19.01.1955

DIPLOMATISCHER DIENST / BONNDer Duckwitz kehrt zurück

Noch nie hat ein Botschafter der Bundesrepublik - ehe er überhaupt seinen Posten antrat - so viele Vorschußlorbeeren in seinem zukünftigen Gastlande ernten können wie der 45jährige Georg Ferdinand Duckwitz, für den die Bundesrepublik in der letzten Woche das Agrément der dänischen Regierung erhielt. "Einen besseren Mann hätte man uns gar nicht anbieten können", lobte einstimmig die dänische Presse.
Die zweitgrößte Zeitung Dänemarks, die sozialliberale "Politiken" in Kopenhagen, die keinen Tag vergehen läßt, ohne gegen die Aufrüstung Westdeutschlands zu agitieren, schrieb begeistert: "Wir wollen Bonn geradezu beglückwünschen zu der Wahl des Duckwitz, wie wir ihn (den Botschafter) mit einer in der Diplomatensprache ungewöhnlichen Familiarität schlicht nennen wollen."
In der Tat ist das Bonner Auswärtige Amt mit dem Vorschlag, den Konsul I. Klasse Duckwitz als Nachfolger für den bisherigen Botschfter Dr. Wilhelm Nöldeke zu bestimmen, dem Wunsch einflußreicher Kreise Dänemarks nachgekommen. Bereits im Jahre 1949, als die Wiederaufnahme zwischenstaatlicher Beziehungen zu Dänemark - damals zunächst auf konsularischer Ebene - aktuell wurde, hatte Kopenhagens "Nationaltidende"*) in zweispaltiger Aufmachung gefragt: "Wird der ''Dr. X'' der Besatzungszeit (gemeint war Duckwitz) Konsul in Dänemark?"
Im Dezember 1949 mußte sich dann jedoch "Nationaltidende" aus Bonn berichten lassen, daß Duckwitz als Konsul in Dänemark nach Auskunft Bonner Amtsstellen "nicht in Betracht kommt". Erläuternd habe das Bundeskanzleramt erklärt, als Chefs der neuen deutschen Auslandsvertretungen kämen grundsätzlich keine Personen in Frage, die durch frühere Beziehungen zu dem Land, in dem sie neuerdings deutsche Interessen vertreten sollen, "sozusagen vorbelastet" seien.
So packte im Januar 1951 in seinem möblierten Zimmer in der Hamburger Johnsallee der ehemalige Wilhelmsstraßen-Diplomat und Nachkriegs-Staatsanwalt Dr. jur. Wilhelm Nöldeke seine Koffer, um als Generalkonsul nach Kopenhagen zu fahren, wo er wenig später in den Rang
eines Botschafters der Bundesrepublik erhoben wurde. Duckwitz wurde Leiter seiner Wirtschaftsabteilung. Im März 1953 wurde Duckwitz dann an die deutsche Handelsvertretung in Helsinki (Finnland) versetzt.
Im Gegensatz zu seinem Botschafter hatte Duckwitz damals in Kopenhagen keine Wohnungssorgen. Er behielt die Wohnung im Kopenhagener Vorort Lyngby, die er bereits während des Krieges, damals als Schiffahrts-Sachverständiger der großdeutschen Gesandtschaft in Kopenhagen, bewohnt und die er - mit Hilfe guter dänischer Freunde - auch nach dem Kriege gehalten hatte.
Dänische Freunde waren es auch gewesen, die verhindert hatten, daß Duckwitz nach der Befreiung Dänemarks durch die Engländer im Mai 1945 - wie alle anderen seiner Kollegen an der Deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen - verhaftet und interniert wurde. Statt dessen erhielt Duckwitz eine freie Aufenthaltsgenehmigung für Dänemark.
Die Gründe für solche Großzügigkeit der dänischen Widerstandsbewegung erläuterte Dänemarks sozialdemokratischer Parteiführer und heutiger Ministerpräsident Hans Hedtoft im "Arbejdernes Almanak 1945":
"Ist es denn erstaunlich, daß wir diesen Mann so hochschätzen und meinen, unendlich
tief in seiner Schuld zu stehen? Ich meine nicht allein politisch und national, sondern auch menschlich. Er gab uns mitten in einer dunklen, bösen und brutalen Zeit ... eine Bestätigung dafür, daß es auch unter den Deutschen noch Menschen, mutige und denkende Männer gab."
Dänemarks größte Provinz-Zeitung, die Aarhuser "Jyllands-Posten", meldete sogar 1948, Duckwitz, der einer Bremer Kaufmannsfamilie entstammt und mit einer Schweizerin verheiratet ist, habe seiner dem Lande erwiesenen Verdienste wegen die dänische Staatsbürgerschaft erhalten.
Mit dem heutigen Ministerpräsidenten und früheren Widerstandskämpfer Hans Hedtoft war Georg Ferdinand Duckwitz während des Krieges durch den Rittmeister im dänischen Generalstab Hans M. Lunding bekannt geworden*).
Über Hans Hedtoft lernte Duckwitz alsbald weitere Prominente der Untergrundbewegung kennen, so etwa - was ihn für seine bevorstehenden Aufgaben als deutscher Botschafter besonders prädestiniert - den heutigen Außenminister Hansen.
Den Respekt aller dieser Männer sicherte sich Duckwitz erstmals im September 1943, als er ihnen in einem Hinterzimmer des sozialdemokratischen "Folkets Hus" (Volkshaus) in Kopenhagen, Römersgade 22, mitteilte, daß die deutschen Besatzungsbehörden in der Nacht vom 1. zum 2. Oktober alle jüdischen Staatsbürger Dänemarks verhaften würden. Kaum 500 Juden konnte dann die Gestapo bei der Aktion festnehmen. Die restlichen 6500 entkamen mit dänischer und schwedischer Hilfe rechtzeitig über den Öresund nach Schweden.
Geheimer Treff im Auto
Auch die Bürger Kopenhagens sind Duckwitz wirklichen Dank schuldig. Im Sommer 1944 traten die Dänen gegen die deutsche Besatzung in einen "Volksstreik". Als Repressalie bereiteten daraufhin die Deutschen ein Artillerie-Bombardement auf gewisse Stadtteile der dänischen Metropole vor ("Operation Monsun").
Bei einem Treff, der in einem fahrenden Kraftwagen der Widerstandsbewegung stattfand, informierte Duckwitz seine Freunde von diesem Plan. Die Widerstandsbewegung veranlaßte daraufhin den damaligen Regierungschef Vilhelm Buhl, durch Rundfunk-Ansprachen auf die Bevölkerung mäßigend einzuwirken. Der Generalstreik verebbte, und den Kopenhagenern blieben die Granaten erspart.
Wie uneingeschränkt auch das Vertrauen der dänischen Widerstandskämpfer zu Duckwitz war, geht aus den Tagebüchern des damaligen schwedischen Gesandten in Kopenhagen, königlichen Kammerherrn
Gustaf von Dardel, hervor, der im Auftrage seiner Regierung mit den dänischen Widerstandskämpfern Kontakt hielt.
Dardel berichtet über eine geheime Kopenhagener Zusammenkunft des schwedischen Verteidigungsministers Allan Vougt mit dem dänischen Sozialistenführer Hedtoft und anderen dänischen Untergrund-Führern. Auch Georg Ferdinand Duckwitz war anwesend.
Die Begegnung fand in der Wohnung des Großkaufmanns Alfred V. Jensen statt, bei dem Hans Hedtoft illegal einquartiert war. Die Gäste, soweit sie auf der Fahndungsliste der Gestapo standen, wagten nur über das Dachgeschoß des Nachbarhauses in die Wohnung einzusteigen.
Duckwitz begegnete bei der Versammlung dem Ingenieur Herman Dedichen, dem Stellvertreter des dänischen Organisators für die Einschleusung illegaler englischer Waffensendungen. Dardel: "Die beiden kannten einander noch nicht. Als man Duckwitz erklärte, wer Dedichen sei, war ich doch für einen Augenblick beunruhigt. Beide führten später ein längeres und anscheinend angenehmes Zwiegespräch."
"Niemand zündet ein Licht an"
Ingenieur Dedichens Vorgesetzter in der Untergrundbewegung, Flemming Muus, sah in Duckwitz alsbald auch seinen Freund. In seinen Kriegserinnerungen ("Niemand zündet ein Licht an") heißt es:
"Duckwitz war uns schon lange sehr nützlich gewesen. Jetzt teilte er (dem Organisator für die britischen Waffensendungen auf der Insel Seeland, dem damaligen Hauptmann und jetzigen Oberstleutnant) Svend SchjØdt-Eriksen mit, daß die Deutschen alle Angaben für meinen Steckbrief beisammen hätten - mein Aussehen, meinen Gang und die deutlich sichtbaren Operationsnarben hinter meinen Ohren."
Von vornherein hatte Duckwitz auch mit schwedischen Stellen gute Beziehungen angeknüpft. Dabei half ihm, wie Dardel berichtet, der frühere Legationssekretär an der Kopenhagener Schweden-Botschaft und heutige Generalkonsul in Hamburg, Nils-Eric Ekblad, während deutscherseits der damalige Schiffahrts-Sachverständige an der Deutschen Gesandtschaft in Stockholm, Reeder und Hapag-Aufsichtsratsmitglied Dr. jur. Heinrich F. H. Riensberg, seinem Kopenhagener Kollegen Duckwitz mit Kontakten behilflich war.
Noch kurz vor Kriegsende, im April 1945, machte Duckwitz eine Reise nach Stockholm. Freiherr von Dardel bezeichnet sie in seinen Tagebüchern als ein weltgeschichtliches Ereignis: "Durch den bekannten schwedischen Bankier Jacob Wallenberg, der wiederum mit Dr. Riensberg in Verbindung stand, erhielt die britische Gesandtschaft in Stockholm von Duckwitz Informationen, die das Ergebnis von vor langer Zeit eingeleiteten Vorbereitungen und Verhandlungen mit dem Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann waren. Kaufmann hatte sich in seiner Eigenschaft als Reichsverteidigungskommissar bereit erklärt, den deutschen
Widerstand in Norddeutschland einzustellen, sobald die britischen Truppen einen bestimmten Punkt an der Elbe erreicht hätten."
Diese Informationen wurden von Stockholm über London an den Oberbefehlshaber der britischen Truppen, Feldmarschall Montgomery, weitergegeben. Alt-Parteigenosse Duckwitz, der mit Gauleiter Kaufmann selbst gut bekannt war, hatte sie von Hamburger Parteifreunden erhalten.
Im Glanze all dieser Verdienste wird es der neue Botschafter der Bundesrepublik in Kopenhagen, Georg Ferdinand Duckwitz, nicht nötig haben, bei der Überreichung seines Beglaubigungsschreibens an König Frederik IX. in Schloß Amalienborg auf das bei solchen Anlässen übliche feierliche Zeremoniell zu verzichten. Um dänische Gefühle zu schonen, hatte sein Vorgänger Nöldeke, der jetzt die Altersgrenze erreicht hat, 1951 ausdrücklich gebeten, von dieser Gepflogenheit abzusehen.
Georg Ferdinand Duckwitz wird mit dem Kreuz eines Kommandeurs des Danebrog-Ordens (Devise: "Gott und der König") geschmückt vor dem König stehen. Frederik IX. verlieh diese hohe dänische Auszeichnung dem neuen Vertreter deutscher Interessen in Kopenhagen bereits im Jahre 1953.
*) Inzwischen in "Dagens Nyheder" umbenannt.
*) Rittmeister und Abwehr-Offizier Lunding wurde 1943 von den deutschen Besatzungsbehörden verhaftet und bis Ende des Krieges (zusammen mit dem Chef der deutschen Abwehr, Admiral Canaris, und anderen) im Konzentrationslager Flossenbürg festgehalten. Von 1946 bis 1950 war dann Lunding beauftragt, die dänischen Interessen im deutschen Grenzgebiet als Verbindungsoffizier des Außenministeriums in Kopenhagen zu den britischen Besatzungsbehörden in Schleswig-Holstein wahrzunehmen. Flensburg war damals sein Dienstsitz. Heute ist Lunding Oberst im dänischen Generalstab und Chef der militärischen Spionage-Organisation Dänemarks.

DER SPIEGEL 4/1955
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