09.02.1955

HEIMKEHRER / SCHÖRNER

Der laute Kamerad

(s. Titel)

Auf dem Fernbahnsteig des Schlesischen Bahnhofs in Ostberlin stand am Vormittag des 17. Januar 1955 eine Gruppe von Herren, deren sorgfältig gepflegte Kleidung sich merklich gegen das Einheitsgrau der üblichen Sowjetzonen-Garderobe abhob. Die Herren warteten auf den Expreß aus Moskau, der schon zwei Stunden Verspätung hatte. Es waren ehemalige Offiziere der deutschen Wehrmacht, an ihrer Spitze der Generalmajor außer Diensten Martin Lattmann, jetzt stellvertretender Chef der Fachverwaltung Motorisierung der Kasernierten Volkspolizei.

In einem Schlafwagenabteil des Zuges, der gerade über die Weichen vor dem Schlesischen Bahnhof rollte, machte sich indessen ein etwas kurzatmiger, rundlicher Mann mit weißem Spitzbart im geröteten Gesicht und Hornbrille zum Aussteigen bereit. Es war der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Union und Stellvertreter des Ministerpräsidenten der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik, Otto Nuschke.

Nuschke, 71, kehrte aus einem Waldsanatorium für Sowjetprominente in der Nähe von Moskau zurück. Er hatte sich dort eine Arteriosklerose erfolgreich mit Jod-Spritzen behandeln lassen.

Aber die Offiziere auf dem Fernbahnsteig des Schlesischen Bahnhofs warteten gar nicht auf den Minister, sondern auf einen Mann, den die Sowjets als Kriegsverbrecher verurteilt und nun begnadigt hatten. Dieser Mann saß in einem Salonwagen-Abteil neben dem Coupé Nuschkes: Es war der Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner.

Während der Nachkriegsjahre war der Name Schörner in Zeitungsmeldungen mehrmals aufgetaucht. Am 11. Oktober 1950 schrieb der Londoner "Daily Telegraph":

In London eingegangene Berichte besagen, daß deutsche Kriegsgefangene aus Rußland einschließlich eines Generals bei den Angriffsoperationen der Nordkoreaner eine Rolle gespielt haben... Anscheinend hat General Schörner aus Korea Briefe geschrieben, aus denen hervorgeht, daß er als Berater dem nordkoreanischen Oberkommando zugeteilt ist.

Am 29. Juni 1951 berichteten die "Lübecker Nachrichten" über Schörner:

Die Volkskommissariate für Auswärtige Angelegenheiten und für Landesverteidigung holten ihn zu Besprechungen ... Kommandierung in eine sowjetische Infanterieschule, wo Schörner als Lehrer für Angriffstaktik und Truppenführung wirkte ... erfuhren aber seine Kameraden, daß er tatsächlich von Stalin empfangen worden war.

Am 10. Mai 1952 schließlich wußte das "Echo der Woche", das damals Hans Habe zum Chefredakteur hatte:

Feldmarschall Ferdinand Schörner arbeitet als sowjetischer Agent im Mittleren Osten, erklärt der englische Journalist Anthony Terry; sowjetische Dossiers... (existieren), wonach Schörner eine eigene "Arabische Legion" mit vierzigtausend Mann kommandieren und über erhebliche Waffenbestände aus ehemals deutschem Besitz verfügen soll ...

Das war fast alles, was in den Nachkriegsjahren von Schörner zu hören gewesen war. Nun glitt der Moskau-Expreß in den Schlesischen Bahnhof und hielt. Lattmann und seine Begleiter begrüßten ihren alten Kameraden Schörner herzlich.

Ferdinand Schörner blieb aber nicht in Berlin. Er wurde nach Dresden weitergeleitet

und dort im Hotel "Astoria" einquartiert. In Dresden wohnt auch Generalfeldmarschall Paulus.

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, den Ferdinand Schörner zu überreden, in der Sowjetzone zu bleiben. Vier Tage nach seiner Ankunft in Berlin schrieb das SED-amtliche "Neue Deutschland" noch:

Den Bonner Militaristen ist es peinlich, wenn ehemalige Offiziere der Hitler-Wehrmacht, wie Paulus und neuerdings Schörner und Voss, aus sowjetischer Gefangenschaft zurückgekehrt, ihren Wohnsitz in der Deutschen Demokratischen Republik nehmen ...

Aber Schörner wollte nach Bayern weiter. Vom Dresdner Hotel "Astoria" aus rief er seine Tochter Anneliese in München an und besprach die Weiterreise in die Bundesrepublik. So blieb dem Generalmajor außer Diensten Lattmann nur noch der resignierende Kommentar: "Der Bursche will nicht."

Alte SED-Funktionäre waren indes über Schörners Entschluß, nach Westen weiterzureisen, keineswegs so ärgerlich wie ihre neuen Genossen von der Kasernierten Volkspolizei, die alten Wehrmachtsoffiziere. Denn in der ganzen DDR hatte es etwas höchst Unangenehmes gegeben: eine spontane Protestwelle gegen Schörner. Verstörte Klein-Funktionäre riefen empört bei den SED-Zentralen an und fragten, wieso man denn den als "Bluthund" verschrienen Schörner auf einmal so feiern könne. Chefredakteur Girnus vom "Neuen Deutschland" beschwichtigte diskret: "Wir schieben ihn doch ab."

Die Sowjetzonenpresse hatte die undankbare Aufgabe, klarzumachen, daß ein faschistischer Bluthund und Kriegsverbrecher sich in sowjetischen Lagern und

Cefängnissen sehr wohl zu einem verehrungswürdigen Freund des Weltfriedenslagers verwandeln kann.

Was in der Sowjetzone an Volkswut krampfhaft unterdrückt wurde, das kam in der Bundesrepublik mit trompetenden Schlagzeilen der Groschenblätter ganz groß heraus: die Empörung aller ehemaligen Landser über den "blutigen Ferdinand", den "letzten Tyrannen von Athen", den "Schrecken der Eismeerstraße" und den "Schlächter von Riga", den "Kriegsverlängerer von Prag", der nun ausgerechnet von den Bolschewisten begnadigt worden sei.

Als Schörner in der sowjetischen Zone bleiben zu wollen schien, erfanden agile West-Propagandisten gleich eine hübsche Methode, diese Volkswut auf die Volkspolizei zu übertragen. "Bonner Abwehrkreise", so hieß es am 19. Januar, sahen Schörner schon auf "einem hohen Posten bei den sowjetzonalen Streitkräften". Der Feldmarschall werde "mit Vorlesungen für den sowjetzonalen Offiziersnachwuchs an der Dresdner Kriegsakademie" beginnen und außerdem aktiv in die Propaganda gegen die Pariser Verträge eingespannt werden.

Die gutbürgerliche "Frankfurter Allgemeine Zeitung" warf dem Ferdinand Schörner sogar vor, daß er überhaupt noch lebe: "Schörner ... hat den Mut nicht gefunden, seinem Leben nach dem Zusammenbruch ein Ende zu bereiten ... Wir zweifeln nicht daran, daß Schörner ein ebenso guter Bolschewik werden kann, wie er ein fanatischer Anhänger und Verehrer Hitlers war. Vielleicht wird er nun der Volkspolizei Disziplin beibringen ..."

Der Schörner-Wirbel rotierte. Das Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes

wies die deutsche Presse intern darauf hin, "daß eine Polemik gegen einzelne Heimkehrer in der Öffentlichkeit von den sowjetischen Stellen zum Anlaß genommen werden könnte, die Heimführung anderer noch zurückgehaltener Gefangener zu verzögern oder diese Verzögerung zu begründen. Um solche Auswirkungen im Interesse aller Gefangenen und ihrer Angehörigen zu vermeiden, würde das DRK Zurückhaltung in der publizistischen Behandlung des Falles Schörner begrüßen."

Aber es war zu spät. Ein Sprecher des "Verbandes deutscher Soldaten" erklärte, der Verband werde die Maßnahmen zuständiger Behörden unterstützen und bei seinen Mitgliedern Material über Schörner sammeln. In einem Aufruf hatte der Verband den Ferdinand Schörner vorher als gewissenlosen Hitler-Satrapen gebrandmarkt.

Es gibt aber Verbandsmitglieder, die damit nicht einverstanden sind. Schörner gelte solange in erster Linie als heimgekehrter Kamerad, wie ihm keine Verstöße gegen die damals geltenden Gesetze nachgewiesen werden könnten.

Damit wurde die Frage aufgeworfen, ob Schörner ein verbrecherischer Außenseiter in der Generalität war oder ein kalter Techniker der Kriegführung Hitlerscher Provenienz, der den Rahmen nationalsozialistischen Kriegsrechts voll ausfüllte.

Der Lehramtsbewerber

Der Mann, dessen Führungsmaxime "Kraft durch Furcht" hieß, war nicht nur ein Produkt der Umstände der letzten Kriegsjahre. Der Mensch Schörner war vom Grunde her so angelegt.

Der Sohn eines Münchner Polizei-Oberinspektors hat seine kleinbürgerliche Herkunft nie verwunden. Zeit seines Lebens vermied er es, seine Eltern auch nur gesprächsweise zu erwähnen. Der Volksschullehramtsbewerber mit Obersekunda-Reife diente 1911/12 als Einjährig-Freiwilliger im Bayerischen Leibregiment München. Bei Kriegsbeginn war er Unteroffizier der Reserve. Im November 1914 avancierte er zum Vizefeldwebel der Reserve und wurde als Offiziersstellvertreter beim Sturm auf die Festung Fleury im Verdun-Massiv schwer verwundet.

Er war Leutnant und Führer der 12. Kompanie des Leibregiments, als im Oktober 1917 während der Piave-Schlacht das Kriegsglück den schon damals zur Selbstüberhebung neigenden Schörner nachhaltig überschnappen ließ.

Schörners Kompanie hielt vor dem Bergmassiv des Monte Matajur, dessen Festungswerk von einer zahlenmäßig stark überlegenen italienischen Einheit besetzt war. Professionelle Bergsteiger seiner Mannschaft schlugen dem Kompanieführer Schörner vor, das Werk im Schutze der Dunkelheit anzugehen. Schörner entschloß sich. Die Kompanie kletterte durch eine Lücke des Drahthindernisses in die italienische Stellung hinein. Bei Tagesanbruch ergaben sich 300 erschrockene Italiener ohne Gegenwehr.

Leutnant der Reserve Ferdinand Schörner wurde für das Bravourstück zum Orden Pour le Mérite eingegeben, obwohl Hindenburg eine so hohe Auszeichnung junger Subaltern-Offiziere als "charakterschädigend" ablehnte. Schörners Regimentskommandeur, Oberst von Bothmer, schrieb in den Auszeichnungsvorschlag: "Er ... hat durch unermüdliche, zielbewußte Tätigkeit verstanden, seine Kompanie in vorzüglicher Verfassung zu erhalten." Dieser Satz umschrieb damals schon alles, was später den Feldmarschall Schörner ausmachte.

Mit dem Pour le Mérite dekoriert, entschloß sich Schörner, die Schulmeisterlaufbahn mit der des aktiven Offiziers zu vertauschen. Ein Leutnant mit Pour le Mérite war auch nach dem verlorenen Kriege für die neue Reichswehr attraktiv. Es gab nur 101 bürgerliche Subaltern-Infanteristen mit Pour le Mérite. Schörner wurde übernommen.

Noch zwanzig Jahre später konnte der inzwischen General gewordene Erstürmer des Monte Matajur es nicht ertragen, daß er seinen Ruhm mit einem anderen teilen mußte. Nach der Niederlage Frankreichs gehörte Schörner als Führer der 6. Gebirgsdivision zu dem Armeekorps, dem auch die 7. Panzerdivision Rommels unterstand. Die beiden Generale gingen stets grußlos aneinander vorüber. Der eine verließ den Raum, den der andere betrat.

Gemeinsame Lagebesprechungen im Korpsgefechtsstand waren praktisch unmöglich.

Der Grund: Der Oberleutnant Rommel hatte 1917 gleichzeitig mit Schörner, aber von der entgegengesetzten Seite, den Monte Matajur bei Tolmein angegangen. Rommel hatte auf dem Wege zur Bergspitze zwei italienische Regimenter überrascht und gefangengesetzt. Er bekam ebenfalls den Pour le Mérite, und von Stund an behaupteten beide voneinander, der andere habe diese hohe Auszeichnung zu Unrecht bekommen.

Stecken Sie zwei Häuser an!

Abgesehen von diesem Streit, hatten die beiden einiges gemein: Rommel und Schörner bestanden beide die Wehrkreisprüfung nicht und wurden deshalb nicht zum Generalstabsdienst zugelassen, sondern als Taktiklehrer an die Infanterieschule (später Kriegsschule) Dresden kommandiert. In ihren Erziehungsgrundsätzen aber und in der Behandlung der Fahnenjunker unterschieden sie sich. Rommels Grundsatz: "Wer den Degen führt, muß ein Herz haben." Schörners Motto: Die Angst vor dem Vorgesetzten muß größer sein als die Angst vor dem Feind.

Ein Kamerad, der Schörner auf dem Weg zum Taktiklehrer begleitete, urteilt heute über den Schörner jener Zeit: Er war "ein etwas lauter Kamerad, er arbeitete schnell, zuverlässig und besser als die anderen. Streberische Neigungen waren erkennbar, und so hielt man sich von dem lebhaften Kameraden fern ..."

So schroff Schörner gegenüber Kameraden und Untergebenen war, so penetrant liebenswürdig zeigte er sich gegen Vorgesetzte und deren Adjutanten.

Als Taktiklehrer offenbarte Schörner schon alle jene Eigenschaften, die den späteren Befehlshaber zu einem Schrecken für seine Untergebenen werden ließen. Da war zunächst sein primitiver Ordnungssinn. Schörners Unterricht vermittelte ödesten Schematismus. Er erzog nicht zum elastischen Entschluß, sondern zur Befolgung starrer Befehlsmuster*).

Im übrigen tat der Taktiklehrer Schörner alles, um die jungen Fahnenjunker zu Landsknechten heranzubilden. Dabei ließ er sich sogar etwas Originelles einfallen. Er stellte seinem Hörsaal eine taktische Aufgabe, die für den späteren Scheiterhaufen-Fanatiker bezeichnend war:

"Ein Infanteriebataillon ist auf dem Marsch und bekommt den Befehl, in A-Dorf Ortsunterkunft zu beziehen. Gleichzeitig erfährt der Bataillonsführer, daß das Dorf bereits von einem Bataillon des Nachbarregiments belegt ist. Was machen Sie?"

Ein Fahnenjunker antwortet: "Ich schicke den Adjutanten voraus mit dem Auftrag, mit dem Bataillonskommandeur des Nachbarregiments zu verhandeln, der dann mit seinem Bataillon zusammenrücken wird, so daß beide Bataillone Unterkunft in A-Dorf finden können."

Schörner: "Völlig falsch. Es gibt keinen Bataillonskommandeur, der für ein anderes Bataillon Platz macht. Sie müssen folgendes machen: Sie schicken eine Gruppe voraus mit dem Auftrag, das Haus am Dorfeingang und das Haus am Dorfausgang anzuzünden. Wenn diese beiden Häuser

lichterloh brennen, wird das Bataillon im Dorf von einer Panik befallen und räumt freiwillig."

Schörners Leidenschaft fürs Feuer, ein würdiges Untersuchungsobjekt für den Psychiater, läßt ihn später, im Kriege, nicht los. Noch der Oberbefehlshaber der Festung Kurland sorgt dafür, daß seine Truppe nicht verweichlicht, indem er Schreibtische, Sofas, Sessel, Matratzen, Betten, die er für überflüssig hält, auf den Straßen zusammentragen und anzünden läßt. Bei solch einem Klamotten-Autodafé ging auch einmal der Koffer eines Kommandierenden Generals in Flammen auf.

Das Schlürfen des Generals Geiger

Ein anderes Beispiel für Schörners Pyromanie: Eine der drei Funkstellen einer Panzerdivision ist defekt und wird zur Reparatur nach Libau, einem der beiden freien Häfen der Heeresgruppe in Kurland, kommandiert. Auf dem Weg dorthin muß der Funkwagen an einer Straßenkreuzung stoppen. Vor dem Wagen steht hochaufgerichtet der Generaloberst Schörner. Der Funkmeister springt heraus und meldet. Schörner verlangt den Marschbefehl. "Nach Libau wollen Sie, steht hier. Quatsch, türmen wollen Sie."

Schörner geht um den Wagen, reißt eine Tür auf, drei Äpfel rollen ihm entgegen. Er greift nach einem und beißt hinein, wie er das bei allem Eßbaren tut, das ihm bei seinen Inspektionen in die Finger fällt. Im Innern des Funkwagens sieht er eine Waschschüssel und ein Kissen. Beides läßt er von einem Feldgendarmen in den Wald am Straßenrand tragen.

Den Funkmeister fährt er an: "Wehe, wenn Sie das Zeug wiederholen." Dann: "Haben Sie jetzt genug?" "Herr Generaloberst, ich habe den Auftrag, nach Libau zu fahren."

Schörner: "Wer hat den Marschbefehl überhaupt unterschrieben?" - "Der Erste Generalstabsoffizier." - "Dann bestellen Sie dem Ersten Generalstabsoffizier, daß die Verkehrsdisziplin seiner Division schon lange zu wünschen übrigläßt."

Danach dreht Schörner sich zu seinem zweiten Feldgendarmen um und befiehlt: "Sprit!" Der Gendarm schleppt einen Benzinkanister mit zwanzig Litern heran. Schörner übergießt den Funkwagen eigenhändig und zündet ihn an. Die Panzerdivision verfügt fortan bis zum Kriegsende nur noch über zwei Funkstellen.

Solche Hemmungslosigkeit war nicht der Ausdruck überschäumender Kraft, sondern ein Zeichen nervöser Überreiztheit. Dieser Mann, der auch in normaler Unterhaltung mit tiefer Baßstimme brüllte, war auf groteske Weise geräuschempfindlich. Schon als er noch Lehrer auf der Kriegsschule war, verließ er während schriftlicher Arbeiten seiner Zöglinge oft den Hörsaal, weil ihm das Kratzen der Federn auf dem Papier unerträglich war. Im Felde ließ er bellende Hunde erschießen. Posten, die vor seinem Fenster husteten, wurden bestraft.

Der Erste Generalstabsoffizier einer Panzerdivision wird von Schörner ins Hauptquartier zum Abendessen eingeladen. Es gibt keine Suppe, sondern gleich den Hauptgang. Grinsend fragt Schörner seinen Gast: "Sie wundern sich, daß es hier keine Suppe gibt, wie? Das hat einen ganz einfachen Grund. Ich kann das widerliche Schlürfen des Generals Geiger nicht ertragen." Der General Geiger sitzt neben Schörner.

Indes, der Rabauke Schörner fühlte immer schnell, mit wem er es zu tun

hatte. Furchtsame Gemüter forderten ihn zu jeder erdenklichen Schikane heraus. Vor solchen Soldaten jedoch, die sich ihm schlagfertig widersetzten, hatte er offenkundigen Respekt.

Ein Fahnenjunker seines Hörsaals auf der Infanterieschule Dresden fühlte sich von Schörner beleidigt und schickte einen Vermittler. Der kommissige Taktiklehrer erklärte, ein Fahnenjunker, der sich über einen Hauptmann mit Pour le Mérite beschweren wolle, werde ja sehen, was er davon habe. Der Junker aber beschwerte sich unbekümmert, und Schörner mußte eine schriftlich festgelegte Entschuldigung im Hörsaal verlesen.

Er fügte hinzu: "Nachdem ich festgestellt habe, daß der Fahnenjunker meine Worte so aufgefaßt hat, hätte ich es ihm sehr übelgenommen, wenn er sich nicht beschwert hätte. Ob er sie allerdings so auffassen mußte, ist eine andere Frage." Dies war das einzige Mal, daß man Schörner während des Dienstes rauchen sah. Der Fahnenjunker wurde von Stund'' an wie ein rohes Ei behandelt.

In Ungarn wollte Schörner später als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd-Ukraine eine neuaufgestellte Panzer-Aufklärungs-Abteilung besichtigen. Der Kommandeur, ein Österreicher, meldete ihm in zivilem Ton und gegen den Wind. Schörner brüllte, mit Wind: "Mann, ich versteh'' kein Wort. Machen Sie den Schnabel auf und sprechen Sie laut!" Darauf der Kommandeur zu seinem Adjutanten: "Melden Sie Herrn Generaloberst, mich versteht er nicht." Die Besichtigung war zu Ende, ehe sie begonnen hatte.

In Kurland hatte Schörner häufig junge Offiziere als Tischgäste. Fragte er einen: "Wie schmeckt''s denn, Herr Leutnant?", und antwortete der: "Gehorsamsten Dank, Herr Generaloberst, ausgezeichnet", dann mokierte sich Schörner: "Müder Kavalier." Antwortete er aber: "Ich hab'' schon besser gegessen, Herr Generaloberst, das Fleisch ist verdammt zäh", dann strahlte Schörner: "Pfundsbursch."

Schon der junge Schörner - mehr noch der General - legte auch im Felde größten Wert auf eine übertrieben gepflegte

äußere Aufmachung. Schörner trug in Schlacht und Wetter stets eine geschniegelte Uniform. Er war immer stark parfümiert und pflegte während des Redens seine sorgfältig manikürten Fingernägel zu betrachten.

Als Oberbefehlshaber in Kurland beschäftigte er fünf persönliche Ordonnanzoffiziere. Die beiden jüngsten - 23 und 25 Jahre alt - dufteten wie ihr oberster Etappenschreck nach erlesenem Parfüm.

Vollends als medizinischer Fall zeigt sich Schörner, als er auf der Eismeerstraße einem erschossenen Muli das Maul aufreißt und nach der Zunge sucht. Sie fehlt. Schörner läßt die Hauptfeldwebel aller in der Ortschaft liegenden Einheiten zusammenrufen und veranstaltet nach der fehlenden Zunge eine Fahndungsaktion, die fatale Ähnlichkeit mit der Erdbeer-Kampagne des Kapitäns Queeg von der "Caine" hat. Aber Schörner hat mehr Erfolg als Queeg. Noch am gleichen Abend wird ihm die Zunge serviert.

In all solchen Episoden brachen in Schörner abnorme Züge durch, die sich bei seinem ältesten Sohn Hans als epileptische Erscheinungen äußerten. Hans Schörner starb im Alter von zwanzig Jahren an dieser angeborenen Krankheit.

Sohn Hans wurde übrigens als einziges der drei Kinder des Katholiken Schörner getauft. Dem Richter einer der ihm unterstellten Armeen sagte der Generaloberst Schörner später: "Bei dem Sohn habe ich meiner Frau zuliebe den Pfaffen noch ins Haus gelassen. Später kam das nicht mehr in Frage."

Es gab jedoch eine Zeit, da Schörner jedem an den Kragen wollte, der das Wort Pfaffe nur in den Mund nahm. Noch lange nach dem ersten Weltkrieg, als er sich Hoffnungen auf eine glanzvolle Generalstabskarriere machte, die einem Nicht-Christen verschlossen war, gab Schörner sich als praktizierender Katholik. Am Fronleichnamstag des Jahres 1924 forderte er damit den Spott seiner Kameraden im Führergehilfenkurs des Wehrkreises München heraus. Eine Geländebesichtigungsreise der Generalstabs-Aspiranten führte damals in die Gegend von

Füssen. Am Fronleichnamstag bestiegen Schörners Kameraden den nahegelegenen Säuling. Schörner dagegen blieb unten und trug die Kerze in der Fronleichnamsprozession. Die Kameraden verfaßten auf Schörner ein Spottgedicht:

Es gehet mit der Prozession
der Kirche stets getreuer Sohn;
wer dergestalt in Taktik macht,
kommt sicher nach Berlin und lacht.

Der Sprung in den Generalstab gelang Schörner zwar nicht, aber der gute Katholik wurde Erzieher des bayerischen Erbprinzen Albrecht. Sehr schnell jedoch wandelte sich der Paulus zum Saulus, als die nationalsozialistische Morgendämmerung anbrach.

Und im Sommer 1944 stand der Generaloberst Schörner am Grabe des Oberbefehlshabers der ihm unterstellten 16. Armee, Laux, die Bergmütze auf dem Kopf, die Fäuste in den Hosentaschen, grinsend, während der Pfarrer den Gefallenen segnete und das Vaterunser sprach.

Der zweckbestimmten religiösen Wandlung Schörners entsprach sein politischer Opportunismus. Als er aus dem ersten Weltkrieg nach Haus kam, wurde er aktiver Parteigänger der damals in Bayern allmöchtigen. Bayerischen Volkspartei. Er folgte damit dem Beispiel seines letzten Leiber-Regimentskommandeurs, des Generals Ritter von Epp.

Als Hitler am 9. November 1923 in München geputscht hatte, wurde der profilierte Hitler-Gegner Schörner zum Pionierbataillon 7 geschickt, um die nationalsozialistisch infizierten Offiziere und Mannschaften wieder zum Gehorsam zurückzuführen. Seiner massiven Überredungskraft war es zuzuschreiben, daß die Pioniere dem Hitler feierlich abschworen.

Im Rahmen eines deutsch-italienischen Offizieraustausches wurde Schörner Ende der zwanziger Jahre nach Rom kommandiert. In der Auseinandersetzung Mussolinis mit der katholischen Kirche nahm er Partei für den Faschismus, gegen den Papst. Als Mussolini-Bewunderer und Anhänger faschistischer Machttechnik kam er nach Deutschland zurück und folgte bald darauf wieder dem Beispiel seines Regimentskommandeurs, Ritter von Epp, der schon Jahre vorher zum Nationalsozialismus übergeschwenkt war.

Schörner hatte die richtige Witterung genommen. Die Wehr- und Waffenkonjunktur

ab 1933 trug ihn nach oben. Als diese Karriere dann knapp zehn Jahre später zum erstenmal zu stocken drohte, weil Schörner als Kommandierender General eines Gebirgskorps in Lappland auf einsamem Posten keine Gelegenheit hatte, von sich reden zu machen, buhlte er auf seine Weise um die Gunst des Führers Adolf Hitler. Er führte in seinem Korps als erster General der Wehrmacht nationalsozialistischen Schulungsunterricht ein. Er verstand es auch, diese Neuerung im Führerhauptquartier bekannt werden zu lassen.

Und Schörner tat ein übriges: Er schlug dem OKW die Einrichtung des nationalsozialistischen Führungsoffiziers (NSFO) vor. Sein oberster Befehlshaber revanchierte sich für soviel nationalsozialistischen Eifer zwar mit der Verleihung des Goldenen Parteiabzeichens, das zur gleichen Zeit auch der Generaloberst Dietl bekam. Aber den Posten eines Chef-NSFO beim OKW bekam Schörner nicht. Hitler zog ihm den Gebirgsgeneral Ritter von Hengl vor.

Als der Krieg begann, war Schörner Regimentskommandeur im Geigenbauerstädtchen Mittenwald. Soldaten und Einheimische nannten den selbstherrlichen Oberst damals den "lieben Gott von Mittenwald". In wenigen Tagen stürmte er mit seinen Jägern im Verband der 1. Gebirgsdivision, der "Reichsflurschadendivision", von der schlesischen Grenze bis Lemberg.

Im Frankreichfeldzug wurde er, noch Oberst, Führer der 6. Gebirgsdivision.

Als der Krieg gegen die Franzosen zu Ende war, begann Schörner seinen Privatkrieg gegen den Richter der 6. Division. Eines Tages polterten im Quartier des Korpsrichters, des Freiherrn von Dörnberg, schwere Schritte die Stiege hinauf. Im Türrahmen stand ein massiger Oberst, trotz der Junihitze im Mantel. Als der Besucher den Mantel auszog, sah Freiherr von Dörnberg auf dem Waffenrock die roten Kragenpatten und die goldenen Schulterstücke eines Generals.

Dörnberg kannte den Oberst Schörner nur flüchtig: "Nanu, außen Oberst und drunter General?" - "Daran ist nur die verdammte Heereskleiderkasse schuld. Die hat mir bloß eine Garnitur Patten und Schulterstücke geschickt. Aber, wissen Sie, der Mantel ist ganz praktisch. Ich habe

jedenfalls gemerkt, wenn man als General ankommt, dann reißen sich die Soldaten schon auf 50 Meter Entfernung zusammen. Als Oberst wird man kaum beachtet, da kann ich die Kerle besser erwischen."

Schörner war zum Korpsrichter von Dörnberg gekommen, um sich über seinen Divisionsrichter, den Kriegsgerichtsrat Nebe, zu beschweren: "Der Mann ist mir viel zu weich, nie bereit, harte Urteile zu fällen, so wie ich sie haben möchte." Der Kriegsgerichtsrat Nebe hatte Dörnberg bereits vorher aufgesucht und sich über Schörner beklagt: "Mein Gerichtsherr ist ein Wüterich, der will immer gleich Leute an die Wand stellen."

Einen Befehl, der auf diesen Bullen in Generalsuniform zugeschnitten war, bekam Schörner, als er mit seiner 6. Gebirgsdivision in Bereitstellung vor der Metaxaslinie lag: Durchbruch. In drei Tagen kämpften sich die Gebirgsjäger mühsam den Weg durch die Befestigungslinien frei. Schörner bekam zwar das Ritterkreuz, aber seine Gewaltleistung blieb militärisch ziemlich bedeutungslos; denn in denselben drei Tagen waren die Panzerdivisionen des Generals Veiel um die Metaxaslinie herumgefahren und schon weit voraus bis Saloniki durchgebrochen.

Zum Stadtkommandanten von Athen ernannt, zeigte Schörner sofort seine besondere Begabung. Stäbe, die sich in luxuriösen Hotels einquartiert hatten, warf er hinaus.

Ferdl, da schaugst

Nachdem Hitler wenige Wochen später Rußland angegriffen hatte, zog Schörner mit seiner Division nach Lappland. Er wurde Kommandierender General. Schwedische Beobachter und finnische Verbindungsoffiziere waren konsterniert, als sie Schörners Korps besuchten. Die Hauptkampflinie verlief nur bedingt nach taktischen Gesichtspunkten, eher nach dem Grundsatz: "Gelobt sei, was die Truppe hart macht."

Die Landser hatten auf nacktem Fels kaum Schutz vor der Kälte des Polarwinters. Skandinavische Offiziere hätten auch in diesem Gelände noch Schutzmöglichkeiten für die Truppe gefunden. Schörner hatte sie gar nicht gesucht. Sein erster Tagesbefehl in Lappland begann mit dem Satz: "Arktis ist nicht."

Schörners Marotte war die Verkehrsdisziplin. Sich selbst kündigte Schörner im Verkehr auf originelle, beziehungsreiche Weise an. Wenn er überholen wollte, schoß er rote Leuchtzeichen nach vorn. Im Gefecht bedeuten rote Leuchtkugeln: "Feind greift an!"

Einmal verfolgte Schörner im Auto einen Kübel-Pkw, der zu schnell fuhr. Schörner tutete mit dem Bosch-Horn. Der Kübelwagen raste weiter Schörner schoß rote Leuchtzeichen. Der Kübel reagierte nicht Schließlich überholte Schörner in wildem Tempo und stoppte den anderen, indem er seinen Wagen quer über die Straße stellte. Er stürzte auf den haltenden Kübel zu, riß dessen Tür auf - und prallte zurück: In dem Wagen saß sein Armee-Oberbefehlshaber, der Generaloberst Eduard Dietl.

Dietl grinste: "Na, Ferdl, da schaugst her - du damischer Bauernschandarm, du damischer!"

Während Schörner in Lappland seinen auf Eis gelegten militärischen Ehrgeiz dadurch abreagierte, daß er stundenlang auf der Straße stand und die Kelle des Verkehrspolizisten schwang, verschlechterte sich die Frontlage zwischen Finnland und dem Schwarzen Meer von Monat zu Monat. In dieser prekären Situation suchte Hitler Truppenführer vom Schlage Schörners, die

die eigene Truppe auch gegen vielfache Übermacht ins Feuer zu peitschen verstanden.

Fortan wurde Schörner von einem gefährdeten Frontabschnitt zum anderen kommandiert. Er sollte durch ein brutales Regiment die abgekämpften Landser in ihren Schützenlöchern festhalten.

Das erste Kommando dieser Art war der Dnjepr-Brückenkopf Nikopol. Hier erfüllte sich Schörners Traum, endlich einmal motorisierte Verbände im modernen Großkampf zu führen. Und hier lernte Schörner, daß stures Durchhalten und moderne Kriegführung zweierlei sind. Er gab den Befehl, sich über den Dnjepr abzusetzen, so spät, daß die Armeegruppe Nikopol alle ihre Kraftfahrzeuge verlor.

Melde mich zum Tode verurteilt

Nachdem diese Aufgabe auf Schörnersche Art gelöst war, wurde der Held von Nikopol Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd-Ukraine. Knapp vier Monate später, im Juli 1944, wurde er Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord (später Kurland). Hier wurde Schörner der Schöpfer seiner eigenen blutigen Legende.

Diese Legende war zunächst schwärzer als die Praxis.

Die harmloseste Geschichte: Schörners Kraftfahrer, ein Feldwebel, wurde am Morgen wegen zu schnellen Fahrens zum Gefreiten degradiert, mittags wieder zum Feldwebel befördert und am Abend wegen unbotmäßiger Widerrede erneut degradiert. Es gab bislang viele tausend Soldaten, die "mit eigenen Augen" gesehen hatten, wie dieser Kraftfahrer praktischerweise zwei Feldblusen im Wagen mitführte - eine mit Feldwebel-Abzeichen, die andere mit Gefreiten-Winkel - , so daß er sich jeweils nach Wunsch seines Dienstherren kostümieren konnte.

Ex-Feldwebel Gastl, Schörners Fahrer, Schreiber und intimer Vertrauter, erzählte jetzt, nach Schörners Heimkehr, wie es zu dieser Geschichte gekommen war: "Der Herr Feldmarschall hatte drei Kraftfahrer, einen Obergefreiten, einen Unteroffizier und einen Feldwebel. So passierte es, daß Schörner bei derselben Einheit morgens mit dem Obergefreiten, mittags mit dem Feldwebel und abends wiederum mit dem Obergefreiten erschien."

Der Feldwebel Gastl freut sich heute noch darüber, daß Schörners Fahrer damals fleißig dazu beigetragen haben, den Ruf des Feldmarschalls zu mehren, er sei "ein scharfer Hund". Aber: "Der Herr Feldmarschall war immer guter Laune, selbst in den dreckigsten Tagen. Bei uns ging es immer lustig zu."

Schörner war zwar Nachtarbeiter, der selten vor drei Uhr ins Bett ging, aber er kam, wie berühmte Vorbilder, mit wenigen Stunden Schlaf aus und war morgens der erste im Kasino seines Hauptquartiers. Frühstück durfte nur bis acht Uhr serviert werden.

Zu solch früher Stunde machte Schörner schon Jagd auf die Soldaten hinter der Front. In seinem Horch 8 nahm er einen Ordonnanzoffizier und seinen Burschen mit. Hinterher fuhr ein großer Kübelwagen mit Feldgendarmen. Das Operationsgebiet erstreckte sich auf Verkehrsknotenpunkte, Frontleitstellen, Urlauberheime, Soldatenkinos, Feldkommandanturen, Zahlmeistereien, Munitions- und Verpflegungslager. Seine Generalstäbler nannten diese Touren ihres Feldherrn "Ferdinands Kampf gegen die Unterwelt in den Bäckerei-Kompanien".

Schörner degradierte, riß Orden und Ehrenzeichen von den Feldblusen, sprach

Todesurteile aus, ohne um Vollstreckung besorgt zu sein, und kommandierte Etappensoldaten an die Front. So konnte es passieren, daß sich im August 1944 ein strammer Stabsfeldwebel beim Richter der 16. Armee, von Dörnberg, meldete:

"Stabsfeldwebel X. meldet sich bei Herrn Oberstrichter zum Tode verurteilt."

Der sprachlose Richter ließ sich erzählen, was geschehen war. Der Stabsfeldwebel war befehlsgemäß - er hatte sich die Füße blutig gelaufen - auf einem Wagen seiner in Stellung gehenden Einheit nachgefahren. An einem Wegekreuz traf er auf den Generaloberst Schörner, der ihn vom Wagen herunterrief, ihn ohne Verhör zum Tode verurteilte und ihm befahl, sich bei seinem Armeerichter zu melden.

Von Dörnberg tat, was viele Richter und viele Truppenführer in ähnlicher Lage machten. Er schickte den Stabsfeldwebel mit einem Geleitbrief zu seiner Einheit zurück. Ähnlich verfuhr der Generalrichter der Heeresgruppe, dem jeden Abend vom Begleitkommando des Generalobersten die von Schörner aufgegriffenen, degradierten oder zum Tode verurteilten Delinquenten zugeführt wurden. Die meisten wurden am nächsten Morgen zu ihrer Truppe zurückgeschickt, ein Teil wurde disziplinarisch bestraft, gegen den Rest wurde ein Gerichtsverfahren eingeleitet.

Der Stabschef der Heeresgruppe bekam ständig Anrufe: "Der wilde Ferdinand war hier und hat wieder degradiert." Oder: "Der wilde Ferdinand hat dem Leutnant X. den ganzen Klempnerladen abgerissen. Was sollen wir machen?"

"Wieder dranhängen."

Meist kümmerte sich Schörner nicht darum, ob seine rasenden Befehle auch wirklich ausgeführt wurden.

Hauptzweck war der grausige Bluff. Nicht selten schrie er den festgenommenen Delinquenten an: "Ich lasse Sie sofort erschießen!" Schörners Bursche, der in dieses makabre Spiel eingeweiht war, fingerte an seiner Maschinenpistole. Aber der Aufgegriffene

wurde nicht erschossen. Ein Feldgendarm steckte ihn in den Begleitwagen.

Heute sagt Schörner dazu: "Es war mir recht, daß ich in der Etappe gefürchtet wurde. Ich habe dagegen gar nichts getan. Die Leute sollten Respekt vor mir haben. Das Stichwort: 'Der Ferdinand kommt', war für alle Soldaten eine Warnung. Sie wußten, in Kürze würde Ordnung herrschen."

Auf Soldatenjagd ging Schörner nicht nur mit dem Auto, sondern sogar mit dem Fieseler Storch. Er landete neben Intendanturräten, die ihren Morgenritt absolvierten, und schnauzte sie an, ob sie nichts Besseres zu tun hätten.

Aus den Lüften erspähte Schörner einen Nachrichtenleutnant, der Hühner jagte. Der Generaloberst landete und fragte: "Herr Leutnant, Sie sind Jäger, wie ich sehe?" - "Jawohl, Herr Generaloberst, leidenschaftlicher Jäger." - "Gut, aber dann sind Sie bei der falschen Truppe. Ich versetze Sie mit sofortiger Wirkung zur Infanterie."

Jeden Abend diktierte Schörner Tagesbefehle in die Maschine, in denen er nun auch schriftlich monierte, was ihm aufgefallen war. Nachdem er bei einem Flug über den Strand vor Riga Soldaten mit Mädchen beobachtet hatte, begann der Tagesbefehl an diesem Abend mit dem Satz: "Die Strandsaue von Riga werden immer unverschämter."

Zwei Feldwebel, die er ein andermal auf ihrem Wege ins Lazarett aufgegriffen hatte, inspirierten ihn zu der Feststellung im Tagesbefehl: "Die Syphilis ist keine von Gott geschickte Krankheit, sondern eine himmelschreiende Schweinerei."

Es blieb nicht bei solchen grimmigen Scherzen. Je bedrohlicher die Lage wurde, um so verrückter gebärdete sich Schörner. Nach dem 20. Juli sucht er, dessen Hauptquartier und Hauptaktionsfeld im Bereich der 18. Armee lag, den Richter der benachbarten 16. Armee auf. Das Gespräch eröffnet Schörner mit der Frage: "Wieviel

Leute haben Sie schon aufgehängt?" - "Das Militärstrafgesetzbuch sieht nur die Todesstrafe durch Erschießen vor, Herr Generaloberst." -

"Das soll also heißen, daß Sie Ihre Leute immer noch erschießen. Dann will ich Ihnen sagen, wie wir das in anderen Einheiten machen. Wir hängen die Leute auf, und zwar nicht an irgendeinem abgelegenen Ort, wo sie niemand sieht, sondern vor den Frontleitstellen, vor den Urlauberheimen, an Bahnhöfen. Drei Tage bleiben sie da hängen, bis sie stinken. Und wer sie dann noch nicht gesehen hat, der riecht es. Das stärkt die Manneszucht.

"Merken Sie sich, Herr Oberstrichter, meine Richter müssen lernen, Unrecht zu tun."

Das entsprach dem Befehl, den Schörner dem Kommandeur einer Infanterie-Division für eine Razzia in der frontnahen Stadt Riga gab: "Säubern Sie die Stadt von Drückebergern und Deserteuren. Seien Sie rücksichtslos, lassen Sie schießen. Sollte einer Ihrer Leute dabei zu weit gehen - ich decke alles."

Sechs Tote und sieben Schwerverletzte blieben in Riga auf der Strecke.

"Damit hängen sie die Leute"

Auch Schörners Begleitkommando auf den Inspektionsfahrten stand nicht mehr nur im Dienst des großen Bluffs. Nach einer Besprechung im Heeresgruppenhauptquartier beobachtete der Armeerichter Freiherr von Dörnberg die Abfahrt Schörners und des begleitenden Lkws. An den Stahlbügeln des Lastwagens hingen Stricke, deren patriotischen Zweck der Nachrichtengeneral Schrader dem Juristen von Dörnberg so erklärte: "Damit hängen sie die Leute auf."

Den Gipfel seiner Machtvollkommenheit in der Festung Kurland hatte Schörner erklommen, als er am 19. September 1944 von einem Besuch beim Führer Adolf Hitler auf dem Obersalzberg zurückkehrte. Seinen Offizieren berichtete er strahlend: "Der

Führer hat mir in der Festung Kurland Macht über Tod und Leben gegeben. Ich kann handeln, als wenn ich der Führer selber wäre. Meine Herren, ich kämpfe gegen Stalin. Ich kann gegen ihn nur antreten, wenn ich stalinistiche Methoden anwende."

Zu den Generalstabsoffizieren seines Hauptquartiers konnte Schörner trotzdem ein gutes Verhältnis aufrechterhalten. Er hatte zwar ein Trauma von der nicht bestandenen Wehrkreisprüfung zurückbehalten, die dem jungen Offizier die Generalstabslaufbahn versperrte. Aber er war kein Dummkopf in operativen Fragen, wenngleich er sich für sie nur wenig interessierte.

Seinem Stabschef sagte der Gendarm von Kurland: "Machen Sie die Führung, ich sorge für Ordnung."

Trotz dieser ungewöhnlichen Arbeitsteilung warf man dem Ferdinand Schörner nach dem Kriege vor, seine Sucht, möglichst viele Verbände unter seiner Fuchtel zu haben, habe die Isolierung der Heeresgruppe Kurland verschuldet. Schörner sei darauf bedacht gewesen, die Divisionen seiner Heeresgruppe, die die Verbindung nach Ostpreußen hielten, nach Norden zu ziehen, damit er sie nicht an eine im Süden seiner Heeresgruppe neu zu bildende Armee abgeben mußte. Nur deshalb sei dem Russen der Durchbruch beiderseits Memel an die Ostsee gelungen (siehe Karte S. 14).

Die Katastrophe des Kurland-Brückenkopfes erlebte Schörner nicht mehr mit. Sein Führer Adolf Hitler brauchte ihn an an einem noch stärker bedrohten Frontabschnitt. Schörner wurde Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Schlesien.

Die Sowjets waren am 12. Januar aus dem Weichselbogen zum Angriff angetreten. Sie hatten die Heeresgruppe Mitte auseinandergerissen und in einem Zug auf Oberschlesien zurückgeworfen. Hier erreichte die Heeresgruppe der Führerbefehl, das oberschlesische Industriegebiet sei unter allen Umständen zu halten. Kein

General hätte es wagen dürfen, diesen Führerbefehl zu mißachten. Schörner jedoch konnte sich bei Adolf Hitler alles erlauben. Er ließ den Gauleiter Bracht verhaften, der ihm den oberschlesischen Volkssturm nicht unterstellen wollte, dann räumte er das Industrierevier und meldete seinem Führer den Rückzug per Telephon.

Hitler resignierte: "Ja, Schörner, wenn Sie meinen, Sie führen ja schon richtig."

Ähnlich unbekümmert war Schörner schon in Kurland mit einem Führerbefehl umgegangen. Adolf Hitler hatte damals ausdrücklich befohlen, die Halbinsel Sworbe zu halten. Alle Bitten der Heeresgruppe um Räumungserlaubnis hatte er abgewiesen. Da die Divisionen, die die Halbinsel verteidigten, auszubluten drohten, befahl der Stabschef von Natzmer auf eigene Faust den Rückzug. Als Schörner am Abend dieses Tages von seiner Tour zurückkam und davon hörte, rief er das Führerhauptquartier an, meldete Hitler: "Ich habe Sworbe geräumt", und legte den Hörer auf. Ihm passierte nichts.

Standgerichte gibt's nicht mehr

Als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte faßte Schörner den Gedanken, die Tschechoslowakei zu halten. Dort wollte er stehenbleiben, bis die Anglo-Amerikaner, wie er fest glaubte, mit den Sowjets in Konflikt gerieten. Aber das Chaos zeichnete sich ab. Schörner konnte es im Bereich seiner Heeresgruppe nur eine kurze Weile hinausschieben.

Der wildgewordene Schulmeister steigerte seine Kurland-Methoden bis zum Exzeß. Wenn die Sowjets an einer Stelle seiner Front eingebrochen waren, kümmerte er sich nicht so sehr um taktische Abhilfen als vielmehr darum, daß der betreffende Abschnittskommandeur unverzüglich vor ein Kriegsgericht gestellt wurde. Die Angst der Soldaten, wegen Dienstpflichtverletzung oder Feigheit vor dem Feinde zum Tode verurteilt zu werden, überstieg die Furcht vor den Sowjets.

Einzelne Truppenführer leiteten den unbarmherzigen Druck nach unten ab. Sie versicherten sich des Kampfwillens der Unteroffiziere und Mannschaften mittels Verpflichtungsscheins, so wie man einen Vertrag schließt, den nicht einzuhalten Kopf und Kragen kostet:

"Ich verpflichte mich, die jetzt von uns belegte Stellung ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Rücksicht darauf, ob Munition vorhanden ist oder nicht, bis zum letzten Mann zu halten."

Diese erstaunlichen Dokumente einer aus den Fugen geratenen Armee wurden sorgfältig bei den Stäben registriert.

Schlagetot Schörner tat noch ein übriges, um auf die Truppe einzuwirken. Das Hauptquartier der Heeresgruppe vertrieb Schörner-Anekdoten an die PK-Kompanien. Front- und Heimatzeitungen druckten solche frisierten Geschichten ab. Ihr Zweck war, die Etappe in Angst zu versetzen, die Front aufzumuntern.

Derlei Eigen-Reklame wurde von deutschen Generalen des zweiten Weltkrieges nicht eben selten betrieben - meist, um sich gegen einen Abschuß aus der Richtung Führerhauptquartier zu sichern.

Als Schörner im Abschnitt einer seiner Armeen vom Storch aus eine Straßenverstopfung festgestellt hatte, befahl er dem Armeeoberbefehlshaber, als abschreckendes Beispiel zehn bis fünfzehn Mann an die Bäume zu knüpfen. Am nächsten Tag verlangte Schörner von demselben Armee-Oberbefehlshaber, die Flüchtlinge samt und sonders aus ihren Fahrzeugen herauszuholen, die Fahrzeuge von den Straßen zu entfernen und den Brennstoff für die Panzer der Heeresgruppe zu requirieren.


Der Armee-Oberbefehlshaber, General der Panzertruppen Smilo Freiherr von Lüttwitz, verweigerte in beiden Fällen den Gehorsam und wurde von Schörner davongejagt.

Schörner leitete solche Schock-Aktionen auch selber. So fuhr er am 7. Mai 1945 an der Spitze einer Wagenkolonne in ein Dorf unweit Lednices. In der Kolonne fuhr ein Lkw, auf dessen Führerhaus ein Maschinengewehr aufgebaut war. Die Kolonne hielt im Dorf. Etwa zwanzig Mann, bis an die Zähne bewaffnet, umringten den Lastkraftwagen, mit Maschinenpistolen im Anschlag.

22 deutsche Soldaten wurden vom Wagen gestoßen. Schörner schleuderte ihnen den Satz entgegen: "Ohne Befehl herumziehende Soldaten werden erschossen."

Dann gab er einem Oberfeldwebel des Begleitkommandos ein Zeichen, daß er die Soldaten abführen solle. Die Gefangenen wurden mit Gewehrkolben hinter ein Bauernhaus gestoßen. Kurz darauf ertönte die Salve des Hinrichtungskommandos.

Ein Augenzeuge berichtet, der Oberfeldwebel aus Schörners Begleitkommando habe den Vorgang so erklärt: "Bei uns gibt es schon lange kein Standgericht mehr, seit drei bis vier Wochen schon nicht mehr."

Ohne den Spruch eines Standgerichtes aber durfte auch in diesen Wochen des chaotischen Rückzuges kein deutscher Soldat vom Leben zum Tode gebracht werden. Das nationalsozialistische Militärstrafrecht hatte die Standgerichte allerdings mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet.

Ab Herbst 1944 war schon ein Kampfkommandant, und das war häufig nur ein Bataillonskommandeur, berechtigt, ein Standgericht einzuberufen, das Urteil des Gerichts zu bestätigen und die unverzügliche Vollstreckung des Urteils anzuordnen. Dieser Kampfkommandant durfte sogar die Hinrichtung eines Soldaten durch Aufhängen anordnen. Der am 5. April 1945 zum Generalfeldmarschall beförderte Ferdinand Schörner hatte im Fall Lednice darauf verzichtet, diesen schon sehr weitgesteckten rechtlichen Rahmen einzuhalten.

Heute sagt er: "Halten Sie mal unter zurückflutenden Soldaten Ordnung. Daß dabei ein paar Ungerechtigkeiten entstehen, läßt sich denken. Ich habe versucht, so gerecht wie möglich zu sein."

Was haben Sie gegen mich?

Am 7. Mai, dem Tage, an dem Schörner ohne standgerichtliches Urteil jene Massenerschießung bei Lednice veranstaltete, glaubte der Feldmarschall, daß der Krieg noch mindestens eine Woche dauern werde. So jedenfalls hatte ihn der neue Staatsführer, Großadmiral Dönitz, am 4. Mai unterrichtet. Bis zum Waffenstillstand wollte Schörner seine Heeresgruppe in halbwegs geordnetem Rückzug durch die Tschechoslowakei bis an die bayerische Grenze und damit zu den Amerikanern heranführen.

Am 5. Mai hatte er zu diesem Zweck die sogenannte Blumen-Operation befohlen. Die 1. Panzerarmee und die 17. Armee sollten abschnittsweise von Widerstandslinie zu Widerstandslinie nach Westen ausweichen. Den einzelnen Widerstandslinien hatte Schörner Blumennamen gegeben: Nelke, Tulpe, Narzisse, Veilchen. Die 4. Panzerarmee, die im Erzgebirge stand, sollte unterdes die von Norden anrückenden sowjetischen Panzer des Marschalls Konjew abwehren und so die Rückzugslinien

der Heeresgruppe nach Westen offenhalten.

Der so eingeleitete Rückzug lief bis zum 7. Mai einigermaßen nach Plan. An diesem Tage jedoch kam aus Flensburg, dem Hauptquartier des Großadmirals Dönitz, ein Funkspruch, der alle Projekte umwarf: "Waffenstillstand 9. Mai, 0 Uhr."

Schörner war, als der Funkspruch einging, wie immer unterwegs. Nach seiner Rückkehr billigte er den vom Stabschef von Natzmer inzwischen ausgearbeiteten Plan einer organisierten Flucht der Heeresgruppe nach Westen. Die 4. Panzerarmee bekam erneut den Auftrag, die Flucht der anderen beiden Armeen - befristet auch nach dem Waffenstillstand - zu decken. Zu der Zeit aber, da die 4. Panzerarmee diesen Befehl, der gegen den Waffenstillstand verstieß, ausführen sollte, existierte sie schon nicht mehr. Die sowjetischen Panzerverbände waren bereits durch das Erzgebirge tief nach Böhmen hinein durchgebrochen (siehe Karte S. 16).

Als Schörners Hauptquartier am 8. Mai von Josefsstadt in Mähren nach Saaz (westlich Prag) verlegt wurde, stand die von Norden kommende sowjetische Panzerspitze bereits in Saaz. Schörner, der die Funkstaffel der Heeresgruppe unterwegs verloren hatte, fuhr ohne Aufschub nach Podersam weiter.

Nach dem Verlust dieser Funkstaffel war ein in Podersam stehender Fieseler Storch das einzige Führungsmittel der Heeresgruppe. Mit diesem Storch startete Schörner am 9. Mai morgens um 9 Uhr. Allerdings nicht, um seine zerschlagenen Armeen zu den Amerikanern zu führen, sondern zu seiner ganz privaten Flucht nach Bayern.

Die Amerikaner faßten ihn, obgleich er Räuberzivil trug, und lieferten ihn den Sowjets aus.

Schörner hatte seine Flucht längst vorbereitet, als er am 5. Mai den letzten Tagesbefehl erließ:

"... Wir dürfen in diesen schweren Tagen unseres Reiches die Nerven nicht verlieren und nicht feige werden ... Jede unerlaubte Entfernung, jeder Versuch, aus

eigener Kraft den Weg in die Heimat zu finden. ist ehrloser Verrat am Kameraden, an unserem Volk und muß entsprechend geahndet werden."

Die Sowjets verurteilten den Feldmarschall Ferdinand Schörner wegen Kriegsverbrechens zu zweimal 25 Jahren.

1946 rotteten sich im Lager Krasnogorsk gefangene deutsche Soldaten zusammen und zogen mit Transparenten und Schmährufen vor Schörners Baracke. Schörner kam heraus, ging auf den ersten der Demonstranten zu, fragte ihn scharf: "Was haben Sie gegen mich?", ging zum nächsten weiter, fragte den: "Und was wollen Sie?" Und als auch der dritte dem Feldmarschall keine Antwort geben konnte, zerstreuten sich die Demonstranten. Sowjetische Posten hatten mit der Maschinenpistole im Anschlag das Schauspiel beobachtet.

Nachdem Ferdinand Schörner fast zehn Jahre in sowjetischer Haft gesessen hatte - nicht nur in Lagern, sondern auch in Gefängnissen, und dort auch in "Kältezellen" - , bat er von sich aus, freigelassen zu werden, und zwar zu seinen Angehörigen nach Bayern. Er habe seine Verfehlungen eingesehen und sei geläutert.

Am Heiligen Abend 1954 war es dann soweit: Der Sowjetoberst Kusnezow teilte dem Kriegsverbrecher Schörner mit, daß er begnadigt sei. Nach Hause gehe es aber noch nicht sofort. Er, Schörner, solle sich erst ein Bild von Moskau machen. Ob noch weitere verurteilte Kriegsgefangene entlassen würden, hänge davon ab, wie Schörner sich nach seiner Rückkehr verhalte.

So bezog der entlassene Kriegsverbrecher Schörner - zusammen mit dem ebenfalls begnadigten Vizeadmiral Voss - eine Moskauer Villa, und seine Betreuer bemühten sich bis Mitte Januar, ihm den sozialistischen Fortschritt in der Stadt möglichst plastisch vor Augen zu führen. Im Schlafwagen reiste er nach Berlin, wo die ehemaligen Kameraden Schörners den Ankömmling auf dem Fernbahnsteig des Schlesischen Bahnhofs in Empfang nahmen.

Und noch am gleichen Tage setzte Ferdinand Schörner sich hin und schrieb


- zugleich im Namen des mit ihm entlassenen Vizeadmirals Erich Voss - aus, wie er sagte, freien Stücken ein Dankschreiben an die Regierung der Sowjet-Union:

Die Sowjetregierung hat Weihnachten 1954 mir und dem Vizeadmiral Voss die Freiheit gewährt und über unsere Heimkehr verfügt. ... (Sie) hat ... in großherziger und menschlicher Weise den allerschwersten Zeitabschnitt in unserem Leben ausgelöscht. Mehr noch, es wurde uns vor der Abreise in die Heimat große Gastfreundschaft gewährt und die Möglichkeit gegeben, uns mit dem Leben der Sowjetmenschen und mit dem gewaltigen kulturellen und friedlichen Aufbau in ihrer Hauptstadt vertraut zu machen.

Sogar während der Haft mußten wir eine korrekte und humane Behandlung ... feststellen ...

Wir sind tief gerührt von dem, was wir in den letzten Wochen gesehen und erlebt haben, und werden unbedingt die Möglichkeit nutzen, all diese Eindrücke unseren Landsleuten in der Heimat zu vermitteln.

Wir bitten die Sowjetregierung, unseren aufrichtigen Dank für die uns erwierene Aufmerksamkeit entgegenzunehmen ...

Schörner, Generalfeldmarschall der ehemaligen deutschen Armee.

Am Vormittag des 25. Januar, genau eine Woche, nachdem Schörner in Berlin angekommen ist, steht ein Vertreter des Roten Kreuzes etwas abseits von der Straße auf der westdeutschen Seite des Zonengrenzübergangs Töpen-Juchhöh. Das Rote Kreuz der Sowjetzone hat angekündigt, Punkt elf Uhr werde der Heimkehrer Schörner von einem mitteldeutschen an einen westdeutschen Rotkreuzmann übergeben werden, und zwar gegen doppelte Quittung, eine für das Sowjetische Rote Kreuz, eine für das DRK der Sowjetzone.

Fast auf die Minute genau trifft Schörner im Auto am Schlagbaum ein Nach wenigen freundschaftlichen Worten des DRK-Vertreters an den mitteldeutschen Kollegen und auch an Schörner werden die Zonengrenz-Formalitäten schnell erledigt.

Gleich zu Beginn der Weiterfahrt legt der Vertreter des Roten Kreuzes seinem

Schützling im Auftrage der zuständigen Stellen nahe, nicht bei seinen Angehörigen in München Wohnung zu beziehen, sondern einen sicheren Ort aufzusuchen. Man will eine Gewähr dafür haben, daß es nicht zu Demonstrationen vor dem Wohnhaus Schörners komme.

Das Auto erreicht die Stadt Hof, keine zehn Kilometer von der Zonengrenze. In einem Hofer Hotel empfängt Schörner zum erstenmal westdeutsche Zeitungsvertreter. Er kritisiert die Presse scharf. Nur Ungünstiges habe man über ihn berichtet, die Anschuldigungen seien geradezu lächerlich. Er sei bereit, vor einem deutschen Gericht Rede und Antwort zu stehen.

Die Reise nach München soll mit dem Zug weitergehen. Auf dem Münchner Hauptbahnhof drängen sich an diesem Abend, als der Zug aus Hof gegen 18.30 Uhr auf Bahnsteig 24 erwartet wird, einige hundert Menschen. "Schörner kommt?" - "Wer kommt?" - "Schörner!" - "Was? Na, der hat Mut!"

Eine Gruppe junger Leute hat sich zusammengeschart und nimmt schon Viertelstunden vor Ankunft des Zuges eine drohende Haltung ein. Polizei kommt auf den Bahnsteig. Die gereizte Stimmung steigt auf den Siedepunkt, als die Scheinwerfer der Lokomotive ankündigen, daß sich der Zug dem Bahnsteig langsam nähert. Da geht es durch die Wartenden: "Schörner ist nicht im Zug, er ist schon in Freising ausgestiegen."

Das Dutzend Bildreporter, das die Blitzlampen und Photoapparate schon schußfertig bereit hielt, steht ratlos da. Schörner ist wirklich in Freising ausgestiegen, auf dringendes Anraten des Deutschen Roten Kreuzes.

Vom Vorplatz des Münchner Hauptbahnhofes löst sich wenige Minuten später ein halbes Dutzend Pressewagen. Die Autos fahren in Richtung Kurfürstenplatz, zur Wohnung der Tochter Schörners. Vor dem Haus sammelt sich in kürzester Zeit wieder eine Menschenmenge, angezogen durch die in der Dunkelheit blitzenden Chromlampen

der Photoreporter. Aber Schörner kommt nicht, er ist in Freising geblieben und dort in ein Hotel gegangen. Die wildesten Gerüchte fliegen drei Stunden lang umher.

Durch den Dunst der Nacht blinken dann die Scheinwerfer eines parkenden BMW ein paarmal auf. Am anderen Ende der Straße vor dem Schörner-Haus wird das Blinkzeichen von einem zweiten parkenden Wagen, einem Mercedes, wiederholt. Dann startet der BMW, rast auf den Mercedes zu, wendet. Die beiden Wagen nehmen ein mit abgeblendeten Lichtern herangekommenes Auto in die Mitte und fahren langsam die Straße entlang.

Drei Kriminalbeamte in auffällig unauffälligen Lodenmänteln, die den ganzen Abend in dem naßkalten Wetter gegenüber dem hohen Mietshaus frierend patrouilliert hatten, werden plötzlich geschäftig.

Zweihundert Meter vor dem im Dunkel liegenden Haus hält die Autokolonne. Im diffusen Licht sieht man aus dem mittleren Wagen einen Mann mit Baskenmütze steigen. Mit einem kleinen Köfferchen in der Hand, begleitet von einer zierlichen Frau, steuert der Mann auf das Mietshaus zu.

Aus dunklen Hausgängen gegenüber lösen sich Gestalten, sie laufen über die Straße; aber ehe sie die Haustür des Mietshauses erreichen, ist der Mann mit der Dame schon halb im Gang verschwunden: "Bitte, meine Herren, haben Sie doch Verständnis, ich habe meine Kinder zwölf Jahre lang nicht gesehen ..." Dann schlägt der Mann die Tür zu.

Generalfeldmarschall Schörner ist heimgekehrt.

Was sagt der Staatsanwalt?

Zwar wird noch auf Läuten die Tür geöffnet, und Anneliese Schörner steckt mißmutig den Kopf durch ein kleines vergittertes Fenster; aber das einzige, was sie sagt, ist: "Bitte, mein Vater ist von der Reise ganz kaputt. Heute sagt er nichts mehr."

Schon an diesem Tage hatten der Bundesminister ohne besondere Aufgaben, Franz-Josef Strauß, der Bundesinnenminister, der Verband der Heimkehrer, der Kyffhäuserbund und die Sozialdemokratische Partei ein Gerichtsverfahren gegen Ferdinand Schörner gefordert. Aber aus dem bayerischen Justizministerium wurde bekannt, daß der Name Schörner in den Unterlagen der Justiz seit dem zweiten Weltkrieg noch nicht aufgetaucht sei.

Die Münchner Staatsanwaltschaft empfing Schörner mit einem Aufruf an alle ehemaligen Soldaten seiner Heeresgruppe, beweiskräftiges Material über die Straftaten des Feldmarschalls anzudienen. Eine Flut von Anzeigen ging ein, und es scheint sicher, daß es zu einem Verfahren gegen den Heimkehrer Ferdinand Schörner kommen wird.

Damit wäre auch ein Wunsch des Feldmarschalls erfüllt. Schörner bekäme Gelegenheit, der Legende um seine Person einige neue Züge anzufügen.

Bonner Militärs rechnen schon jetzt damit, daß Schörner in einem Verfahren den Nachweis versuchen dürfte, seine Führungsmethode sei einzig geeignet, einem kleinen westdeutschen Kontingent in der Westeuropäischen Union Erfolgschancen gegen den Angriff übermächtiger sowjetischer Armeen zu verschaffen.

WIE DER KURLANDBRÜCKENKOPF ENTSTAND


ALS SCHÖRNER DESERTIERTE


*) Von dieser merkwürdig nervösen Ordnungssucht ist Schörner bis heute nicht kuriert. Vergangene Woche empfing er zwar überaus freundlich Presseleute in der Wohnung seiner Tochter, aber er konnte es sich nicht verkneifen, den Besucherstrom hin und wieder buchstäblich auf Vordermann zu bringen.

DER SPIEGEL 7/1955
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HEIMKEHRER / SCHÖRNER:
Der laute Kamerad