13.04.1955

STEG-LIQUIDATION / HANDELEs blieb etwas hängen

Dem Rechnungshof wäre es am liebsten, wenn die Steg endlich eines seligen Todes sterben würde." Mit diesen Worten kommentierte der Präsident des bayerischen Obersten Rechnungshofes, Heinz Schellhorn, kürzlich im Haushaltsausschuß des Bayerischen Landtages den Wunsch des CSU-Abgeordneten und Direktors der Bayerischen Staatsbank, Franz Elsen, einen Untersuchungsausschuß einzusetzen, um das Erbe der Staatlichen Erfassungsgesellschaft für öffentliches Gut mbH (Steg) zu durchleuchten.
Präsident Schellhorn hatte gerade im Haushaltsausschuß seinen Prüfungsbericht zur Steg-Bilanz 1951 vorgetragen und dabei kritisiert: "Der Oberste Rechnungshof mußte bei all seinen Prüfungen feststellen, daß die Steg vielfach Aufwendungen gemacht hat, die mit dem Grundsatz einer sparsamen Wirtschaftsführung nicht übereinstimmen. Nach seiner Ansicht entspricht die Wirtschaftsführung der Steg in den von ihm beanstandeten 300 Fällen nicht der Sorgfalt eines ordentlichen Treuhänders der öffentlichen Hand."
Bevor der bayerische Rechnungshof zu diesem Urteil kam, hatten seine Revisoren noch einmal das trübe Kapitel der ersten Nachkriegsjahre aufblättern müssen. 1945 hatten die Amerikaner in ihrer Besatzungszone das in Lagern gehortete ehemalige Wehrmachtgut erst einmal als Kriegsbeute beschlagnahmt. Später durften die amerikanischen Ortskommandanten einzelne Partien der für den Zivilbedarf verwertbaren Materialbestände gegen Empfangsquittungen gratis abgeben.
Schließlich überließ die amerikanische Militärregierung im Frühjahr 1946 den ganzen Materialrest den Länderregierungen der amerikanischen Zone. Das Direktorium des Länderrates gründete daraufhin die staatliche "Gesellschaft zur Erfassung von Rüstungsgut", die 1948 in "Staatliche Erfassungsgesellschaft für öffentliches Gut" (Steg) umgetauft wurde.
Dieser Gesellschaft wurden zunächst folgende Aufgaben übertragen:
▷ Verkauf von 500 000 Tonnen Heeresgut, das in 600 Magazinen lagerte,
▷ Verwertung von 55 000 Tonnen Aluminiumschrott aus zerlegten Flugzeugen und von 100 000 Tonnen anderem Schrott,
▷ industrielle Auswertung von alten Flugzeugmotoren und Nachrichtengeräten,
▷ Entschärfung und Aufarbeitung von etwa 250 000 Tonnen Munition.
Daneben mußte sich die Steg aber auch noch als Inkasso-Institut betätigen, denn nachträglich bestimmten die Amerikaner, daß die anfangs kostenlos abgegebenen Partien doch noch bezahlt werden mußten. Der Gesamterlös mußte auf ein Sperrkonto eingezahlt werden. Über die endgültige Verwendung des Geldes sollte später entschieden werden.
Bald darauf stiegen die Amerikaner selbst aktiv in das Steg-Geschäft ein Sie gründeten damals eigens zu dem Zweck, militärischen Ramsch abzustoßen, eine besondere Handelsorganisation mit zentralem Sitz in Paris. Die Steg übernahm von dieser Handelsorganisation einen Globalposten, der in 26 amerikanischen Mammutmagazinen lagerte, für 236 Millionen Dollar. Angeblich sollten die Lager 800 000 Tonnen Waren verschiedener Art
enthalten. Als das Gewicht kontrolliert wurde, waren es nur 443 000 Tonnen.
Ähnlich enttäuschte der Import von 32 000 Tonnen sogenannter amerikanischer Überflußgüter, die 62 Millionen Dollar kosteten. Die Steg hatte gehofft, vor allem Bekleidungsstücke zu bekommen. Sie mußte aber auch nebensächlichen Ballast übernehmen, der den Warenhunger während der Zwangswirtschaftszeit nicht befriedigen konnte. Darüber berichtete der ehemalige Steg-Aufsichtsrats-Vorsitzende Dr. Magnus: "Zahlreiche Güter hätten den deutschen Bedarf von vielen Jahren decken können, so zum Beispiel 2000 Tonnen Segeltuchgamaschen und Seesäcke, 1200 Tonnen Schuhfett, Entroster, Rostschutzmittel und Metallputz, große Mengen Kistenöffner, Spiegel, Büchsenöffner, Zahnbürstenbehälter und Seifendosen. Viele Waren hatten zudem durch lange Lagerung und Witterung gelitten." 300 Tonnen Brechstangen wurden sofort wieder als Schrott nach Amerika reexportiert.
Die Steg erledigte diese anrüchigen Amerika - Geschäfte im Auftrag und auf Rechnung des Zweizonenwirtschaftsrates (später Bundeswirtschaftsministerium). Sie war für die kaufmännische Abwicklung verantwortlich und übernahm die amerikanischen Waren treuhänderisch, um sie an die deutsche Bevölkerung und an Wirtschaftsbetriebe zu verkaufen. Die Waren wurden trotz späterer Reklamation auf der Londoner Schuldenkonferenz*) mit 170,4 Millionen Dollar berechnet, hinzu kamen noch 32,6 Millionen Dollar für Lieferungen an "displaced persons", Zivilinternierte
und Besatzungsangestellte, die von der Steg kostenlos versorgt werden mußten. Der Betrag von 203 Millionen Dollar ist in einem Sonderabkommen zum Londoner Schuldenabkommen vom 27. Februar 1953 endgültig als Schuld festgesetzt worden. Der Schuldbetrag ist in 50 Halbjahresraten zu zahlen.
Dazu der ehemalige Aufsichtsrats-Vorsitzende Dr. Kurt Magnus: "Die Amerikaner bestanden in London auf Abschluß dieses Sonderabkommens, obwohl die deutsche Seite umfangreiches, von der Steg bearbeitetes Material vorlegte, durch das ein Anspruch auf weitere Senkung der Dollarbelastung aus rechtlichen und kaufmännischen Überlegungen begründet wurde ... Außerdem wies die Steg in ihrem Memorandum nach, daß die ... vor der Währungsreform eingezahlten RM-Beträge schuldbefreiende Wirkung gehabt hätten. Die Einzahlungen hatten vor der Währungsreform eine Höhe von 343 Millionen RM erreicht; sie waren auf amerikanische Anweisung auf Konten, über die die Amerikaner verfügten, vorgenommen worden, verfielen aber bis auf den letzten Pfennig."
Inzwischen hatte die Steg einen großen Verwaltungsapparat mit 620 Nebenstellen aufgezogen, die 12 300 Angestellte und Arbeiter beschäftigten. Der Mangel an kaufmännischen Fachkräften wirkte sich sehr nachteilig aus. Dem ungeschulten Personal unterliefen häufig Kalkulationsfehler.
So verkaufte zum Beispiel der Lagerverwalter im bayerischen Lauf-Pegnitz einen großen Posten Baumwollgarn für nur 2,50 Mark das Kilo, obwohl der normale Verkaufswert
20 Mark je Kilo betrug. Ähnliche Pannen passierten bei der Vergabe von Aufträgen an Kommissionsfirmen, die aus altem Ami-Ramsch Bedarfsartikel, zum Beispiel aus amerikanischen Gamaschen Kinderturnschuhe, herstellten. Die Anfertigung der Kinderturnschuhe wurde so teuer, daß schließlich die Steg an jedem Paar fast eine Mark zusetzte.
Obwohl sich schnell herausstellte, daß die staatliche Organisation besser dabei fuhr, wenn sie das übernommene Material en gros an interessierte Firmen weiterverkaufte, beschäftigten sich die Steg-Filialen mit Einzelhandels-Experimenten. So wurden zum Beispiel Flugzeugmotoren erst bis zur letzten Schraube zerlegt. Dann wurde jedes einzelne Teil in einem Katalog registriert und zum Verkauf angeboten. Die bürokratisch geführten Kataloge mit über 300 000 Warenpositionen, von denen 90 Prozent nur in einem Exemplar vorhanden waren, veranlaßten den SPD-Landtagsabgeordneten Beyer kürzlich im Bayerischen Landtag zu dem Vorwurf: "Die Steg hat durch Aufbauschung ihrer Arbeit nur ihr Leben verlängern wollen."
Die mit Wehrmacht-Material handelnde staatliche Großorganisation war nämlich sehr bald nach der Währungsreform, als die westdeutsche Leichtindustrie wieder normale Waren herstellte, in Absatzschwierigkeiten geraten. Die Hochkonjunktur für Kochtöpfe aus Stahlhelmen und Milchkannen aus Gasmaskenbüchsen war vorbei. Aber die Steg-Zentrale glaubte offensichtlich, daß der Umsatz wieder steigen würde, wenn sie ihre Warensortimente übersichtlicher anbieten würde. Sie folgte dem hochbezahlten Gutachten eines Münchner Betriebswirtschaftlers, der vorgeschlagen hatte, sämtliche Warenpositionen nach
dem Hollerithverfahren auf Lochkarten zu erfassen. Da die meisten Stücke aber mit den Nummern des amerikanischen Heeresbeschaffungsamtes versehen waren, mußten sie erst nach dem Allgemeinen Deutschen Warenverzeichnis umnumeriert werden. Allein diese Numerierung kostete zwei Millionen Mark.
Bis zum 31. Dezember 1952 konnte die Steg doch noch einen großen Teil ihrer Lagerbestände abstoßen. Die Korea-Krise brachte neue Kunden; darunter groteskerweise auch die US-Armee. Unter dem Eindruck der politischen Spannungen kauften amerikanische Zeugämter große Posten Truppentextilien wieder zurück.
Am 1. Januar 1953 ging dann die Steg in Liquidation. Man gab ihr ein Jahr Zeit, um noch die Restbestände abzustoßen und die letzten Geschäfte abzuwickeln. Diese Liquidation ist aber immer noch nicht abgeschlossen. Wie gründlich die Auflösung dieser Gesellschaft betrieben wurde, beweist unter anderem die Tatsache, daß der Steg - Aufsichtsrats - Vorsitzende Kurt Magnus ein Buch schrieb, das unter dem Titel "Eine Million Tonnen Kriegsmaterial für den Frieden" in geringer Auflage erschienen ist.
Diese Schrift fand schon deswegen wenig Anklang beim Rechnungshof, weil die Steg 40 000 Mark für Autorenhonorar, Übersetzungs- und Druckkosten zahlte. Steg-Liquidator Dr. Wollnik rechtfertigte die hohen Kosten mit dem Hinweis: "Dieses Buch wurde von den Amerikanern ausdrücklich gewünscht. Es wurde ins Englische übersetzt. 250 Exemplare sind für amerikanische Bibliotheken bestimmt."
In dem Vorwort dieses Buches steht der prophetische Satz: "Voraussichtlich werden amtliche Stellen noch geraume Zeit mit Steg-Problemen befaßt werden." Im übrigen beruft sich der Autor auf das Goethe-Wort:
Wer dem Publikum dient, ist ein armes Tier. Er quält sich ab, niemand dankt dafür.
Nun glaubt allerdings der Oberste Rechnungshof in Bayern, daß zahlreiche maßgebliche Steg-Angestellte ihren Dank finanziell vorweggenommen haben. Jeder Angestellte erhielt bei seinem Ausscheiden vier Prozent seines bisher bei der Steg empfangenen gesamten Bruttoeinkommens als Abfindungssumme; Geschäftsführer Dr. Witt zum Beispiel ließ sich 24 000 Mark auszahlen.
Außerdem rügte der Rechnungshof, "daß der Abbau des Personalstabes, insbesondere bei den Angestellten in gehobener Stellung, nicht entsprechend der Schrumpfung des Aufgabenkreises durchgeführt wurde". Ende 1953, als die Steg längst in Liquidation war, beschäftigte sie immer noch sechzig hochbezahlte Angestellte, die 53 000 Mark allein an Weihnachtsgratifikation erhielten. Bei der Abwicklungsstelle sind zur Zeit noch achtzehn leitende Angestellte tätig. Da eine Reihe von Prozessen abzuwickeln ist, beläuft sich der monatliche Verwaltungsaufwand auf 50 000 Mark.
Nebenbei haben sich die Revisoren des bayerischen Rechnungshofes auch für die Kraftwagenkäufe und -verkäufe der Steg-Abwicklungsstelle
interessiert. Die Prüfer wunderten sich darüber, daß just vor dem Ausscheiden leitender Angestellter neue Dienstwagen angeschafft wurden, die dann zu stark herabgesetzten Preisen wieder verkauft wurden, und zwar ausgerechnet an die ausgeschiedenen Herren.
Bei dieser Praxis war es nicht verwunderlich, daß der Liquidationsaufwand den größten Teil des Warenerlöses aufzehrte. Der Schluß-Ausverkauf ehemaligen deutschen Wehrmachtmaterials von der Währungsreform bis zum 31. Dezember 1953 brachte einen Verkaufserlös von 79 758 107,27 Mark; es blieb aber bei diesem Teilgeschäft nur ein Einnahmeüberschuß von 19,4 Millionen Mark übrig.
Im ganzen hat die Steg nach der Bilanz, die der ehemalige Aufsichtsrats-Vorsitzende Dr. Kurt Magnus in seinem Buch aufmacht, 632,6 Millionen Mark eingebüßt. Davon sind 77,28 Millionen Mark rein kaufmännische Verluste, während der Rest durch die Währungsreform und die Auflage der amerikanischen Militärregierung, DP''s und Besatzungsangestellte kostenlos zu beliefern, verlorenging. Bundesfinanzminister Schäffer bekam nur rund 210 Millionen Mark aus dem Steg-Erlös. Das Defizit muß der Bund tragen. Allerdings - so betont Dr. Magnus - sind dem westdeutschen Fiskus im Zusammenhang mit dem Amerika-Geschäft noch etwa 70
Millionen Mark an Zöllen und Steuern zugeflossen.
Am 1. Juli dieses Jahres wird nun das bayerische Finanzministerium die Liquidation übernehmen und sie beschleunigt beenden. Schreibt der ehemalige Aufsichtsrats-Vorsitzende Kurt Magnus in seinen Steg-Memoiren: "Die Steg setzte sich gegen die Angriffe energisch zur Wehr, aber - semper aliquid haeret." (Es bleibt immer etwas hängen.)
*) Die gesamten westdeutschen Nachkriegsschulden an Amerika wurden auf zwei Milliarden Dollar festgesetzt.

DER SPIEGEL 16/1955
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