27.04.1955

TURANDOT / TheaterMärchen mit Machtpolitik

Der Münchner Autor Wolfgang Hildesheimer stellt in seinen Geschichten und Hörspielen mit Vorliebe die Welt auf den Kopf. Es ist darum nur stilgerecht, daß er das kalte Frühjahr 1955 nicht für Saat und Blüte, sondern als Erntezeit benutzen kann. Ende März nahm er in Bonn für sein Hörspiel "Prinzessin Turandot" nach Festreden von Bundesinnenminister Schröder und Bundestags-Vizepräsident Schmid den angesehenen Hörspielpreis der Kriegsblinden für das Jahr 1954 entgegen. Knapp fünf Wochen später, am letzten Sonnabend, fand im Düsseldorfer Schauspielhaus die Uraufführung seiner "Turandot"-Komödienfassung unter dem Titel "Der Drachenthron" statt.
"Der Drachenthron" ist nicht nur Hildesheimers erstes aufgeführtes Stück, sondern auch seine erste Arbeit für das Theater überhaupt. Daß er damit sogleich an einen so umworbenen Uraufführungs-Betreuer wie Gustaf Gründgens geriet, verdankt er weniger seinem Buch- und Theaterverleger Desch als seiner schriftstellerischen Eigenart. Unter der Mangelware spielbarer neuer deutscher Stücke zeichnet sich "Der Drachenthron" durch die noch gesuchtere Mangelware der ironischen Groteske mit tieferer Bedeutung aus.
Darum servierte Gründgens das Stück seinen Düsseldorfern vor seinem Umzug nach Hamburg als letztes bitter-süßes
Bonbon. Er setzte sich selber ans Regiepult und gab die Rolle der Intelligenzbestie Prinzessin Turandot der schwarzhaarigen Paula Denk, die Fachleute zuweilen großzügig eine Nachfolgerin der Koppenhöfer nennen.
"Ein spielbares, intelligentes Stück", kommentierte Düsseldorfs scheidender Chefdramaturg Badenhausen. "Es gibt wenige Stücke dieser Art. Herr Gründgens hat immer hervorgehoben, daß er jedes Stück spielt, das nur eine gute Szene hat. Hier gibt es mehr als eine."
Die Geschichte von Prinzessin Turandot stammt aus dem Orient und ist bei Stücke- und Operntextschreibern seit langem beliebt. Carlo Gozzi (1720-1806), ein Meister der alt-italienischen Stegreifkomödie, verwendete sie als erster, Schillers Bearbeitung machte das Stück auch in Deutschland bekannt. Hier wie auch in den Turandot-Opern von Puccini und Busoni verläuft die Handlung ähnlich wie in der Ur-Geschichte:
Die Prinzessin veranstaltet für alle heiratswilligen Prinzen ein Preisausschreiben um ihre Hand. Jedem Bewerber stellt sie drei Rätselfragen. Wer die Lösungen nicht weiß, muß sterben. Neunzehn Prinzen riskieren ihren Kopf und verlieren ihn. Der zwanzigste Prinz löst die Rätsel und gewinnt nach einigem Hin und Her auch die Liebe der Prinzessin.
Autor Hildesheimer geriet an diesen Stoff, als ihm gerade einige Zeit lang nichts eingefallen war. Es war einer der Glückszufälle, die in Hildesheimers Leben eine gewichtige Rolle spielen und auf die er sich denn auch immer verlassen hat.
So konnte er sich mit siebzehn Jahren den Ausbruch des Dritten Reichs gelassen von einer englischen public school aus
betrachten, wo ihn sein noch in Deutschland tätiger Vater rechtzeitig untergebracht hatte. 1933 siedelte die Familie nach Palästina über. Vater Hildesheimer wurde dort Direktor in einem Werk des holländisch-englischen "Unilever"-Konzerns. Sohn Wolfgang wollte Bühnenbildner werden, lernte aber zunächst die Möbeltischlerei und brachte es bis zum Gesellen: "Mein Gesellenstück war ein Stuhl; den fertigzubringen, war schwerer als jedes Theaterstück."
1936 setzte sich der Tischlergeselle auf ein Schiff und fuhr als englisch-palästinensischer Mandatsbürger nach London. Er sollte sich dort auf der "Central school of arts" als Bühnenbildner schulen, verliebte sich aber immer mehr in die Malerei und verkroch sich zwei Jahre später in dem Cornwall-Dörfchen Mousehole ("Mauseloch"), um nur noch Bilder zu malen. Heute kommentiert Hildesheimer, sehnsüchtig rückwärtsgewandt, diese Zeit: "Sorgen um mein Fortkommen machte ich mir nicht. Ich war immer ein verwöhntes Kind. Allerdings mache ich mir auch heute keine Sorgen."
Der Kriegsausbruch erwischte das verwöhnte Kind auf dem Wege nach Palästina im Schweizer Dörfchen Pont Céard am Genfer See. Hildesheimer trug die Ereignisse mit Ruhe: "Es ist mir nie gelungen, mir besondere Gedanken über stattfindende oder zukünftige Kriegsausbrüche zu machen." Er spielte mit einem Freund einen Monat lang Billard und erwischte mit traumwandlerischer Sicherheit Ende Oktober einen Dampfer des Lloyd Triestino nach Haifa.
Während des Krieges malte Hildesheimer Plakate für die palästinensische Filiale des britischen Informations-Ministeriums. Im Sommer 1946 kehrte er nach London zurück, entwarf Textilien und wartete auf die Dinge, die da kommen würden.
Sie kamen in Gestalt von Frank Wolfe, dem Chefdolmetscher am Nürnberger Alliierten
Gericht. Wolfe schlug Hildesheimer vor, als Simultan-Übersetzer nach Nürnberg zu kommen. Hildesheimer sagte "aus Abenteuerlust" zu - und blieb drei Jahre. Seine bekanntesten "Klienten" waren SS-Ohlendorff und Material-Minister Speer (Hildesheimer: "Ein so schlechter Architekt!").
Das dauerte bis 1949. Danach wollte Hildesheimer nach Amerika auswandern: "Ich hatte keine Ahnung, was ich dort tun würde, aber ich kannte die Staaten noch nicht."
Um den Aufruf seiner Auswanderungsnummer abzuwarten, setzte sich Hildesheimer nach Ambach an den Starnberger See. Dort gefiel es ihm so gut, daß er seine Emigrations-Papiere nach drei Wochen zurückzog. "Ich konnte malen und hatte Freunde. Ich wußte nicht, wovon ich leben sollte, wenn die 500 Dollar verbraucht sein würden, die ich für meinen Jeep bekommen hatte. Aber ich fand es schön."
Dann kam jener Vormittag, mit dessen Schilderung Hildesheimer seither zahllose kulturbewußte Zeitungsleser schockiert hat. Es war im Vorderzimmer zum Malen zu kalt. Also ging er ins Hinterzimmer an den Ofen. Dort war es aber zum Malen zu dunkel. Also schrieb er zum Zeitvertreib, und es wurde eine Geschichte. Seither hat er keinen Pinsel mehr angerührt und nur noch Geschichten und anderes geschrieben.
Diese Geschichten waren bösartig, ironisch und durchweg etwas verrückt. Sie karikierten mit scheinbar bitterem Ernst die normale Welt und bohrten bösartige Löcher ins Meublement der bürgerlichen Restauration. Nach Zeitungsveröffentlichungen erschien ein Bändchen davon unter dem Titel "Lieblose Legenden" in der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart. Als ökonomischer Autor verwendete Hildesheimer
eine dieser Geschichten ("Das Ende einer Welt") als Funkopern-Stoff für den Nachwuchskomponisten Hans Werner Henze, eine andere, "Das Atelierfest", gab jetzt die Vorlage für ein Experimentier-Hörspiel des NWDR Hamburg ab
Aus seiner Fälscher-Parodie "Paradies der falschen Vögel" (SPIEGEL 46/1953) kelterte er sogar zwei Hörspiele: "Geschichten aus der Proczegovina" und "Begegnung im Balkan-Expreß".
Dann stieß er auf die Geschichte von der Prinzessin Turandot. Durch die Hörspiel-Arbeit mit einiger Dialog-Erfahrung ausgestattet, verlockte es ihn, nun ein Theaterstück zu schreiben. Weil aber sein erster Versuch mißglückte, goß er den Stoff bald nach Arbeitsbeginn zunächst in die auch kommerziell erfolgversprechendere Funk-Form um. Die Bühnenfassung folgte später.
Hier wie dort erfuhr die Ur-Turandot eine gehörige Verwandlung. Sie blieb zwar das männerfressende Ungeheuer, doch bekam ihr Prinzen-Konsum Zweck und Ziel: Nach jeder Bewerber-Köpfung kassiert ihre chinesische Armee unter Befehl des Turandot-Liebhabers Staatskanzler Hü das Reich des unglücklichen Prinzen. So entstand unter Berufung auf die Götter eine griffige machtpolitische Planung.
Die zweite Veränderung des Originalstoffs betraf den siegenden Prinzen. Hildesheimer verwandelt ihn in seine Lieblingsfigur: den mittellosen Außenseiter, der allein mit scharfem Verstand jedes Machtgebilde einstürzen lassen kann.
Hildesheimers siegender Prinz ist ein falscher Prinz, ein Desperado, der schon jahrzehntelang von Reich zu Reich zieht, Prinzessinnen verführt und dann sitzen läßt. Die Lösung von Turandots Aufgaben und damit der Sieg über Turandot selber soll die Krönung dieser Hochstapler-Laufbahn werden.
Die dritte entscheidende Veränderung in Hildesheimers Turandot-Fassung betrifft die von der Prinzessin gestellten Aufgaben. Drei Rätsel mit Lösung erschienen Hildesheimer nicht ergiebig genug. Er machte ein Streitgespräch daraus, ein Gespräch, in dem der Partner die Prinzessin vor dem versammelten Hof an Wortgewandtheit und Witz schlagen muß. Wer zuerst stockt oder den Faden verliert, ist besiegt.
Hildesheimers falscher Prinz von Astrachan schockiert die Turandot mit Keckheit, Lüge und immer neuen Einfällen dermaßen, daß sie gegen Ende nur noch etwas von den bisher immer besiegten Prinzen stammeln kann und schließlich schweigt.
Der falsche Prinz hat gesiegt. Turandots Vater spricht zu seinen Gunsten das Urteil. Da erhebt sich Pnina, jetzt Turandots Sklavin, ehemals aber Prinzessin und vor Jahren vom falschen Prinzen sitzen gelassen: sie entlarvt den Sieger als Betrüger. Der falsche Prinz wird in den Kerker geworfen, der zweite Akt ist zu Ende.
Bis hierhin deckt sich das Turandot-Hörspiel dem Sinn und der Handlung nach mit dem allerdings weiter ausgebauten und zurechtgefeilten Komödien-Text. Der dritte Akt bringt für die Komödie eine bedeutende Erweiterung der Handlung und eine Vertiefung der Hintergründe. In beiden Fassungen besorgt sich der machtgierige Kanzler Hü schleunigst aus Astrachan den echten Prinzen dieses Landes. Er will dem Volk einen würdigen Sieger vorführen und den falschen Prinzen in aller Stille hinrichten lassen.
In beiden Fassungen geht dieser Plan schief, Hü selbst wird auf Turandots Befehl
hingerichtet. Für das Bühnenstück gab Hildesheimer das Happy-End der Hörspiel-Fassung auf und konzentrierte sich auf die neue Figur, den echten Prinzen von Astrachan.
Dieser junge Mann ist ein kluger Barbar, ein realistischer Eroberer. Er fällt auf den Pnina-Turandot-Schwindel nicht hinein, sondern überwältigt mit seinen urkräftigen Kerlen das überzüchtete chinesische Reich und greift sich ohne Gesprächssieg die echte Turandot. Er ist der erste Mann, dem sie gehorchen muß, er wird mit ihr ganz Asien erobern.
Der falsche Prinz hat zuvor Turandot samt China-Krone verschmäht. Er schätzt die Prinzessin nicht, obwohl sie um ihn wirbt. Turandot will ihn darum durch den echten Prinzen köpfen lassen.
Aber der echte Prinz tut ihr aus rein ehe-pädagogischen Gründen diesen Gefallen nicht. Der falsche Prinz verläßt Turandot und das Stück so, wie er gekommen ist: als Abenteurer. Er will in das Land, nach dem er sich genannt hat, nach Astrachan: "Ich bin noch nie dort gewesen und möchte die Abwesenheit des Prinzen ausnutzen. Es soll dort eine Prinzessin von märchenhafter Schönheit geben. Man nennt sie die Perle der Schöpfung. Ich will sie mir ansehen."
Mit diesem Schnörkelchen fällt der Vorhang, alle Beteiligten auf der Bühne sind gegen ihren Willen befriedet. Die Schellen an Hildesheimers Narrenkappe klingeln im intellektuellen Märchen ironisch zum Lobpreis der brutalen Macht. Regisseur Gründgens hat sie vieltönig, aber leiser klingen machen. "Vielleicht hat er ein bißchen zu wenig intellektuell, ein bißchen zu viel auf Märchen inszeniert", meint Hildesheimer.
Das stimmt insofern, als die Inszenierung alle Figuren betont phantastisch abtönt und nur aus dem falschen Prinzen einen satirischen Naturburschen macht. "Aber wie dem auch sei", betont Dramaturg Badenhausen, "man muß zugeben, daß das Theater hier seine Pflicht getan hat." Das Wiener Burgtheater, die Stadttheater Heidelberg und Kiel sowie das Aachener Zimmertheater haben für den "Drachenthron" bereits die Absicht angemeldet, hier ebenfalls ihre Pflicht zu tun.
*) In der Düsseldorfer Gründgens-Inszenierung: Max Eckard als falscher Prinz von Astrachan, Paula Denk als Prinzessin Turandot.

DER SPIEGEL 18/1955
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