12.01.1955

MORDPROZESS SHEPPARD / VERBRECHENSchwurgericht

Am Abend des 3. Juli 1954 hatten Dr. Samuel Sheppard und seine blonde Frau Marilyn Gäste in ihrer 31 000-Dollar-Villa am Ufer des Erie-Sees in Bay Village, einem Gartenvorort der Stadt Cleveland.
Biertrinkend und nachbarschaftlich klöhnend hockte Sam, ein erfolgreicher dreißigjähriger Massage-Arzt, zu Füßen seiner um ein Jahr älteren Marilyn. Hin und wieder lächelte er liebevoll zu ihr hinauf; sie war im vierten Monat schwanger. Das Zusammensein hätte jenen Herolden amerikanischer Lebensweise, den Reklame-Agenten, als Modell dienen können für ein Tableau mit der Überschrift: "Amerika liebt Freiheit und Geselligkeit - und Export-Bier aus der Blatz-Brauerei."
Gegen 11.30 Uhr gähnte Sam mit der ganzen Ungezwungenheit eines amerikanischen Gastgebers und zog sich auf die Wohnzimmercouch zurück, wo er bald friedlich einschlief. Doch unbeirrt folgte die Gesellschaft auf dem Fernsehschirm dem Film "Seltsame Ferien".
Als um 12.15 Uhr auch Marilyn die böse, böse Uhr zu beklagen begann, brachen die Gäste schließlich auf. Sam schlummerte fort. Ohne ihn zu stören, ging Marilyn in ihrem Schlafzimmer im ersten Stock zur Ruhe.
Fünf Stunden und 20 Minuten später - um 5.50 Uhr - wurde der Bürgermeister von Bay Village, Spencer Houk, durch Telephongerassel aufgeschreckt. "Hier ist Sam Sheppard", stammelte die Stimme am anderen Ende. "Um Gottes willen, Spencer, komm sofort her. Ich glaube, Marilyn ist umgebracht worden."
Sieben Minuten danach erreichte Houk die Villa seines alten Freundes Sam. Der war völlig verstört und blutbeschmiert. Houk fand Marilyn in ihrem blutgetränkten Bett, mit aufgerissenem Pyjama, Kopf
und Gesicht verstümmelt von Hieben, die mit dämonischer Wut geführt sein mußten.
Chip, der siebenjährige Sohn der Sheppards, schlief nebenan im Kinderzimmer. Obwohl die Tür zum Schlafraum der Mutter offenstand, war Chip nicht aufgewacht.
Noch am gleichen Vormittag sagte der Polizeiarzt Gerber zu seinem Assistenten: "Unzweifelhaft ist der Doktor der Mörder seiner Frau. Man braucht nur noch ein Geständnis aus ihm herauszuholen."
So begann der Fall Sam Sheppard, ein Mordprozeß, der zwischen Hochsommer und Jahreswende 1954 Amerikas Öffentlichkeit bannte. 90 Prozent der amerikanischen Presse widmeten den Höhepunkten des Verfahrens ihre Titelseiten, und über die Hälfte aller Zeitungen berichtete über den täglichen Fortgang des Falles unter Balkenüberschriften. "Der aufsehenerregendste Prozeß seit dem Verfahren gegen den Kidnap-Mörder der Lindbergh-Kinder im Jahre 1935", trompetete die Hearst-Zeitung "Journal-American".
Es war einer jener Kriminalfälle, die von Zeit zu Zeit das fiebrige Interesse einer ganzen Nation gefangennehmen. Da wenden sich Millionen Bürger von der unpersönlichen, drückenden Problematik der großen Politik ab und frönen dem alten Pharisäertrieb: Sie weiden sich genüßlich an dem Privatleben und den Sünden des angeklagten Mitbürgers und spreizen zugleich voll Entrüstung die Federn eigener Rechtschaffenheit.
Der Fall des auf eine nichtssagende Art gutaussehenden und erfolgreichen Doktors Sam Sheppard erinnert an den Fall des auf nichtssagende Art gutaussehenden und erfolgreichen Clyde Griffiths aus Theodore Dreisers Roman "Eine amerikanische Tragödie". Beide Male stehen nicht nur die Beschuldigten unter Anklage. Angeklagt
sind auch zwei Stützen der amerikanischen Gesellschaft: die Presse und die Rechtsprechung durch ein Schwurgericht juristischer Laien.
Beide Institutionen, die freie Presse und die freie Justiz, mißbrauchten während des Prozesses ihre Rechte. "Sheppard ist ein Opfer kollektiver Vorurteile und wilder Sensationsmache." Das ist jedenfalls die Meinung von Sheppards Verteidiger.
Einen Punkt hatte der Fall Sheppard der "Amerikanischen Tragödie" von Anfang an voraus: er war kriminalistisch weit fesselnder.
Am Morgen nach dem Mord erzählte Sam Sheppard eine verworrene Geschichte. Auf der Couch schlafend, hatte er einen Schrei Marilyns gehört oder geahnt. Er raste treppauf in ihr Schlafzimmer, wurde von hinten ins Genick "geprügelt" und ging betäubt in die Knie, rappelte sich wieder auf, verfolgte einen "untersetzten Mann mit buschigem Haar" durch die Hintertür bis auf den Strand hinter dem Haus, griff ihn an und rollte mit ihm zusammen bis ans Seeufer.
Wieder wurde er bewußtlos geschlagen, ehe er seinen Gegner genau erkennen konnte. ("Es war, als wollte ich versuchen, eine Dampfwalze zu stoppen.") Als Sheppard wieder aufwachte, lag er immer noch am Rand des Wassers. Er stolperte ins Haus und telephonierte mit Houk.
Sams Freund, der Bürgermeister Houk, sah keinen Grund, diese Geschichte zu bezweifeln. Ebensowenig der Polizeichef von Bay Village, John Eaton, ebenfalls ein Bekannter Sheppards. Denn Houk und Eaton kannten die Ehe zwischen Sam und Marilyn fast nur als goldgerahmtes Idyll.
Sam hatte mit Marilyn im Sandkasten gespielt. Sie gingen zusammen zur Schule, und vom College aus schrieb Marilyn ihrem Romeo tränenbenetzte Liebesbriefe: "Das Leben scheint mir unmöglich ohne Dich." 1945 heirateten sie und wurden das populärste junge Paar in Bay Village. Die meisten Nachbarn wußten nur von kleinen Reibereien um Sams Autoliebhaberei. Er kaufte einen Jaguar-Sportwagen, ein Lincoln-Luxuscabriolet und einen Jeep. Die häusliche Marilyn aber hätte für das Geld lieber Möbel angeschafft. Doch Sam verdiente gut in der Privatklinik seines Vaters.
Polizei-Arzt Gerber und Detektive der Mordkommission Cleveland waren anderer Ansicht als der Bürgermeister. Schon nach einer flüchtigen Untersuchung des Tatortes faßten sie Verdacht. Die Clevelander Zeitung "Press" erfuhr davon und röhrte in roten Schlagzeilen: "Ein Mörder geht frei aus!" Sie forderte Sheppards Verhaftung.
Unter diesem Druck übergaben die Behörden von Bay Village den Fall ganz an die Kripo von Cleveland. Mit ultravioletten Lampen entdeckten die Kriminalisten in der Villa eine Blutspur, die vom Schlafzimmer zu einem Ausguß im Keller führte. Sie war weggewischt worden. Die Mordwaffe fehlte, und nur ein an sich unverdächtiger Fingerabdruck Sheppards am Kopfteil des Ehebettes war festzustellen.
Der Familienhund Koko hatte die Nachbarn oft durch unmotiviertes nächtliches Gebell gestört. In der Mordnacht hatte er
nicht angeschlagen. Das wurde auch von seriösen Journalisten überbetont, weil sie sich an eine Sherlock-Holmes-Geschichte erinnerten, in der das Baker-Street-Genie aus dem Schweigen eines Hundes auf den Mörder geschlossen hatte.
Marilyns Armbanduhr, von einem Hieb getroffen, war um 3.15 Uhr stehengeblieben. In einer Hecke hinter dem Haus fanden Polizisten später einen kleinen Beutel, der Dr. Sheppards eigene Uhr enthielt. Sie war blutbefleckt und um 4.15 Uhr stehengeblieben, nachdem Wasser in das Gehäuse gedrungen war.
Eine kriminalistische Grundregel heißt: "Kein Mörder ohne Motiv." Ein Motiv aber fehlte, und Sam leugnete. "Wie könnte ich so ein widerliches Verbrechen begangen haben", rief er aus. Dem ersten Detektiv, der ihm die Indizien gegen ihn aufzählte, sagte er: "Seien Sie nicht albern."
Er leugnete auch, je eine andere Frau - außer als Arzt - berührt zu haben. Er trug in den ersten Wochen einen orthopädischen Lederkragen, weil der nächtliche Eindringling ihn an den Halswirbeln verletzt habe. "Unsinn", behaupteten die Polizeiärzte.
Dann spürten Kriminalisten eine hübsche Brünette namens Susan Hayes auf und glaubten das Motiv zu haben. Susan sagte unter Eid aus, sie habe als technische Hilfskraft in der Sheppard-Klinik gearbeitet und sei von Sam Sheppard zu intimem Verkehr verlockt worden. In Los Angeles, wo Sheppard einen Ärztekongreß besuchte, hätten sie im Hause eines Freundes 14 Tage lang "wie Mann und Frau" zusammengelebt.
Sam gab die Affäre mit Susan zu, aber die Tat leugnete er weiter. Fünf Tage lang wurde er von zwölf Kriminalpolizisten pausenlos verhört - und leugnete. "Verpaßt
ihm den dritten Grad!" forderte die Cleveland "Press".
Die Staatsanwaltschaft legte das Beweismaterial - ohne Geständnis - einer Grand Jury vor. Die Grand Jury vollzieht den ersten Akt eines amerikanischen Strafverfahrens. Sie besteht aus 23 Laien. Ihnen wird Belastungsmaterial vorgelegt, und sie sollen darüber entscheiden, ob das öffentliche Interesse ein Strafverfahren rechtfertigt oder nicht. Die Grand Jury bejahte. Ihre 23 Laien übergaben damit den Fall an die zwölf Laien, aus denen das eigentliche Schwurgericht besteht. Der Prozeß um Sheppards Kopf begann.
Wie das Gesetz es befiehlt, müssen die zwölf Geschworenen absolut unbeeinflußt und vorurteilsfrei sein. Mit der Unbefangenheit Neugeborener sollen sie den Argumenten von Anklage und Verteidigung lauschen und die Beweismittel in Augenschein nehmen. Dann sollen sie einstimmig über Unschuld oder Schuld ihre Entscheidung fällen. Der Richter leitet lediglich die Verhandlung. Gegen den Spruch der Geschworenen gibt es keine Berufung. Nur neues Beweismaterial oder ein Fehler in der Anklageführung macht eine erneute Verhandlung möglich. Sonst bleibt nur der Gnadenweg offen.
Alle volljährigen, gesunden Amerikaner können zum Geschworenendienst herangezogen werden. Während des Prozesses werden die Geschworenen von ihrer Umgebung isoliert. Sie wohnen unter Bewachung in einem Hotel, dürfen weder Zeitung lesen noch überhaupt mit einem Nichtgeschworenen sprechen, sei es ein Gerichtsbeamter oder ein Familienangehöriger. Für ihre Mühe erhalten sie fünf Dollar pro Tag, freie Unterkunft und Verpflegung.
Die Anfänge des Jury-Systems im altgermanischen Recht aber datieren vor der Erfindung von Radio, Fernsehen und Massenpresse. Geräusch und Wut der Clevelander Presse hatten bewirkt, daß die Frage nach Schuld oder Unschuld Sheppards zu einem Gesellschaftsspiel aller Biertischrunden und Cocktail-Klatschparties in und um Cleveland ausgeartet war und es kaum einen Bürger im Gerichtsdistrikt gab, der keine vorgefaßte Ansicht hatte.
Acht Tage brauchte das Gericht, um eine einigermaßen taugliche Jury zusammenzustellen. Staatsanwaltschaft und Verteidigung haben das Recht, die Befähigung jedes vorgeschlagenen Geschworenen-Anwärters anzufechten. Nur unfundierte Einwände kann der Richter zurückweisen. Zähe rangen Anklage und Verteidigung um jedes einzelne Jury-Mitglied. Denn viele Prozesse sind schon bei der Jury-Auswahl entschieden worden.
Ein Briefträger wurde nach Hause geschickt, weil er einem Assistenten der Verteidigung die Post zuzustellen pflegt. Eine Hausfrau disqualifizierte sich, weil sie in Tränen ausbrach, als sie den hübschen Sam Sheppard auf der Anklagebank sitzen sah. Mehrere der Vorgeschlagenen waren vor allem deshalb ohne Meinung, weil ihre geistige Trägheit sie daran hinderte, die Zeitung zu lesen. "Ich lese noch nicht einmal die Post", prahlte ein nahezu analphabetischer Hilfsarbeiter in dem Kreuzverhör, durch das Anklage und Verteidigung die Haltung jedes Jury-Anwärters zu erforschen suchen.
Ein intelligenterer Geschäftsmann, James Mannings, wurde abgewiesen, weil die Staatsanwaltschaft ein längst vergessenes kleines Sittlichkeitsdelikt aufdeckte, das er elf Jahre zuvor begangen hatte. Das mühsam erworbene bürgerliche
Ansehen des James Mannings war vernichtet und damit sein gutgehendes Geschäft vom Ruin bedroht. Denn seine Jugendverfehlung lieferte die Schlagzeile des nächsten Tages. Gebrochen schlurfte er aus dem Gerichtssaal.
Die endgültige Jury bestand aus sieben Ehemännern - Vorarbeitern und kleinen Kaufleuten - und fünf Hausfrauen. Die Anklage hatte zuerst das Wort. Sie versuchte sofort, den Geschworenen durch Schockbehandlung ein unauslöschliches Vorurteil einzubrennen.
Auf eine riesige Leinwand im Gerichtssaal wurden grellfarbige Diapositiv-Aufnahmen der Leiche Marilyns projiziert. Ein Würgen aus Entsetzen und Ekel hing im Raum, als das erste Bild aufleuchtete. Sam Sheppard schluchzte auf und wandte sich ab.
Die seelenknetende Starjournalistin des Hearst-Konzerns, Dorothy Kilgallen, berichtete über diese Beweisaufnahme-Episode: "Viele Sitzungen des Gerichtes werden nötig sein, um den Eindruck dieser schaurigen Lichtbild-Matinee zu lindern...
"Marilyn war schön. So lieblich und so zerschunden. So milde sah sie aus mit ihren geschlossenen Augen ... Es war seltsam. Kein Bild von Marilyn Sheppard, das sie lächelnd und großäugig und lebendig zeigte, hat sie so lieblich gezeigt, wie sie im Tod war - verfärbt und zerschlitzt und zerbrochen. Kein Wunder, daß Dr. Sam schluchzte.
"Er konnte sich gut erinnern, ohne hinzusehen. Ihr Gesicht war oval und ihre Haut zart und feinporig. Wo es nicht mit Wunden bedeckt war, trug es einen pfirsichähnlichen Teint, ein wenig feucht vom Tau des frischen Todes ... Marilyns Mörder
war ein extravaganter Mörder, verschwenderisch mit seinen Hieben ..."
Die Greuelmethode kehrte sich jedoch zum Teil gegen die Absicht ihres Urhebers, des feierlich-düsteren Anklägers John Mahon. Denn die Gräßlichkeit der Lichtbilder kontrastierte unvereinbar mit der harmlosen Erscheinung des Angeklagten. Gerade die Hausfrauen in der Jury zweifelten nun erst recht, daß ein so netter junger Mann solcher Grausamkeit fähig sei. Mit traurig vorwurfsvollen Augen sah Sheppard zu den Frauen hinüber. Unruhig, mitleidig schauten sie zurück.
An der Diskrepanz zwischen Tat und Angeklagtem hängte der Verteidiger William Corrigan, ein robuster grauhaariger Prozeß-Löwe, seine Strategie auf. Er bot Scharen von Leumunds-Zeugen auf - Bekannte der Sheppards und Patienten - , die beteuerten, was für ein treusorgender Gatte Sam gewesen sei und was für ein vorbildlicher Arzt, der kranke Kinder mittelloser Eltern gratis geheilt und ihnen noch dazu Geld geschenkt hatte.
Corrigans Zeugen entkräfteten Kern-Indizien der Anklage. Doktor Hoversten, ein Kollege Sheppards, sagte, der Hund Koko habe auch früher nicht gebellt, wenn Fremde ins Haus kamen. Er habe nur Neger angekläfft. Hoversten gab zu bedenken, daß die Blutspur im Haus nicht von Sheppard zu stammen brauche. Er erinnerte sich, daß im Frühjahr ein Wochenendbesucher sich im Garten der Villa am Fuß verletzt habe und mit stark blutender Wunde ins Haus gehüpft sei.
Frau Ahern, die engste Vertraute Marilyns, berichtete, Frau Sheppard habe ihr einige Monate vor dem Mord erzählt: "Sam denkt daran, sich von mir scheiden zu lassen." Sam habe aber hinzugefügt, er glaube, daß sie "doch zueinander passen und es doch noch einmal versuchen wollen". Als Marilyn kurz darauf zum zweitenmal guter Hoffnung war - sagte Frau Ahern - , "haben sie sich mehr geliebt als je zuvor".
Zudem nagelte Verteidiger Corrigan die Anklage auf grobe Flüchtigkeitsfehler bei der Autopsie Marilyns fest. Er wies nach, daß die Röntgenaufnahmen von Sams Halswirbeln von den Polizeiärzten in nassem Zustand untersucht worden waren - und auf nassen Aufnahmen sind Verletzungen, wie Sam sie erlitten zu haben glaubte, nur schlecht zu erkennen.
Die Momente häuften sich, die für Sheppards Unschuld sprachen. Aber die beiden älteren Brüder Sheppards, Richard und Stephen, und deren Frauen Betty und Dorothy schadeten ihm durch ihren Übereifer. Sie streuten den Verdacht aus, daß sich einer der Freunde des Hauses in Marilyn verliebt und die Tat begangen haben könnte.
Sheppard selbst versuchte, seinen Freund Houk in ein schiefes Licht zu rücken. Houk, sagte er, habe Marilyn angebetet und in der Villa "tun und lassen können, was er wollte". Der erbitterte Bürgermeister seinerseits bezeugte, daß auch Richard Sheppard einen Verdacht gegen seinen Bruder hegte; er habe gehört, wie Sam Sheppard am Morgen nach dem Mord von seinem Bruder Richard gefragt worden sei: "Hast du etwas damit zu tun?" "Zum Teufel, nein", habe Sam erwidert.
Drei solcher untergeordneten und keineswegs schlüssigen Hinweise verdarben am Schluß der Beweisaufnahme Sheppards Chancen und deuteten vage eine Erklärung für die unerklärliche Tat an.
Der junge Tom Weigle, ein Vetter Marilyns, sagte aus, Sheppard habe seinen Sohn Chip einmal brutal und jähzornig verdroschen, als der Junge seinen Vater an der Hose zog und ihn bat, mit ihm Cowboy zu spielen. Das war überhaupt der erste - wenn wahrscheinlich auch überbewertete
- Fingerzeig, daß Sam überhaupt die Beherrschung verlieren konnte. "Sam hat eine gespaltene Natur wie Dr. Jekyll (eine Figur des englischen Schriftstellers Robert L. Stevenson), der sich in den bestialischen Mr. Hyde verwandelte", meinte Tom Weigle. Andererseits bezeugte Sheppards Freundin Susan Hayes, Sam habe ihr mit offensichtlicher Willenlosigkeit gesagt, er möchte sich wohl scheiden lassen, aber sein Vater werde "niemals in eine Scheidung einwilligen" - und außerdem liebe er Marilyn als Menschen, nicht als Frau.
Als Sheppard zum letzten Male aussagte, fragte ihn Ankläger Mahon, ob er nicht schon 1950 mit seinem Bruder Stephen über seine Absicht gesprochen habe, sich von Marilyn zu trennen.
Sheppard erwiderte: "Nein ... Ich hatte meinen Bruder damals gebeten, Marilyn gründlich zu untersuchen. Ich war beunruhigt. Ich stellte nach der Geburt unseres Sohnes Chip gewisse seelische und körperliche Veränderungen fest, die zu bewirken schienen, daß Marilyn viel von ihrer erotischen Aggressivität einbüßte ..."
Die Frauen in der Jury sogen entrüstet Luft durch ihre Nasen. Die klinische Kälte, mit der Sheppard über das Intimste seiner toten Frau sprach, kränkte sie offensichtlich. Auch Sams gemessene Liebesbeteuerungen machten das nicht wieder gut.
Die drei Aussagen deuten ganz schwach an, daß Sheppard ein verworrener, unentschlossener moralischer Feigling ist - genau wie Clyde Griffiths aus der "Amerikanischen Tragödie", der seine schwangere Geliebte umbrachte, weil seine gesellschaftliche Stellung gefährdet worden wäre, hätte er das aus der proletarischen Schicht stammende Mädchen geheiratet.
Hatte der Druck der in Sheppard gestauten Konfusion aus Unbefriedigtsein und Angst in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli einen Anfall von Raserei ausgelöst?
Diese Erklärung, die einzige überhaupt denkbare, ist schon mehr als gewagt.
In einer Stimmung des Zweifels, nur übertönt durch die dennoch nicht wankende Anklage, endeten Beweisaufnahme und Plädoyers. Der Richter belehrte die Jury über ihre Aufgabe:
▷ über Schuld oder Nichtschuld zu urteilen,
▷ das Maß der Schuld zu bestimmen: "Mord im ersten Grad" (setzt Vorbedacht voraus und wird mit dem Tod auf dem elektrischen Stuhl bestraft) oder "Mord zweiten Grades" (Affekthandlung, wird mit lebenslänglichem Zuchthaus geahndet) oder Totschlag*) (schwere Körperverletzung mit Todesfolge, eine Möglichkeit, die bei Marilyn Sheppard bestand, aber bei der flüchtigen Autopsie der Leiche vernachlässigt worden war).
Die Jury zog sich zur Beratung zurück. Viereinhalb Tage lang beriet sie, nur unterbrochen durch Essen und Schlafen. Keiner konnte sich erinnern, daß ein Schwurgericht je so lange gebrütet hatte.
Geschworene sind zu strengster Verschwiegenheit verpflichtet. Aber unnachgiebige Reporter erfuhren später doch, wie eigenartig die zwölf schlichtgewebten Menschen sich mit dem endlos verschlungenen Fall auseinandersetzten.
Sie sahen die Affäre mit der unkomplizierten Direktheit des "gesunden Volksempfindens", auf dem das Jury-System letztlich beruht. Bei der ersten Abstimmung über Schuld oder Nichtschuld stimmten sechs "schuldig", sechs "nichtschuldig". Die letzten sechs beriefen sich auf die Aussage zweier Autofahrer, die den "untersetzten Mann mit buschigem Haar", den der Angeklagte als Täter bezeichnet hatte, in der Mordnacht nahe der Sheppardschen Villa gesehen haben wollten.
Die anderen stützten ihre Meinung auf das Zeugnis zweier anderer Autofahrer, die um 2.15 Uhr in der Mordnacht sahen, daß fast alle Fenster im Sheppardschen Hause erleuchtet waren. Sam hatte behauptet, daß er den Eindringling deshalb nicht habe sehen können, weil nur im Vorderflur Licht war. Um die Berge von Beweismaterial kümmerte sich die Jury nicht. Sie hielt sich eigensinnig an die widersprüchlichen, aber simplen Aussagen von vier nächtlichen Automobilisten.
Es sei doch ganz klar, sagte der Geschworene Howard Barrish, der Eindringling sei ein Hirngespinst Sheppards, und die Autofahrer, die ihn auch gesehen haben wollten, versuchten doch ganz eindeutig, den Angeklagten herauszupauken. "Es läuft doch ganz klar darauf hinaus", meinte Barrish, "daß Sam der einzige Erwachsene war, der sich zur Zeit der Tat im Hause aufhielt. Sein Kind kann es nicht gewesen sein; also muß Sam es gewesen sein."
Den anderen leuchtete diese Logik ein. Bei der zweiten Abstimmung sprachen sie Sheppard einmütig schuldig. Erst ein halber Tag war vergangen. Die ganze übrige Zeit und sechzehn weitere Abstimmungen brauchte das Schwurgericht, um sich auf das Maß der Schuld zu einigen. Ein Teil war bereit, auf Mord ersten Grades zu erkennen.
Fünf klammerten sich zäh an "Totschlag". Sheppards Todesurteil wollten sie nicht auf ihr Gewissen nehmen.
Ein Kompromiß wurde angeregt: Mord zweiten Grades. Auch das war einigen noch zuviel. Je weiter die Zeit fortschritt, desto heftiger wurde die Minderheit von der Mehrheit gedrängt, endlich zuzustimmen.
Natürlich wollten alle nach Hause. 65 Tage lang waren sie schon von ihrer Familie getrennt, und schließlich herrschte Einigkeit: Mord zweiten Grades.
Die Jury marschierte in den Gerichtssaal, und mindestens drei der Geschworenen sahen voll ganz offensichtlicher Reue zum Angeklagten hin.
Als der Richter Blythin das Verdikt der Geschworenen verkündete und Sam zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilte (mit der Möglichkeit, nach zehn Jahren auf Bewährung entlassen zu werden), schrie Sams Schwägerin Dorothy: "Und Sie wollen christliche Menschen sein?"
Die Journalistin Kilgallen war von dem Verdikt "schokiert". Ihr Kollege Bob Considine kommentierte, die beiden Hauptgründe für Sams Verurteilung seien:
▷ Sam habe sich vor Gericht nicht genügend über die Beschuldigungen gegen ihn empört und damit in der Jury Zweifel an seinem reinen Gewissen geweckt.
▷ Er habe "snobistisch" dahergeredet und das Andenken seiner Frau nicht heilig genug gehalten.
Beides habe seine zunächst sympathische Erscheinung in den Augen der Geschworenen fatal beeinträchtigt.
*) Der Begriff "Totschlag" umfaßt im amerikanischen Recht alle Arten unbeabsichtigter Tötung. Er ist in den Vereinigten Staaten ebenso wie der juristische Begriff "Mord" in mehrere Grade gestuft, die von "schwerer Körperverletzung mit tödlichem Ausgang" bis zu "fahrlässiger Tötung" reichen.

DER SPIEGEL 3/1955
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