20.04.1955

MITTLERER OSTEN / JEMENLieber Gras fressen

Die Weisheit ist im Jemen zu Haus", hat vor dreizehnhundert Jahren Mohammed, der Prophet Allahs, verkündet.
Oberst Achmed Jehia Salaja, Kommandant der königlichen Leibwache im rückständigsten Feudalstaat der modernen Welt, vergaß das ehrwürdige Prophetenwort. Gleich seinem Mitverschworenen, dem englandfreundlichen Prinzen Abdallah, vermutete er die Weisheit im benachbarten britischen Aden.
Den fatalen Irrtum mußten er und einige seiner Mitverschwörer nach dem Willen des gerechten Allah in der letzten Woche mit dem Leben bezahlen. Sie hatten den letzten, noch immer im Dunkel der Historie lebenden theokratischen Sklavenhalter-Staat der arabischen Welt den mittelöstlichen Paktplänen der Angloamerikaner und dem Dollar-Strom der Vereinigten Staaten öffnen wollen.
Wie seltsam die Wege Allahs oft sind, erfuhr der Oberst, als er den 61jährigen kränklichen König Achmed, Imam des Jemen und damit geistliches Oberhaupt der islamitischen Seiditen - Sekte, in seiner befestigten Residenz Urdhi in der Nähe der Landeshauptstadt Tais (siehe Karte) zwischen Benzinfässern und Haremsdamen verhaften und an dessen inzwischen zum Nachfolger proklamierten Bruder, den Prinzen Abdallah, ausliefern wollte.
König Achmed befand sich mit seinem Harem und einigen wenigen getreuen Wächtern in einer höchst verzweifelten Lage, als der Leibgardisten-Oberst mit 600 schwerbewaffneten Rebellen vor den Toren der mittelalterlichen Feste erschien und den despotischen Herrscher der Jemeniten barsch zur unverzüglichen Kapitulation aufforderte. Der bedrängte König verlangte von den Putschisten zuerst einmal freien Abzug für seine Haremsdamen, bevor er sich in ein Gespräch über seine Nachfolge einlassen wollte.
Gesenkten Kopfes traten die verschleierten Grazien aus dem Stammland der Königin von Saba den Weg in eine ungewisse Zukunft an. Bevor er ihnen den Weg freigab, ließ der Oberst die Damen vor den Augen des wutschnaubenden Königs gegen alle Regeln morgenländischer Galanterie gründlich durchsuchen. Er hatte nämlich das dumpfe Gefühl, daß die Haremsfrauen unter ihren wallenden Gewändern einige königliche Schätze in
Sicherheit bringen wollten, für die er sich selbst lebhaft interessierte.
Das Wehgeschrei seiner Haremsdamen trieb den König zu einer Geste der Verzweiflung. Er griff nach einem Gewehr und feuerte blindlings in die Rebellen-Soldateska hinein, die das ungewohnte Schauspiel feixend genoß. Ein Teil der Leibgarde, dem die königlichen Schüsse imponiert hatten, stellte sich jetzt auf die Seite des Monarchen. Der König, der seine Sache bereits verlorengegeben hatte, richtete sich in seiner belagerten Residenz zur Verteidigung ein.
Während sein Bruder Abdallah die Kunde von einem geglückten Staatsstreich befriedigt nach Kairo telegraphieren ließ und die dort stationierten Nachrichtenagenturen sie nach London und New York weiterfunkten, kam dem rachebrütenden Greis noch von einer anderen Seite Hilfe.
Seinem 30jährigen Sohn, dem Prinzen Seif el-Islam ("Schwert des Islam") el-Badr, dessen Thronfolgeansprüche König Achmed bisher vergeblich gegen den Widerstand seiner mächtigen Brüder Abdallah und Hassan durchzusetzen versucht hatte, war es nämlich gelungen, den Ring der Verschwörer zu durchbrechen. Er erschien bei den in Hajja versammelten Führern der nördlichen Beduinenstämme, den kriegerischen Hasched und Bakil und flehte sie um Hilfe für seinen Vater an. Er riß seinen kostbaren Krummdolch aus dem Gürtel, legte seinen weißen Turban ab und warf die beiden Insignien seiner Würde nach altem Brauch vor den Häuptlingen zu Boden.
Seit Jahrhunderten gehört diese symbolische Geste in dem ständig von Palastrevolutionen und dynastischen Morden heimgesuchten Feudalstaat zum Repertoire aller thronflüchtigen Despoten, die von ihren Stammesfürsten Unterstützung gegen ihre putschlüsterne Verwandtschaft erhoffen. Diesmal aber spielte in die theatralische Szene, mit der Prinz el-Badr seinem Vater Achmed den bedrohlich
wackelnden Jemen-Thron erhalten wollte, die internationale Politik hinein.
Schon einmal, als 1948 westliche Interessenten das dicht verrammelte Tor zur "Arabia felix" mit Gewalt aufstoßen wollten, griffen die Nordstämme ein. Sie besiegten in einem blutigen Bürgerkrieg einen Usurpator, den Emir el-Wasir, der sich mit Hilfe der britenfeindlichen "Großjemenitischen Partei" des Thrones bemächtigt hatte.
Die Nordstämme hatten auch nicht vergessen, daß König Achmed sie damals aufgerufen hatte, el-Wasirs Mord an seinem 72jährigen Vater Jachja zu rächen, einem strikt nach dem Koran und der "Scheria", der religiösen Gesetzessammlung des Jemen, regierenden Potentaten, der das von Armut und Seuchen heimgesuchte Land mit drakonischen Mitteln von der Außenwelt abgeschlossen und seinen Untertanen empfohlen hatte, "lieber Gras zu fressen", als mit anzusehen, daß fremde Ölspekulanten in das Land eindringen.
In der alten Landeshauptstadt Sana hatte damals König Achmed mit seinen Nothelfern ein orgiastisches Folterungs-
und Hinrichtungsfest gefeiert, bei dem die Verschwörer mit allen grausamen Finessen orientalischer Phantasie langsam zu Tode gequält wurden.
Doch der intelligente und politisch aufgeschlossene Achmed milderte die Regierungspraktiken seines despotischen Vaters. Er führte das vorher streng verpönte Radio ein, ebenso das Telephon und bestellte amerikanische Jeeps und Flugzeuge.
König Achmeds Bruder, der flotte Lebemann Emir Abdallah, der sich als Uno-Vertreter des Jemen in New York nicht sonderlich um die strengen Tugendregeln des Korans kümmerte, zeigte sich unterdes den verlockenden Angeboten amerikanischer Ölfirmen erheblich aufgeschlossener als den lästigen Mahnungen einiger weltfremder Uno-Moralisten, im Südwestzipfel der arabischen Halbinsel für die Beseitigung der dort noch immer offiziell praktizierten Sklaverei zu sorgen.
Als 1948 der britenfreundliche Emir el-Wasir im Jemen putschte, schlug sich Abdallah in kluger Einschätzung der Macht jener alten Mythen von Vasallen-Treue, die sein Bruder Achmed beschworen hatte, um den Mord an seinem Vater zu rächen, auf die Seite des siegreichen Bruders.
Aber er verzieh Achmed nicht, daß nicht er die 700jährige Seiditen-Dynastie fortführen durfte, die sich direkter Geschlechter-Folge von Mohammed dem Propheten rühmt. Er konspirierte mit einer umstürzlerisch gesinnten Offiziersclique der königlichen Leibgarde. Auch zog er beizeiten hohe Gönner aus der britischen Kolonie Aden ins Vertrauen, die in den südlichen Grenzgebieten des Jemen ohnehin seit Jahren ihren Nachwuchs an Bomberpiloten auszuprobieren pflegen.
In Hajja aber verbeugten sich in der letzten Woche die Häuptlinge vor dem Sohn des Imams Achmed und gaben ihm Turban
und Krummdolch ehrerbietig zurück. Sie nahmen damit feierlich die Verpflichtung auf sich, die seinem Vater angetane Beleidigung zu sühnen und den Prinzen Abdallah wieder vom Thron des Königreichs Jemen zu verjagen.
Trommelsignale trugen die Nachricht vom Treuschwur der Nordstämme in die einsamen Dörfer des Steppenhochlandes bis nach Tais. Vor den Mauern der Feste Urdhi, wo die auf 2000 Mann angeschwollene Rebellen-Armee noch immer auf den Triumph hoffte, entstand plötzlich geheimnisvolle Unruhe und Bewegung. Den Führern des Komplotts entglitt die Kontrolle über die abtrünnige Leibgarde des Königs, und vor der herannahenden Streitmacht der Gebirgsstämme ergriffen die Belagerer schließlich die Flucht.
In Tais bestieg der alte König Achmed, sorgfältig geschminkt und geschmückt zum prunkvollen Siegesritt durch die Hauptstadt, sein zahmes Lieblingspferd und zeigte sich dem Volk. Würdevoll und milde lächelnd, hob er langsam seinen Säbel, um Friede und Waffenruhe zu verkünden, obgleich sein Herz ungeduldig nach Rache schrie.
Die erste ausländische Delegation, die Imam Achmed Glück zur Niederschlagung des Putsches wünschte, hatte Ägyptens Staatschef Oberst Nasser per Flugzeug nach Tais geschickt. Unterwegs hatten die von Sozialminister Hussein Schaffei, einem Mitglied der Kairoer Offiziers-Junta, angeführten Ägypter in Saudiarabiens Hauptstadt Riad Station gemacht, um zur Verstärkung noch einige Delegierte aus dem nördlichen Nachbarland des Jemen mitzubringen.
Die Herren wollten in dem Verschwörernest Tais noch rasch nach dem Rechten sehen, ehe ihnen die Briten nach dem Beispiel des Irak ein neues Stück aus dem verlockenden Kuchen der arabischen Staaten herausbrocken konnten. König Achmed versicherte ihnen jedoch, daß ihre Sorge unbegründet sei. Er versprach, die traditionelle Isolierungspolitik seines Reiches aufzugeben und von nun an eng mit Ägypten und Saudiarabien zusammenzuarbeiten.
Ende letzter Woche wurde aus Tais berichtet, der König habe seine Brüder Abdallah und el-Abbas - auch el-Abbas war an dem Putsch beteiligt - hinrichten lassen.

DER SPIEGEL 17/1955
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