Montag, 22. März 2010

DER SPIEGEL


23.08.2004

KORRUPTION

Wir sind kein Feigenblatt

Hansjörg Elshorst, 65, Leiter der deutschen Sektion von Transparency International (TI) über den jüngsten Schmiergeldfall im Siemens-Konzern

SPIEGEL: Herr Elshorst, wie letzte Woche bekannt wurde, sollen Siemens-Manager über eine schwarze Kasse in Liechtenstein zwischen 1999 und 2002 rund sechs Millionen Euro an Mitarbeiter des halbstaatlichen italienischen Stromkonzerns Enel gezahlt haben. Kriegt man im globalen Geschäft keine Großaufträge mehr, ohne zu schmieren?

Elshorst: Es gibt heute eine breite internationale Koalition gegen Korruption. Inzwischen haben 36 Länder im Rahmen einer OECD-Konvention Korruption im Ausland unter Strafe gestellt. "Nützliche Aufwendungen" sind nicht mehr steuerlich abzugsfähig; es droht der Verfall der Exportversicherung, und Aufsichtsräte, Banken und die Öffentlichkeit reagieren zunehmend kritisch auf Korruption. Sie ist also für die Unternehmen viel riskanter geworden - allerdings werden die genannten Neuerungen noch nicht konsequent genug umgesetzt.

SPIEGEL: Siemens hat, wie jedes Mitglied, Transparency gegenüber eine Selbstverpflichtungserklärung abgegeben, wonach man Korruption nicht tolerieren will. Sind Sie nur ein Alibi für die Wirtschaft?

Elshorst: Wir sind kein Feigenblatt. Firmen werden doch bei uns Mitglied, weil wir dazu beitragen, dass korrupte Konkurrenten strafrechtlich belangt oder von Vergaben ausgeschlossen werden. Sobald eines unserer Mitglieder in einen Fall verwickelt ist, versuchen wir zu klären, ob es nur ein Betriebsunfall war, oder ob das Unternehmen es mit der Selbstverpflichtung nicht ernst meint. Siemens konnte uns im Fall Enel zunächst keine befriedigende Auskunft geben. So war nicht bekannt, wo das Schmiergeld herkam, das nun mit schwarzen Kassen in Liechtenstein in Verbindung gebracht wird.

SPIEGEL: Hätte ein möglicher Verstoß gegen die Selbstverpflichtungserklärung überhaupt Konsequenzen für Siemens?

Elshorst: Wir haben uns darauf verständigt, dass Siemens die Mitgliedschaft bei TI vorerst ruhen lässt. Falls wir feststellen sollten, dass wir unterschiedliche Auffassungen von Korruptionsbekämpfung haben, ist eine weitere Zusammenarbeit allerding kaum mehr denkbar.



DER SPIEGEL 35/2004
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