02.02.1955

WIEDERBELEBUNG / MEDIZIN

Der Tote schrie

Die Mitglieder der Französischen Medizinischen Akademie applaudierten lange und respektvoll. Ihr Doyen, Dr. Leon Binet, hatte ihnen gerade geschildert, wie er einen Hund eine Dreiviertelstunde nach dessen Tod durch Herzmassage wiederbelebt und voll lebensfähig gemacht hatte.

Als der Beifall verrauscht war, erhob sich der Professor der Chirurgie an der Medizinischen Hochschule der Universität Paris, Dr. Chevassu, und sagte, auch er habe zur Diskussion der Wiederbelebung klinisch toter Lebewesen ein interessantes Beispiel beizusteuern.

Nun wußte jeder der Anwesenden, daß der Dr. Maurice Chevassu ein praktischer Chirurg ist, der seine Experimente auf dem Operationstisch und in der Anatomie macht, nicht aber in einem Labor. Ein Flüstern des Erstaunens und der Erwartung klang deswegen durch den Raum.

Es war Dienstag vergangener Woche im großen Sitzungssaal der Medizinischen Akademie in Paris, und die anwesenden Mitglieder versicherten später, daß ihnen dieser 25. Januar 1955 als Tag der größten Sensation in der Geschichte der modernen Medizin im Gedächtnis bleiben werde. Der Chirurg Chevassu begann mit dem Satz: "Ich habe einen durch einen Messerstich mitten ins Herz Getöteten wiederbelebt."

In dem lauter und lauter werdenden Raunen hörte man eine Stimme: "Ich entsinne mich an einen Film, in dem so etwas konstruiert wurde*)."

Professor Chevassu fuhr fort: "Ich will Ihnen einen vollständigen Bericht über den Fall geben. Ich hatte Bereitschaftsdienst in einem großen Hospital, als ein Mann eingeliefert wurde, der einen Messerstich mitten ins Herz erhalten hatte. Als ich den Mann sah, war er schon tot. Ich untersuchte ihn gründlich und stellte einwandfrei alle Zeichen des klinischen Todes fest. Angesichts der Leiche urteilte ich, daß alle weiteren Bemühungen nutzlos seien, da Herz und Blutkreislauf vollkommen zum Stillstand gekommen waren. Ich gab daher die Leiche frei.

"Auf dem Rückweg in mein Dienstzimmer kam mir jedoch ein Gedanke: Der Mann war gerade gestorben, er war noch nicht kalt, er war vielleicht fünf, vielleicht zehn Minuten tot, sicher nicht viel länger. Auf die Gefahr hin, für einen Narren gehalten zu werden - ich sollte doch versuchen, ihn wiederzubeleben!"

Mit diesem Vorsatz ging der Chirurg in den Raum, in dem die Toten für die Aufbahrung in der Leichenkammer des Hospitals hergerichtet werden. "Bringen Sie ihn hinunter!", sagte er zu einer Schwester. "Wohin? In die Leichenkammer? Das wollen wir ja gerade tun!" Chevassu: "Nein, in den Operationssaal!"

Der gebannt lauschenden Versammlung berichtete der Arzt: "Die Krankenschwester starrte mich an, wie vor den Kopf geschlagen. Sie glaubte, ich sei verrückt geworden. Trotzdem führte sie die Anweisung aus."

Als die Leiche schließlich auf dem Operationstisch lag, waren seit der ersten Untersuchung im Hospital etwa zehn Minuten vergangen; der Mann war also wenigstens eine Viertelstunde, wenn nicht gar länger als 20 Minuten tot. "Ich hatte kaum Zeit", berichtete Dr. Chevassu der Akademie, "die Gummihandschuhe überzustreifen und etwas Jodtinktur auf die Brustwunde des Körpers zu pinseln - der Körper war so eben noch lauwarm." Chevassu legte zunächst das Herz frei und nähte die drei Zentimeter lange Herzwunde. Dann erst begann er das Herz zu massieren. Er massierte mehrere Minuten langsam und regelmäßig mit kräftigen Bewegungen. "Es dauerte einen langen, einen sehr langen Augenblick, bis ich eine schwache Bewegung des Herzens spürte."

Nun kam der schreckliche Augenblick zwischen Tod und Leben: Der Körper und die Gesichtszüge des eben noch toten Mannes verkrampften und verzerrten sich. Während das Herz unter den Händen des Arztes weiterschlug, richtete sich der Körper auf. Der "Tote" brach in ein heulendes Schmerzensgeschrei aus.

Der bei der Operation assistierende Internist stieß einen Schrei des Grauens aus, schlug die Hände vor das Gesicht und

stürzte aus dem Saal. Nur die Operationsschwester harrte, am ganzen Körper zitternd, bei ihrem Chef aus, der sich mühte, das nun flackernd schlagende Herz zu halten und vor den wilden Bewegungen des Wiederauflebenden abzuschirmen. "Schnell, halten Sie ihn und geben Sie ihm Chloroform!", rief er der Operationsschwester zu. Während sie mit einer Hand den Oberkörper des Mannes hielt, öffnete sie mit der anderen die Chloroformflasche und träufelte etwas von der Flüssigkeit auf einen Wattebausch. Der Arzt drückte ihn dann auf Mund und Nase des Tobenden: "Eine andere Art der Betäubung war nicht möglich. Der Patient, der mit einem Herzschlag wieder über die Schwelle zwischen Tod und Leben herübergeschlüpft war, sank zurück."

Der Körper zuckte noch eine Weile. Der Arzt massierte das Herz, und nach einigen Minuten wurden Herzschlag und Atmung ruhiger, und wenn auch noch nicht regelmäßig, so doch zusammenhängend. Die Operationswunde in der Brust konnte zugenäht und der Verband angelegt werden. Wenig später schlief der Operierte ruhiger unter der Wirkung des Chloroforms.

"Nach seinem Erwachen am nächsten Tag hat mir der Mann alle Einzelheiten des Mordes bis zur letzten Sekunde richtig wiedergegeben; ein Beweis dafür, daß sein Gehirn und Nervensystem auch nach dem Eintritt des klinischen Todes voll funktionierten ... Ich vermute, daß diese außerordentliche

Widerstandskraft auf den Umstand zurückzuführen ist, daß man dem Ermordeten bei der ersten ärztlichen Hilfe keinerlei Betäubungsmittel gegeben hatte, weil man ihn für schon tot oder sterbend gehalten hat - was ja auch richtig war."

Mit dieser erstaunlichen Feststellung schloß der Professor Chevassu seinen Bericht und stellte als Konsequenz seines Erfolges die Forderung auf, "daß keiner von uns vor dem Versuch zurückschrecken darf, einen Toten nachträglich zu retten; selbst dann nicht, wenn der Arzt annehmen muß, daß die Zerstörung der ''edlen Organe'', besonders des Gehirns schon begonnen hat und folglich für den Fall einer Wiederbelebung Funktionsstörungen des Nervensystems zu befürchten sind".

"Solche Störungen müssen durchaus nicht endgültig sein", sekundierte Doyen Dr. Binet, "meist werden sie drei Tage nach ihrem Eintreten wieder nachlassen und schließlich ganz verschwinden. Eine Neuregelung des Kreislaufes setzt ein, die das Nervensystem wieder ordnet."

Die Akademie nahm den Bericht des Professors Chevassu mit enthusiastischem Beifall auf. Ein in alle Einzelheiten gehender Bericht soll herausgegeben werden, denn bisher hat Chevassu den Namen des Wiedererweckten und alle persönlichen Daten zurückgehalten.

*) In dem französischen Film "Unter dem Himmel von Paris" (siehe Photo).

DER SPIEGEL 6/1955
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