waren auch Kameraden oben, aber die waren schon Gefangene, und die Russen haben uns entsprechend empfangen.
SPIEGEL: Wie haben die Russen herausbekommen, dass Sie im Führerbunker Dienst getan hatten?
Misch: In einem Kriegsgefangenenlager habe ich den Hans Baur getroffen, Hitlers Chefpiloten. Dem hatten sie gerade das Bein abgesägt. Ich habe ihn ein bisschen betreut. Und dann hieß es, er komme in ein Militärlazarett nach Moskau. Da sagte er: "Misch, bleiben Sie bei mir? Ich darf jemanden mitnehmen, als Betreuung." Und dann sind wir beide zusammen nach Moskau gebracht worden. Nicht in ein Lazarett, in die Lubjanka (die Zentrale der Geheimpolizei -Red.). Dort gingen die Vernehmungen los. Und irgendwann hat Baur gesagt: "Fragen Sie doch meinen Betreuer, der weiß das besser als ich." Da war ich dran.
SPIEGEL: Was wollten die Vernehmer wissen?
Misch: Alles. Was da unten so los war, was ich gemacht habe. Zuerst ging die Vernehmung normal. Dann wurde ich eine Woche jede Nacht aufs Grausamste gefoltert. Die Russen behaupteten, Hitler habe einen Doppelgänger gehabt und wollten mir nicht glauben.
SPIEGEL: Wie lange waren Sie in sowjetischer Gefangenschaft?
Misch: Fast neun Jahre.
* Mit Eva Braun, Leibarzt Theo Morell, Grete Braun auf dem Obersalzberg 1942.
Von Wiegrefe, Klaus

DER SPIEGEL 35/2004
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