Von Kurbjuweit, Dirk
Am Abend sind alle Gefangene - Sportler, Schiedsrichter, Zuschauer. Dann springt das Flutlicht an, nicht nur in den Stadien, sondern auch dazwischen. Ein wahrer Mastenwald verteilt sich über den Helleniko Olympic Complex im Südosten von Athen. Das Areal, ein ehemaliger Flugplatz, ist ausgeleuchtet wie der Hof einer Haftanstalt. Drum herum streckt sich ein Zaun übermannshoch, an manchen Ecken sitzen Soldaten mit Maschinenpistolen. Polizei-
wagen patrouillieren, am Himmel schwebt der Zeppelin, der alles sieht. In den Arenen von Helleniko wird Basketball gespielt, Baseball, Softball, Hockey. Es wirkt wie Sport im Hochsicherheitstrakt.
Es ist alles unter Kontrolle. Das ist das Motto der 28. Olympischen Spiele der Neuzeit. Es herrscht Sicherheit, es herrscht Sauberkeit. Wer sich der Kontrolle entziehen will, findet seine Strafe, wie die beiden griechischen Sprinter Konstantinos Kenteris und Ekaterini Thanou, die einer Dopingprobe ausgewichen sind. Die Welt bleibt heil für 16 Tage. Das ist die Illusion.
Eine Woche nachdem die beiden Sprinter aufgeflogen waren, wurde der Grieche Leonidas Sampanis mit einer positiven A-Probe erwischt. Er hatte Bronze im Gewichtheben gewonnen. Es ist eine unendliche Geschichte.
Der Fluch des Terrorismus und der Fluch des Dopings treffen sich in Athen. Sie machen aus Olympia eine Veranstaltung, in der bewiesen werden muss, dass der Fanatismus des 21. Jahrhunderts beherrschbar ist. Deshalb sind es Kontrollspiele geworden. Gewünscht ist die Begrenzung des Entfesselten bei größtmöglicher Fröhlichkeit der Zuschauer. Das sollen die Griechen und ihre Gäste zu Stande bringen. Sie können nur scheitern.
Ein Mann, der dazu einiges sagen kann, ist Georgios Lianis. Er war bis zum März Staatssekretär für Sport. Er hatte die Idee, Athen nach der gescheiterten Bewerbung für 1996 ein zweites Mal ins Rennen um die
Olympischen Spiele zu schicken. In seinem Büro hängt hinter Glas der Brief, den er an den damaligen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Juan Antonio Samaranch, geschrieben hat. Daneben ist der Brief, in dem Samaranch die Kandidatur akzeptiert.
Lianis ist ein schmaler Mann mit einem grauen Bart. Das Gespräch mit ihm ist etwas heikel. Im August 2003 hatte der SPIEGEL einen Artikel veröffentlicht, in dem Kenteris des Dopings verdächtigt wird. Das gab Aufruhr in Griechenland, und Lianis bezichtigte damals in einer Presseerklärung die Autoren mehrfach der Lüge.
Es geht in dem Gespräch nicht um Rechthaberei, jeder kann irren. Es geht darum, etwas verstehen zu wollen. Wie konnten Kenteris und Thanou über Jahre den Rückhalt einer Nation behalten, obwohl es viele Gründe gab, ihnen zu misstrauen, Kenteris'' gigantische Oberschenkel zum Beispiel oder ihre ewige Flucht vor Dopingkontrollen?
Bevor das Gespräch beginnt, möchte Lianis eine Nachrichtensendung sehen. Es geht um Kenteris und Thanou. Sie fahren beim Hotel Hilton vor, wo sie sich einer Anhörung durch das IOC stellen müssen. Man sieht einen Mann mit schütterem Haar. Er steigt aus dem Auto, man sieht Polizisten, Militär. Dann kommt die Frau. Der Film läuft immer wieder ab, bruchlos, als müsste die Nation diese Bilder in hohen Dosen sehen, um sie glauben zu können.
Lianis schaut zu, ein Finger reibt über seine Unterlippe.
Zuvor waren Kenteris und Thanou fünf Tage im Krankenhaus gewesen. Sie gaben an, mit dem Motorrad gestürzt zu sein. Der ermittelnde Staatsanwalt hat dafür keine Anhaltspunkte finden können. Mutmaßlich wollten die Sportler nur dem Zugriff des IOC ausweichen, nachdem sie nicht zum Dopingtest erschienen waren.
Es war eine Farce. Die wahrscheinlich Unverletzten lagen in der besten Unfallklinik des Landes. Draußen warteten Journalisten, und manchmal humpelte ein Patient durchs Tor, ein echter Patient.
In diesen fünf Tagen wurde klar, dass Kenteris und Thanou Fanatiker sind. Sie spielen ihr Spiel bis zum Allerletzten. Sie sind angetreten, den größten Lohn der westlichen Zivilisation in der Sparte Unterhaltung einzuheimsen: Fernsehruhm, dazu ein paar Millionen Euro. Sie haben dafür wahrscheinlich die Erzeugnisse der Pharmakologie genutzt, zum Aufbau von Muskeln und zur Verschleierung des illegalen Muskelaufbaus. Sie haben alle getäuscht, und dafür winkte Unsterblichkeit, zumindest in Griechenland, wo es bis zum 12. August keinen größeren Star gab als Kenteris, den Mann, der die schwarzen Sprinter schlagen konnte.
Aus der Unfallklinik heraus gab Kenteris der Athener Sportzeitung "Goal News" ein Interview. Er sagte: "Ich glaube und hoffe bei Gott, dass die Wahrheit leuchten wird." Er sagte auch: "Für meine Verteidigung werde ich meinen letzten Blutstropfen geben." Es sprach der Fanatiker, und dessen Rhetorik ist weltweit die gleiche.
Lianis schaltet den Fernseher aus. Kenteris und Thanou haben erklärt, dass sie bei diesen Spielen nicht antreten werden. So entgehen sie einem Ausschluss. "Mir tut Leid, dass ein sehr großer Athlet sich zurückziehen und solche Strapazen durchlaufen muss", sagt Lianis. Er sagt auch, dass er sich überlege, dieses Gespräch abzubrechen, falls noch eine Frage zu Kenteris käme.
Es geht weiter mit harmlosen Fragen. Lianis zeigt sich enthusiastisch über den Verlauf der Spiele. "Wir zeigen der Welt, es gibt ein starkes Griechenland", fährt er fort. "Dieses Land ist würdig, dass es bewundert wird, nicht nur wegen der Antike."
"Wenn es nicht diesen kleinen Schatten gäbe", sagt er, "wäre dieser Beginn der schönste überhaupt." Er sei "sehr dankbar, dass die Weltöffentlichkeit dies auch so sieht". Am Ende des Gesprächs signiert er ein Buch mit herzlichen Worten. Er lädt zum Essen ein, er reicht beide Hände zum Abschied und sagt, dass er den SPIEGEL-Artikel an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet habe, damit sie Ermittlungen gegen Kenteris aufnehme.
Das allerdings ist nicht die ganze Wahrheit. Lianis hat den Artikel zunächst verdammt und erst ein halbes Jahr später den Staatsanwälten gegeben, als auch der britische "Observer" von Zweifeln an Kenteris'' Sauberkeit berichtet hatte. Die Staatsanwälte blieben weitgehend untätig, fanden also auch nichts gegen Kenteris, womit wieder alle beruhigt waren, auch Lianis.
Und warum ließ sich fast ganz Griechenland so leicht vom Fanatiker Kenteris verführen? Ein paar Hinweise hat Lianis gegeben. Griechenland ist ein kleines Land mit einer großen Geschichte und einer nicht ganz so großen Gegenwart. Es muss der Welt ständig etwas beweisen, vom Fortleben der Tradition im modernen Staat, und Kenteris war ein solcher Beweis. In einer klassischen Sportart war er in den vergangenen vier Jahren weltweit der Erfolgreichste. Ein Defizit ist immer eine gute Grundlage für eine Verführung.
Die Verführten müssen zudem bereit sein, die Realität nur in günstigen Ausschnitten wahrzunehmen oder sie ins Günstige umzudeuten. Lianis ist recht gut darin. Es kann ja nicht die Rede davon sein, dass die Weltöffentlichkeit begeistert ist von der ersten Woche der Spiele. Man schaut in den Fernseher und sieht leere Stadien, ein leeres Athen. Man hört, dass die Griechen sich in ihrem Sommerurlaub durch Olympia nicht stören lassen.
Und wer in Athen ist, der wandert ewig um Maschendrahtzäune herum. Dies ist die große Disziplin für Zuschauer und Journalisten bei diesen Spielen: Um-den-Zaun-Herumlaufen. Man wird kanalisiert, kontrolliert, beobachtet. Am Himmel schwebt der Zeppelin wie ein dicker, träger Fisch. Er trägt starke Kameras, die das
Geschehen am Boden verfolgen. An den Hauptstraßen ragen lange Masten empor, auf denen Kameras hocken wie Geier. Sie äugen wachsam.
Gesucht wird die andere Sorte des Fanatikers, der Terrorist, der ebenfalls seinen letzten Blutstropfen geben würde, zur Verteidigung seiner Werte gegen die USA, gegen die westliche Zivilisation, gegen die Dominanz einer über das Fernsehen verbreiteten Warenkultur, in der Kenteris ein Hauptdarsteller sein wollte. So bekämpft der eine Fanatiker das, wofür der andere alles gegeben hat. In Athen treffen sie aufeinander, der eine als reale, wenn auch romanhaft wirkende Gestalt, der andere als Gespenst, als Drohung.
Das Paradoxe ist, dass sie letzten Endes beide zur Verunsicherung der westlichen Welt beitragen. Indem Kenteris aufflog, legt er einen Teil der Mechanik unserer Zivilisation bloß. Jetzt wird in den griechischen Zeitungen angeprangert, wie viel Einfluss die Sponsoren, also die ökonomischen Interessen, auf das traurige Spiel der Verschleierung hatten. Nun wird klar, dass in einer Fernsehwelt, die maximalen Ruhm und maximalen Glanz generieren kann, auch der Wunsch maximal ist, dass Ruhm und Glanz generiert werden. Auch so entsteht Verführbarkeit.
Natürlich ist der muslimische Fanatiker mit dem athletischen Fanatiker in der Wirkung nicht vergleichbar. Die Angst in Athen ist, dass er die moderne Wissenschaft nutzt, um mit einer winzigen Bombe, die er durch alle Kontrollen schmuggelt, verheerende nukleare oder bakterielle Verseuchungen zu verursachen. Seinetwegen sehen die Sportstätten aus wie Hochsicherheitstrakte.
"Als ich die Kandidatur unterschrieben habe, gab es noch keinen 11. September und keinen Irak-Krieg", hat Lianis in seinem Büro mit Blick auf die Briefe gesagt. Sie hatten Träume damals. Sie wollten die Waffenruhe, die während der antiken Spiele galt, wiederbeleben. "Wir hätten ganz bedeutende Dinge vollbracht", sagt Lianis. Aber die Welt ist zu hitzig geworden für eine schöne, alte Idee.
Nun ist Athen der Proberaum einer neuen Welt. Was die Griechen und ihre Gäste derzeit erleben, könnte der Alltag der Zukunft sein: das Leben im Hochsicherheitstrakt, die Beäugung und Kontrolle aus Angst vor den muslimischen Fanatikern.
In Athen ist auch erfahrbar, dass dabei etwas verloren geht, die Leichtigkeit, die Fröhlichkeit. Unter dem Zeppelin und hinter dem Maschendrahtzaun ist es nicht leicht, Olympia zu genießen. Das gilt vor allem für Helleniko, das ehemalige Flugfeld, wo es immer noch aussieht, als würden gleich Flugzeuge landen.
Aber es geht auch anders. Wenn man erst im olympischen Schwimmstadion sitzt, dann stellt sich sehr schnell Fröhlichkeit ein. Es gibt ja den Willen dazu. Man
möchte sich so gern verführen lassen.
Es ist Abend, die Sonne fällt rot vom Himmel, das Wasser im Pool ist herrlich blau, und aus den Lautsprechern ertönt Musik, die auch in einer Strandbar laufen könnte. Die Tribünen sind voll, die Australierinnen kreischen, die Amerikaner rufen "USA", und die Holländer sind mal wieder alle in Orange gewandet. Keine andere Nation trägt so fröhlich Uniform.
Jetzt kommen die Giganten: der Amerikaner Michael Phelps, der Australier Ian Thorpe und der Holländer Pieter van den Hoogenband, sie messen sich über 200 Meter Freistil, ein Höhepunkt dieser Spiele. Hoogenband führt, aber dann dreht Thorpe auf, das Stadion rast, und Thorpe gewinnt.
Es kommen noch mehr schöne, spannende Rennen an diesem Abend. Und es ist gut, dass man weit weg sitzt von den Startblöcken. Man sieht dann die Kinne nicht so. Eine Menge Schwimmer hier haben ein Kinn, das so weit hervorragt, als wäre es der Kiel unter einem Boot. Das kann am Doping liegen, am Wachstumshormon. Irgendwann wird man nur noch die Kinnlänge messen müssen und kann danach sofort die Medaillen verteilen.
Man wird dieses Thema nicht los hier. Dass Kenteris und Thanou erwischt wurden, heißt ja nicht, dass die Spiele sauber sind. Es siegt oft der, der den Kontrollen am besten ausweichen konnte. Auch dieses Wissen nagt an der Fröhlichkeit.
Die Frage ist, wie die Betrüger das selbst aushalten, wie sie jubeln können über die Medaillen, die sie sich erschummelt haben. Weil sie davon ausgehen, dass alle dopen?
Es ist schwer, eine Antwort zu finden, weil Sportler, die dopen, nicht darüber reden. Aber es gibt Leute, die sich auskennen in der Szene und die sagen, dass die Betrüger ein höheres Recht für sich beanspruchen. Man fühlt sich den Göttern ein bisschen näher als den Menschen, ein Bewusstsein, das ja auch zur Grundausstattung des Fanatikers zählt.
Die Welt wird verlacht in ihrer Beschränktheit, körperlichen Untüchtigkeit. Es herrsche, wird gesagt, in diesen Kreisen eine Gewissheit vor, dass der gedopte Athlet eine Avantgarde ist, ein neuer Mensch, der die Grenzen der Natur überwindet und das biotechnologische Zeitalter vorwegnimmt.
Olympia kommt einem manchmal vor wie ein Film, der aus der Zukunft geschickt wurde, damit man sich schon mal ein Bild von morgen machen kann.
Den Griechen ist der größte Spaß daran genommen. Nun kommt der Ruin der Schwarzmarkthändler. Donnerstag, der 26. August, sollte der große Tag der Griechen werden: Kenteris gegen Amerika, das in Griechenland schon immer mit großer Skepsis betrachtet wurde. Nun fühlt man sich auch noch von den USA in die gewaltigen Sicherheitsvorkehrungen hineingedrängelt, ein bisschen seiner Souveränität beraubt. Selbst wenn sich der deutsche Tennisprofi Tommy Haas in seinem Spiel gegen Andy Roddick lümmelig benimmt, verliert er nicht die Gunst des Publikums. Hauptsache, er schlägt den Ami. Allerdings hat er verloren.
Kenteris gegen die schwarzen Läufer: Dieser Abend war als Erstes ausverkauft, die Schwarzmarkthändler hatten sich dick mit Karten eingedeckt. Nun will sie keiner mehr. Nun herrscht in Griechenland der große Verdruss vor den Fernsehern. Kenteris steigt aus einem Auto, Polizei, Militär, er geht zu einer Anhörung, immer wieder. Das sind die Bilder dieser Spiele für das Heimatland Olympias.
Für ein Gespräch über all dies schlägt der Schriftsteller Petros Markaris ein Lokal unterhalb der Akropolis vor. Ein paar Tische auf einem kleinen Platz, Zikaden, ansonsten Stille. Die Stadt wirkt sehr weit weg. Markaris hat Goethes "Faust" ins Griechische übersetzt, ist also ein Experte für Verführungen, die tragisch verlaufen. "Die Griechen haben sich so angestrengt in den letzten Jahren", sagt er. "Sie haben die Stadien rechtzeitig fertig bekommen, aber das hat sie sehr viel gekostet, Schweiß und Geld. Dafür hofften sie auf die Anerkennung der Welt. Nun versauen Kenteris und Thanou das Ganze. Das wird ihnen nicht verziehen."
Markaris befürchtet, dass in Griechenland eine Zerfleischungsorgie beginnt. Das Volk sei sehr wankelmütig. Gold für Kenteris hätte die Spiele zum unanfechtbaren Ereignis des Jahrhunderts gemacht. Nun werde nachgerechnet, ob sich die Mühen und das Geld gelohnt haben.
"Wir werden ewig für diese Spiele bezahlen", sagt Markaris. Sie werden den Staatshaushalt offiziell sieben Milliarden Euro kosten. Nachdem die Spiele eh versaut sind, wird jetzt aggressiv wie nie zuvor über Korruption geredet.
"Gianna, jetzt bist du an der Reihe", hat die Zeitung "Avriani" vergangenen Donnerstag getitelt, eine Woche nachdem die Illusion Kenteris geplatzt war. Gianna Angelopoulos-Daskalaki ist Chefin des Organisationskomitees Athoc. Ihr wird vorgeworfen, sich an den Spielen bereichert zu haben.
Markaris glaubt, dass Griechenland von diesen Spielen nicht viel mehr bleiben wird als die Schande Kenteris, Streit und eine Menge Schulden, dazu womöglich eine ständige Überwachung Athens, falls die Regierung, wie befürchtet wird, die Kameras nicht wieder entfernen lässt. Spiele können einen ganz schön traurig machen.
Aber so kann man nicht aufhören. Es ist Olympia, es gibt den Willen zur Fröhlichkeit, es gibt die Momente, die alle dunklen Gedanken vertreiben.
Am schönsten war es vielleicht beim Basketball, als Puerto Rico die USA schlug. Es war einfach ergreifend, wie die Mannschaft einer kleinen Insel gegen den riesigen Nachbarn plötzlich die Chance zum Sieg entdeckte. Vor allem der Aufbauspieler Carlos Arroyo, ein relativ kleiner Mann, tanzte so schön durch die Halle, dass man eine Gänsehaut kriegte, vielleicht hatte er selbst eine. Er spielte wie ein kleiner Junge, der plötzlich entdeckt hat, dass man vor den Riesen keine Angst haben muss. Man sah zu und genoss. Es war herrlich. Es könnte immer so sein.
DER SPIEGEL 35/2004
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