23.08.2004

MUSIKGenius in der Giftküche

Warum wurde Mozarts Tod wie ein Staatsgeheimnis behandelt? Ein Kölner Mathematiker will herausgefunden haben: Der Komponist war Syphilitiker und hat sich mit Quecksilber totkuriert.
Der arme Kerl schrieb seine eigene Totenmesse. Ein seltsam verkleideter Unbekannter hatte das Stück bestellt, aber der kranke Komponist spürte, dass er seinen eigenen Schwanengesang komponieren würde. Von hitzigem Frieselfieber geplagt, wälzte er sich auf seinem armseligen Lager herum, kritzelte noch ein paar Noten, sang noch ein paar Töne aus dem "Lacrimosa" und verschied.
Zum Trauerzug mit den sterblichen Überresten versammelten sich nur ein paar Getreue, und selbst die machten am Wiener Stubentor kehrt, weil es stürmte und schneite. Lediglich ein Hündchen folgte dem einsamen Sarg.
Mozarts Leiche wurde irgendwo auf dem St. Marxer Friedhof in die kalte Erde gesenkt, kein Kreuz, kein Kranz, nichts. Nicht mal die Witwe Constanze wusste, wo ihr Gatte die letzte
Ruhe gefunden hatte. Die Welt weiß es bis heute nicht.
So viel allerdings steht fest: An der traurigen Mär von Mozarts Ende ist fast nichts zu belegen. Bis heute ruht Mozarts Leiche in einer Grauzone aus Gerüchten, Hypothesen und ein paar kryptischen Fakten.
Aber, na klar, will die Welt wissen, wie es war: So einer wie Mozart, dieses "unverdiente Geschenk an die Menschheit" (Wolfgang Hildesheimer), kann nicht spurlos verschwinden, nicht mal als Leiche.
Seit über zwei Jahrhunderten stecken Musikwissenschaftler, Mediziner und die Trüffelschweine des Unterhaltungsgewerbes deshalb ihre Nasen in Mozarts Sterbezimmer, sie horchen die Leiche ab, lesen in Archiven, im Kaffeesatz, in den Sternen.
Mit ihren Erkenntnissen und, mehr noch, mit ihren Mutmaßungen füllen sie Doktorbücher, Romane und dickleibige Monografien: Mal war es Typhus, mal Basedow, dann wieder Schwindsucht, Syphilis, Hirnhautentzündung, Nierenschwäche, Harnvergiftung. 1994 zählte der Arzt Gunther Duda 79 mögliche Todesursachen.
Und natürlich fehlt beim belletristischen Eiertanz um Mozarts Sterbebett auch nicht die Räuberpistole, derzufolge der eifersüchtige Salieri seinen genialen Kollegen kinoreif - wie es der Film "Amadeus" suggeriert - vergiftet haben soll.
Kein Wunder bei diesem Gedünst aus Dichtung und Wahrheit, dass die Nachwelt den toten Tonsetzer immer wieder in die Anatomie gezerrt hat: Was, o Isis und Osiris, ist denn nun um 0.55 Uhr des 5. Dezember 1791 in der Wiener Rauhensteingasse 970 wirklich passiert?
Jetzt hat sich mal wieder ein Detektiv auf die Szene gewagt und den gut 200 Jahre alten Giftmüll neuerlich aufgemischt. Der Befund des diplomierten Mathematikers und promovierten Statistikers Ludwig Köppen, 61: Mozart hat sich in der zweiten Hälfte seines Todesjahres 1791 mit Syphilis infiziert und gleich nach dem Ausbruch der Krankheit eine Selbstheilung mit Quecksilber versucht. Das Experiment misslang, der Komponist kurierte sich tot.
Für seinen aparten Verdacht, den er unter dem Titel "Mozarts Tod" und dem reichlich vollmundigen Untertitel "Ein Rätsel wird gelöst" sachdienlich schildert, hat Köppen einerseits nichts Sensationelles exhumiert; er referiert nach Aktenlage, benennt Zeugen und Zeugnisse wie gehabt**.
Andererseits hat der Kölner Dozent Beweise und Belege Stück für Stück zu einer verblüffend schlüssigen Indizienkette aufgereiht und dabei seine kühne Hypothese kriminalistisch verpackt - für Mozartianer ein gefundenes Fressen.
Denn mit Hilfe der (durchaus lebensnahen) Unterstellung, dass sich der sinnenfrohe Komponist bei einem seiner weiblichen Fans oder einer Prostituierten die damals weit verbreitete Lustseuche eingefangen, anschließend mit Quecksilber an sich herumgedoktert und endlich, etwa Mitte November 1791, eine Überdosis abbekommen hat, komponiert Köppen ein spannendes Rondo um den spektakulärsten Exitus der Musikgeschichte.
Schlüsselfigur im hoch dramatischen Szenario ist der aus Holland stammende Diplomat und Schöngeist Gottfried van Swieten (1733 bis 1803), der sich vor allem an der Musik Bachs und Händels delektierte und auch häufig mit Mozart zu tun hatte. Der Baron war wer in Wien.
Sein Vater Gerard, Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia, hatte sich auch bei der Bekämpfung der Syphilis einen Namen gemacht: Ihm zu Ehren war eine Quecksilberarznei, mit deren Hilfe damals 4880 Lues-Patienten überlebt haben sollen, "Liquor mercurialis Swietenii" genannt worden. Dieses Sublimat in Branntwein, so Köppens Basishypothese, sei wohl aus dem väterlichen Nachlass in Gottfrieds
Besitz gekommen, und der habe damit vermutlich im Sommer 1791 dem infizierten Mozart ausgeholfen.
Jedenfalls belegen verlässliche Zeugen, dass der Komponist bereits bei seinem Prager Aufenthalt von Ende August bis Mitte September 1791 "kränkelte und unaufhörlich medizinierte, seine Farbe war blass und die Miene traurig".
Um den 20. November wird der Arzt Dr. Thomas Franz Closset an Mozarts Krankenbett gerufen. Closset zieht später noch den Kollegen Dr. Matthias von Sallaba hinzu, einen ausgewiesenen Spezialisten für Gifte und Vergiftungen. Beide, vermutet Köppen, dürften die Symptome der Lues und der Selbstmedikation sofort erkannt haben. Einen schriftlichen Befund erstellten sie - wohlweislich - nicht.
Um heikle Fragen und Untersuchungen zu vermeiden, wurde eine Einweisung Mozarts ins Allgemeine Krankenhaus gar nicht erst erwogen, obwohl Dr. Closset dort als Primararzt tätig war. Closset konnte nur noch eins tun: "Den kleinen Dienst" besorgen, "in dessen Genuss jeder gelangt, der ihn benötigt, da er etablierte Praxis ist", wie Köppen anmerkt. "Dem Luetiker wird eine harmlose, nichts sagende Todesdiagnose mit auf den letzten Weg gegeben" - im Falle Mozarts "hitziges Frieselfieber".
Doch seltsam, niemand aus der in Wien wohnhaften Mozart-Sippschaft und dem nicht unbeträchtlichen Freundeskreis kümmerte sich um den Verschiedenen. "Die gesamte Familie", wundert sich Köppen, "vermittelt den Eindruck, als habe sie sich urplötzlich in Luft aufgelöst."
Dafür tauchte mitten in der Todesnacht Baron van Swieten im Sterbehaus auf, der als möglicher Giftlieferant den verblichenen Patienten auf schnellstem Wege beiseite schaffen wollte, möglichst unauffällig und möglichst unauffindbar. Obwohl der Baron steinreich war und sich auch sonst durchaus spendabel zeigte, wählte er lediglich ein Begräbnis dritter Klasse - "eine ungeheuerliche Pietätlosigkeit", wie sich Köppen zu Recht empört, aber auch ein cleverer Trick: Auf diese Weise wurde der vergiftete Körper in einem mehrfach belegten Schachtgrab versenkt. Anders als der Kollege Gluck, der vier Jahre zuvor mit allem Pomp des kaiserlichen Wien beigesetzt worden war, kam Mozart als namenloser Irgendwer unter die Erde - eine Leiche unter vielen.
Schon wenige Stunden nach Mozarts Ableben sprach der leitende Staatsbeamte Gottfried van Swieten bei Hofe vor, um Kaiser Leopold II. vom Tode des k. k. Kapellmeisters Mozart Meldung zu machen. Geradezu überstürzt erließ Majestät daraufhin eine Verfügung ("Handbillett"), nach der van Swieten mit sofortiger Wirkung von seinem hohen Amt als Präsident der Studien- und Zensur-Hofkommission suspendiert war. Der Hof, so deutet Köppen den hastigen Rauswurf, wollte auf keinen Fall mit den Mysterien um Mozarts Tod in Verbindung gebracht werden können.
Für Köppen ist klar: Das offizielle Wien hat seinerzeit Mozarts Ende systematisch eingenebelt, Spuren verwischt, Dokumente unterschlagen, Mäuler gestopft. Mozart, der syphilitische Genius, wurde zur Unperson. Es wurde vertuscht, es wurde getuschelt.
Hat der Gang zu dem besagten Gottesacker St. Marx jemals stattgefunden, oder
ist Mozart womöglich ganz woanders beigesetzt worden? Warum hat sich kein Zeuge des Trauerzuges jemals geäußert, und warum hat sich die hoch dramatisch gefälschte Story vom Schneesturm am 6. Dezember 1791 so lange gehalten?
Mehr noch: Die Kirche hat dem sterbenden Sünder jegliche Seelsorge verweigert. Eine amtliche Untersuchung des Leichnams fand nicht statt. Anders als in Prag wurde von der Stadt Wien keine repräsentative Totenfeier arrangiert.
Mozarts Freimaurerbrüder kümmerten sich nicht, wie es bei ihnen eisernes Gebot war, um eine würdige Bestattung, hielten die Trauerloge nicht wie üblich innerhalb einer Woche, sondern erst über vier Monate nach dem Todesfall ab, erwähnten Mozart dabei eher beiläufig und beendeten die Gedenkworte mit dem seltsamen Appell, dass "sein früher Tod uns die kräftigste Aufmunterung zur Tugend sey".
Viele Augenzeugen hielten über Jahre, manche zeitlebens, dicht, auch als die ersten biografischen Arbeiten über den Komponisten bereits in der Mache waren. Auch Dr. Closset schwieg sich aus, obwohl er sich zu den schon bald einsetzenden Spekulationen um die genaue Todesursache und das Gerede vom Giftmörder Salieri zweifellos kompetent hätte äußern können. Selbst dem welt- und schreibgewandten Baron van Swieten, der Mozart immerhin um zwölf Jahre überlebte, war das Schicksal des Genius keine Zeile wert.
Und als sich Constanze Nissen verwitwete Mozart erstmals auf die Suche nach dem Grab ihres ersten Gatten begab, war der sage und schreibe schon 17 Jahre tot. KLAUS UMBACH
* Gemälde von William James Grant. ** Ludwig Köppen: "Mozarts Tod - Ein Rätsel wird gelöst". Ludwig Köppen Verlag, Köln; 292 Seiten; 19,90 Euro. * Tom Hulce als Wunderkind Mozart.
Von Umbach, Klaus

DER SPIEGEL 35/2004
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