05.01.1955

ENGLAND / TRADITIONENWie zur Normannenzeit

Angekündigt durch einen Herold mit Hellebarde, marschierten sechs würdige Herren in scharlachroten und goldverbrämten Gewändern in den mittelalterlichen Saal. Gemessenen Schrittes begaben sie sich zu einem knorrigen Eichentisch, auf dem sieben Schwerter blitzten.
Alsdann näherten sich zwei weitere Herren, ebenfalls im Schmuck kostbarer Umhänge. Der eine von ihnen trug einen Federbusch-Helm auf dem Kopf, der andere ein großes eckiges Samtbarett.
Nachdem diese beiden Hochwürdenträger die freigelassenen Plätze an der Mitte des Tisches bezogen hatten, rief der Herold: "Oyez, Oyez, Oyez!" (Normannisch: "Hört!")
Einer der Goldbetreßten entrollte eine Pergament-Urkunde und verlas ein Dekret des König Karls II. von England aus dem Jahre 1672. Aus ihm ging hervor, daß der Herr mit dem Helmbusch das Recht besaß, dieser Versammlung zu präsidieren.
Dann setzte sich alles nieder. Es ging zu wie in einem historischen Filmschinken aus der Technicolor-Produktion des Sir J. Arthur Rank.
Aber die Szene war echt. Bühne: ein Londoner Gerichtssaal. Zeit: an der Jahreswende 1954 auf 1955.
Der "High Court of Chivalry" - der Hohe Gerichtshof der Ritterschaft - hatte sich nach 223jähriger Sitzungspause wieder einmal zusammengefunden, um in einer Angelegenheit Recht zu sprechen, für die allein er in England zuständig ist.
Streitobjekt des Prozesses war ein Wappen, auf dem ein freundlich dreinblickender Hund und ein ebenso freundlicher gekrönter Löwe die Erdkugel umfangen halten, während ihre Hinterpfoten auf einem Spruchband mit der Mahnung "Concilio et Labore" (etwa: "Mit Rat und Tat") balancieren.
Das Wappen ist der Stadt Manchester durch ein königliches Dekret vom Jahre 1838 verliehen worden. Ein privates Theaterunternehmen - The Manchester Palace of Varieties Ltd. - hatte sich nun erkühnt, eben dieses Wappen in seinem Siegel zu führen und als Emblem auf dem Bühnenvorhang zu verwenden.
Nachdem sich Manchesters wappenstolze Stadtväter die Sache mit dem Siegel 60 Jahre und die mit dem Bühnenvorhang 20 Jahre angesehen hatten, beauftragten sie eine Anwaltsfirma, eine juristische Möglichkeit ausfindig zu machen, den Theaterleuten das Plagiat zu untersagen.
Dabei stellte sich heraus, daß im traditionsbewußten England nur ein einziges Gericht über heraldische Streitfragen entscheiden darf, der zur Normannenzeit gegründete High Court of Chivalry. Die emsigen Advokaten fanden heraus, daß er zuletzt im Jahre 1731 angerufen worden war. Würde er sich noch zusammentrommeln lassen?
In jedem anderen Lande der Welt hätte diese Frage nur ein mitleidiges Lächeln geerntet. Nicht so in England. Die Ehrenämter in diesem (und manchem ähnlichen) Gremium vererben sich von Generation zu Generation. So hat zum Beispiel im High Court of Chivalry der jeweilige Adelsmarschall (Earl Marshal) von England den Vorsitz zu führen. Der Earl Marshal aber ist seit Menschengedenken identisch mit dem Träger des Herzogtitels von Norfolk - zur Zeit jenem Herrn mit dem Federbusch.
Dem Herzog schwante wohl, was ihm in der Verhandlung um das Manchester-Wappen bevorstand. Er bat deshalb Lord Goddard, den obersten Richter Großbritanniens, ihm zur Seite zu stehen.
Zwischen Chief Justice Lord Goddard und den Anwälten G. D. Squibb für die Stadt Manchester sowie A. Colin Cole für das beklagte Theaterunternehmen entwickelte sich dann ein juristisches Geplänkel, wie man es schon lange nicht mehr vor einem britischen Gericht erlebt hat. Den vielen fachkundigen Zuhörern dieses merkwürdigen Prozesses dampften die Köpfe beim Anhören von Präzedenzfällen aus acht Jahrhunderten englischer Geschichte, von Zitaten aus der Normannenzeit, von Urteilen aus dem 14. Jahrhundert, aus der Ära Heinrichs VIII., Maria Stuarts und Oliver Cromwells.
Der Anwalt der beklagten Theaterleute bestritt die Zuständigkeit des nach so langer Zeit wieder zum Leben erweckten High Court of Chivalry. Seine Aufgabe sei es gewesen, die Wappenrechte adliger Personen zu schützen. Hier aber ging es um bürgerliche Kollektive, wie es die Stadt Manchester und das Theaterunternehmen darstellen.
Nach fünfstündiger Redeschlacht entschied Lord Goddard namens des schweigend und steif dasitzenden Herzogs von Norfolk, daß der High Court of Chivalry auch heute noch als einzige Instanz zur Klärung von Streitigkeiten auf dem Gebiet der Heraldik anzusehen sei.
Daraus ergab sich sofort eine neue knifflige Frage. Was tun, wenn eine der Parteien den Urteilsspruch nicht annehmen würde? Denn der High Court of Chivalry - dieses Überbleibsel aus grauer Vorzeit - hat zu den Gerichts- und Polizeiorganen des heutigen Großbritanniens keine Verbindung. Als er vor 223 Jahren zuletzt tagte, verfügte der Vorsitzende in seiner Eigenschaft als Earl Marshal noch über ein Privatgefängnis, in das er Widerspenstige sperren konnte.
Doch dann teilten die Anwälte mit, daß die Parteien sich untereinander gütlich geeinigt hätten, den Spruch des Gerichts anzuerkennen und die Verfahrenskosten je zur Hälfte zu tragen.
So stand dem Urteilsspruch nichts mehr im Wege. Lord Goddard verkündete unter feierlichem Schweigen: "Die Klage der Stadt Manchester gegen die Manchester Palace of Varieties Ltd. besteht zu Recht. Eine Begründung geht den Parteien schriftlich zu."
Der als Herold verkleidete Gerichtsdiener stotterte, als seine nur an den Londoner Cockney-Dialekt gewöhnte Zunge die altenglischen Formeln hersagen mußte, die seit 800 Jahren jede Sitzung des High Court of Chivalry beschließen.

DER SPIEGEL 2/1955
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