27.04.1955

ZWERGSTAATEN / SAN MARINO

Die Frauen vom Monte Titano

Miriam Micheletti, eine ebenso ansehnliche wie resolute Bäckerstochter, ist in Europas ältester und zugleich kleinster Republik zum Alptraum der dort allmächtigen Kommunistischen Partei geworden.

Sie fordert für die Frauen San Marinos das Wahlrecht und hat damit fertiggebracht, was die im benachbarten Italien geschulten bürgerlichen Parteistrategen seit zehn Jahren vergeblich versuchten: den Thron der kommunistischen Machthaber von San Marino ins Wanken zu bringen.

Dabei ist Miriam Micheletti alles andere als ein Blaustrumpf. Wenn sie tagsüber in der väterlichen "pasticceria" Aprikosentörtchen oder Makronengebäck verkauft, gleicht sie haargenau jenen Mustern stiller und sittenstrenger Kleinbürger - Töchter, denen man zwischen dem Comer See und der Meerenge von Messina auf Schritt und Tritt begegnet. Doch wenn Miriam nach getaner Arbeit die Schürzeabbindet,

verwandelt sie sich in die leidenschaftlichste Kämpferin für die Rechte der etwa 5000 Frauen, die mit ihren Männern und Kindern die Hänge des Monte Titano bewohnen.

Das Pikante an der Wahlrechts-Situation von San Marino ist die Tatsache, daß die bisher uneingeschränkt männliche Obrigkeit keineswegs von langbärtigen Stockkonservativen, sondern von Kommunisten und Linkssozialisten verkörpert wird, von Mitgliedern politischer Parteien also, die jenseits der Landesgrenzen die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf ihr Panier geschrieben haben.

Dieses Paradoxon haben sich Miriam Micheletti und ihre wahlwütigen Anhängerinnen in den letzten Monaten weidlich zunutze gemacht. Den Honoratioren der Zwergrepublik - allen voran den beiden zur Zeit amtierenden kommunistischen "capitani reggenti" (Regenten) Domenico Forcellini und Vittorio Meloni - stachen immer neue Plakate an den ockerbraunen Häuserwänden in die Augen, auf denen sie an ihre Parteidoktrinen erinnert wurden.

Dem Chef der Kommunistischen Partei von San Marino, einem Mechaniker namens Gildo Gasperoni, blieb in der vergangenen Woche nichts anderes übrig, als klein beizugeben. Feierlich versprach er der temperamentvollen Zuckerbäckerstochter, daß im September dieses Jahres bei der Wahl des Großen Rates - der obersten parlamentarischen Instanz des Landes - die Frauen in voller Gleichberechtigung mit den Männern ihre Stimmen abgeben dürfen.

Gildo Gasperoni ist diese Zusage sehr schwergefallen, denn sie kann das Ende der roten Herrschaft über San Marino bedeuten.

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges haben Kommunisten und Linkssozialisten bei allen Wahlen über 50 Prozent der abgegebenen Stimmen eingeheimst. Solange nur Männer ihre Zettel in die Urnen steckten, reichte der Einfluß des Klerus der streng katholischen Bergrepublik, der eifrig für die Democrazia Cristiana - die italienische Schwesterpartei der CDU - Propaganda treibt, nicht über das Kirchenportal hinaus.

San Marinos linksorientierte Arbeiter, Handwerker und Kleinbauern hörten an den Wahlsonntagen zunächst die Heilige Messe und wählten sodann frohgemut kommunistisch. So viel seelische Robustheit dürfte, so vermutet man in der Parteizentrale der KP, von Frauen nicht zu erwarten sein. Hin- und hergerissen zwischen den politischen Ratschlägen ihrer Männer und der Geistlichen, werden sie - fürchten die Kommunisten - im entscheidenden Augenblick der Forderung der Kirche folgen und damit einen Regimewechsel herbeiführen.

Die ganze Hoffnung Gildo Gasperonis und seiner sorgengeplagten Freunde konzentriert sich zur Zeit auf das Gerücht, die Zuckerbäckerstochter Miriam Micheletti werde das Hoheitsgebiet von San Marino in Kürze verlassen. Im nahen Rimini wartet nämlich ihr italienischer Verlobter auf das Eheglück.

Rosaria Masi, die vollbusige Frauenschaftsleiterin der Democrazia Cristiana in San Marino, versichert allerdings, daß die christdemokratischen Frauen der uralten Zwergrepublik auch dann den Kampf um die Herrschaft auf dem Monte Titano bis zum siegreichen Ende fortsetzen werden, wenn die Micheletti noch vor September für ihre Liebe zu leben beginnen sollte.


DER SPIEGEL 18/1955
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