DER SPIEGEL



TELEKOMMUNIKATION

Zweiter Anlauf

Von Dohmen, Frank und Kerbusk, Klaus-Peter

Die Internet-Telefonie erreicht den Massenmarkt. Zahlreiche neue Anbieter locken Kunden mit attraktiven Angeboten und niedrigen Preisen. Doch noch immer gibt es entscheidende Hürden.

Hektische Betriebsamkeit sind die Mitarbeiter der 1&1 Internet AG gewöhnt. Seit Jahren schon verkauft die Firma so ziemlich alles, was in der Telekommunikationsszene gerade angesagt ist. Und ständig stapeln sich in der Poststelle große Waschkörbe voller Bestellformulare.

Was sich jedoch seit einigen Wochen in der 1&1-Zentrale im rheinland-pfälzischen Montabaur abspielt, ist selbst für den erfolgsverwöhnten Internet-Anbieter ungewöhnlich. Rund 52 000 neue DSL-Kunden werden die 1&1-Mitarbeiter im August registrieren. Das sind nur 20 000 weniger als im gesamten ersten Quartal und ein absoluter Rekord für den sonst eher umsatzschwachen Urlaubsmonat.

Der Run auf die ultraschnellen Internet-Zugänge hat einen guten Grund. Seit kurzer Zeit nämlich können die Kunden des zur United-Internet-Gruppe gehörenden Unternehmens mit ihrem DSL-Zugang nicht nur in Rekordgeschwindigkeit online surfen, sondern auch äußerst preisgünstig telefonieren.

Der Clou ist ein kleines unscheinbares Kästchen, das Konzernchef Ralph Dommermuth seinen Kunden für knapp 20 Euro anbietet. Dieses so genannte Phone Board, hergestellt vom Berliner Spezialisten AVM, wird mit dem DSL-Anschluss verbunden. Danach können die Kunden ihre ganz normalen Telefone in das Kästchen einstöpseln - und wie gewohnt mit jedermann telefonieren.

Statt über Telefonleitungen wird von da an jedes abgehende Gespräch über die Datenleitungen des Internet abgewickelt. Die Kunden merken davon im Idealfall nichts - außer bei der Abrechnung. Gerade mal einen Cent pro Minute kostet dann ein Telefongespräch und ist damit deutlich billiger als bei den meisten Tarifen der Telekom. "Untereinander plaudern unsere Kunden sogar völlig kostenlos", schwärmt Unternehmenschef Dommermuth.

Kostenlos telefonieren können inzwischen nicht nur die Kunden von 1&1. In der ganzen Republik ködern große Internet-Anbieter ihre Kunden derzeit mit ähnlichen Angeboten. "Gespräche in höchster Qualität ab 0 Cent" verspricht der Karlsruher Internet-Anbieter Web.de, der vergangene Woche mit seinem "FreePhone" startete - und dabei müssen die Kunden nicht einmal einen Vertrag abschließen.

Besonders laut prescht der MobilCom-Ableger Freenet vor, der gerade seinen "Preiskampfsommer" bis Ende August verlängert hat. Die Hamburger Firma lockt ebenfalls mit Internet-Telefonaten für einen Cent und packt bei Abschluss eines Jahresvertrags die kleine Wunderbox sogar ganz umsonst dazu. "Jetzt", fordert Freenet-Chef Eckhard Spoerr den Branchenriesen Telekom heraus, "peilen wir die Innovationsführerschaft an."

In der Bonner Telekom-Zentrale nehmen die Strategen die Kampfansage ziemlich gelassen. Schließlich geistert das Telefonieren per Internet seit Jahren als mögliche Bedrohung durch die Branche. Doch der große Durchbruch blieb bislang aus. Und daran wird sich nach Ansicht der Telekom-Manager auch im zweiten Anlauf noch nicht viel ändern.

"Wir beobachten den Markt sehr genau", sagt Achim Berg, Manager der Festnetzsparte T-Com, aber alle auf dem Markt erhältlichen Angebote seien noch unausgereift. "Von einer echten Konkurrenz kann keine Rede sein", ist Berg überzeugt.

Die neue Gelassenheit steht in krassem Gegensatz zur Hektik vor einigen Jahren. Damals befürchteten die Bonner Manager, die Internet-Telefonie "könnte zur strategischen Nuklearwaffe im Telekommunikationsmarkt werden" und innerhalb kurzer Zeit Umsatz und Gewinn der etablierten Netzbetreiber erheblich gefährden.

Da hatte gerade der israelische Tüftler Elon Ganor, Gründer der Firma VocalTec, das Web zum Sprechen gebracht und in der noch jungen Internet-Gemeinde ein Beben ausgelöst, das auch in den Zentralen der Ex-Monopolisten unüberhörbar war. Zwar knackte und prasselte es im Februar 1995, als Ganor in einem New Yorker Hotel erstmals Telefongespräche von PC zu PC vorführte, fast so stark wie vor mehr als 100 Jahren, als Graham Bell gerade den Fernsprecher erfunden hatte. Oft fehlten sogar ganze Worte, und Sprechen war für die Beteiligten nur abwechselnd möglich.

Aber schon bald waren die schlimmsten Kinderkrankheiten überwunden. Und die neue Technik löste eine wahre Welle von Firmengründungen aus.

Anders als in den alten Netzen, wo jeweils eine separate Leitung zwischen den Gesprächspartnern reserviert werden muss, funktioniert das Telefonieren via Internet nämlich weitaus effizienter. Die Gespräche werden digitalisiert und dann, aufgeteilt in kleine Datenpakete, wie eine Art E-Mail über das Netz verschickt. Am anderen Ende werden die Daten wieder in Sprache zurückverwandelt.

Bei diesem, im Branchenslang "Voice over Internet Protocol" (VoIP) genannten Verfahren, passen zig Gespräche in eine Leitung, was zu dramatisch niedrigeren Kosten führt. Prompt kündigten eilig gegründete Telefongesellschaften dem staunenden Publikum Gebühren an, die um bis zu 80 Prozent unter den damals gültigen Telefongebühren lagen - und versetzten damit die Traditionsfirmen in Panik.

Trotz verlockender Angebote verpuffte die anfängliche Begeisterung aber genauso schnell, wie sie gekommen war. Denn in der Praxis war das Telefonieren per Internet

viel umständlicher, als es die vollmundigen Ankündigungen der neuen Anbieter erkennen ließen. Ernüchtert zogen sich viele der Firmen wieder zurück. Nicht einmal Pionier Vocaltec, an dem sich die Deutsche Telekom 1997 sogar mit 20 Prozent beteiligte, hat bislang den Durchbruch geschafft.

Dennoch ist die neue Technik keineswegs tot. Vor allem bei großen Firmen mit weit verstreuten Standorten wird das Telefonieren per Datenleitung immer beliebter. Insgesamt, rechnen Branchenkenner, telefonieren in Deutschland heute schon etwa 300 000 Menschen über ihre Online-Verbindung.

Im Jahre 2008, schätzen die Münchner Experten der US-Beratungsfirma Diamondcluster, werden in Deutschland sogar schon 15 Prozent des Telefonverkehrs über das Internet laufen - zurzeit sind es erst gut 2 Prozent. Und eines Tages, da sind sich die Techniker sicher, werden alle Telefonkonzerne ihre Netze auf das Internet umstellen. "Die Lawine", sagt Klaus von den Hoff, Telekommunikationsexperte bei der Beratungsfirma Mercer, "läuft immer schneller."

Ob die Lawine aber jetzt auch schon in die Privathaushalte vordringt, ist umstritten. Zwar ist mit den neuen Adaptern, wie sie 1&1 oder Freenet derzeit anbieten, wirklich Internet-Telefonie für jedermann in greifbare Nähe gerückt. Doch die möglichen Einsparungen für Normalkunden sind längst nicht mehr so attraktiv wie vor Jahren. Denn inzwischen bieten einige Call-by-Call-Anbieter ebenfalls Ferngespräche für ein bis zwei Cent pro Minute an.

Somit rechnet sich das Telefonieren via DSL-Leitung längst nicht für jeden. Allein die Grundgebühr für den schnellen Internet-Anschluss schlägt schon mit monatlich rund 17 Euro zu Buche. Hinzu kommt der jeweilige Internet-Tarif mit noch einmal etwa sieben Euro pro Monat. Erst danach beginnt das Sparen.

Zu einer echten Alternative könnten sich die neuen Angebote allerdings für Käufer erweisen, die ohnehin die Anschaffung eines schnellen DSL-Anschlusses planen - oder die schon einen solchen Anschluss haben, vielleicht sogar mit einer Flatrate, die ein unbegrenztes Nutzen des Internet erlaubt. Dieser Kundenkreis wird in Deutschland immer größer.

Ende 2002 besitzen erst 3,2 Millionen Kunden einen DSL-Anschluss, Ende dieses Jahres werden nach Schätzungen der Experten bereits 6,5 Millionen Haushalte über die breitbandigen Internet-Zugänge verfügen. Ein Jahr darauf schon soll sogar die 10-Millionen-Marke nahe sein.

Aber selbst die Freenet-Strategen räumen ein, dass "die Marktdurchdringung schwierig sein wird". "Von einem Produkt für den Massenmarkt sind wir noch weit entfernt", bremst auch Jürgen Grützner, Chef des Branchenverbandes VATM, allzu große Hoffnungen. "Beim derzeitigen Stand des Angebots", so eine aktuelle Untersuchung der Beratungsfirma Mercer unter Privatkunden in Großbritannien und den USA, wollen "lediglich zwei Prozent der Verbraucher VoIP-Angebote nutzen."

Denn noch sind die billigen Konkurrenten kein vollwertiger Ersatz für das herkömmliche Telefon. Immer noch gibt es Einschränkungen: Notrufnummern, Auskunftdienste und andere kostenpflichtige Service-Nummern kann man vorerst nicht erreichen. Datenschützer warnen vor mangelnder Abhörsicherheit und erwarten eine Flut von Werbemüll, die sich demnächst über die digitalen Anrufbeantworter ergießen werde.

Doch viele Probleme könnten sich lösen, wenn erst einmal gesetzliche Bedingungen für die Internet-Telefonie definiert sind. Seit Monaten arbeiten die Experten in der Regulierungsbehörde für Telekommunikation an den Rahmenbedingungen für ein solches Regelwerk, das unter anderem eine direkt anwählbare Nummer und eine gemeinsame Vorwahlnummer für Internet-Telefone vorsieht.

Dann kann der Telekom-Kunde sein normales Telefon abmelden - und auch noch die Grundgebühr sparen.

FRANK DOHMEN, KLAUS-PETER KERBUSK


DER SPIEGEL 35/2004
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