05.01.1955

DIPLOMATISCHER DIENST / BONNWir steh'n in Feindesland

Ein frohes neues Jahr im Feindesland!" Mit diesen Worten verabschiedeten sich zwei Mitglieder der deutschen diplomatischen Vertretung in London am Silvesterabend voneinander. Das Stichwort zu diesem Gruß war in einer seltsamen Ansprache gefallen, die Frau Daisy Schlitter, Filmschauspielerin und Schönheitskönigin von einst und nunmehr Gemahlin des deutschen Geschäftsträgers in London, des Oskar Schlitter, bei einer Weihnachtsfeier der deutschen diplomatischen Vertretung gehalten hatte.
Die Rede hat bei dem gesamten Personal der Vertretung Aufsehen erregt, mancherorts nur Kopfschütteln, bei manchen aber fast Panik hervorgerufen. Sie wird in der gesamten deutschen Kolonie Englands kolportiert, und sogar bei einer englischen Cocktail Party, an der Unterhaus-Abgeordnete teilnahmen, wurde sie besprochen.
Die Feier, von Bonn angeordnet, sollte sämtliche Mitarbeiter der deutschen diplomatischen Vertretung mit Mann oder Frau im Geiste des Christfestes vereinen. So nahmen auch die beiden englischen Chauffeure sowie einige Engländerinnen, die mit Hilfskräften der Botschaft verheiratet sind,
teil. Alles in allem waren es etwa 100 Festteilnehmer.
In Abwesenheit des Botschafters Dr. Hans Schlange-Schöningen, der sich dienstlich in Bonn aufhielt, fungierten Geschäftsträger Oskar Schlitter und Frau Daisy als Einladende. Schlitter, ein stattlicher Herr von lateinischem Gesichtsschnitt, wirkt seit etwa einem Jahr in London, nachdem er zuvor unter Prinz Adalbert von Bayern bei der deutschen Botschaft in Madrid gedient hatte. Für die Themsestadt ist er kein Neuling. Er arbeitete bereits in jungen Jahren unter Botschafter Joachim von Ribbentrop an der deutschen Botschaft in London.
Frau Daisy traut man es zu, daß sie einst im Film aufgetreten ist. Daisy von Freyberg, einer deutschen Offiziersfamilie entstammend, hatte unter dem Künstlernamen Daisy d'Ora unter anderem 1929 in "Die Büchse der Pandora" gespielt.
Für die Weihnachtsfeier war der große Empfangssaal der deutschen diplomatischen Vertretung in Prince's Gate gegenüber dem Hyde Park mit einem riesigen Tannenbaum geschmückt worden, und Grün schmückte die Wände unter den zierlichen vergoldeten Kranichen des Deckenstucks. Während man zuerst Kaffee und Kuchen verzehrte, zeigte sich auch Schlitter auf etwa eine Viertelstunde. Dann entfernte er sich mit der Erklärung, er müsse sich zu einer Cocktail Party zu Ehren der Montanunion begeben.
Die Festrede hielt dann zur allgemeinen Überraschung nicht der Ranghöchste unter den anwesenden Herren, also in Abwesenheit des Botschaftsrats von John der Gesandtschaftsrat Sigismund Freiherr von Braun, sondern Frau Daisy Schlitter, die einem großen Teil ihrer Gäste überhaupt nicht bekannt war und sie zu allem Anfang vor den Kopf stieß, indem sie sie mit "Ihr" und "Euch" anredete, anstatt mit dem im Zivilverkehr üblichen "Sie".
Was sie im Verlauf ihrer etwa eine Viertelstunde währenden Ansprache im einzelnen sagte, ist protokollarisch nicht festgehalten worden. Es steht jedoch fest, daß gut deutsche Sprüche aus "Wilhelm Tell" zitiert wurden - "Ans Vaterland, ans teure, schließ' dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen." - und daß u. a. dem Sinne nach folgendes gesagt wurde:
"Mein Mann und ich kommen zwar oft in englische Heime, aber wir sind hier nach zwei Weltkriegen auf gefährlichem Pflaster und sind uns bewußt, daß wir in Feindesland stehen."
Nach einer anderen Version war nicht von "Feindesland", sondern vom "feindlichen Ausland" die Rede, doch berichteten Teilnehmer der Feier einstimmig, daß der eine oder der andere Ausdruck sogar zweimal fiel. Sie fügten hinzu, die Rednerin habe verlangt, daß "Ihr alle von deutschem Blut" zusammenhalten müßt. Auf die anwesenden englischen Gäste undeutschen Blutes bezog sich diese Aufforderung offenbar nicht. Daisy Schlitter behauptete, alle die Ohrenzeugen müßten sich verhört haben. Sie habe nichts derartiges gesagt, wie aus der Niederschrift ihrer Rede hervorgehe, die sie allerdings erst hinterher angefertigt hat.
Innerhalb der diplomatischen Vertretung sehnt man sich nun nach einer Untersuchungskommission aus Bonn oder nach vorzeitiger Rückkehr Botschafter Schlange-Schöningens, der anschließend an den dienstlichen Besuch in der provisorischen Bundeshauptstadt seinen alljährlichen Urlaub antrat und normalerweise erst Ende Januar aus Bad Gastein nach England zurückkehren würde. Die Grüße des Botschafters an das Personal auszurichten, hatte Frau Daisy Schlitter unterlassen.

DER SPIEGEL 2/1955
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