15.06.1955

HYPNOSE / MEDIZIN

Der Gesundheitsdienst bezahlt

Hypnose per Fernsehen Bankraub in der Hypnose

Durch die Umsicht der britischen Fernseh- und Rundfunkgesellschaft British Broadcasting Corporation (BBC) wurde verhindert, daß in der vergangenen Woche vielleicht Tausende von Engländern vor ihren Fernsehgeräten in tiefen Hypnose-Schlaf versunken wären. Als die Gesellschaft eine halbstündige Sendung über das in England plötzlich aktuell gewordene Thema der Hypnose ausstrahlte, verzichtete sie vorsorglich auf ein Publikumsexperiment über den Bildschirm und beschränkte sich darauf, die Wirkungen der Hypnose an einigen Personen im Senderaum zu demonstrieren.

Drei Spezialisten aus der englischen Ärztewelt hatte sich die BBC für die Sendung verschrieben. Der jüngste von ihnen, ein zierliches Bürschchen mit gespanntem Gesichtsausdruck, stellte zuerst einen träumerisch wirkenden Mann und eine hübsche Brünette in wachem Zustand vor. Während die Fernsehkameras dann ein Gespräch der beiden anderen Ärzte beobachteten, hypnotisierte der junge Arzt seine beiden Versuchspersonen. Er sprach mit normaler Stimme zu ihnen, und sie führten geduldig alle seine Befehle aus.

Der Träumer war so tief in sich versunken, daß auch heftiges Schütteln ihn nicht aufzuwecken vermochte. Gehorsam hob er den linken Arm, machte ihn steif. Auf eine neue Order hin wurde seine Hand plötzlich empfindungslos: Das Bürschchen stach mit einer Nadel hinein - der Mann spürte offenbar nichts. Sobald aber der Arzt den Arm berührte, zuckte er zurück: Der Befehl hatte sich nur auf die Hand bezogen.

Der Bereich der Empfindungslosigkeit ließ sich sogar noch genauer umgrenzen. Der Hypnotiseur malte dem Träumer mit Kreide einen kleinen Kreis auf die Handmitte. "Innerhalb dieses Kreises fühlen Sie nichts", sagte er.

Der Mann öffnete die Augen, besah sich den Kreis und ließ es ruhig geschehen, daß das Bürschchen in den Kreis hineinstach. Sobald die Nadel danebenging, zog er - das Gesicht vor Schmerzen verzerrt - die Hand zurück.

Mit der Brünetten stellte der junge Arzt ein Experiment entgegengesetzter Art an. Er redete ihr ein, der Löffel, den er aus der Tasche ziehe, sei glühend heiß. Als er sie damit leicht berührte, zuckte sie zusammen. Dann befahl er: "Schreiben Sie Ihren Namen." Sie schrieb: "Margaret."

"Jetzt bist du zwölf Jahre alt", fuhr er fort, "schreib deinen Namen!" Die Frau setzte den Bleistift diesmal nur mit Schwierigkeit an und kritzelte "Peggy", eine englische Koseform für Margaret. Als sie ihren Namen zum dritten Male schreiben sollte - "jetzt bist du fünf Jahre alt" - , brachte sie unter großen Mühen etwas zustande, was als erster kindlicher Versuch, "Peggy" zu malen, betrachtet werden konnte.

Daß in England die Hypnose plötzlich überall - im Fernsehen, in Zeitungen und Zeitschriften, in wissenschaftlichen Zirkeln und Round-Table-Gesprächen - diskutiert wird, hat einen aktuellen Anlaß: Nach achtzehnmonatigen Untersuchungen veröffentlichte die ehrwürdige Standesorganisation der britischen Ärzte, die British Medical Association (BMA), einen Bericht, der die oft als Scharlatanerie verlachte oder als Hexerei gefürchtete Hypnose*) als vollwertiges Heilmittel anerkennt. Die

britischen Ärzte empfahlen die Anwendung hypnotischer Heilmethoden bei Depressionszuständen, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit, Stottern, Gesichtszucken, Hautentzündungen (soweit diese Leiden durch seelische, nicht körperliche Störungen verursacht sind), zur Schmerzstillung bei Operationen, bei Zahnbehandlungen und Geburten. Das bedeutet: In England kann sich jetzt jeder Patient auf Kosten des staatlichen Gesundheitsdienstes hypnotisieren lassen, wenn ein Arzt es empfiehlt.

Die Hypnose, die den Patienten in leichte oder schwere Trance versetzt, ihn unempfindlich gegen Schmerzen und aufnahmefähig

für Suggestionen aller Art macht, wurde zwar schon lange für Heilzwecke benutzt, doch handelte es sich bis vor kurzem fast immer um Ausnahmefälle, in denen mutige Mediziner ihren Ruf als seriöse Ärzte aufs Spiel setzten. So wurde zum Beispiel in Deutschland - in Bad Wildungen - am 23. September des vergangenen Jahres zum erstenmal unter Hypnose und im Beisein zahlreicher Ärzte eine Kieferoperation vorgenommen. In England zeigte das BBC-Fernsehen, wie ein Zahnarzt einem hübschen Mädchen unter Hypnose ohne Betäubungsmittel einen Backenzahn zog.

Das Gros der Ärzteschaft scheute aber trotz der erwiesenen Erfolge die Verwendung der Hypnose aus Furcht, bei Anwendung des in Verruf gekommenen Phänomens in den Verdacht der Scharlatanerie und Quacksalberei zu geraten.

Auch die BMA zögerte lange, sich ernsthaft mit einem so anrüchigen Thema zu befassen. Schließlich gab sie dem Drängen des heute 47jährigen Australiers Dr. Sidney J. van Pelt nach, der sich als Vorsitzender der kleinen "Britischen Gesellschaft Ärztlicher Hypnotiseure" immer wieder an die BMA gewandt hatte: Der Berufsverband schulde es der leidenden Menschheit, jede Heilmethode zu studieren, also auch die Hypnose.

Der Bericht der BMA enthält eine historische Ehrenrettung. "Die Hypnose", heißt es da, "war allen großen Kulturen in der einen oder anderen Form, meist im religiösen Rahmen, bekannt. Das trifft auch auf das christliche Zeitalter zu ...

"Man verstand sich schon darauf, Hypnose hervorzurufen und praktisch unter Kontrolle zu halten, ehe in der gegenwärtigen Ära die Behandlung geistiger Störungen zu einem Gebiet der ärztlichen Wissenschaften wurde. Seit Mesmer sie für Heilzwecke verwandte, ist die Hypnose für die Entwicklung der modernen Psychotherapie von großer Bedeutung geworden."

Die Methoden des Franz Mesmer (1734 bis 1815), der die Hypnose in der westlichen Welt wiedereinführte, werden heute nicht mehr angewandt. Er glaubte an magnetische (also physikalische) Kräfte in seinen Händen und strich über den Körper der zu hypnotisierenden Person. In Wien gründete er für seine "Magnet-Kuren" ein Krankenhaus, mußte aber bald wegen einiger Betrügereien fliehen. In Paris war er eine Zeitlang eine Salon-Sensation, bis die Ärzteschaft gegen ihn revoltierte. Als Scharlatan verschrien, starb er in seiner Heimat am Bodensee.

Sechzehn Jahre später freilich revidierten die Franzosen ihre Meinung. Ein Bericht der Königlich Französischen Akademie der Wissenschaften forderte damals, Mesmers Magnetismus solle "in den Bereich der ärztlichen Wissenschaften aufgenommen werden". Gegen Ende des Jahrhunderts gestand sogar die BMA in einer vorsichtig gehaltenen Erklärung der Hypnose einige Bedeutung zu.

Heute verzichten die meisten Hypnotiseure auf den Hokuspokus des Bestreichens à la Mesmer. Einige lassen den Patienten auf ein ständig aufflammendes und wieder verlöschendes Licht blicken. Andere lassen ihn auf eine Bleistiftspitze starren und flüstern ihm nur zu: "Entspannen Sie sich, entspannen Sie sich." Viele beschränken sich sogar ausschließlich auf die suggestive Wirkung ihrer Stimme und wohlberechneter Worte: "Ihre Beine werden schwer... Ihre Augenlider senken sich... Sie schlafen, Sie schlafen, Sie schlafen tief." Dabei ist die körperliche Anwesenheit des Hypnotiseurs nicht einmal erforderlich. Experimente amerikanischer Fernsehgesellschaften und der BBC haben ergeben, daß

Versuchspersonen mühelos über den Fernseh-Empfänger - der Hypnotiseur spricht direkt in die Kamera - eingeschläfert werden können.

An Hand ihrer Untersuchungsergebnisse hat die BMA bereits zwei landläufige Vorstellungen über die Hypnose widerlegen können. Die Gesellschaft erklärte:

▷ Das Hypnotisieren läßt sich erlernen. Eine besondere Gabe ist nicht erforderlich.

▷ Die meisten Menschen lassen sich hypnotisieren. (Nach amerikanischen Versuchen rund 80 Prozent. Voraussetzung ist fast immer, von besonders veranlagten Menschen abgesehen, die Bereitwilligkeit der zu hypnotisierenden Person.)

Im Verlauf weiterer Forschungen hofft die BMA auch die Kernfragen über das geheimnisvolle Wesen der Hypnose klären zu können: Was geht während der Hypnose im Gehirn des Menschen vor? Wie kann ein Mensch bei einem anderen solche Wirkungen auslösen?

Dr. van Pelt hat sich an eine mögliche Antwort auf die erste Frage herangetastet: "In der Hypnose konzentriert sich der Geist viel stärker als das im Normalzustand möglich ist. Bei einer hundertprozentigen Konzentration, das heißt bei sehr tiefer Hypnose, kann der Mensch nur das ihm Suggerierte aufnehmen. Darüber hinaus ist keine Geisteskraft mehr frei, die von irgend etwas Notiz nehmen kann, und der Patient wird sogar schwere Schmerzen nicht spüren."

"Um sich hypnotisieren zu lassen, braucht man nicht willensschwach zu sein. Willenskraft hat nichts mit Hypnose zu tun. Die Kraft, die eingesetzt wird, ist die Phantasie des Patienten, auf die der Hypnotiseur einwirkt, indem er ihr etwas suggeriert. Gewöhnliche, normale Menschen - je intelligenter und phantasievoller, desto besser - geben die besten Hypnose-Patienten ab. Es ist unmöglich, einen Idioten zu hypnotisieren."

Die BMA bemerkt dagegen zurückhaltend: "Eine befriedigende umfassende Hypothese, die das Phänomen der Hypnose erklärt, ist bisher nicht aufgestellt worden."

Bei der Behandlung seelisch Kranker soll das "ungeklärte Phänomen" nach dem Willen der BMA-Ärzte auch lediglich dazu dienen, dem Patienten die "vergessenen seelischen Ursachen" seiner Krankheit - ins Unterbewußtsein verdrängte Erlebnisse - wieder bewußt werden zu lassen. Der Hypnotiseur trägt dem Patienten einfach auf, sich zu erinnern. Ist die Ursache der Krankheit erst einmal entdeckt, wird der Patient mit den üblichen Methoden der Psychotherapie weiterbehandelt.

Die BMA-Ärzte betonen allerdings, daß nicht jedem Patienten durch Hypnose geholfen werden kann. Sie verweisen in ihrem Bericht auch auf die Gefahren, die der Hypnose innewohnen und sie seit je verdächtig gemacht haben: Ein verantwortungsloser Hypnotiseur könne sich gegenüber einer willenlosen Patientin ungehörige Freiheiten herausnehmen oder einem Manne in Trance einflüstern, einen Mord zu begehen. "Die Verübung von Verbrechen", heißt es in dem Bericht, "läßt sich nicht völlig ausschließen."

Tatsächlich gibt es Beispiele für die verbrecherische Anwendung der Hypnose. In Kopenhagen wurde der Hypnotiseur Björn-Schouw Nielsen im Sommer 1954 zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, weil er den "vermindert zurechnungsfähigen" 31jährigen Palle Hardrup in der Hypnose

zu einem Bankraub angestiftet hatte, bei dem Hardrup zwei Bankbeamte niederschoß.

Aber in allen solchen Fällen sind die Opfer besonders veranlagte, abnorm "suggestible" Menschen. Vor dem internationalen Psychologen-Kongreß in Montreal (Kanada) erklärte Prof. Albert Wellek, Ordinarius für Psychologie an der Universität Mainz, daß nach allen Erfahrungen der gesunde Mensch in der Hypnose nicht zum Verbrechen verleitet werden kann. Wellek zitierte den Fall eines Heidelberger Studenten, der seiner Geliebten - die ein uneheliches Kind von ihm erwartete - suggeriert hatte, sich mit Pillen zu vergiften. Das Mädchen, das von dem Studenten schon öfter hypnotisiert worden war, reagierte jedoch nicht auf den hypnotischen Auftrag, sondern zeigte die Pillen dem Vater. In der Gerichtsverhandlung sagte sie: "Ich spürte sogleich, daß etwas nicht richtig ist."

Um die Gefahr des Hypnose-Mißbrauchs so weit wie möglich einzudämmen, empfiehlt die BMA, nur Ärzte und ärztliche Hilfspersonen, die den Vorschriften über Standespflichten unterliegen, als Hypnotiseure

zuzulassen. Weiter schlägt sie vor:

▷ daß Medizinstudenten in Zukunft als Teil ihrer Ausbildung dreimonatige Vorlesungen über Hypnose hören,

▷ daß Ärzte, die sich zu Psychoanalytikern, Anästhetikern oder Geburtshelfern ausbilden, einen praktischen, etwa sechsmonatigen Hypnosekursus absolvieren,

▷ daß Universitäten und andere Institute nunmehr systematisch die Geheimnisse der Hypnose erforschen. Diese Arbeit wird nach Meinung der BMA mindestens zwei Jahre dauern.

Für die nächsten Wochen erwarten Psychologen in England - wo Spiritismus und der Glaube an Telepathie und andere okkulte "Wissenschaften" viel verbreiteter sind als auf dem europäischen Kontinent - eine große Hypnose-Modewelle. "Wir werden es vielleicht erleben", warnte ein Psychologe im "Daily Sketch", "daß die Ärzte von Frauen überlaufen werden, die alle hypnotisiert werden wollen. Menschen, die nach einer Hypnose schreien, sind gewöhnlich am wenigsten dafür geeignet."

*) Hypnos (griech.) = Schlaf.

DER SPIEGEL 25/1955
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