23.08.2004

VOLKSMUSIK„Vergesst heut' die Sorgen“

Ein Volksmusik-Trio aus dem Erzgebirge, De Randfichten, ist Deutschlands merkwürdigste Erfolgsband - im Osten bejubelt, im Westen weitgehend unbemerkt. Von Henryk M. Broder
Überall dort, wo Gott Berge wachsen ließ, hat er auch die dazugehörige Musik erfunden. Einfache Melodien und schlichte Texte, vorgetragen von Frauen in bunten Kleidern und Männern in Lederhosen. Für ein Publikum, das keine Drogen braucht, um einen Rausch zu erleben, Menschen, die gern schunkeln, herzhaft lachen und für eine Polonaise ihre Bierhumpen stehen lassen.
Frank Laue zum Beispiel, Verwaltungsangestellter an der Universität in Chemnitz, ging noch vor drei Jahren an jedem Wochenende zu Fußballspielen. Dann hat Laue, 55, die Randfichten entdeckt. Seitdem ist er bei 50 bis 60 Konzerten der Band jedes Jahr dabei. Zusammen mit seiner Frau, einer Verkäuferin, und Freunden vom Fanclub Westerzgebirge reist er den Randfichten hinterher. Einen Koffer hat er immer dabei, da sind die Sachen drin, die er für den Auftritt der Randfichten braucht.
Kurz bevor das Konzert beim "Fantreffen" in der Open-Air-Arena Greifensteine, eine halbe Autostunde südlich von Chemnitz, losgeht, bindet Laue sich einen Fanschal ums Handgelenk und setzt eine Randfichten-Mütze auf. Dann prüft er, ob er nichts daheim vergessen hat. Den Stofffuchs für das Lied "Do pfeift dr Fuchs", die Holzgabel mit dem Tennisball für die "Griene Kließ", das rote Herz für "Ee Herz für unner Haamit".
Frank Laue hält die Devotionalien in die Höhe und singt jedes Lied mit. Trotz der kalten Witterung an diesem Augusttag hier in Greifensteine schwitzt er, denn er ist mit vollem Körpereinsatz dabei. Als die Randfichten das "Tschechei"-Lied anstimmen, hält er es nicht mehr auf seinem Platz aus. Er greift eine leere Stuyvesant-Stange aus dem Koffer und stürmt von seinem Rangplatz in den Raum zwischen der Bühne und den Zuschauern, sofort formiert sich eine Polonaise mit Frank an der Spitze. Jeder hält etwas in der Hand, das er billig in Tschechien gekauft hat. Es ist ein Ritual, das die Fans bei jedem Konzert wiederholen. Denn im Lied heißt es: "Steig ei, mir fahrn in de Tschechei", wo "alles e su billig is, do kaafn mir heit ei."
De Randfichten, ein Volksmusik-Terzett aus dem Erzgebirge, sind seit einem halben Jahr ununterbrochen in den Charts, zuletzt auf Platz vier. Und das, obwohl sie im Westen kaum jemand kennt. Aber im Osten der Republik, in Sachsen, und dort vor allem im und um das Erzgebirge herum, da sind sie schon seit einiger Zeit weltberühmt.
Vergiss das Naabtal Duo, vergiss Marianne & Michael, Patrick Lindner und Hansi Hinterseer, Stefan und Stefanie, sogar die Wildecker Herzbuben. Der "Rups", der "Michl" und der "Lauti" sind da, und sie sind besser, heißt erfolgreicher, als die bewährten Konkurrenten. Die Branche staunt.
"Gott sei Dank erleben wir noch Überraschungen", sagt Stefan Ultsch, beim Musikkonzern EMI für den Bereich Volksmusik zuständig. Seit 16 Jahren ist er schon in der Musikbranche, aber so etwas hat er "noch nie erlebt".
Michael "Michl" Rostig, 1962 in Karl- Marx-Stadt geboren, spielt seit dem zehnten Lebensjahr Akkordeon. Der Diplomingenieur im Bereich "Konstruktion" war zuletzt als Versicherungsvertreter tätig. Thomas "Rups" Unger aus Erlabrunn, 36, hat Tischler gelernt und in einer Dachdeckerfirma gearbeitet. Er war acht, als er zum ersten Mal ein Akkordeon in die Hand nahm. Unger und Rostig machen seit 1992 zusammen Volksmusik. 1997 kam Thomas "Lauti" Lauterbach dazu, ebenfalls aus Erlabrunn, 41, Lehrer für Musik und Deutsch.
Ende der neunziger Jahre beschlossen sie, Profis zu werden. "Selbständig war ich schon, ich hab nur das Gebiet gewechselt", sagt Michael Rostig. Thomas Unger bekam von seiner Firma den blauen Brief. Und Thomas Lauterbach wollte nicht mehr in die Schule gehen, um Kindern das Gitarrenspiel beizubringen.
Drei Lebensläufe, wie es sie ähnlich auch in Nashville, Tennessee, geben könnte. Von den Medien weitgehend unbemerkt gaben die drei jedes Jahr 100 bis 120 Konzerte, bei denen sie auch ihre selbst produzierten CDs verkauften. "Wir mussten nie ins Hotel, wir haben jede Nacht zu Hause geschlafen, letztes Jahr waren wir in Leipzig und in Dresden, das war für uns schon eine weite Reise."
Entdeckt wurden sie Ende September 2003, von Stefan Ultsch. Der blätterte in den täglichen Trend-Charts und fand dort auf Platz 143 einen Titel ("Lebt denn dr alte Holzmichl noch ...?") einer Gruppe, von der er noch nie etwas gehört hatte. Ultsch schaute im Internet nach, fand die Homepage der Randfichten, rief die angegebene Nummer an und bat um eine CD.
Sein erster Gedanke nach dem Hören: "Das ist völlig strange, aber geil." Er überredete seine Chefin, ein Konzert der Randfichten zu besuchen, im Amor Saal in Mülsen St. Niclas bei Zwickau, 480 Kilometer von Köln entfernt. "Vorn war die Wirtschaft, wo das Bier einen Euro gekostet hat, dann kam ein Hof und dahinter der Saal mit 500 Leuten. Vom 13-jährigen gepiercten Mädel über den Heavy-Metal- Rocker bis zur Oma war alles da."
Die Leute standen drei Stunden lang auf den Bänken und sangen jeden Song mit. "Ich war total geflasht", berichtet Ultsch. Auch deswegen, weil die Besucher selbst gebastelte Fanartikel mitgebracht hatten, unter anderem grüne Tennisbälle auf Holzstecken,
die sie schwenkten, wenn die Randfichten das Lied von den "grünen Klößen" sangen. Nach einer Stunde waren sich Ultsch und seine Chefin einig: "Die müssen wir haben. Die sind so special."
Ultsch lud die drei aus dem Erzgebirge nach Köln ein und verkündete: "Was ihr macht, das ist sehr schön, aber da ist viel mehr Saft in der Zitrone, und die würden wir gern mit euch auspressen."
Danach ging es sehr schnell. Im Februar traten die Randfichten im ARD-"Winterfest der Volksmusik" auf. Vorher waren sie nur in den Sendungen des dritten MDR-Programms zu sehen gewesen, zum Beispiel in der "Wernesgrüner Musikantenschänke" und in "Achims Hitparade".
Nun sind die Randfichten "die erfolgreichste deutsche Band im Jahre 2004", sagt Ultsch, vom Album wurden 120 000 Stück verkauft, von der Single 370 000, dreimal waren sie schon bei "Top of the Pops", das hat noch keine Volksmusik-Gruppe geschafft. Anfang September werden sie im "Dome", dem Jahrmarkt der Popmusik, auftreten.
Was ist an den Randfichten dran, das sie nach oben befördert hat? Ist es der Name, den außerhalb des Erzgebirges keiner versteht? "Randfichten, das sind die Fichten am Rand des Waldes, die sind besonders fest im Boden verwurzelt", sagt Michael Rostig. Ist es die Musik, eine Mischung aus Polka und Walzer, die sich flugs im Gehörgang festsetzt? Oder sind es die Texte, wie der Superhit vom "Holzmichl", in dem ein Boulevardblatt schon eine Art neue Nationalhymne der Ostdeutschen erkannt hat?
Angeblich ist es eine alte Volksweise, die Rostig um- und fortgeschrieben hat. Es gibt eine 3 Minuten und 21 Sekunden kurze Version, die im Radio gespielt wird; live dauert das Lied bis zu einer Viertelstunde. Kernstück ist der Refrain. Die Randfichten fragen: "Lebt denn der alte Holzmichl noch?", worauf im Konzert die Zuhörer von ihren Sitzen aufspringen, die Arme in die Höhe reißen und schreien: "Ja, er lebt noch!" Dann setzen sie sich wieder hin und strahlen vor Freude, als hätten sie den Jackpot gewonnen.
Erkennen sie sich in dem kranken, aber zähen Bauern wieder? Ist es Minimal Art für die Massen, ein Mix aus Volksmusik und Aerobic? "In vielen Altersheimen", sagt Marc Zumkeller, Product Manager bei EMI, werde "das Lied vom Holzmichl als Bewegungstherapie eingesetzt". Warum die Leute geradezu verrückt danach sind, es im Konzert zu hören, kann er sich nicht erklären.
Sie geraten auch außer Rand und Band, wenn "Michl", "Rups" und "Lauti" in einem ihrer Lieder eine Botschaft für die ganze Nation verkünden: "Es ist nicht immer leicht in der heutigen Zeit, seinen Mann im Leben zu stehen, mancher bleibt auf der Strecke, weiß nicht, wie's weitergeht, doch ganz wichtig ist hier, nicht den Mut zu verliern und auch andere Wege zu gehen, die, weiß Gott, nicht ganz einfach, nicht immer schön. Es regiert nur das Geld, ja, in früheren Zeiten war's anders. Doch vergesst heut' die Sorgen und singt mit uns."
Über so was die Nase zu rümpfen ist wohlfeil. Wer von "Bewusstseinsindustrie" und "Manipulation" redet und davon, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, der hat seinen Adorno und Marcuse verstanden, aber nicht das Leben.
Die Fans der Randfichten wollen, dass ihnen jemand sagt, dass die Welt nicht so schlecht ist, wie sie es täglich hören. Und statt das "Philosophische Quartett" einzuschalten oder Horst-Eberhard Richter zu konsultieren, kaufen sie ein Ticket für die Randfichten, die Konzerte geben und "Fantreffen" veranstalten.
Wenn die Randfichten singen "Eisgekühlter Bommerlunder, Bommerlunder eisgekühlt, dazu ein belegtes Brot mit Schinken und ein belegtes Brot mit Ei", holt der Chemnitzer Uni-Angestellte Frank Laue tatsächlich ein belegtes Brot aus einer Plastiktüte und stärkt sich für seinen nächsten Einsatz. Als Profi-Fan kommt er nicht dazu, sich zu entspannen, aber das ist auch nicht der Sinn der Exerzitien. Denn die Randfichten geben alles, genauso wie Frank, der sich ein Wochenende ohne den "Holzmichl" und seine Freunde gar nicht mehr vorstellen kann.
Hier bekommt der Begriff "Eventkultur" seine eigentliche Bedeutung. Dreimal eine Stunde dauert so ein "Fantreffen", in den Pausen unterhält ein DJ das Publikum mit den Ergebnissen der Liga-Spiele und Quizspielchen mit Besuchern, die er auf die Bühne holt. Marianne, eine dralle Vierzigerin in zu engen Jeans, kann die Frage: "In welcher Stadt steht der schiefe Turm von Pisa?" nicht auf Anhieb beantworten. Der DJ muss kräftig nachhelfen, dann erst fällt der Groschen. Marianne, die während des Quiz immer wieder an ihrer Zigarette zieht, gewinnt eine CD der Randfichten.
"Alle Fanartikel", sagt der DJ, "sind draußen erhältlich." Draußen steht ein mobiler Verkaufsstand mit allen CDs der Gruppe, mit Mützen und T-Shirts, Feuerzeugen und Schlüsselanhängern, Socken und Schals, Holzfiguren und Kaffeetassen, Rucksäcken und Regenschirmen, alles was der Randfichten-Fan zum Leben und Feiern braucht. Für den Anfänger gibt es ein "Starterpaket", sozusagen die "Grundausstattung", so der DJ, mit vier Artikeln zum Preis von 25 Euro. "7,50 Euro gespart!"
Mit dem Fanshop machen die Randfichten ordentlich Umsatz. Die Band ist eine Job- und Geldmaschine, an der viele teilhaben, vom Holzschnitzer über den Würstlverkäufer bis zum Security-Mann, und das in einer Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit. Sie gehören zu den Ossis, die es aus eigener Kraft geschafft und sich eine sichere Existenz aufgebaut haben. Und sie blicken optimistisch in die Zukunft, trotz Hartz IV und Rentenreform.
Am 31. Dezember feiern sie mit ihren Fans Silvester in der Stadthalle von Zwickau, für Anfang des kommenden Jahres ist ein Auftritt in der Dortmunder Westfalenhalle geplant. Auch langfristig sind die Aussichten gut. Toni, der siebenjährige Sohn von Thomas Unger, hat schon eine eigene CD aufgenommen. Im September kommt sein erstes Album auf den Markt. Tonis Künstlername ist "Die Klaane Flugficht".
Flugfichten entstehen aus Samen, die der Wind gesät hat.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 35/2004
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