23.08.2004

OlympiaStaatsfeind Nummer eins

Wie der griechische Dopingfahnder Ioannis Psarellis an seiner Arbeit gehindert wurde
Am Tag seines größten Triumphes wirkt Ioannis Psarellis seltsam unzufrieden. Er sitzt auf der Terrasse seiner Wohnung im Athener Vorort Palio Faliro. Es ist der Mittwoch vergangener Woche, der Tag, an dem sich Griechenland häutet.
Neun TV-Übertragungswagen und 300 Journalisten stehen zur selben Zeit vor dem Hilton in der Innenstadt. Die Reporter horchen der Erklärung des Staranwalts Michalis Dimitrakopoulos. Er sagt, Konstantinos Kenteris und Ekaterini Thanou würden auf einen Start bei den Olympischen Spielen verzichten, sie "opfern sich für ihr Land".
Es ist eine pathetische Einlassung. Psarellis hat nichts anderes erwartet. Er schüttelt den Kopf. Psarellis trägt braune Bermudashorts und ein weißes Hemd. Er ist ein kleiner und schmaler, aber kräftiger Mann. Er spricht perfekt Englisch und redet besonnen.
Konstantinos Kenteris war Griechenlands größter Athlet. Und wenn man so will, dann war Ioannis Psarellis, 34, sein härtester Gegner.
Er ist der einzige im internationalen Auftrag tätige griechische Dopingfahnder. Vor zweieinhalb Jahren begann der studierte Chemiker für die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in seinem Land Betrüger zu jagen. Ohne zu ahnen, was das für ihn bedeuten würde.
Psarellis war dem Sport immer schon verbunden. Als Triathlet gehörte er bis Anfang 2000 zur Nationalmannschaft, einen Ironman bewältigt er noch heute problemlos. Sein Interesse für den Kampf gegen Doping wurde bei den Olympischen Spielen in Sydney geweckt. Dort beobachtete er die Fahnder bei der Arbeit. Im Juni 2001 schrieb er im Rahmen eines Aufbaustudiums an der Universität Leicester eine Arbeit über die Dopingabwehr des IOC. Anfang 2002 wurde er Kontrolleur.
Es war kein guter Zeitpunkt, um in Griechenland Karriere als Spürhund zu machen. Psarellis'' Einstieg fiel genau in die Phase, in der sich die Griechen auf die Spiele vorbereiteten. Jede Nation, die Olympia austrägt, will besonders viele Medaillen gewinnen. Mit allen Mitteln.
Dass es einen Interessenkonflikt geben würde zwischen Psarellis und den Mächtigen des Sports, war unvermeidbar. Der eine stritt für saubere Wettbewerbe, die anderen für ihr Ansehen und das ihres Landes. Jeder fühlte sich im Recht. Aber Psarellis war der Schwächere.
Er bekam von der schwedischen Firma IDTM, die im Auftrag der Wada die Trainingskontrollen übernimmt, regelmäßig eine Liste mit den Namen der griechischen Sportler, die er aufsuchen sollte. Auch Kenteris und Thanou standen hin und wieder auf dem Blatt.
Die Liste war Psarellis'' Mission. Er ist kein bornierter Beamter, sondern Idealist. Sport hat Regeln, an die man sich halten muss. "Ich kontrolliere ohne Emotionen", sagt er. Doch er ahnte nicht, welch ein Sumpf ihn erwartete.
Wenn Psarellis Athleten testen wollte, liefen sie manchmal einfach vor ihm weg. Er ist überzeugt, dass im Athener Leistungszentrum "immer eine Hintertür offen ist".
Im Juni 2002 wollte Psarellis zusammen mit einem ausländischen Kollegen und zwei Assistentinnen eine Speerwerferin kontrollieren. Sie trainierte im Olympiastadion von Athen. Als sie die Fahnder entdeckte, floh sie in ihre Wohnung, die im Olympiapark lag. Sie schloss sich ein. Sie ging nicht ans Telefon. Psarellis wartete die ganze Nacht vor der Tür.
Als er am nächsten Morgen wieder läutete, öffnete die Mitbewohnerin, eine Gewichtheberin. Die Speerwerferin war verschwunden. "In Griechenland gibt es für die Sportler immer die Möglichkeit, sich aus dem Staub zu machen", sagt Psarellis.
Er blieb hartnäckig. Psarellis ist Dopingfahnder "aus Berufung". Er bekommt kein Gehalt, nur eine Aufwandsentschädigung.
Doch dann veränderte sich seine Lage. Der Jäger wurde zum Gejagten. Journalisten und Funktionäre forderten ihn auf, dem griechischen Leichtathletik-Verband zu verraten, welchen Athleten er wann testen soll: "Du bist Grieche, du musst uns unterstützen."
Wenn Psarellis Athleten getestet hatte, stand es am darauffolgenden Tag in der Zeitung, obwohl er keinen Reporter informiert hatte. Er wurde als Weltverbesserer verunglimpft und als schlechter Patriot beschimpft. "Goal News" schrieb, Psarellis habe "als Grieche die Pflicht, ein Schutzschild zu sein, damit unseren Meistern keine Ungerechtigkeit widerfährt und unser Land bloßgestellt wird".
Es war Mobbing vor einem Millionenpublikum.
Immer wieder wurde Psarellis vorgeführt. Der Chefarzt des griechischen Verbandes,
Michalis Averkiou, behauptete, Psarellis verstoße bei seinen Tests gegen das Procedere. Und Christos Smyrlis-Liakatas, seinerzeit Abgeordneter der damals regierenden sozialistischen Partei Pasok, sagte, Psarellis werde von den Konservativen gelenkt.
"Ich war naiv", sagt Psarellis. "Ich habe unterschätzt, wie sehr sich die Interessen von Ärzten, Trainern, Politikern und Journalisten gleichen." In Griechenland könne "ein Athlet machen, was er will, damit er eine Medaille gewinnt". Er habe sich "das falsche Land ausgesucht, um Dopingfahnder zu sein".
Der Druck auf ihn stieg unaufhörlich. Im Juni 2002 wollte Psarellis Leichtathleten kurz vor einem Grand Prix in Athen testen. Zwei Tage vor dem Meeting saß er in der Cafeteria des Hotels Caravel, als plötzlich ein Manager der Veranstaltung hereinstürzte. Der Mann forderte ihn auf, die Kontrollen abzusagen. Er schrie: "Du zerstörst die Veranstaltung!" Den Empfang wies er an, Psarellis kein Zimmer zu geben und keines seiner Telefonate zu den Sportlern durchzustellen. Zum Abschluss gab ihm der Manager mit auf den Weg: Wenn er so weitermache, ende er "mit einer Kugel im Kopf".
Psarellis ist für die griechischen Athleten ein Sicherheitsrisiko, weil er selbst Leistungssportler war und weiß, wie sie denken. Er kennt ihre Tricks und Kniffe. Wenn er beispielsweise sieht, dass ein Schwimmer über einen längeren Zeitraum nur einmal am Tag trainiert, schrillen seine Alarmglocken. "Schwimmer verlieren schnell das Gefühl fürs Wasser", erklärt er. "Es gibt nur einen Grund, sein Programm so zu reduzieren." Er meint Doping.
Als er einen Schwimmer um eine Urinprobe bitten wollte, traf er ihn nicht dort an, wo er hätte sein sollen. Am nächsten Tag erhielt Psarellis ein Fax vom internationalen Schwimmverband: Der Athlet habe seinen Aufenthaltsort kurzfristig geändert.
Psarellis kämpft einen verzweifelten Kampf. Am 10. Dezember 2002 verlor er seinen Arbeitsplatz als Triathlon-Wettkampfmanager beim Organisationskomitee der Olympischen Spiele in Athen (Athoc). Die Kündigung wurde begründet mit einer "ernsthaften Erschütterung des Vertrauensverhältnisses". Psarellis sagt: "Sie werfen mir vor, nebenher als Dopingfahnder gearbeitet zu haben." Er hat Klage eingereicht.
"Es ist verrückt", sagt Psarellis. "Die Leute, die immer saubere Spiele versprochen haben, feuern den Mann, der ihr Versprechen umsetzen wollte. Statt stolz auf mich zu sein, lassen sie mich fallen."
Er hat alles versucht. Er hat das Internationale Olympische Komitee um Hilfe gebeten, seine Kündigung anzufechten. Er hat die Nationale Dopingagentur aufgefordert, gegen die Missstände im Land vorzugehen. Er wäre bereit, vor dem Staatsanwalt auszusagen. Aber die einzige Antwort, die er zu hören bekam, lautete: "Junge, lass das sein. Du bekommst nur noch mehr Probleme."
Ioannis Psarellis hat all diese Erfahrungen nicht schadlos überstanden. Wenn er seine Geschichte erzählt, wirkt er bisweilen hektisch, wie ein Getriebener. Er ist immer noch Dopingfahnder. Seinen letzten Auftrag erfüllte er im April. Aber vor einigen Monaten hat er darum gebeten, keine Griechen mehr testen zu müssen.
Saubere Spiele waren in Aussicht gestellt worden. "Bullshit", sagt Psarellis.
Jetzt läuft Olympia, und Griechenland schämt sich für die Affäre um Kenteris und Thanou. Psarellis empfindet keine Genugtuung. Die Lügen "gehen ja weiter". MAIK GROßEKATHÖFER, GERHARD PFEIL
* Nach der Anhörung beim IOC am vergangenen Mittwoch in Athen.
Von Maik Großekathöfer und Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 35/2004
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