23.03.1955

SCHLITTER-AFFÄRE / DIPLOMATENDie goldenen Brücken

Die seltsamen Abenteuer des Ehepaares Oskar und Daisy Schlitter*) und die ebenso seltsame Behandlung dieser Affäre durch das Bonner Außenamt haben in der vergangenen Woche der teutonischen Diplomatie "im feindlichen Ausland" unverhofft neuen Ruhm und Glanz besonderer Art beschert.
Am Dienstagmorgen vergangener Woche verließen die Schlitters mit gepackten Koffern ihr Godesberger Domizil, Hotel Rheinland, um auf eigene Faust, privat und beurlaubt, nach London zurückzukehren. So überraschend kam diese Fahrt, daß der Personalchef des Außenamtes, Ministerialdirektor Josef Löns, die Abreise erst um die Mittagsstunde durch ein Telephongespräch erfuhr, als Oskar und Daisy schon an Bord des belgischen Dampfers "Prince Baudouin" auf dem Ärmelkanal schwammen und im Begriff waren, ein Telegramm an die Deutsche Diplomatische Vertretung in London aufzugeben:
ankunft 19.50 (bahnhof) victoria stop erbitte abholung, schlitter.
Trotz des Telegramms mußten sich die Eheleute Schlitter für die Fahrt vom Bahnhof
in ihre Londoner Wohnung mit dem kleinen schwarzen Wagen ihrer Tochter Marion, 21, begnügen. Schlange-Schöningen hatte demonstrativ keinen Dienstwagen geschickt.
Am selben Abend setzte sich der Botschafter mit AA-Personalchef Josef Löns in Verbindung. "Wenn Herr Schlitter hier einen Brief aus der Tasche ziehen sollte", rief Schlange-Schöningen tief verärgert ins Telephon, "der ihn ermächtigt, wieder sein Amt auszuüben, reise ich ab. Ich würde das mit der Würde Deutschlands unvereinbar betrachten. - Herr Blankenhorn sitzt wohl neben Ihnen? Ja? Gut, da bitte ich doch, Herrn Blankenhorn sehr herzlich von mir zu grüßen!"
Die Freundlichkeit für Herbert Blankenhorn war sarkastisch gemeint. In London glaubt man zu wissen, daß Herbert Blankenhorn hinter der Schlitter-Reise stand und durch vollendete Tatsachen den Oskar Schlitter wieder auf seinen Londoner Diplomatensessel bringen wollte.
Noch am Dienstagabend rief Staatssekretär Hallstein bei Schlange-Schöningen an und trug ihm auf, Schlitter am nächsten Tage zu empfangen und ihm die dienstliche Anweisung zu erteilen, sofort nach Bonn zurückzukehren.
In London schwanden die Sympathien, die einige englische Kreise, die sich auf ihre Fairness etwas zugute halten, für den Botschaftsrat und Frau Daisy gehegt hatten. Eine solche Disziplinlosigkeit in der Diplomatie hatte man noch nicht erlebt. Die Deutsch-Englische Gesellschaft erwog ernstlich, ein Essen, das an einem der nächsten Tage zu Ehren Dr. von Brentanos geplant war, abzusagen. Sie fürchtete, man werde an den Tischen in den Connaught Rooms mehr über die Schlitters als über die deutsch-englische Freundschaft reden.
In dieser Situation tat Oskar Schlitter das Beste, was er tun konnte: Er meldete sich grippekrank und ließ sich die Bonner Weisung, unverzüglich nach Bonn "zur Berichterstattung" zurückzureisen, schriftlich in sein Kensingtoner Heim zustellen.
Am Donnerstagmorgen sandte Oskar Schlitter vom Bett aus Tochter Marion mit seinem Antworttelegramm an AA-Staatssekretär Walter Hallstein zum nächsten Post Office. Unter Hinweis auf seine Erkrankung, seinen Urlaub, den privaten Charakter seiner Reise und die ausdrückliche Erlaubnis des Außenamtes, überall hinfahren zu dürfen, verweigerte Oskar Schlitter die sofortige Rückkehr.
Ein Teil der in London zu regelnden Privatangelegenheiten, so drahtete Schlitter, habe mit dem Umstand zu tun, daß ihm vom Auswärtigen Amt zwei Monate lang kein Pfennig Gehalt überwiesen worden sei, so daß seine beiden Kinder in London auf Kosten englischer Freunde leben mußten. Das stimmte; die Botschaft hatte ursprünglich keine Weisung aus Bonn erhalten, Geld an die Schlitter-Kinder auszuhändigen. Aber noch kurz vor der Rückkehr Schlitters waren seiner Tochter 850 Pfund, rund 10 000 Mark, für die Monate Januar und Februar gezahlt worden.
Daß ein deutscher Diplomat auf diesem ungewöhnlichen postalischen Wege mit der Bonner Zentrale verkehren mußte und nicht ein im diplomatischen Dienst übliches chiffriertes Telegramm über seine Botschaft senden konnte, rührt von der Anweisung Schlange-Schöningens an sämtliche Botschaftsangestellten her, jeglichen Verkehr mit dem Botschaftsrat zu vermeiden. Als fünften und letzten Punkt in seinem Telegramm an Staatssekretär Walter
Hallstein erwähnte Oskar Schlitter auch das.
Damit war erstmalig und vorsichtig der Kern der ganzen Affäre Schlitter angedeutet: die Antipathie, die Botschafter Schlange-Schöningen und Schlitter einander entgegenbringen.
Nach Ablösung des ersten deutschen Botschaftsrates in London, des Karriere-Diplomaten Dr. Georg Rosen, hatte Schlange-Schöningen versucht, seinen politischen Ratgeber und Intimus Oskar von John auf diesen Sessel zu bugsieren; aber das Auswärtige Amt versetzte statt dessen Oskar Schlitter von Madrid nach London.
Oskar Schlitter begann zu regieren. Heute gedenkt man besonders einer Regel, die er damals neu aufstellte. "Kein Mitglied des Hauses darf jemals ex tempore sprechen", verfügte er.
Eine Ex-Tempore-Rede der Schlitter-Gattin Daisy brachte die Schlitter-Affäre dann ins Rollen. Auf Frau Daisys Rede hin war aus Bonn der Personalchef des Auswärtigen Amtes, Josef Löns, herbeigeeilt. Löns hatte zufällig bei Dr. Adenauer in Rhöndorf gesessen, als der Bundeskanzler die erste Nachricht über Frau Daisys Rede erhielt. "Den Mann muß man hinauswerfen!" war Adenauers erste Reaktion.
Erst langsam ließ er sich von Löns überzeugen, daß man den Fall zunächst untersuchen müsse. Botschaftsrat Schlitter wurde nach Bonn gerufen.
Löns wollte mit seinem Untersuchungsbericht den Schlitters goldene Brücken bauen. Es habe sich nur um einen falschen Zungenschlag gehandelt. Die Feindschaft begann aber, als das Außenamt eine öffentliche Erklärung abgab, in der Frau Daisys Äußerung vom "feindlichen Ausland" bedauert wurde. Frau Schlitter ließ durch einen Mittelsmann dem Bundeskanzler mitteilen, Löns habe ihr in London bei einer Autofahrt ungehörige Anträge gemacht.
Frau Daisy, eine hübsche Vierzigerin mit rasendem Geltungsbedürfnis und unheimlicher Energie, wollte um jeden Preis nach London zurück. Der Botschaftsrat mobilisierte daraufhin seine alten Freunde aus der Wilhelmstraßen-Zeit, die in Herbert Blankenhorn ihren Fürsprecher gefunden haben.
Schlitter bat auch FDP-Chef Dehler um Hilfe, vor dessen Fraktion er wiederholt über die deutsch-englischen Beziehungen gesprochen hatte. Hubertus Prinz zu Löwenstein und der linke Flügel der FDP distanzierten sich zwar von ihm, aber Dehler vermittelte ihm eine Aussprache mit Dr. Adenauer.
Langsam bekamen die Freunde des Botschaftsrats Oberwasser.
Eine Klippe für die Rückkehr der Schlitters war freilich Botschafter Schlange-Schöningen. Er tritt am 31. März von seinem Londoner Posten ab und möchte gern die Dienstgeschäfte und einschlägige Unterlagen direkt an seinen Nachfolger Hans von Herwarth übergeben, ohne daß Schlitter noch Einblick nimmt. Frau Daisy hat in Bonn schriftlich berichtet, gewisse Fonds des Botschafters seien nicht zweckmäßig verwendet worden.
Einen unerwarteten Freund fanden die Schlitters allerdings in London: James Pettigrew, den Starreporter des Boulevardblattes "Daily Sketch".
James Pettigrew erschien mit seinem außenpolitischen Redakteur Morton in Princes Gate und bat, sofort zum Botschafter Schlange-Schöningen geführt zu werden. Als Presseattaché Dr. Bruno Richter das für unmöglich erklärte, sagten die beiden Vertreter des Boulevardblattes, er möge Schlange-Schöningen ihren Rat ausrichten, sich beim Bundeskanzler energisch zugunsten Schlitters einzusetzen.
Für die Leser des "Daily Sketch", eines Blattes etwa vom Charakter des Groschenblattes "Bild", wäre es allerdings ein schwerer Schlag, wenn ihre "Frau Daisy" von der Londoner Bildfläche und von der Titelseite verschwände.
Schlitters Tage im Auswärtigen Amt scheinen nach seiner London-Reise gezählt. Pekuniär wäre das für ihn zu ertragen. Frau Daisy ihrerseits könnte vielleicht auf die Schriftstellerei umsatteln. Ihr Lehrbuch über diplomatische Manieren, dessen Manuskript Oskar Schlitter einigen Freunden zeigte, ist fast fertiggestellt.
*) Die Gattin des Botschaftsrats hatte bei einer privaten Weihnachtsfeier mit Angehörigen der Londoner Deutschen Diplomatischen Vertretung in einer Ansprache Wendungen gebraucht ("Wir sind im feindlichen Ausland"), über die sich die Presse entrüstet hatte. Botschaftsrat Schlitter war darauf aus London abberufen worden (SPIEGEL 2, 3, 4, 5/1955).

DER SPIEGEL 13/1955
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