Von Ilsemann, Siegesmund von und Spörl, Gerhard
Sie sind immer dabei, die Grauköpfe in ihren alten olivgrünen Uniformjacken, an die sie manchmal ihre Tapferkeitsorden geheftet haben. Sie stehen im Halbkreis hinter John Kerry, während der seinem Publikum in bewegten Worten vom "Band of Brothers" damals in Vietnam erzählt. Dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten dienen sie als lebender Beweis dafür, dass Amerika bei ihm, dem Kriegshelden, in guten Händen wäre.
Mittlerweile finden sich auch überall dort, wo George W. Bush auftaucht, ein paar Kriegsveteranen ein, die er leuchtenden Auges begrüßt. Sie haben es darauf angelegt, den Heiligenschein, den Kerry dank seiner Zeit als Leutnant und Bootskommandant trägt, zu zerstören: Alles Lüge, alles Übertreibung, behaupten da einige selbst ernannte Kronzeugen über die Tage im Mekong-Delta, er habe die Medaillen für Tapferkeit vor dem Feind nicht wirklich verdient.
Gut 25 Millionen Veteranen aus Amerikas letzten Kriegen gibt es noch. Die ältesten unter ihnen, eine aussterbende Generation, haben den Zweiten Weltkrieg und den Korea-Krieg überlebt. Die Vietnam-Veteranen, allein mehr als acht Millionen, kommen gerade ins Rentenalter. Die Soldaten aus den beiden Irak-Kriegen, dem von 1991 und dem aktuellen, sind dagegen in ihren besten Jahren. Und in diesem Wahlkampf, der sich erstmals seit langem mindestens ebenso um Außenpolitik dreht wie um Wirtschaft und Wohlergehen, sind die alten und die jungen Veteranen plötzlich eine bevorzugt umworbene Klientel.
Die "Veterans of Foreign Wars" bilden eine der größten und schlagkräftigsten Organisationen dieser ehemaligen Soldaten. Vorige Woche konferierten sie in Cincinnati im Bundesstaat Ohio, einem der Swing States, in denen sich die Wahl entscheidet. Kein Wunder, dass ihnen erst der Präsident seine Aufwartung machte und zwei Tage später der Kandidat Kerry.
Bush nutzte die Gelegenheit und kündigte an, er werde "die Boys" zurückholen - wenn schon nicht aus dem Irak, so doch Zehntausende Soldaten aus Europa und Asien. Das ist keine sonderliche Überraschung, da sowohl das Weiße Haus als auch das Pentagon diese Absicht schon vor einem halben Jahr bekundet hatten.
Kandidat Kerry genießt den Ruf, ein Liebhaber von Nuancen zu sein, worüber sich niemand mehr amüsiert als der Präsident, der lieber schwarz-weiß malt. Außerdem müssen sich die Demokraten seit ein paar Jahrzehnten mit dem Ruf herumschlagen, sie seien Schwächlinge, wenn es um die Sicherheit Amerikas und die militärische Durchsetzung seiner Interessen geht. Deshalb eröffnete sich für Kerry unverhofft die Chance, markige Entschlossenheit zu demonstrieren und damit den republikanischen Präsidenten rechts zu überholen.
Von ihm hörten die Veteranen in Cincinnati, dass Bush "hastig einen Plan ausgerufen hat", der erstens die Europäer noch mehr entfremden werde und sich zweitens verhängnisvoll auf die ohnehin schwierigen Verhandlungen mit Nordkorea, das mit dem Bau von Nuklearwaffen droht, auswirken müsse - ausgerechnet in einer Zeit, "in der Nordkorea so gefährlich ist wie nie zuvor seit Ende des Korea-Kriegs". So nähre Amerika "Zweifel an seinen Absichten und an seinem Engagement", meinte Kerry mit Tremolo in der Stimme.
Zwei Tage zuvor hatten die Veteranen dem Präsidenten zugejubelt, jetzt jubelten sie seinem Gegenspieler zu.
Unter dem Einfluss des Wahlkampfs scheint in Amerika die Welt auf dem Kopf zu stehen. Die Republikaner, die notorisch für geballten Aufmarsch auf möglichst vielen Schauplätzen eintreten, möchten 70 000 Soldaten aus Europa und Asien plus
100 000 Familienangehörige abziehen. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld führt dafür durchaus einleuchtende Gründe an: Die alte militärische Logik, die sich um große schwere Verbände und deren ständige Präsenz in Krisenzonen wie dem geteilten Deutschland dreht, gilt nicht mehr.
Nach dem Ende des Kalten Kriegs ist Flexibilität gefragt - schnelle Verlegung von Truppen an ebenso schnell wechselnde Krisenorte, wobei Flugzeugträger und Truppentransportflugzeuge wichtiger werden als alte, große Garnisonsstädte wie Würzburg.
Nach der neuen amerikanischen Militärdoktrin sind Basen fortan nur noch logistische Knotenpunkte für den schnellen Aufmarsch von Truppen. Sie fallen bevorzugt klein aus und sollen den "Bogen der Instabilität" sichern. So nennt der US-Militärstratege Andrew Krepinevich die Krisenzone, die sich vom Schwarzen Meer über den ganzen Nahen Osten durch das Spannungsgebiet des indischen Subkontinents bis nach Fernost zieht. Dort fürchtet Washington mit Nordkorea eine akute Krise und mit China einen schnell heranwachsenden Weltmachtkonkurrenten.
Sobald es die Lage, etwa der Kampf gegen den Terrorismus, erfordert, können solche Stützpunkte rasch aufgerüstet werden. So ist etwa der Golfstaat Katar im Eiltempo zum militärischen Führungszentrum der amerikanischen Streitkräfte für den Irak ausgebaut worden, als Saudi-Arabien ausfiel.
Kerrys Demokraten galten bislang vorzugsweise als Freunde der militärischen Abrüstung und des Truppenrückzugs, zumal seit dem Ende des Kalten Kriegs. Diesem Ruf war der Kandidat gerade erst mit der Ankündigung gerecht geworden, als Präsident werde er binnen eines halben Jahres Truppen aus dem Irak abziehen. Das Echo aus dem Weißen Haus: Verrat an den Interessen der Nation. Diesen Vorwurf zahlte Kerry dem Amtsinhaber nun heim.
Denn aus seiner Sicht handelt es sich bei der Verlegung der Truppen in Wahrheit um einen Rückzug aus Schwäche, weil Bush die Streitkräfte imperial überstrapaziert
habe: Rund 400 000 der insgesamt 1,4 Millionen amerikanischen Soldaten leisten derzeit Dienst in Übersee. 100 000 stehen in Europa, über zwei Drittel davon in deutschen Garnisonen. Von den 100 000 GIs in Ostasien sind gut 40 000 in Japan stationiert, etwas weniger in Südkorea.
Der große Rest aber ist bereits nach den neuen strategischen Erfordernissen disloziert - als Kampftruppe in Afghanistan und im Irak, zur Unterstützung in der Region des Persischen Golfs und in Zentralasien. Allein 70 000 Navy-Soldaten kreuzen auf den Weltmeeren rund um den Globus. Das US-Militär ist am Rande seiner Kapazitäten angelangt.
Rasche Entlastung bietet der angekündigte Rückzug indes kaum - er soll erst in zwei Jahren beginnen. Und er belastet das Pentagon mit neuen Stationierungskosten. Für den Unterhalt von knapp 100 000 Amerikanern in der Bundesrepublik zahlt der deutsche Steuerzahler jedes Jahr mindestens eine Milliarde Euro. Künftig werden die Amerikaner selbst Kasernen, Wohnungen, Schulen und andere Infrastruktureinrichtungen für jene bereitstellen müssen, die sie jetzt aus Übersee heimholen wollen.
Im Kern aber dreht sich der Konflikt zwischen Bush und Kerry darum, wie die beispiellos überlegene Weltmacht ihre einzigartige Rolle wahrnehmen soll. Präsident Bush ist ein bekennender Unilateralist - Amerika soll sich Handlungsfreiheit unter allen Umständen bewahren. Der Herausforderer gibt sich im Gegenzug als Multilateralist zu erkennen - Irak versteht Kerry als Musterbeispiel, wie imperiale Arroganz den Rest der Welt zum Schaden Amerikas verprellen kann. Er will die Verbündeten mit der Supermacht versöhnen, betont er immer wieder.
Allerdings lässt sich der Rückzug aus Europa nicht einfach als unilateraler Akt hinstellen. Die Nato bestreitet, dass Amerika damit das Bündnis schwächen werde. Und das Pentagon legt Wert auf den Hinweis, dass einer der modernsten US-Großverbände - eine "Stryker"-Brigade - als Ersatz für zwei abrückende Divisionen nach Deutschland entsandt werden soll.
So ist der weitere Abzug von Soldaten kaum als Schikane zu werten, auch wenn Rumsfeld und Bush den Deutschen wegen ihrer Unbotmäßigkeit im Irak-Krieg schon mal Konsequenzen angedroht haben. Militärisch und strategisch lässt sich die Rückholaktion der beiden schweren US-Heeresverbände mit Hauptquartieren in Würzburg und Wiesbaden rechtfertigen. Denn Deutschland liegt glücklicherweise nicht mehr an der heißen Grenze des Kalten Kriegs, ständig bedroht von Angriffswellen hochgerüsteter sowjetischer Panzerarmeen.
In Asien liegen die Dinge anders. Dort stehen in Nordkorea und China noch immer millionenstarke Landstreitkräfte mit gewaltigen Panzerarsenalen gefechtsbereit hinter den Grenzen.
Sollten sich die Spannungen entlang der koreanischen Demarkationslinie in einem heißen Krieg entladen, fürchten die Militärs in Seoul eine Flut von Sturmtruppen, die binnen Tagen den ganzen Süden überschwemmen könnten. Wenigstens aufschieben solle Washington daher seinen Plan, baldmöglichst eine der beiden US-Brigaden aus dem koreanischen Grenzgebiet als Entsatz in den Irak zu verlegen, bettelte der südkoreanische Generalstab. Auch die zweite Brigade soll weit in den Süden der Halbinsel zurückgezogen werden, um von dort im Kriegsfall einen Gegenstoß führen zu können.
Sogar einige amerikanische Militärs sehen im US-Abzug deshalb das "falsche Signal": Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il dürfte sich bei seiner nuklearen Aufrüstungspolitik ermutigt fühlen. Und die Regierung in Peking könnte den Truppenabbau als Ausdruck einer sinkenden Bereitschaft Washingtons interpretieren, im Streit mit Taiwan auf Seiten der bedrängten Inselrepublik Stellung zu beziehen.
Die größte Gefahr sehen viele Experten jedoch darin, dass der Rückzug in Wahrheit die Konsequenz einer neuen Militärstrategie ist. Verteidigungsminister Rumsfeld hatte sie mit - anfänglich - großem Erfolg in Afghanistan und im Irak testen lassen. In beiden Ländern gelang es, etablierte Regime, die zum Teil sogar über kriegserfahrene Streitkräfte geboten, mit minimalem eigenem Truppeneinsatz zu entmachten.
Die überlegene Verwendung von Kommandotruppen, die Bereitstellung von Aufklärung aus der Luft und dem Weltraum in Echtzeit, der überwältigende Erfolg von neuen Präzisionswaffen - all das sind Elemente jener "Transformation", mit der Rumsfeld die Supermacht auch im neuen Jahrtausend unbesiegbar machen will.
Der strategische Wandel, der den jetzt angekündigten Truppenrückzug notwendig macht, stößt allerdings auf ebenjenen Kriegsschauplätzen an seine Grenzen, auf denen er zu Anfang so erfolgreich durchexerziert wurde. Für die Befriedung einer militärisch geschlagenen Nation erweisen sich die kleinen, beweglichen Verbände der technologisch hochgerüsteten Sturmtruppen als beinahe vollständig untauglich.
Im Zweistromland und am Hindukusch rächt sich nun, dass Rumsfeld die Warnungen erfahrener Generäle wie des früheren Heeres-Chefs Eric Shinseki in den Wind schlug. Der hatte etliche hunderttausend Besatzungssoldaten für den Irak gefordert und war deswegen kaltgestellt worden. Kopfstarke Großverbände werden stattdessen nun heimgeholt und sogar aufgelöst.
Kritiker sehen deshalb in Rumsfelds Doktrin der Blitzsiege mit immer zielgenaueren Präzisionswaffen und immer kleineren Invasionsstreitkräften sogar die Wurzel für eine unabsehbare Verlängerung der Konflikte. Der auf dem Schlachtfeld hilf- und wehrlose Gegner müsse geradezu auf asymmetrische Antworten sinnen. "Der militärische Sieg ist zwar gewiss, aber er macht einen Frieden unmöglich", schreibt etwa das französische Intellektuellenblatt "Le Monde diplomatique".
Während Washington - mit möglichst geringen Verlusten bei der eigenen Truppe und unter Zivilisten - seine Gegner zu vernichten trachtet, macht der Feind eine ganz andere Rechnung auf: Terror mit größtmöglichem "Kollateralschaden" trifft die Supermacht dort, wo selbst der größte technologische Vorsprung keinen Schutz bietet - im New Yorker World Trade Center etwa oder in den Stadtzentren des Irak, in denen fast jeden Tag Autobomben explodieren. SIEGESMUND VON ILSEMANN,
GERHARD SPÖRL
DER SPIEGEL 35/2004
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