08.06.1955

FILM / GRACE KELLY Karriere ohne Bikini

Es war "Oscar"-Nacht in Hollywood. Zum erstenmal in der Geschichte der 25 Zentimeter hohen, vergoldeten Bronze-Statue, die seit 1928 alljährlich von der Filmkunst-Akademie für die besten künstlerischen Leistungen vergeben wird, hatte sich das Fernsehen der Zeremonie bemächtigt und ein Super-Spektakel arrangiert, dessen Kosten (eine halbe Million Dollar) von einer Auto-Firma getragen wurden. Quer über den Kontinent saßen 50 Millionen Amerikaner vor den Fernseh-Empfängern und verfolgten die Show, die alle zwanzig Minuten durch Werbebotschaften unterbrochen wurde. Marlon Brando, der Rebell gegen alle Sitten, hatte sogar eine vorschriftsmäßige Schleife zum Smoking umgebunden und benahm sich ungewöhnlich friedlich und freundlich.
Das Star-Ehepaar Humphrey Bogart und Lauren Bacall war auserkoren, sogleich nach der Zeremonie mit der Statue zu Judy Garland, der voraussichtlichen "Oscar"-Siegerin, in das Cedar of Libanon-Hospital zu eilen, wo der Star aus "Ein neuer Stern am Himmel" nach der Entbindung von einem Sohne lag. Judy Garlands Triumph schien so gewiß, daß
die Fernseh-Kameramänner auf einem hohen Stahlgerüst an der Außenwand des Hospitals bereitstanden, um durch das Fenster des im zweiten Stock gelegenen Wöchnerinnen-Zimmers den bewegenden Augenblick erhaschen zu können, da die Bogarts der noch darniederliegenden Garland den "Oscar" überreichten.
Doch die Kamera-Männer warteten vergebens. Als Film-Regisseur Jean Negulescu die Namen der "Oscar"-Gewinner verlas, war die Sensation da: Die Trophäe für die beste Schauspielerin ging an die blonde, blasse, blauäugige Grace Kelly für ihre Rolle in dem Broadway-Film "Ein Mädchen vom Lande". Damit war eine Schauspielerin, deren Namen noch nicht einmal der letztjährige amerikanische Film-Almanach verzeichnet, buchstäblich über Nacht zum wertvollsten Besitz der amerikanischen Filmindustrie geworden. Und zum erstenmal seit den Tagen der Garbo und der Bergman hat Hollywood wieder eine wirkliche "First Lady".
Es scheint, als beginne mit der kühlen Kelly für die Filmstadt nach all den Sirenen mit betörenden Busen-Maßen und den kleinen Mädchen mit Knabenhaarschnitt eine neue Ära. "In einer Industrie, in der alle Girls überschlägig in junge Schönheiten und alternde Schauspielerinnen eingeteilt werden können", urteilte das amerikanische Nachrichten-Magazin "Time", "ist Grace Kelly etwas Besonderes: Eine junge Schönheit, die schauspielern kann."
Als die junge Schönheit im vergangenen Monat zu den Film-Festspielen an die Riviera reiste, wo "Ein Mädchen vom Lande" (erfolglos) gezeigt wurde, war sie trotz der Anwesenheit von Lollo & Loren - wie die französische Illustrierte "Paris Match" feststellte - "die Königin des Festivals". Die Photoreporter-Meute belauschte ihren Besuch beim Prinzen Rainier von Monaco, belauerte durch das Teleobjektiv ihre Romanze mit dem französischen Kino-Beau Jean-Pierre Aumont (SPIEGEL 22/1955) und verfolgte sie schließlich bis in die Fluten des Mittelmeeres, um einen bis dahin ungekannten Anblick auf die Platte bannen zu können: Grace Kelly im Badeanzug.
Die Europa-Manager von Paramount und Metro Goldwyn Mayer genossen die Ekstase um die kühle Blondine in Cannes wie ein unverhofftes kostenloses Naturereignis.
Es verschaffte den Firmen ohne ihr Zutun und gänzlich unerwartet just im rechten Augenblick eine dollarschwangere Publicity. Denn gerade in diesen Wochen laufen in Frankreich, England, Belgien, Holland und Deutschland fünf neue Grace-Kelly-Filme: "Mogambo", "Das Fenster zum Hof", "Die Brücken von Toko-Ri", "Grünes Feuer" und - erst seit der vergangenen Woche auch in der Bundesrepublik - "Ein Mädchen vom Lande". In ihren Werbe-Ratschlägen für diesen Film empfiehlt die Paramount den deutschen Kinobesitzern: "Stellen Sie besonders die fast über Nacht zur Schauspielerin Nummer 1 emporgestiegene Grace Kelly groß heraus, die beim Publikum einen gleichen Großerfolg wie Audrey Hepburn ahnen läßt."
Während die Kelly-Welle die europäischen Kino-Reiche überflutete, versuchten berufsmäßige Diagnostiker im heimatlichen Film-Imperium den Schlüssel zur Blitzkarriere der Fünfundzwanzigjährigen zu finden, die ein Stern wurde, ohne jemals ein Sternchen gewesen zu sein. Wie kam es, daß Grace Kelly innerhalb von achtzehn Monaten als Partnerin der Film-Idole
Gary Cooper, Clark Gable, Ray Milland, James Stewart, William Holden, Cary Grant, Stewart Granger und Bing Crosby in acht der begehrtesten Rollen katapultiert wurde?
Ihr fehlt das unverkennbare Gebaren, das die meisten Film-Königinnen von heute auf den ersten Blick - oder spätestens beim ersten Wort - als frühere "Pullover-Mädchen" entlarvt, trotz ihrer angestrengten Versuche, sich unter Nerzmänteln, teurem Schmuck und Dior-Garderoben zu tarnen. Miss Grace Patricia Kelly spricht, sieht aus und benimmt sich wie die wohlerzogene Tochter einer reichen, respektablen Industriellen-Familie, die auf einer exklusiven Schule von hochbezahlten Lehrkräften in Soziologie und Literaturgeschichte, in den Regeln des Tennisspiels und den Fragen der Etikette unterrichtet wurde.
Genau das, erstaunlicherweise, ist Hollywood-Star Grace Kelly.
Obwohl sie selber auf direkte Fragen nach dem Vermögensstand ihres Vaters sagt: "Ach, ich weiß wirklich nicht, ob er ein Millionär ist", versichern amerikanische Wirtschaftsexperten, daß jede Zahl zwischen 16 und 20 Millionen Dollar (67 bis 84 Millionen Mark) dem Wert seines Vermögens ziemlich nahe kommen müsse. Auf diese finanzielle Rückendeckung mag zurückzuführen sein, daß Grace Kelly sich die souveräne Bescheidenheit und die unverbindliche Verbindlichkeit leisten kann, die sich seltsam ausnimmt in der Bluff-Welt von Hollywood, wo jedermann ängstlich darauf bedacht ist, ein falsches Gesicht zu wahren.
Schon bald wurde deutlich, daß sich Hollywood unter dem selbstsicheren Blick seiner neuen "First Lady" unbehaglich fühlt. "Mit kühlen, kurzsichtigen, klaren Augen betrachtet sie die Umwelt", berichtete die Film-Illustrierte "Movie Life". "Auf einer Gesellschaft sitzt sie still und lauscht und lauscht und lauscht, als ob sie jede Bemerkung für zukünftige Bezugnahme in ein Kästchen einordne. Sie selbst dagegen sagt wenig, äußert keine Meinung, die mißgedeutet oder - etwas ausgeschmückt - weitergereicht werden konnte. Zurückhaltend, still und unglaublich ruhig, treibt sie Hollywood zum blanken Wahnsinn."
Klar, daß die "langstielige Teerose aus Philadelphia" - wie die Kelly bald etikettiert wurde - , nach allen Maßstäben der
Filmstadt eine mit mißtrauischer Vorsicht zu betrachtende seltene Blüte aus einer anderen, fremden Welt ist.
Als Gegenströmung zu der Flut der Begeisterung über Grace Kelly entwickelt sich deshalb gegenwärtig in der Gemeinde der langen Nächte und der kurzen Ehen ein Kult der Ungläubigen, die sich weigern, in die Knie zu sinken und die Orgie der Vergötterung mitzumachen, von der sich die jetzt schon legendäre Kelly umgeben sieht.
"Es ist so einfach wie Apfelkuchen", analysierte höhnisch ein Presse-Agent in der Zeitschrift "Photo Play" das beklemmende Kelly-Problem. "Wir alle hier in Hollywood sind Snobs. Wir haben einen Minderwertigkeitskomplex - der ist eine Meile tief. Wir sind leicht beeindruckt. Mit der kurvigen Monroe, der hart arbeitenden Barbara Stanwyck, der süßen Ann Blyth und der niedlichen Debbie Reynolds fühlen wir uns heimisch. Sie gehören hierher, sie sind ein Teil der Familie. Und dann erscheint auf einmal dieses Dämchen mit 5-Uhr-Tee-Manieren und einem überkultivierten Akzent und schaut uns von oben herab an. Und wir sind beeindruckt. Wir machen Kratzfüße, wo wir gehen und stehen, und wenn sie mit der Peitsche knallt, springen wir."
Der Kader der Anti-Kelly-Untergrundbewegung, der übrigens selbst ihre eifrigsten Anführer keine Aussicht auf populären Erfolg zugestehen, bildet eine kleine, aber lautstarke Clique von Klatsch-Journalisten, denen Miß Kelly - im Gegensatz zu den reklame-hungrigen Hollywood-Schönheiten üblicher Prägung -
mit äußerster Zurückhaltung begegnet. "Sie gab mir das Gefühl, als würde ich im Buckingham-Palast vorgestellt", seufzte ein Reporter im Kino-Magazin "Modern Screen". Ein Hollywood-Kolumnist nannte sie "die aufregendste vernichtendste Persönlichkeit seit der Garbo". Im Jargon der Film-Journalisten, die von kleinen Klatsch-Geschichten über die Großen des Films leben, ist diese Einstufung kein Kompliment.
Genau wie Greta Garbo erlaubt sich Grace Kelly den für Hollywood unerhörten Luxus eines Privatlebens - und zwar nicht des von Reklame-Agenten fabrizierten Privatlebens der öffentlichen Liebesaffären in den Nachtklubs von "Romanoffs" und "Sardis", sondern eines wirklich privaten Privatlebens. Das ketzerische Verhalten der neuen "Oscar"-Preisträgerin verbittert verständlicherweise Presse-Agenten, Magazin- und Zeitungsreporter.
Ihre exquisiten Manieren machen es ihr unmöglich, Zeitungsleute einfach unfreundlich abzuwimmeln. Aber sie versteht es, geschickt und unverbindlich über absolut Nichts zu konversieren. Und sie beherrscht vollkommen die Technik des starren Blicks als Antwort auf taktlose Fragen, weswegen einige Hollywood-Reporter es schon aufgegeben haben, weiter nach saftigen Kelly-Anekdoten für die Klatsch-Ecken ihrer Blätter zu suchen.
Da auch die eifrigste Schnüffelei abgeblitzter Reporter bisher an der charmanten Unnahbarkeit und vollkommenen Korrektheit der Außenseiterin scheiterte, überschneidet sich die Einschätzung ihrer Gegner und ihrer Verehrer in einem
Punkt: die Kelly ist eine Dame. Und eine "Dame" widerfährt Hollywood in einem unergründlichen Zyklus rund alle sechs Jahre.
Die letzte Lady vor Grace Kelly war Deborah Kerr, davor waren - immer in Abständen von sechs Jahren - Greer Garson, Ingrid Bergman und natürlich Greta Garbo, mit der die Reihe begann. Aber nicht nur korrekte Tischmanieren, verhalten vornehme Kleidung und die Kunst der Konversation unterscheiden die Kelly von den meisten Hollywood-Heroinen. George Seaton, der Regisseur des Films "Ein Mädchen vom Lande", meinte: "Die Leute sind begeistert von ihrer Schönheit. Okay. Sie ist schön. Sie sprechen von ihrem Charme und von ihrer Kultur. Okay. Auch dagegen ist nichts einzuwenden. Aber das allerwichtigste an der Kelly ist für mich, daß sie eine große, eine wirkliche Schauspielerin ist. Keine andere Filmschauspielerin hat jemals ihren Beruf so ernst genommen oder wußte so viel über die Kunst des Schauspiels wie Miss Kelly."
Grace war genau elf Jahre alt gewesen, als sie in dem Einakter "Bitte nicht füttern" ihr Schauspiel-Debüt hatte. Es war im "Old Academy Players-Theater" von Philadelphia, der "Stadt der Brüderlichen Liebe", wo sie am 12. November 1928 als drittes von vier Kelly-Kindern geboren wurde. Ihr Vater, John Brendan Kelly jr., der sich in Philadelphia vom Maurer zum millionenschweren Bau-Unternehmer emporgearbeitet hat, kam aus Irland; ihre Mutter, unter ihrem Mädchennamen Margaret Majer einstmals bekanntes Mode-Mannequin und erste Sportlehrerin an einer amerikanischen Universität, stammt aus Deutschland.
Die Prä-Hollywood-Geschichte der Grace Kelly ist die Geschichte einer wohlbehüteten, wohladjustierten "höheren Tochter" in den oberen bürgerlichen Kreisen des respektabelsten Wohnviertels von Philadelphia. Im Schatten ihrer als schöner und brillanter geltenden und deshalb dominierenden Schwestern Peggy und Lizanne und ihres sportlich begabten Bruders "Kell" verlebt sie eine glücklichereignislose Kindheit. Sie besucht die Ravenhill Academy-Konventschule in Germantown, später die Stevens-Höhere-Töchterschule, die wegen der exzellenten Qualität ihrer fertigen Produkte Ruf und Ansehen genießt. Bennington College wäre die nächste logische Etappe in ihrer konservativen Erziehung, aber es stellt sich heraus, daß ihre Vorkenntnisse in Mathematik den Anforderungen von Bennington nicht ganz gerecht werden.
Dieser Umstand macht es ihr leicht, einen Wunsch zu verwirklichen, den sie schon immer seit ihrem Debüt als Elfjährige hatte: Sie nimmt Schauspielunterricht. Sie schreibt sich bei der "American Academy of Dramatic Arts" in New York ein, wo man sich nach einem Blick auf ihre klassischen Gesichtszüge, ihre "höhere Töchter"-Eleganz und ihren verhaltenen Sex-Appeal sehr wenig darum kümmert,
wie es um ihre Mathematik-Kenntnisse bestellt ist.
Sie möchte vom Ziegelstein-Vermögen ihres Vaters unabhängig sein und arbeitet - um sich ihr Schulgeld und ihren Unterhalt zu verdienen - an schulfreien Nachmittagen als Mode-Mannequin und Photomodell. Ihre gelassen vornehme Erscheinung macht Eindruck auf die Photographen und Reklame-Chefs der Firmen, die Nerzmäntel, Diamanten-Kolliers, Abendkleider und legere, aber teuere Sportkleidung zu verkaufen haben. Bald belagern die sonst von Mannequins belagerten Modephotographen Grace Kellys Zimmer im "Barbizon Plaza-Hotel für Damen" und bieten ihr 25 Dollar pro Stunde für ihre Dienste als Modell. Sie erscheint auf Titelbildern teuerer Magazine und gehört zu den ganz wenigen Auserlesenen, die - alle Spesen bezahlt - nach Bermuda, London, Paris und an die französische Riviera geschickt werden, um dort die letzten Kreationen der Haute Couture in ihrer "natürlichen Umgebung" vorzuführen.
Der Drang nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit bestimmt ihr Verhalten. Die Millionärstochter will ihren Selfmade-Eltern beweisen, daß auch sie sich selbst durchboxen kann. Sie weigert sich hartnäckig, den Einfluß ihrer Verwandten zu nutzen - ein Onkel ist erfolgreicher Theater-Autor, ein anderer ist prominenter Operetten-Star - , als sie sich um ihre erste Broadway-Rolle bewirbt. Sie bekommt ihren ersten Part - gleich eine Hauptrolle - in Strindbergs "Der Vater". Obwohl das Stück kein Erfolgsschlager ist, genügen die drei Monate seiner Laufzeit, um Hollywood auf Grace Kelly aufmerksam zu machen. Aber sie lehnt einen 250-Dollar-je-Woche-Vertrag für kleine Nebenrollen ab: "Ich möchte nicht nur eines von vielen hundert Sternchen sein."
Ihr nächstes Broadway-Stück, "Fortsetzung folgt", macht seinem Titel keine Ehre. Der Premiere folgen nur ganz wenige Fortsetzungen. Grace schafft den Sprung zu einem anderen Medium: Sie erscheint in über 100 Fernsehdramen - einmal in 30 verschiedenen Programmen innerhalb einer Woche.
Die New-Yorker Talentspürer der 20th Century Fox machen schließlich von ihr Probeaufnahmen für die weibliche Hauptrolle in "Taxi", einem Film, den Regisseur
Gregory Ratoff in New York drehen will. Sie hatten sie auf dem Weg zur Schauspielschule erwischt und gleich mitgenommen wie sie war: in einem schäbigen Rock, einer Hemdbluse mit achtlos hochgeschobenen Ärmeln, in alten Tennisschuhen, mit ungemachten Haaren und ohne Make-up.
"Die anderen Mädchen sahen alle so nett und adrett aus", erinnerte sich die Kelly später, "daß mein Agent sich meiner schämte und mich am liebsten gleich wieder nach Hause geschickt hätte." Regisseur Ratoff aber war begeistert: "Wunderbar! Endlich ein Mädchen, das nicht hübsch ist. Genau das, was wir brauchen." Der Produzent des Films war anderer Meinung. Die "Taxi"-Rolle ging an eine junge Schauspielerin aus England. Doch der scheinbar erfolglose Kamera-Test für "Taxi" entpuppte sich als der erfolgreichste Test, der je vor einer Kamera gemacht wurde.
Als Produzent Stanley Kramer nach einer Partnerin für Gary Cooper in "12 Uhr mittags" (High Noon) suchte, stieß er auf den Probestreifen. Er war so beeindruckt, daß er die relativ Unbekannte spontan für die begehrte Rolle neben Gary Cooper verpflichtete. Für die Kelly war die Rolle in der Wildwest-Ballade ein glücklicher Start: Der Film wurde von den New-Yorker Kritikern zum "besten Film des Jahres 1952" gewählt.
Mit Hilfe des scheinbar nutzlosen Tests ging Grace Kellys Aufstieg weiter. Regisseur John Ford hatte Schwierigkeiten, das richtige Mädchen für die dritte Ecke in dem Dreieck des Filmes "Mogambo" zu finden, dessen beide anderen Ecken von Clark Gable und Ava Gardner eingenommen wurden. Als er beim Durchsehen eines Stapels alter Probeaufnahmen auf Grace Kellys "Taxi"-Test stieß, ließ er sie sogleich für die Rolle der damenhaften, sehr englischen Gelehrten-Gattin engagieren, die Clark Gable im afrikanischen Busch den leicht ergrauten Kopf verdreht: "Dieses Mädel ist nicht nur eine Schönheit - sie kann tatsächlich spielen!" MGM schloß daraufhin mit ihr einen Siebenjahres-Vertrag, der drei Filme jährlich und eine Wochengage von 750 Dollar (3150 Mark) vorsah, ihr aber auch das Recht einräumte, Bühnen- und Fernseh-Rollen anzunehmen.
Für Hollywood und das Filmpublikum galt Grace Kelly nach "12 Uhr mittags" und "Mogambo" als Star. Der Mann, der ihre neue Stellung in der Film-Hierarchie
zementierte, war der gemütlich aussehende Spezialist für kinematographischen Mord, der Regisseur Alfred Hitchcock. Er hatte so viel von dem Probestreifen gehört, der inzwischen schon zur Hollywood-Legende geworden war, daß er bat, ihn sehen zu dürfen. Das Ergebnis war Grace Kellys Rolle als Partnerin von Ray Milland in "Bei Anruf - Mord!" Hitchcock war so angetan von der Kelly, daß er sie für seinen nächsten Film "Das Fenster zum Hof" als Partnerin von James Stewart holte und ihr dann - was keiner Schauspielerin vor ihr beschieden war - zum drittenmal eine Hauptrolle gab: in "To Catch a Thief", als Partnerin von Cary Grant.
In "Das Fenster zum Hof" widerlegte die Kelly zum erstenmal alle Kritiker, die ihr die Wärme eines Gebirgsbaches zugeschrieben hatten, durch eine überzeugende Liebesszene. In "To Catch a Thief" wollte der bis zur Pedanterie gründliche Hitchcock die Intensität Kellyscher Küsse noch erhöhen: Er ließ das Paramount-Aufnahmegelände absperren, und zweieinhalb Arbeitstage lang mußten sich Grace Kelly und Cary Grant ununterbrochen küssen. ehe Hitchcock zufrieden war. Die damenhafte Erscheinung der Kelly, so argumentierte Hitchcock (wie schon andere Regisseure vor ihm), lasse intime Liebesszenen zu, die bei jeder anderen Schauspielerin anstößig wirken würden, bei ihr jedoch nur "legitime Leidenschaft" inspirierten. "Von Grace Kelly können die Männer in Gegenwart ihrer Ehefrauen schwärmen", versuchte Kritiker Dan Roberts den Publikumserfolg des Damentyps zu erläutern.
Während die Kelly in ihren ersten drei Filmen ausgezeichnete Rollen als "Co-Star", als Partnerin erprobter Stars hatte, wobei die Verantwortung für den Kassenerfolg nicht ausschließlich auf ihren Schultern lag, sondern auf den zugkräftigen Namen von Gary Cooper, Clark Gable und Ray Milland, überstiegen die Kasseneinnahmen von "Das Fenster zum Hof" bei weitem die Zahlen, die von einer Hitchcock-Stewart-Kombination zu erwarten gewesen wären.
Das änderte mit einem Schlage Grace Kellys Stellung innerhalb der Filmindustrie.
Bis dahin hatte sie die Rollen wegen ihrer Leistung, harter Arbeit, gewissenhafter Aufmerksamkeit, Pünktlichkeit und schneller Aufnahmefähigkeit bekommen. Zu diesen lobenswerten Faktoren trat nun ein weiteres Argument: die dicken Ballen grüner Scheine, die sich überall da in den Kassenregistern ansammelten, wo der Name Grace Kelly in Leuchtbuchstaben über einem Kino-Portal erschien.
Die Entstehungs-Geschichte ihres nächsten Films, "Die Brücken von Toko-Ri", gewährt einen interessanten Einblick in den komplizierten Mechanismus der Hollywood-Maschinerie. Als die Kelly im Oktober 1953 für diesen Film verpflichtet wurde, war sie noch kein Kassen-Star. Die Paramount bot ihr die Rolle als William Holdens Frau an, weil in dem Part für prominentere Schauspielerinnen "einfach nicht genug drin" war. Es wurde als selbstverständlich vorausgesetzt, daß bei der Ankündigung des Filmes Grace Kellys Name in kleinen Lettern unter dem Titel erscheinen würde. "Die Brücken von Toko-Ri" wurde aber erst ein volles Jahr nach Fertigstellung auf den Markt gebracht.
In der Zwischenzeit war der Kelly als "bester Filmschauspielerin des Jahres 1954" für ihre Leistung in "Bei Anruf - Mord!" und "Das Fenster zum Hof" der Preis der New-Yorker Filmkritiker verliehen worden. Als "Die Brücken von Toko-Ri" schließlich im Januar 1955 in der New-Yorker "Radio City Music Hall" anlief, da schrien die riesigen grellen Neonlicht-Buchstaben quer über die 6. Avenue: "Ein
neuer Grace-Kelly-Film" und darunter erst stand in kleineren Lettern: "Die Brücken von Toko-Ri".
Grace Kelly war zu einer Millionen-Dollar-Anlage geworden, und ihre Vertragsgesellschaft MGM, die sich bis dahin äußerst willig gezeigt hatte, sie an andere Filmgesellschaften auszuleihen - so an Paramount und Warner Brothers für die Hitchcock-Filme - , wollte jetzt selbst abschöpfen. Noch im Herbst 1953 hatte die Paramount die Kelly gegen eine "Leihgebühr" von 25 000 Dollar (105 000 Mark) von MGM bekommen können. Im Januar 1954 - nur zweieinhalb Monate nach Fertigstellung der "Brücken von Toko-Ri" - versuchte die Paramount, Grace Kelly für "Ein Mädchen vom Lande" auszuborgen. Aber nun hatte MGM plötzlich "große Pläne". Man brauche sie für "Grünes Feuer", sagte MGM-Manager Dore Schary.
Die Paramount - überzeugt, daß die Kelly die beste Besetzung sei - gab nicht auf. Sie sorgte dafür, daß Grace Kelly "zufällig" das Drehbuch zu "Ein Mädchen vom Lande" in die Hände bekam. Der Paramount-Produktionsboß ließ sie wissen, daß sie die begehrte Rolle haben könne, wenn MGM sie für die Drehzeit freigebe.
Als ihre ersten Ansuchen und Vorstellungen erfolglos blieben, entwickelte die notorisch vergeßliche Kelly plötzlich ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen. Sie erinnerte sich zum Beispiel daran, daß sie eine Reihe von Fernseh-Angeboten vorliegen habe. Sie hatte auf einmal akutes Heimweh nach den Fernseh-Studios von New York. Wenn MGM kein Mittel gegen ihr Heimweh habe, dann sei sie es ihrer Gesundheit schuldig, quer über den amerikanischen Kontinent an die heimatliche Atlantikküste zurückzukehren - wie ihr Vertrag es vorsehe. Es sei ungewiß, ob sie danach jemals wieder Lust haben werde, einen Film zu drehen.
Auf dieses freundliche Ultimatum hin entdeckte MGM ebenso plötzlich eine wirksame Kur gegen den störenden Anfall: Wenn sie sich bereit erklären würde, vorher nach Südamerika zu fahren, um dort mit Stewart Granger für MGM den Abenteuerfilm "Grünes Feuer" zu drehen, könnte sie noch einmal an die Paramount ausgeliehen werden. Die Kelly akzeptierte. Die Leihgebühr war inzwischen von 25 000 Dollar auf 50 000 Dollar gestiegen.
Endlich hatte die Kelly eine Rolle, die sie nicht - wie jeder vorhergegangene Film - in das Dame-Klischee zwang. "'Ein Mädchen vom Lande' war der endgültige Beweis, daß sie mehr als nur schön ist", urteilte "Time". "Das wohlerzogene Mädchen aus Philadelphia ist völlig überzeugend als die schlampige, verbitterte Frau des alternden, trinkenden Operetten-Idols Bing Crosby. Schlaff schlurft sie einher, ihr glänzendes Haar stumpf, ihre Brille hochgeschoben, ihre Unterlippe mürrisch vorgestreckt, Groll in jedem Hängenlassen der Schultern, in jedem Baumeln der Arme ausdrückend."
Seit die Paramount der Kelly mit diesem Film zur höchsten Ehre, zum "Oscar", verholfen hat, wollen die MGM-Gewaltigen ihr wertvolles Eigentum nicht mehr an andere Filmgesellschaften ausleihen. Sie beeilten sich, gleich zwei neue Filme für Grace Kelly vorzubereiten: Den Abenteuerfilm "Jeremy Rodock" und die Verfilmung eines Afrika-Buches mit dem Titel "Something of Value" (Etwas von Wert).
Für das Privat- und Familienleben, das sie so sehr schätzt, bleibt der Kelly bei diesem Arbeitsplan nicht viel Zeit. "Mit einer Filmkarriere ist eine Frau vollbeschäftigt", sagt sie. "Sie verlangt ungeteilte Aufmerksamkeit. Und genau so ist es mit der Familie und der Ehe. Ich möchte nicht, daß eines von beiden unter dem anderen leidet, und meine Karriere geht erst einmal vor."
Sie verfolgt ihre Karriere mit einer Zielstrebigkeit, einem Ehrgeiz und einer Energie, die niemand hinter ihrem gediegenen Äußeren vermutet hatte. Freunde der Familie glauben darin die Züge des Vaters zu erkennen: Der erfolgreiche Amateur-Ruderer John B. Kelly durfte 1920 nicht an den englischen Rudermeisterschaften in Henley teilnehmen, "weil er einmal als Maurer-Geselle mit den Händen gearbeitet hatte, also kein Gentleman war". Bei Geburt seines Sohnes Jack schwor er, den Jungen selbst zu trainieren, damit er die Schmach einst rächen könne. Ein glattes Menschenalter später - 1947 - siegte Sohn Jack tatsächlich in Henley.
Da die nächsten Etappen in der Karriere der Kelly keine Überraschungen mehr verheißen, konzentriert sich die Neugier Hollywoods auf den möglichen Prinzgemahl der
neuen Königin. Eine Zeitlang erschien der elegante, zweimal geschiedene Modeschöpfer Oleg Cassini als der aussichtsreichste Bewerber. Grace Kelly flirtete mit dem charmanten Sproß italo-russischen Adels (er könnte sich Graf Oleg Loiewski-Cassini nennen) in Italien, Frankreich, Hollywood und New York in fröhlicher Mißachtung der sich sorgenden Hollywood-Kolumnisten, die ihr schreckliche emotionale Katastrophen voraussagten, wenn sie sich mit dem erfahrenen Couturier einließe.
Viele andere Männer wurden als Verehrer der Kelly genannt - mit gleich wenig (oder gleich viel) Berechtigung, wie sich immer wieder herausstellte. Die Tatsache, daß sie während der Aufnahmen zu "Mogambo" für Clark Gable ein Paar rote Socken gestrickt hatte, führte dazu, daß er eines Tages mitten im afrikanischen Busch ein Telegramm von einem Londoner Journalisten erhielt: "England voll von Gerüchten über romantische Bindung mit Grace Kelly. Erbitte umgehend Bestätigung oder Dementi." Gable zeigte ihr das Telegramm: "Es ist das größte Kompliment, das man mir je gezollt hat. Schließlich bin ich alt genug, um dein Vater zu sein." Fast aufs Wort die gleiche Antwort gab Bing Crosby, als ihm mitgeteilt wurde, daß Gerüchte von einer Romanze zwischen ihm und der Kelly berichteten.
Ray Milland, ihr Partner in "Bei Anruf - Mord!", verliebte sich während der Dreharbeiten in sie, und Grace war (unter dem Eindruck, daß die Millands bereits geschieden seien) zunächst nicht abgeneigt. Als sie erfuhr, daß Milland noch verheiratet war, zog sie sich sofort zurück. Die Gerüchtemacher stürzten sich
trotzdem auf die magere Information und walzten sie nach allen Seiten hin platt.
Die Kelly selber nimmt zu den Geschichten über ihre Flirts, die periodisch die Hollywood-Journale füllen, mit keinem Wort Stellung. Wann immer sich eine Gelegenheit ergibt, zieht sie sich in ihre kleine New-Yorker Wohnung zurück, die - wie ihre Bewohnerin - femininen Charme und unter Nüchternheit versteckte Sentimentalität ausstrahlt. Es ist eine andere Kelly, die dort - Hornbrille auf der Nase, Kochbuch in der Hand - das Leben einer typischen New-Yorker Junggesellin führt.
Bis jetzt vermochte noch niemand zu sagen, welche Grace Kelly - die First Lady des Filmreiches oder die Junggesellin eines New-Yorker Apartment-Hauses - die echte ist. Paramount-Produktionsleiter Seaton kam der Lösung vielleicht nahe, als er das Geheimnis ihres Erfolgs beschrieb: "Bei anderen Stars kennt man nach fünf Sekunden ihre ganze Persönlichkeit. Grace enthüllt ihr Wesen nur in einer endlosen Vielfalt von verschiedenen Teilansichten ... keiner kennt das volle Panorama."
In der "Oscar"-Nacht enthüllte Grace Kelly eine neue Teilansicht ihres facettenreichen Wesens, das sie bei Hollywood-Kennern in den Verdacht gebracht hat, eine "Sphinx ohne Rätsel" zu sein. "Als der scheinbar unerschütterlichen Grace Kelly der 'Oscar' überreicht wurde", berichtete die Journalistin Phylis Batelle, "schluchzte sie überwältigt in ihrem türkisfarbenen Satinkleid. Es war nur ein kleiner Schluchzer - aber er genügte. Ihre Freunde und Fans konnten endlich sehen, daß Grace Kelly doch Gefühle besitzt, die sie noch nicht öffentlich gezeigt hat. Sie ist nicht nur die kühle Dame der Gesellschaft, deren Haar, Scheckbuch und Karriere von König Midas berührt worden sind." Es war das erstemal, vermerkte die Journalistin beeindruckt, daß die "unberührbare Kelly" dem ergriffenen Hollywood eine "versteckte innere Wärme" enthüllt hatte.
Mannequin für Nerz-Mäntel Der legendäre Kamera-Test Ein freundliches Ultimatum Rote Socken für Clark Gable

DER SPIEGEL 24/1955
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