19.01.1955

WESTINDIEN / LEPRAUrlaub auf Ehrenwort

Als die Polizeibarkasse vertäut wurde, standen mehr als tausend Einwohner von Port of Spain, der Hauptstadt der britischen Kolonial-Insel Trinidad, am Kai. Sie waren gekommen, den Mann zu sehen, der ihnen über Weihnachten und Neujahr heimlich 160 Aussätzige auf den Hals geschickt hatte.
Dr. Michael G. Corcos, der abgesetzte Leiter der von der Kolonialverwaltung
eingerichteten Lepra-Station auf der kleinen Insel Chacachacare vor der Nordwestküste von Trinidad, beachtete die schwarzen, braunen und weißen Gesichter der Gaffenden nicht. Mit der hochmütiggelangweilten Miene, die nur Briten auch in peinlichen Situationen zur Verfügung steht, kletterte er aus der Barkasse und bestieg einen Wagen, der ihn zum Queen''s Park Hotel brachte. Dort logierte er sich mit Ehefrau Bettina und drei Kindern standesgemäß für 160 Mark pro Tag auf Staatskosten ein.
Zur gleichen Zeit bemühten sich Dr. A. Peat, der Direktor des Gesundheitsdienstes in der britischen Kolonie Trinidad*), und Dr. Young Lao, der Nachfolger des Dr. Corcos, vergeblich um das Vertrauen der 300 auf Chacachacare isolierten Leprakranken. "Wir wollen unseren Doktor wieder haben! Entweder den oder gar keinen!" klang es den beiden Regierungsärzten in Sprechchören entgegen. Die Aussätzigen weigerten sich beharrlich, ihren Sitzstreik abzubrechen.
Sie hatten allen Grund, für die Rückkehr ihres alten Chefbetreuers zu demonstrieren. Denn als Dr. Corcos im November vergangenen Jahres die Leitung von Chacachacare übernommen hatte, war sofort eine Reihe von Verboten aufgehoben worden, die das tragische Los der Isolierten bis dahin erschwert hatte.
Zum Entsetzen der altgedienten Barmherzigen Schwestern vertrat der von einer Leprastation im westafrikanischen Nigeria kommende Dr. Corcos den revolutionären Standpunkt, die Ansteckungsgefahr der Lepra werde weit überschätzt. Es sei eine verantwortungslose Konzession an den Aberglauben tropischer Völker, wenn man die Kranken wie Ausgestoßene behandele
und sie von der Umwelt hermetisch abschließe.
Die Barmherzigen Schwestern schüttelten heimlich den Kopf über so neumodische Thesen. Aber in Demut vor der Weisheit des Vorgesetzten schwiegen sie.
Sie schwiegen auch, als der junge Arzt kurz vor Weihnachten der Theorie die Tat folgen ließ und 160 seiner Patienten zu einem vierzehntägigen Urlaub auf Ehrenwort zu ihren Familien nach Trinidad schickte. Natürlich genossen die Urlauber ihre zwei Wochen Freiheit nicht nur im trauten Familienkreis, sondern auch in in Tanzlokalen, Kinos und Kneipen.
Am 8. Januar sollten die Beurlaubten wieder zurück sein. Dr. Corcos zählte die Häupter seiner in die Station heimgekehrten Lieben. 159 waren zur Stelle. Nur eine achtzehnjährige Mulattin fehlte. In aller Unschuld ersuchte der Arzt die Polizei von Trinidad, nach dem verlorenen Schäflein Ausschau zu halten.
Fünf Minuten später wußte Gouverneur Sir Hubert Rance von der eigenmächtigen Aktion des Dr. Corcos. Nach weiteren fünf Minuten hatte der Vertreter der Krone die Anordnung unterschrieben, daß Dr. Corcos durch Dr. Young Lao abgelöst sei und sich bis zum Eintreffen eines endgültigen Entscheids vom Londoner Kolonialministerium in Port of Spain zur Verfügung zu halten habe.
Als jedoch Dr. Young Lao und Dr. A. Peat, der Chef des Sanitätswesens der Kronkolonie Trinidad, auf Chacachacare eintrafen, weigerte sich Dr. Corcos entschieden, dem Befehl des Gouverneurs Folge zu leisten. Er sei nicht der Kolonialregierung von Trinidad für seine Maßnahmen Rechenschaft schuldig, sondern einzig und allein Ihrer Majestät der Queen im fernen London.
Unverrichteterdinge mußten die beiden Regierungsärzte wieder abziehen. Am nächsten Morgen versuchten sie ihr Glück aufs neue. Diesmal empfing sie ein Proteststurm
der Aussätzigen, die sich wie ein Mann hinter ihren Doktor stellten.
Am Montag vergangener Woche rückten Dr. Peat und Dr. Lao schließlich mit schwerbewaffneten Polizisten an, um sowohl die Kranken als auch den jungen Kollegen zur Raison zu bringen. Den armen schwarzhäutigen Polizeibeamten standen Angsttropfen auf der Stirn.
Nach langem Hin und Her nahm Dr. Corcos unter Protest mit seiner Familie in der Barkasse Platz, die ihn nach Port of Spain bringen sollte. Die 300 Kranken aber weigerten sich, von nun an noch einen einzigen Handgriff bei den täglichen Routine-Arbeiten zu tun.
Auf der Terrasse des eleganten Queen''s Park Hotels in Port of Spain grübelt Dr. Michael G. Corcos nun darüber nach, wie er die konservativen Kolonialbeamten von Trinidad von den Ergebnissen der jüngsten Lepraforschung überzeugen kann.
Noch vor zwanzig Jahren standen die Spezialisten für Tropenkrankheiten auf dem Standpunkt: "Einmal aussätzig - für immer aussätzig." Weltweite Untersuchungen der "British Empire Leprosy Relief Association" haben inzwischen ergeben, daß die zwangsweise Abkapselung jedes an Lepra*) Erkrankten weit über das wissenschaftlich Gebotene hinausgeht und mehr Schaden als Nutzen bringt. Aus Angst, in ein Isolierungslager gebracht zu werden, meldet sich kein Befallener freiwillig. Dabei ist die Lepra im ersten Stadium häufig durch die Injektion eines Extraktes von Hydnocarpus-Öl zum Stillstand zu bringen oder auch zu heilen.
Da die Lepra entgegen der allgemeinen Annahme nicht erblich und auch nur in zwanzig Prozent aller Fälle ansteckend sei - so behauptet H.S.M. Hoare, der Generalsekretär der "British Empire Leprosy Relief Association" - , müsse man ihre furchtbaren Folgen für den Befallenen in erster Linie auf sozialer Ebene bekämpfen. Es gelte, die Menschen in den Tropen dazu zu bringen, überholte Anschauungen zu revidieren und "Aussätzige", bei denen keine Ansteckungsgefahr besteht, in der Gemeinschaft zu dulden.
Die Londoner Studienzeit des Dr. Michael G. Corcos stand im Zeichen dieser Lehre. Es will ihm nicht in den Kopf, daß in der Kolonie Trinidad die von ihm getreulich praktizierte Methode nur bei den Kranken selber Anklang gefunden hat.
*) Die Insel Trinidad vor der Küste des südamerikanischen Staates Venezuela hat rund 650 000 Einwohner. Die Bevölkerung besteht fast zur Hälfte aus Negern und deren Mischlingen, ein Drittel sind eingewanderte asiatische Inder und der Rest Chinesen und Weiße. Die Hauptstadt Port of Spain hat rund 109 000 Einwohner.

DER SPIEGEL 4/1955
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