01.06.1955

MEDIZIN / READGeburt ist Arbeit

Frühmorgens gegen fünf Uhr wurde in einer Hamburger Klinik eine 34jährige Skandinavierin zur Entbindung von ihrem ersten Kinde eingeliefert. Vier Stunden lag sie in den Wehen.
Im Entbindungszimmer war es still. Hin und wieder stand die Hebammenschwester auf, um sich vom Fortgang der Geburt zu überzeugen. Nach ihrer Berechnung hätten die Wehen in diesem Stadium alle drei bis vier Minuten einsetzen müssen. Doch die Frau schien fest zu schlafen. Eine Stunde wartete die Schwester, dann rief sie den Stationsarzt. Nach kurzer Untersuchung gab der Doktor eine wehenfördernde Spritze. Sie sollte den Ablauf der Geburt beschleunigen.
In der siebten Stunde schienen die Wehen stärker zu werden. In regelmäßigen Abständen holte die Frau tief Luft, fiel aber gleich darauf wieder zurück in dämmerähnlichen Halbschlaf. Seltsam: Kein Schrei, kaum ein Stöhnen durchbrach die Stille. Der Arzt riet der Frau, sich auf die Seite zu legen. Sie schlug kurz die Augen auf, schien ihn jedoch nicht zu verstehen. Als der Kopf des Kindes sichtbar wurde, hielt der Arzt der Frau die Narkosemaske vor den Mund. Sie wandte abwehrend das Gesicht zur Seite. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig.
Eine halbe Stunde später ertönte der erste Schrei eines sieben Pfund schweren Jungen. Er war ohne Komplikationen zur erwarteten Zeit auf die Welt gekommen.
In diesem Augenblick erwachte die Frau wie aus einem Trancezustand. Lächelnd sah sie auf ihr neugeborenes Kind und sagte: "Entschuldigen Sie, Herr Doktor, daß ich vorhin nicht geantwortet habe. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mich zu entspannen." Sie habe, erklärte sie dem verblüfften Arzt, nach der Methode des Dr. Read entbunden.
Die leichte, anscheinend angst- und schmerzfreie Niederkunft der Skandinavierin, die an jenem Morgen in einer Hamburger Klinik ihr erstes Kind zur Welt brachte, bestätigte eine Theorie, mit der Dr. Grantly Dick Read, ein Londoner Gynäkologe, die moderne Geburtshilfe revolutionieren will. Die Entbindung war ein Schulbeispiel der "natürlichen Geburt", einer Geburt ohne Furcht und Schmerzen, ohne Betäubung und ärztlichen Eingriff.
"Die Geburt an sich ist ein ganz normaler und natürlicher Vorgang", lehrte Dr. Read zum ersten Male vor zwanzig Jahren, "der nur im Zeitalter der Angst und der Neurosen zu einem schmerzhaften Operationsakt degenerierte." Daß Read, der damals keinen Lehrstuhl und keine leitende Position in einer Klinik, ja nicht einmal einen Namen hatte, den Ärzten einen großen Teil der Schuld an dieser Degenerationserscheinung zuschrieb, haben ihm viele seiner Kollegen bis heute nicht verziehen.
Unbekümmert setzte er seine berufliche Existenz aufs Spiel, wenn er in öffentlichen Diskussionen immer wieder behauptete, der heutige Frauenarzt gehe bei der Geburtshilfe von falschen Voraussetzungen aus. Reads Argument: Das Tempo des modernen Lebens, der unerbittliche Daseinskampf und der scharfe Wettbewerb der Menschen untereinander erforderten einen Aufwand an Nervenkraft, der in keinem Verhältnis zur physischen Höherentwicklung
des modernen Menschen stehe. Der primitive Apparat des Körpers sei weitgehend veraltet. Trotzdem beharre die Gynäkologie auf dem alten Prinzip, die Frau im Augenblick der Geburt, also im Augenblick höchster seelischer Anspannung, als bloße Fortpflanzungsmaschine zu behandeln, der man - wenn es not tue - technische Hilfen gebe.
Was Grantly Dick Read seit zwei Jahrzehnten entrüsteten Kollegen predigt, nämlich: daß der moderne Frauenarzt ebensowohl Pflichten am Kopfende des Bettes seiner Patientin zu erfüllen habe wie am Fußende, wurde im letzten Monat während der 6. Lindauer Psychotherapiewoche unter dem Motto des Hamburger Frauenarztes Dr. Rudolf Hellmann "Mehr Seele in der Geburtshilfe!" zur verbindlichen Forderung erhoben.
"Wir hatten große Messer-Erfolge", sagte der Senior der deutschen Gynäkologie, Professor August Mayer aus Tübingen. "Aber wir haben auch eine zu große Messerfreudigkeit erreicht. Täglich suchen Tausende von Frauen den Frauenarzt auf, um ihm körperliche Schmerzen vorzutragen, obwohl die leiblichen Organe einen krankhaften Zustand oder eine Fehlleistung nicht aufzuweisen scheinen. Kummer im Beruf, freudloser Arbeitsplatz, wirtschaftliche Not, Wohnungselend, Spannungen in der Ehe können die eigentliche Ursache des Leidens sein, und es ist sinnlos, wenn dann mit Arzneigaben, Salben, Spritzen und mit dem chirurgischen Messer an die Patienten herangegangen wird." In ironischer Vereinfachung riet Professor Mayer dem Geburtshelfer, "die Frau zu beraten und den Ehemann zu behandeln".
Während die deutschen Frauenärzte in Lindau neu formulierten, wofür der Praktiker Read ein halbes Leben lang gekämpft hat - die "Psychologisierung der Geburtshilfe"
- , lud der Verkünder der "natürlichen Geburt" eine Schar prominenter Ärzte und Journalisten sowie Hebammen in ein kleines Londoner Privatkino. Dort zeigte er einen Farbfilm, den er im vergangenen Jahr in Johannesburg hatte drehen lassen, kurz bevor er Afrika nach sechsjährigem Emigrantenleben verließ und nach England zurückkehrte. Der Film - "er richtet sich in erster Linie an Frauen, Frauen, Frauen" - zeigte vier seiner Patientinnen in der letzten Phase der "natürlichen Geburt". "Ich habe mir die Fälle nicht selbst ausgesucht", erklärte Read seinen Gästen, als der Vorführer das Licht in dem kleinen Kinosaal ausschaltete. "Es waren einfach die letzten vier in meiner Johannesburger Praxis."
Auf der Leinwand erschien in weißem Kittel hinter einem großen Schreibtisch die athletische Gestalt Grantly Dick Reads. Mit ruhiger, selbstsicherer Miene und knappen Gesten kommentierte der Doktor seinen Film über die intimsten Vorgänge menschlichen Lebens. Die erste der vier Frauen, deren Entbindung er in zwanzig erregenden Minuten vorführte, hatte bereits einen Kaiserschnitt und fünf Operationen hinter sich, die zweite litt an Nierenbeschwerden, die dritte hatte eine äußerst schmerzhafte Erstgeburt durchgemacht, und nur die vierte war eine normale, gesunde, junge Mutter.
Dennoch schien keine der Frauen während der Geburt, die der Dr. Read mit der Ruhe eines gutmütigen alten Hausarztes leitete, zu leiden. Sichtlich ohne Schmerzensäußerungen, ohne Furcht und Unruhe brachten sie ihre Kinder zur Welt.
Dieser Film soll der erste dokumentarische Beweis für die kühne These des Einzelgängers Read sein, daß Geburt nicht Schmerz ist, sondern Arbeit. Obwohl sich seine Lehre in der Praxis allmählich durchgesetzt hat, obwohl Tausende von
Frauen in England, Amerika, Frankreich, Südafrika, in der Schweiz und seit einiger Zeit auch in Deutschland nach seiner Methode ihre Kinder zur Welt bringen, steht das Gros der britischen Mediziner seinen Ideen immer noch feindlich gegenüber. Erst vor drei Monaten hat das "British Medical Journal", die repräsentativste Ärzte-Zeitschrift Englands, Reads Arbeit erneut attackiert.
Wenn Read seine Thesen in öffentlichen Diskussionen erläuterte, konterten die skeptischen Kollegen: Wenn er Erfolg haben wolle, müsse er wohl die moderne Frau in den Urwald zurückverpflanzen. Denn Read behauptet immer wieder, in Afrika habe er die Bestätigung für seine Theorie gefunden, daß der Geburtsschmerz nichts anderes sei als eine Zivilisationskrankheit: "Während in unserer überzüchteten menschlichen Gesellschaft die Entbindung zu einem höchst komplizierten und gefährlichen Prozeß geworden ist, bei dem die Frau von vornherein nicht als werdende Mutter, sondern als Patientin behandelt wird, bekommen achtundneunzig Prozent der Negerfrauen ihre Kinder ohne Schmerzen."
Auch die meisten Frauen höher entwickelter Zivilisationsstufen, erklärte Read, seien körperlich gesund genug, ihre Kinder ohne besondere Beschwerden zur Welt zu bringen. Wenige jedoch seien seelisch so widerstandsfähig, daß ihr gesunder Organismus sich durchsetzen könne.
Wie er denn die seelische Widerstandsfähigkeit der modernen Frau stärken wolle, fragten die Debattenredner. Read antwortete mit einem Programm: "Durch die Erziehung der Frau zur Geburt."
Nach Reads Lehre sind Angst und Unwissenheit die schlimmsten Feinde der natürlichen Entbindung. Deswegen dürfe die Frau nicht als passives Opfer in ein ihr unbekanntes Geschehen hineinstolpern.
Im Gegenteil: Sie müsse in allen Phasen der Geburt zu aktiver Mitarbeit herangezogen werden. Frauen, die nach Read entbinden, kennen ihre Arbeit. Sie haben gelernt, die Absichten der Natur zu verstehen und zu nutzen, statt Widerstand zu leisten. Sie betrachten die Geburt als ihre persönliche Leistung. Den Begriff "Wehenschmerz" hat Read aus seinem medizinischen Vokabularium gestrichen und durch "Muskelgefühl" ersetzt.
Daß Read wegen seiner These, Geburt sei nicht Schmerz, sondern Arbeit, als terrible simplificateur, als schrecklicher Vereinfacher, befehdet werden würde, war ihm klar, noch ehe er seine Ideen verkündete. "Am Anfang meiner Laufbahn stand die Einsicht", bekannte er kürzlich, "daß es kein Vergnügen sein würde, angesichts aller meiner ärztlichen Standesgenossen eine Theorie aufzustellen, die nicht mehr und nicht weniger besagt, als daß alle großen Ärzte und Geburtshelfer bisher im Unrecht waren. Mir war zumute wie einem Boxer im Fliegengewicht, der nicht nur gegen einen, sondern gleich gegen ein Dutzend berufsmäßiger Schwergewichtler in den Ring tritt."
Doch Grantly Dick Read, 1890 in dem ostenglischen Landstädtchen Beccles als achtes Kind eines reichen Müllers geboren, hatte genug von der "sturen Dickschädeligkeit mitbekommen, mit der die Leute meiner Heimat es schon immer mit der Abwägung ihrer Chancen nicht allzu genau genommen haben." Der körperlich robuste Read, von seiner Idee besessen, trat vor zwanzig Jahren gewissermaßen mit einem harten Schwinger gegen seine Kollegen in den Ring, als er scharf kritisierte, die moderne Geburtshilfe sei zu einer Kunst der Betäubung geworden, in der der Narkotiseur eine größere Rolle spiele als die Hebammenschwester.
Seit der englische Narkose-Spezialist John Snow im Jahre 1853 bei der Entbindung
der Königin Viktoria von ihrem Sohn Leopold zum ersten Male die Chloroformnarkose in der Geburtshilfe angewandt hatte - die Chloroformbetäubung wurde daraufhin als "Narcose à la Reine" populär - , wurden Dutzende von einschläfernden Mitteln gegen den Geburtsschmerz erfunden und propagiert. "Betäubungsmittel wurden unter die Haut eingeführt, in die Venen, in das Innere von Muskeln, in das Rückenmark, kurz überall, wo man im menschlichen Körper nur etwas einführen kann", spottete Read. "Und je größer dieses Arbeitsfeld wurde, desto länger wurden die Namen. ''Pentothal'' und ''Thioaethamyl'' verdrängten das gute alte ''Paraldehyd'', aber dann gewann im Schlußgalopp doch das ''Natrium-Propyl-Methyl-Carbinyl-Allyl-Barbitursäure-Skopolamin''."
Die Technik der schmerzlindernden Betäubung wurde perfektioniert. Man begann zunächst mit ausgesprochenen Narkosemitteln, wie Chloroform oder Äther, zu betäuben, dann ging man zum Dämmerschlaf über, schließlich zur leichten "Inhalationsbetäubung" mit Lachgas und Trilen. In Amerika wurde während der Kriegsjahre die Lumbal-Anästhesie angewendet, bei der die Becken-Nerven durch Einspritzungen in den Rückenwirbelkanal vorübergehend betäubt und gelähmt werden.
Als der prominenteste Spezialist der amerikanischen Geburtshilfe, Professor Joseph De Lee, im Krieg sein umfangreiches Jahrbuch für Geburtshilfe und Frauenheilkunde herausgab, mokierte er sich über die Geburtsberichte der Frauenärzte, die regelmäßig mit dem Satz endeten: "Weder bei Mutter noch Kind waren schädliche Wirkungen (durch Betäubungsmittel) zu verzeichnen." "Diese zehn Worte", kritisierte Lee, "fangen an, etwas eintönig zu werden. Warum werden so viele Medikamente angeboten? Warum sind sie so kurzlebig?"
Zwar geben die Gynäkologen selbst zu, daß noch kein Betäubungsmittel gefunden wurde, das in allen Fällen zufriedenstellt. Grantly Dick Read geht aber noch einen Schritt weiter und behauptet: "Kein Narkosemittel ist für Mutter und Kind völlig gefahrlos. Schließlich sind Betäubungsmittel bis zu einem gewissen Grad eben doch Gifte." Das Betäubungsgift gelange ins Blut der Mutter und damit in den Körper des noch ungeborenen Kindes, dessen Organismus noch sehr labil sei. Herztöne und Atmung könnten durch die Betäubung geschwächt werden. Außerdem bestehe die Gefahr, daß die Betäubung nicht nur die Nervenzentren, sondern auch die Wehentätigkeit einschlafen lasse.
Reads offene Kritik an der Narkose, die nach seinen Worten "eine normale physiologische Geburt in einen krankhaften Zustand mit seinen Risiken" verwandelt, hätte ihn in den dreißiger Jahren beinahe seine Praxis gekostet. Ein Heer von Professoren, Klinikleitern und Fachärzten stand gegen ihn auf, als er in einem Artikel schrieb, die moderne Wissenschaft
habe "die Tarnwände der Narkose errichtet, um ihre Armut an Ideen nicht sichtbar werden zu lassen".
Noch deutlicher wurde Read in einem Presse-Interview. Er nannte drei Gründe für die routinemäßige Verabreichung von Betäubungsmitteln bei Geburten:
▷ "Viele Ärzte haben die beste Absicht, der werdenden Mutter zu helfen;
▷ "andere handeln aus beruflicher Arroganz nach dem Grundsatz: ''Wir produzieren dieses Baby für Sie'';
▷ "und die dritte Kategorie fürchtet, beim Verzicht auf Narkosemittel ein gutes Geschäft zu verlieren."
Nur bei komplizierten oder sehr langwierigen Geburten will Read schmerzstillende Mittel anwenden: "Man soll keiner Frau zumuten, mehr zu erdulden, als sie zum Wohl ihres Kindes auf sich nehmen möchte." Deshalb bekommt jede Frau bei ihm das Narkosegerät in die Hand und kann es benutzen, sobald sie es wünscht. Dabei hat er die Erfahrung gemacht, daß fünfundneunzig Prozent aller Frauen, die nach seiner Methode niederkamen, freiwillig auf die Narkose verzichteten, um die Ankunft des Kindes bei vollem Bewußtsein miterleben zu können.
Der Gedanke, daß es möglich sein müsse, die Schmerzen der in den Wehen liegenden Frauen durch andere Mittel als durch Narkotika zu lindern, kam Grantly Dick Read zum erstenmal kurz vor dem ersten Weltkrieg. Er war, eben etwas über Zwanzig, als Assistenzarzt in der Chirurgischen Abteilung des großen städtischen London-Hospitals tätig. Intelligenz, Fleiß und gute Beziehungen brachten ihn bei seinen Kollegen bald in den Ruf, eine glänzende chirurgische Karriere vor sich zu haben. Jedoch, die Praxis allein reizte ihn nicht.
Read interessierte sich vor allem für die Wechselbeziehungen zwischen Körper und Psyche, vertiefte sich in die Standard-Werke über das autonome Nervensystem und assistierte seinem Ordinarius James Sherren, der dem Professor Sir Henry Head zum Zwecke einer wissenschaftlichen Untersuchung die Hautnerven des Arms durchtrennte.
Ein Erlebnis in einem Londoner Elendsviertel bestimmte den jungen Assistenzarzt, auf seine Karriere als Chirurg zu verzichten, um sich in dem weniger aussichtsreichen Fach der Geburtshilfe zu spezialisieren. Read hatte gerade nächtlichen Bereitschaftsdienst in der Aufnahmestation des London-Hospitals, da wurde er um drei Uhr morgens zur Entbindung einer jungen Frau in den Stadtteil Whitechapel gerufen.
"Durch Dreck und Regen war ich durch enge Vorstadtstraßen geradelt", erinnerte sich Read später, "bis ich einen niedrigen Schuppen an den Mauerbögen der Eisenbahnüberführung erreichte. Nachdem ich im Dunklen eine Treppe hinaufgestolpert war, öffnete ich die Tür einer Kammer von etwa zehn Fuß im Quadrat. Auf dem Fußboden stand eine Wasserpfütze. Durch das zerbrochene Fenster stäubte der Regen herein. Das Bett war nicht richtig bezogen und wurde an seinem einen Ende von einer Zuckerkiste gestützt. Meine Patientin lag da, nur mit Säcken und einem alten schwarzen Rock zugedeckt. Eine in den Hals einer Bierflasche gezwängte Kerze erhellte den Raum vom Wandbord aus. Eine Nachbarin hatte eine Kanne Wasser und eine Schüssel gebracht. Für Seife und Handtuch mußte ich selbst sorgen."
Trotz seiner Befürchtungen verlief die Geburt glatt, zur richtigen Zeit kam das Kind zur Welt. Nur einmal gab es eine kleine Unstimmigkeit - als Read der Frau während der letzten Preßwehen, wie es allgemein üblich war, die Maske des Narkosegerätes auf das Gesicht legen wollte. Er erlebte zum erstenmal, daß eine Frau diese Hilfe ablehnte. Schon im Gehen, fragte Read die Frau, ob sie etwa Angst vor dem Chloroform gehabt habe? Die Antwort verblüffte ihn: "Es tat nicht weh. Das sollte es doch auch gar nicht. Nicht wahr, Doktor?"
Noch Wochen und Monate später kam ihm dieser Satz immer wieder ins Gedächtnis, wenn er am Bett werdender Mütter saß, die voll Schrecken und Todesangst in den Wehen lagen. "Nach und nach dämmerte es mir, daß es die innere Ruhe bei der relativ schmerzlosen Geburt gewesen war, die sie sehr deutlich von den anderen Geburten unterschied." Diese Beobachtung richtete Reads Gedanken allmählich auf ein neues Forschungsziel: Welche Rolle spielen Gemütsbewegungen bei der Niederkunft? Read kam zu dem Schluß, daß bei der normalen Geburt nicht der Wehenschmerz den Gemütszustand der Frau beeinflusse,
sondern daß umgekehrt der Gemütszustand erst den Schmerz auslöse.
Das war eine gewagte, bis dahin noch unbewiesene Theorie. Erst viele Jahre später, in Belgisch-Kongo, machte Read die Entdeckung, daß selbst bei primitiven Völkern der Geburtsablauf durch das Gemüt beeinflußt werden kann: Schmerzhafte Wehen gelten bei vielen Stämmen als Strafe für einen Ehebruch. Read beobachtete Negerinnen, die sich tagelang in Schmerzen krümmten, aber fast sofort niederkamen, nachdem sie dem Medizinmann ihre Schuld gestanden hatten.
Nach dem ersten Weltkrieg gibt der entlassene Militär-Arzt Dr. Read die Chirurgie völlig auf. Er wird Geburtshelfer am London-Hospital und richtet sich später eine Privatpraxis in der elegantesten Ärztestraße Londons, der Harley Street, ein. Über jede Entbindung führt er Buch, trägt Berge von Notizen zusammen, wertet sie aus und veröffentlicht 1933 sein erstes Buch mit dem Titel "Die natürliche Geburt".
Das Buch bringt ihn an den Rand des beruflichen Ruins. Kapazitäten greifen ihn an, Patientinnen verlassen ihn, selbst Freunde rücken von ihm ab. Read aber steht zu seiner unglaublichen Behauptung, auf der das Buch basiert: Es gibt gar keinen Schmerz bei der Geburt. Oder vielmehr, es dürfte ihn eigentlich nicht geben. Denn nach physiologischen Gesichtspunkten ist jeder körperliche Schmerz eine Warnung, die das Gehirn an den auf Abwehr und Schutz eingestellten Sympathikus-Nerv weitergibt, der auf dieses Signal hin den Körper mobilisiert, sich gegen eine drohende Gefahr zu verteidigen.
Wenn nun, so folgert Read, die Geburt keine Krankheit ist, sondern ein normaler Vorgang - gegen was schützt sich dann die Gebärmutter, wenn sie bei einer vollkommen natürlichen Funktion Schmerzsignale sendet?
Die einzig mögliche Antwort scheint ihm zu sein, daß sich während der Geburt etwas ereignet, das mit dem normalen Verlauf der Entbindung nichts mehr zu tun
hat. "Irgendwo, aus irgendeinem Grunde hat sich hier etwas Unbeabsichtigtes, Fremdartiges eingeschlichen und muß wieder ausgemerzt werden."
Das Fremdartige, sagt Read, ist die Angst. In wenigen Sätzen beschreibt er, wie der gefürchtete Wehenschmerz zustande kommt:
Drei Muskelgruppen regeln die Tätigkeit der Gebärmutter während der Geburt. Zwei davon haben vollkommen verschiedene Funktionen. Die "aktive" Muskelpartie der Außenschicht setzt durch Kontraktionen die Wehen in Gang und drückt das Kind nach und nach aus dem Schoß heraus. Sie wird durch ein örtliches Nervengeflecht selbständig versorgt und hat keine Verbindung mit dem Sympathikus-Nerv. Die "passive" Muskelgruppe der Innenschicht, die die Gebärmutteröffnung schützt und während der normalen Geburt entspannt und locker sein soll, um den freien Durchlaß für das Kind zu gewährleisten, ist mit dem Sympathikus-Nerv verbunden.
Wenn nun eine Frau, aus Furcht vor der nahenden Geburt in einen Zustand höchster seelischer Anspannung versetzt, bereits auf die ersten schwachen Muskelkontraktionen mit Angst und Abwehr reagiert, wenn sie - wie beim Zahnarzt schon vor dem Ansetzen des Bohrers - "schreit, ehe sie getroffen ist", dann sendet sie damit ein Alarmsignal an den Thalamus oder Sehhügel im Gehirnzentrum, die Umschaltstation für alle Sinneseindrücke und Gemütsbewegungen, insbesondere für die Furcht. Der Thalamus meldet: "Gefahr!" und setzt über den Sympathikus-Nerv den Abwehrmechanismus in Gang. Die vom Sympathikus-Nerv abhängigen Muskeln der Gebärmutter leisten Widerstand, die unabhängigen Muskeln ziehen sich jedoch weiter zusammen. Es kommt zu heftigen Verkrampfungen, die nun tatsächlich Schmerz verursachen.
Was ist geschehen? "Ein schmerzloser, natürlicher Vorgang wird durch die Fehlschaltung an sich harmloser Reize in einen äußerst schmerzhaften und damit abnormen Zustand verwandelt", sagt Read und schließt daraus: "Meine hier aufgestellte These ist nun, daß der Wehenschmerz durch die Störung einer primitiven Funktion entsteht, die im Grunde schmerzlos sein soll."
Damit hat der Außenseiter Grantly Dick Read, ein unbekannter Frauenarzt ohne Ruf und leitende Stellung, das Lehrgebäude der modernen Geburtshilfe erschüttert. Bis dahin war es in der Frauenheilkunde weitverbreitete Ansicht, daß der Wehenschmerz für den Verlauf der Geburt von Bedeutung sei. Die Kapazitäten der Gynäkologie sind zutiefst empört. Reads Praxis verödet.
Doch Grantly Dick Read kann es sich als vermögender Mann leisten, Idealist zu sein. Er hält an seiner Methode fest und setzt sich schließlich durch. Während ihn die Wissenschaftler noch verspotten oder ignorieren, wird sein Buch ein Erfolg. Das praktische Wunder seiner Entbindungen spricht sich herum. Nach einiger Zeit kann er in Woking bei London eine eigene Klinik eröffnen und andere Ärzte als Partner aufnehmen.
Doch immer noch gilt er unter seinen Kollegen als Außenseiter, als eigensinniger Neuling und Besserwisser. "Es ist nun mal so", tröstet sich Read, "unser Beruf erkennt Neulinge nur dann an, wenn sie aus der traditionellen Schule stammen."
Als Reads Klinik immer mehr floriert, versuchen seine Gegner ihn zu Fall zu bringen. Gemeinsam mit seinen eigenen Partnern strengen sie vor der britischen Ärzteorganisation ein Verfahren wegen berufswidrigen Verhaltens an: Er habe in achtzehn Fällen seine Patientinnen vernachlässigt. Elf Monate lang, während das Verfahren schwebt, darf Read im Umkreis von 25 Kilometern nicht praktizieren.
Doch am Ende bleibt er der Stärkere. Das Verfahren bricht in allen Punkten zusammen. Die Kläger müssen 3000 Pfund Schadenersatz zahlen und sich in einem Rundschreiben bei viertausend Patientinnen entschuldigen.
Die Erfahrungen mit seinen Kollegen mögen dazu beigetragen haben, daß Grantly Dick Read sein zweites Buch "Childbirth without Fear"*) ausdrücklich nicht für seine ärztlichen Standesgenossen schrieb, sondern nur für die werdenden Mütter. Das Buch wurde ein Bestseller. In zehn Sprachen
übersetzt, hat es eine Auflage von einer Viertelmillion erreicht.
Weitaus schärfer als in seinem ersten Buch kritisierte Autor Read die Arroganz der Mediziner, das Normale und Natürliche als langweilig anzusehen und in jeder Geburt einen Hinterhalt zu wittern, "aus dem im nächsten Augenblick der Teufel persönlich hervorkommen muß".
Bei einer Visite im London-Hospital unterrichtete ihn eine Studentin: "Wir haben in letzter Zeit nur normale Fälle gehabt, aber heute nachmittag kommt Herr Dr. X noch herein, um eine Zangengeburt vorzunehmen. Die Frau liegt schon zweieinhalb Tage in den Wehen. Vermutlich eine Steißlage. Dürfte ganz interessant werden." Eine Weile sah Read die Studentin aufmerksam an. Dann spottete er: "Ach, ausgezeichnet. Ich hoffe, die Frau selbst findet es ebenso interessant."
Vielfach sei es die Schuld der Ärzte, behauptet Read in seinem Buch, wenn die Frauen sich aus Angst vor dem Schmerz verkrampfen. "Soll ich Ihnen einmal verraten", fragte er einen Studenten nach einer Gastvorlesung, "wie man eine Gebärmutterkontraktion während der Wehen garantiert schmerzhaft gestalten kann? Man frage die Patientin, noch bevor es losgeht, wo es beim letztenmal weh getan hat. Dann lege man die Hand auf den Leib und sage ganz munter: ''Jetzt, jetzt fängt es an, weh zu tun. Hier, fassen Sie meine Hand, beißen Sie die Zähne zusammen!''"
Meistens genüge es aber schon, wenn ein Arzt voller Zuversicht sage: "Keine Angst, nur keine Angst, wir haben genug Gas, wenn es zu schlimm werden sollte." Das sei eine ebenso wirkungsvolle Einladung an den Schmerz wie die besorgte Mahnung der Mutter: "Sei tapfer, Liebling!" Das Bibelwort "Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären!" bezeichnete er respektlos als "mittelalterliche Greuelpropaganda", gegen die man endlich etwas unternehmen müsse.
Überzeugt, daß die Wurzel der Angst in der Unwissenheit liege, machte sich Grantly Dick Read stark, durch Aufklärung den "Mythos von der schwersten Stunde im Leben der Frau" zu zerstören. Immer wieder stieß er bei werdenden Müttern auf eine erschreckende Ahnungslosigkeit über die primitivsten Vorgänge der Geburt.
Noch im vorgerückten Stadium ihrer Schwangerschaft glaubte eine Frau, das Kind werde aus ihrem Bauchnabel zur Welt kommen.
Read: "Zunächst bemühte ich mich also, die Frauen über die Grundtatsachen von Schwangerschaft und Geburt aufzuklären. Ich versprach ihnen noch gar nichts, sondern bot ihnen nur Erlösung von ihren Zweifeln. Viele Frauen erfühlten ganz instinktiv die Wahrheit und glaubten nicht mehr an die Notwendigkeit ihres Leidens."
Doch Aufklärung allein genügte nicht. Die meisten Frauen waren bei der Geburt einfach nicht fähig, ihren Körper zu entspannen. Also mußte er die werdenden Mütter auch körperlich auf die Geburt vorbereiten.
Nach und nach arbeitete er für die letzten vier bis fünf Monate vor der Entbindung ein System von Lockerungsübungen aus, das sich an die Methode des autogenen Trainings, der körperlichen Selbstentspannung durch willensmäßige Konzentration, anlehnt.
"Die Entspannung ist erreicht, wenn das Gefühl der Schwere in den einzelnen Gliedern eintritt, begleitet von einem prickelnden Selterwassergefühl", sagt die Hamburger Krankengymnastin Mathilde Lauert, die seit 1950 nach der Methode Read arbeitet. "Später hat man das Gefühl schwebender Leichtigkeit und glaubt sogar in den harten Fußboden einzusinken wie in ein weiches Polster."
Für Frauen, die keine Zeit für regelmäßige Gymnastikstunden haben, hat sich der Münchener Gynäkologe Dr. Hubert Lohmer zehn modifizierte Read-Übungen ausgedacht, die sich in den Tagesablauf jeder Frau einpassen, ob sie im Haushalt oder im Büro tätig ist. "Sie können beim Putzen in der Küche, beim Schreiben, Flicken und Nähen ausgeführt werden."
Tatsächlich bestätigt die Mehrzahl der Frauen, die heute nach Reads Methode niederkommen, daß sie bei völliger Entspannung in den oft langen Stunden der sogenannten Eröffnungswehen - in denen sich die Gebärmutter millimeterweise weitet, um den Kopf des Kindes freizugeben - keine nennenswerten Schmerzen empfanden. "Ich stellte mir vor", schrieb eine junge Mutter aus Hamburg nach der
Geburt ihres ersten Kindes, "ich stehe am Meer - eine große Welle rollt auf mich zu - ich darf mich nicht dagegen werfen, dann tut es weh - ich lasse mich von ihr erfassen und emportragen - wenn die Welle ausrollt, dann gleite ich auch zurück auf den weichen Sand."
Seltsam klingt der Bericht einer anderen Hamburgerin, die sich trotz schwacher körperlicher Konstitution so vollkommen entspannte, daß sie während der Geburtsstunden deutlich ihr Wochenend-Holzhaus vor sich sah und nicht einmal mit Bewußtsein merkte, wie ihre Tochter geboren wurde.
Das aber ist ein Ausnahmefall, denn selbst Read gibt zu, daß die letzten acht bis zehn Eröffnungswehen schmerzhaft sein können. "Doch sie dauern nicht lange und werden von den Frauen weniger unangenehm empfunden, wenn sie wissen, daß nun die ''Austreibungswehen'' einsetzen, bei denen sie aktiv mitarbeiten können." Was dann beginnt, ist kein Schmerz mehr, sondern Schwerarbeit. "Gestützt auf den Atem" hilft die Frau, das Kind aus dem Körper herauszupressen. Ihr Ächzen und Stöhnen vergleicht Read mit dem eines Mannes, der mit Erfolg an einem Seil zieht und sich zwischendurch auf eine Bank setzt, um für die nächste Anstrengung Kraft zu sammeln.
Erstaunlicherweise hatte Read seine größten Erfolge in einem Land, das sich bisher am stärksten auf die Technisierung der Geburt spezialisiert hat: Amerika. Reihenuntersuchungen an der Klinik der amerikanischen Yale-Universität ergaben, daß die Entbindung nach Read um Stunden schneller verläuft. Eine durchschnittliche Geburt dauert 13 bis 18 Stunden - eine Geburt nach Read verkürzt diese Spanne um vier Stunden beim ersten Kind und um fünf Stunden bei allen folgenden Kindern.
Reads prominentester Anhänger in Amerika, Professor Joseph De Lee, wandte allerdings ein, daß es wohl noch einige tausend Generationen dauern werde, "bis wir die Frauen wieder zu dem zurückbringen können, was Grantly Dick Read die natürliche Geburt nennt". Read jedoch wollte es in einer Generation schaffen. Tapfer wie weiland Don Quichote zog er aus, gegen die Furcht vor der Geburt zu kämpfen.
Wo war sie zu finden? Großzügig wetterte er pauschal gegen alle, die sie nach seiner Meinung verbreiten: die Ärzte, die Hebammen ("die oft mit Vorliebe komplizierte Fälle beschreiben, denen sie beiwohnen durften"), die Roman- und Filmautoren ("bei denen es immer auf Leben und Tod geht"), die sorgenvollen Verwandten, nicht zuletzt aber die jungen Mütter selbst, "die sich zu einem hohen Prozentsatz daran begeistern, die Schrekken ihrer eigenen Entbindung anschaulich zu schildern".
Während des Krieges begann Read sich für eine Professur und noch mehr für einen Oberarztposten in der Entbindungsabteilung
eines großen englischen Krankenhauses zu interessieren. Er träumte von einem "Mekka der Geburtshilfe".
Der Aufbau der modernen Krankenhäuser schien ihm reformbedürftig. Im wesentlichen, tadelte Read, stehe in den Lehrbüchern über die ärztliche "Leitung der Geburt" nicht mehr als in einer weitverbreiteten englischen Hebammenlehre, aus der er gern den Abschnitt zitiert: "Wenn alles normal befunden wurde, sage man der Patientin, daß alles gut geht. Sie ist gewöhnlich sehr erleichtert, wenn sie hört, daß alles in Ordnung ist."
Was man der Psyche der Frau in den Krankenhäusern zumute, gehe von nahezu mittelalterlichen Vorstellungen aus, schreibt Read in seinem Buch "Mutter werden ohne Schmerz": "Man läßt die Fortpflanzungsmaschine arbeiten und überwacht ihre Funktionen. Nirgends erfahren wir etwas darüber, ob die Mutter nicht vielleicht auch irgend etwas dabei denkt oder fühlt ...
"Stundenlang hat sie zusammen mit anderen Frauen im Warteraum auf die Entbindung gewartet ... Wenn sie dazu noch imstande ist, wirft sie ihren Bademantel über, zieht die Schuhe an und geht oder wankt in den Kreißsaal. Da sind die Schwestern, vielleicht auch schon der Arzt, alle in lange weiße Mäntel gehüllt, mit weißen Hauben und Gesichtsmasken. In einem kleinen Nebenraum oder vielleicht im Saal selbst sind Sterilisierapparate und weitere große, funkelnde Metallbehälter. Natürlich übersieht sie keineswegs den gläsernen Wandschrank, in dem
eine große Auswahl von Instrumenten hängt. Auf einem Tisch neben ihrem Bett stehen Gefäße, Handtücher, Verbandzeug. Am Kopfende des Bettes oder nicht weit davon sind die Ständer mit den Gasflaschen. Dann klettert sie auf ein hochbeiniges Bett, härter und unbequemer, als sie es je erlebt hat. Wahrscheinlich fühlt sie die Kälte der wasserdichten Unterlage, über die nur ein einziges dünnes Leinentuch gedeckt ist. Sie legt sich zu jeder Lage zurecht, die man ihr vorschreibt."
"Ich möchte wissen", fragt Read, "was für Gedanken wohl ein normaler Mann sich machen würde, wenn er einer ähnlichen Prozedur unterzogen würde."
Der hamburger Frauenarzt Dr. Rudolf Hellmann, der als einer der ersten deutschen Gynäkologen seit fünf Jahren nach Read entbinden läßt, hat aus dem Entbindungszimmer seiner Privatklinik fast alle Glasschränke, Instrumententische und Sterilisationsapparate verbannt. Statt des Narkoseapparates steht ein Babykorb neben dem Bett. Auf dem Psychotherapeutenkongreß in Lindau wandte sich Dr. Hellmann gegen "die Massenentbindungsbetriebe der Kreißsäle, in denen die Schmerzensschreie der Frauen als Anklage gegen ihre Geburtshelfer durch den Raum gellen".
Das "Mekka der Geburtshilfe", das der reformfreudige Grantly Dick Read in einem modernen Londoner Krankenhaus gründen wollte, blieb indessen eine Utopie. Der Einzelgänger aus Passion hatte es unterlassen, dem "Königlichen Kollegium der Geburtshelfer und Gynäkologen" beizutreten, weil ihn die starren Satzungen der berufsständischen Organisation zur Opposition reizten. Da er - aus Ungeschick oder Temperament - selten eine Gelegenheit versäumte, Porzellan zu zerschlagen, hatte er durch Behauptungen, wie "der größte Schandfleck in der Zivilisation ist die Geschichte des Gebärens", längst den Zorn des Kollegiums-Präsidenten, Professor Gilliatt, herausgefordert.
Professor William Gilliatt, der die Thronfolgerin Elizabeth von dem ketzerischen Gedanken abgebracht hatte, sich nach der Methode des Doktor Read entbinden zu lassen und der für die Leitung der Trilengas-Geburt des Prinzen Charles im November 1948 ("Narcose à la Princesse") in den Adelsstand erhoben worden war, blockierte Read den Weg zu Amt und Würden. Auf Reads Anfrage, ob das Kollegium Irrtümer in seinen Methoden entdeckt habe, ließ Sir William Gilliatt ihn wissen, das Kollegium habe, soweit er das feststellen könne, seine Lehren niemals geprüft.
Dafür bot man ihm eines Tages einen Krankenhaussaal in Isleworth bei London an. Begeistert eilte Read an seine neue Stätte des Wirkens, doch der Saal mit nicht mehr als achtzehn Betten war trostlos ramponiert und lag, wie Read später erfuhr, in einem Trakt, der eigentlich schon zum Abbruch bestimmt war.
An jenem Tag beschloß Read, seine Ideen in einem fremden Erdteil zu verwirklichen.
Er ging nach Südafrika, wo Anhänger seiner Lehre bereit waren, ihm eine Klinik zu bauen. Aber auch daraus wurde nichts. Wieder wurde ein Verfahren gegen ihn angestrengt. Diesmal warf man ihm vor, Zeitungsartikel über sich selbst inspiriert und dadurch gegen die Standes-Etikette verstoßen zu haben. Wieder wurde er freigesprochen.
Mit seiner zweiten Frau Jessica, die an der Frauenklinik in Johannesburg gearbeitet hatte und sich fanatisch für seine Lehren einsetzte, blieb er bis 1954 in Afrika. Zehntausend Kilometer chauffierte Frau Jessica ihren Mann im blauen Wohnwagen quer durch den schwarzen Kontinent. Bei Negerstämmen fand Read die vollkommenste Bestätigung für seine Lehre von der natürlichen Geburt.
Zurück aus Afrika, kaufte sich Read in England ein Landhaus. Es steht, von einem kleinen Park umgeben, in der hügeligen südenglischen Landschaft bei Petersfield in der Nähe von Portsmouth. In seinem Arbeitszimmer, das bis unter die Decke angefüllt ist mit Büchern, Massai-Speeren und Negertrommeln, schreibt er unermüdlich Aufsätze, Vorträge und Bücher, die seine Lehre weiterverbreiten sollen.
Den Gedanken, noch einmal eine Praxis aufzubauen, hat er aufgegeben. Für eine Professur ist der heute Fünfundsechzigjährige zu alt. Für den Nobelpreis der Medizin - die Universität Johannesburg wollte ihn vorschlagen - konnte er nicht kandidieren, weil das "Königliche Kollegium der Geburtshelfer und Gynäkologen" die Zustimmung verweigerte. Nicht einmal der englische "Who''s Who" verzeichnet seinen Namen.
Im Ausland dagegen setzt sich seine neue Methode immer mehr durch - in Paris, in Hamburg und München, an der Yale-Universität, an den Frauenkliniken in Würzburg und Gießen, an der Bircher-Benner-Klinik in Zürich.
Obwohl ihm die Anerkennung im eigenen Land größtenteils versagt blieb, ist sein Optimismus ungebrochen: "Ich wage zu behaupten, daß in nicht allzu ferner Zeit die Anschauung von der Unabänderlichkeit der schmerzhaften Entbindung nur noch ein Überbleibsel der Vergangenheit sein wird, ein Museumsstück."
Das Erlebnis im Elendsviertel Die Read-Geburt ist kürzer Verstoß gegen die Standes-Etikette?
*) Grantly Dick Read: "Mutter werden ohne Schmerzen", Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 297 Seiten. 11 Mark.

DER SPIEGEL 23/1955
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