06.07.1955

BERLIN / KRESSMANN

Briefe kamen nie an

(s. Titel)

Eine riesige Menschenmenge - die Schätzungen schwankten zwischen 75 000 und 200 000 - stand Kopf an Kopf auf dem Rudolph-Wilde-Platz in Westberlin vor dem Schöneberger Rathaus, dem Sitz des (West-)Berliner Senats. Es war der Abend des 17. Juni 1955, die Rathausfront war mit Fahnen drapiert, Bonner und Berliner Prominenz hatte sich versammelt, um den zweiten Jahrestag der Volkserhebung in der Sowjetzone zu feiern.

Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, SPD-Chef Erich Ollenhauer, der gesamtdeutsche Minister Jakob Kaiser, Westberlins Regierender Bürgermeister Otto Suhr und der Westberliner Parlamentspräsident Willy Brandt ließen ihre Stimmen über die Lautsprecheranlage schallen und forderten die Einheit Deutschlands. Die Freiheitsglocke läutete vom Rathausturm, und die SPD veranstaltete anschließend einen Fackelzug.

Einer der vielen Teilnehmer des Festaktes, deren Zahl sich nicht genau schätzen ließ, war ein mittelgroßer, kräftiger Mann, dessen besonderes Kennzeichen seine buschigen Augenbrauen sind: Willy Kressmann, 47, Bezirksbürgermeister des Berliner Verwaltungsbezirks Kreuzberg*).

Am 17. Juni 1953 war er der einzige prominente Offizielle Westberlins gewesen, der bei den Demonstrationen an der Sektorengrenze dabei war. Er hatte die Volkspolizei-Wache im Columbushaus auf der sowjetisch besetzten Seite des Potsdamer Platzes aufgefordert, keinen Widerstand zu leisten und abzuziehen, worauf die Vopos ihre Uniformen vom Fenster auf die Straße geworfen hatten. Kressmann hatte vergeblich versucht, Brandstiftungen der fanatisierten Massen am Columbushaus und am Haus Vaterland zu verhindern, und sich bemüht, statt dessen eine Demonstration durch den Ostsektor zu organisieren.

Jetzt, als zwei Jahre nach diesem turbulenten Tag vor dem Schöneberger Rathaus die Einheit Deutschlands gefordert wurde und der Fackelzug der SPD sich gerade formierte, faßte Willy Kressmann plötzlich wieder einen Entschluß, der für einen Verwaltungsmann, wie er es ist, reichlich ungewöhnlich war. Er sagte zu Freunden: "Jetzt bin ich endlich die Reden satt!" Noch am nächsten Tag, dem 18. Juni 1955, wollte er die Bezirksbürgermeister seiner Nachbarbezirke im Sowjetsektor zu Besprechungen "über die technische Einheit Berlins" zu sich einladen.

Es ist nun allerdings nicht so, daß dem Kressmann die Idee, mit dem Ostsektor zu verhandeln, erst bei dem Fackelzug gekommen wäre. Er hatte sich schon seit längerem mit der Frage befaßt, wie wohl die Verhältnisse an der Sektorengrenze im Bereich des Bezirkes Kreuzberg etwas gebessert werden könnten. Schließlich war es der Präsident des Westberliner Abgeordnetenhauses, Willy Brandt, gewesen, der am 1. Juni 1955 in einem Interview auf den Busch geklopft und gefragt hatte: "Wir sollten die andere Seite wieder einmal fragen, ob sie bereit wäre, die Auswüchse

(der Spaltung Berlins) überwinden zu helfen."

Parlamentspräsident Brandt wollte, daß mit dem Magistrat des Sowjetsektors über acht Punkte gesprochen wird: 1. Die Straßenbahnen müßten wieder über die Sektorengrenzen verkehren. 2. Straßensperren seien abzubauen. 3. Man müsse wieder von West- nach Ostberlin und umgekehrt telephonieren können. Und unter 4. bis 8. ging es von Erleichterungen auf dem Gebiet der kommunalen Versorgungsbetriebe, die man fordern müsse, über den freien Zugang für Westberliner zu ihren Kleingärten in

den Berliner Randgebieten und die ungehinderte Ausübung des Wassersports auf den Berliner Gewässern bis zu dem Vorschlag, die Ostberliner Stellen sollten Auskunft über den Aufenthaltsort von Verschleppten geben.

Eine erste östliche Reaktion auf die Brandtschen acht Punkte fand sich im Organ des SED-Zentralkomitees "Neues Deutschland" vom 3. Juni: "Zu den Auswüchsen der Spaltung Berlins", schrieb das kommunistische Organ, "besser gesagt zu ihren kriminellen Erscheinungen gehört das Treiben der in Westberlin etablierten Spionage- und Sabotageorganisationen ... Die Normalisierung der Verhältnisse muß in Westberlin beginnen."

Drei Tage später hatte der Westberliner Senat darüber beraten wollen, ob man Gespräche mit der Ostsektoren-Verwaltung aufnehmen sollte. Aus Zeitmangel wurde das Thema jedoch von der Tagesordnung abgesetzt. Tags darauf wurde Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau eingeladen.

Schon einen Tag später traf im Westberliner Rathaus in Schöneberg ein Schreiben Friedrich Eberts, des Reichspräsidentensohnes und Leiters der Ostberliner Verwaltung, an den Regierenden Bürgermeister Dr. Otto Suhr ein: "Die Volksvertretung (von Ostberlin) hat meinen Vorschlag bestätigt, daß sich unverzüglich Mitglieder des Magistrats und Mitglieder des Senats zusammensetzen sollten, um über die beiderseits aufgeworfenen Fragen zu verhandeln. Ich bitte um die Benennung der für diese Verhandlung ausersehenen Mitglieder des Senats sowie um Vorschläge über Zeit und Ort für solche Verhandlungen."

Gleichzeitig schrieb Friedrich Ebert auch an den Westberliner Parlamentspräsidenten Willy Brandt und bat ihn, diese Vorschläge zu unterstützen.

Am 14. Juni beantwortete Suhr - nachdem er mit dem Senat darüber gesprochen hatte - den Brief Eberts: "Die zuständigen Referenten der Senatsverwaltung für Verkehr und Betriebe haben den Auftrag, mit Ihren Dienststellen über die Verbesserung der Verbindungen auf dem Gebiete der Gas- und Wasserversorgung, der Stadtentwässerung und des Straßenbahnverkehrs Verhandlungen zu führen."

Unterdes hatte der Bezirksbürgermeister Kressmann, von der Acht-Punkte-Initiative Brandts animiert, schon aus eigener Initiative in seinem Bezirk Kreuzberg einige Vorbereitungen getroffen. Er hatte Zeichnungen des Sektorengrenzgebietes anfertigen lassen und überschlägig berechnet, was es wohl kosten würde, die schlimmsten Auswüchse der Berliner Spaltung, soweit sie den Bezirk Kreuzberg betreffen, zu beseitigen.

Die Wiederherstellung der Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und dem Ostberliner Bezirk Friedrichshain würde etwa 100 000 Mark kosten, rechneten Kressmanns

Bezirksamt-Experten aus. Wenn man auch die Straßensperren an den Sektorenübergängen beseitigen und die Fahr- und Gehbahnen sowie die Straßenbahnschienen wieder in Ordnung bringen wolle, so würde man insgesamt wohl etwa 250 000 Mark brauchen.

Ein anderes unsinniges Produkt der Berliner Spaltung hätte sich auch ohne größeren finanziellen Aufwand beseitigen lassen. In der Sebastianstraße - wie in einigen anderen Straßen - gehören die Häuser einer Straßenseite zu Westberlin, der Bürgersteig davor aber schon zum Ostsektor. Kressmann meinte, daß es doch wohl möglich sein müßte, die Sektorengrenze in der Sebastianstraße so zu verlegen, daß der Bürgersteig mit zum Westsektor gehört. In politischen Notzeiten war es nämlich schon notwendig gewesen, für die Häuser dieser Straße Hinterhof-Durchbrüche zu schaffen, damit die Bewohner im Notfall ihre Wohnungen verlassen konnten, ohne den Ostberliner Bürgersteig vor ihren Westberliner Häusern zu betreten.

Angesichts des Schriftwechsels zwischen Ebert und Suhr, der wegen der dauernden Verquickung dieser kommunalen Dinge mit großen politischen Fragen zu nichts Gutem zu führen schien, gaben die 17.-Juni-Reden der Bonner und Berliner Prominenten vor dem Schöneberger Rathaus Kressmann dann den letzten Stoß. Ohne den Senat oder seinen SPD-Landesvorstand zu benachrichtigen, schrieb er einen Tag nach der Einheitsfeier, am 18. Juni, einem Sonnabend, Briefe an die Bezirksbürgermeister seiner Nachbarbezirke Treptow, Friedrichshain und Mitte, die alle drei im Sowjetsektor liegen:

"Sehr geehrter Herr Graefe, darf ich Sie bitten, mit Ihren Mitarbeitern des Tiefbauamtes am Donnerstag, dem 23. Juni 1955, um 12 Uhr mittags, an einem technischen Gespräch im Rathaus Kreuzberg, Berlin SW 61, Yorkstraße 10/11, Zimmer 148, teilzunehmen. Es handelt sich um die Wiederherstellung des Verkehrs über die Oberbaumbrücke, Beseitigung der Straßensperren entlang der Zimmerstraße, Instandsetzung der Geh- und Fahrbahnen dieser und anderer wichtiger Verbindungsstraßen zwischen Kreuzberg und Ihrem Bezirk.

"Ferner handelt es sich um die Straßenbeleuchtung sowie Instandsetzung der Gleisanlagen. Im Anschluß an die Besprechung würde ich eine gemeinsame Besichtigung der Sektorengrenzen vorschlagen.

"Mit vorzüglicher Hochachtung gez. Kressmann.

"Herr Reuter vom Bezirksamt Friedrichshain und Herr Thiele vom Bezirksamt Mitte haben die gleiche Einladung erhalten."

Wenn Willy Kressmann auch weder dem Senat noch seiner Parteileitung mitgeteilt hatte, daß er diese Briefe schreiben wolle, so informierte er doch am Sonnabendmittag die Zeitungen ausführlich über seinen Schritt. Dann verschwand er aus seiner Wohnung und dem Amt und war bis zum Montag für niemanden erreichbar.

Die "Welt am Sonntag" trompetete die Nachricht über Kressmanns Briefe mit einer Riesenschlagzeile hinaus, und ehe man sich''s versah, war aus dem Schreiben des Bezirksbürgermeisters Kressmann, der mit einigen Kollegen seiner Nachbarbezirke über Straßeninstandsetzung und -beleuchtung verhandeln wollte, eine hochpolitische Angelegenheit geworden.

Der Regierende Bürgermeister Westberlins, Otto Suhr, war gerade in Paris. So wandten sich die Journalisten an seinen Stellvertreter, den Bürgermeister Franz Amrehn von der CDU, der sich dann auch prompt distanzierte: "Ich kann Kressmanns Schritt nicht billigen, denn er geht weit über den bezirklichen Rahmen hinaus. Es handelt sich hier um politische Fragen, die die ganze Stadt betreffen, und außerdem widerspricht das Vorgehen Kressmanns den Richtlinien des Senats."

Am Montag, dem 20. Juni, wurde Kressmann dann zu Amrehn zitiert: Seine Aktion habe bereits angelaufene Verhandlungen mit dem Ost-Magistrat gekreuzt und drohe, sie zu stören.

Kressmann bekam es von Amrehn auch noch einmal schriftlich: "Sehr geehrter Herr Kollege, der Senat hat in seiner heutigen Sitzung den nachstehenden Beschluß gefaßt: Verhandlungen über die Wiederherstellung der technischen Einheit Berlins sind wegen ihrer übergeordneten Bedeutung

und wegen der Notwendigkeit ihrer einheitlichen Durchführung ausschließlich Sache des Senats, der entsprechende Schritte bereits eingeleitet hat.

"Dazu gehören auch Verhandlungen über die Wiederherstellung des Verkehrs, Beseitigung von Straßensperren u. ä. Das eigenmächtige Vorgehen des Bezirksbürgermeisters von Kreuzberg widerspricht diesen Grundsätzen.

"Der Bezirksbürgermeister von Kreuzberg wird daher angewiesen, die von ihm an die Vorsitzenden der Bezirksämter Friedrichshain, Mitte und Treptow gerichteten Einladungen zurückzunehmen und sicherzustellen, daß die von ihm in Aussicht genommenen Besprechungen nicht stattfinden.

"Ich darf Sie bitten, mir umgehend zu berichten, was von Ihnen veranlaßt worden ist, um den Senatsbeschluß durchzuführen. gez. Amrehn."

Auch der Berliner Landesausschuß der SPD, der noch am gleichen Tage zusammenkam, konnte nicht fassen, was Kressmann da gemacht hatte. Dreieinhalb Stunden wurden dem Genossen Kressmann die Leviten gelesen. Dann stand der Kreuzberger Bürgermeister auf, ohne ein Wort gesagt zu haben, und verließ die Versammlung. In der Bezirksverbands-Abteilungsleitersitzung der SPD Kreuzberg wurde

tags darauf sogar ein Mißtrauensantrag gegen Kressmann wegen dessen Eigenmächtigkeit diskutiert. Die Kreisdelegiertenkonferenz lehnte diesen Antrag eine Woche später mit 72:36 Stimmen ab. Schon vorher - gleich nach seinem Gespräch mit Amrehn - hatte Kressmann aber die Kollegen aus dem Ostsektor wieder ausgeladen:

"Sehr geehrter Herr Graefe, einer persönlichen Rücksprache mit dem Amtierenden

Regierenden Bürgermeister Amrehn vom 20. Juni 1955 entnahm ich, daß auf Grund ergangener Weisung des Senats die von ihm dazu bestimmten Stellen mit Ihren entsprechenden Dienststellen bereits in der vergangenen Woche in Besprechungen eingetreten sind, um die von Kreuzberg gewünschten technischen Maßnahmen durchzuführen.

"Ich setze daher die für Donnerstag, den 23. Juni 1955, 12 Uhr mittags, angesetzte Besprechung ab und hoffe, daß auch Sie in der Lage sind, die notwendigen Besprechungen zur Erleichterung aller Berliner auf Groß-Berliner Ebene durchzuführen.

"Mit vorzüglicher Hochachtung gez. Kressmann."

So wird nun die Oberbaumbrücke zwischen den Berliner Bezirken Kreuzberg und Friedrichshain einstweilen ungebaut bleiben, die Straßensperren werden den Verkehr weiterhin blockieren, und die Einwohner der Sebastianstraße werden auch in Zukunft einen sowjetisch kontrollierten Bürgersteig vor ihrer westlichen Haustür haben - wobei es freilich völlig offen ist, ob sich in all diesen Dingen etwas geändert hätte, wenn Kressmann mit seinen Ostberliner Kollegen hätte zusammenkommen dürfen.

Denn das war es, was die intimen Feinde des Kreuzberger Bürgermeisters ihm - wie schon häufig bei seinen bundesweit publizierten Aktionen - auch jetzt wieder vorwarfen: Willy Kressmann kurbelt häufig Dinge an, die ihn zwar berühmt machen, von denen er aber vorher wissen müßte, daß nichts dabei herauskommt.

Ein Bezirksbürgermeister in Berlin, wie Kressmann, ist ein Mann ohne wirkliche Möglichkeiten, aus eigener Initiative etwas durchzusetzen. Die Berliner Verfassung vom 1. September 1950 legt fest, was ein Bezirksbürgermeister ist und was er zu tun hat. In jedem Bezirk - zwölf gibt es in Westberlin - wird eine 45köpfige Bezirksverordneten-Versammlung gewählt.

Diese Versammlung wählt den Bezirksbürgermeister und höchstens acht Bezirksstadträte, das Bezirksamt. Der Bezirksbürgermeister untersteht der Dienstaufsicht des Regierenden Bürgermeisters.

Die Bezirke haben kein eigenes Etatrecht. Sie reichen lediglich alljährlich dem Senat eine Übersicht über die Einnahmen und Ausgaben der Bezirksverwaltung ein. Der Senat stellt aus den Vorschlägen der Bezirke den Stadtetat auf. Etwaige eigene Einnahmen der Bezirke aus Gebühren sind an die Zentrale abzuliefern. Der Senat erläßt auch Grundsätze und Richtlinien für die gesamte Verwaltung, nach denen sich die Bezirke zu richten haben.

Wer diese kommunale Struktur und die formelle Machtlosigkeit eines Bezirksbürgermeisters kennt, dem werden die Überlegungen jener Sozialdemokraten verständlich, die ihren Genossen Willy Kressmann im Januar 1949 zum Bezirksbürgermeister von Kreuzberg machten: Er sollte in der Routinearbeit eines mittleren Verwaltungsmannes ertrinken und keine Zeit für ausgefallene Ideen und hochfliegende politische Pläne haben.

Der Berliner Bezirk Kreuzberg mit seinen über 200 000 Einwohnern - etwa soviel wie Kassel, Krefeld oder Karlsruhe - hat im Krieg 42 Prozent seiner Wohnungen und Gebäude verloren. Er ist ein Arbeiter- und Kleinbürgerbezirk. In Kreuzberg liegt auch das alte Berliner Zeitungsviertel, heute eine Wüstenei, und der Anhalter Bahnhof, in dessen tote Ruine heute nur noch Ratten etwas Leben bringen. In den Hinterhöfen der Kreuzberger Mietskasernen kämpfen kleine und mittlere Betriebe der Konfektion und der Elektrobranche, Kunsttischlereien und Lederwaren-Hersteller um ihre Existenz.

Hier, zwischen Mietskasernen und Trümmerflächen, so hofften Kressmanns Widersacher

in der SPD, würde sich das überschäumende Temperament des Genossen schon in der täglichen Arbeit abschleifen.

Nachdem Kressmann aus der Emigration zurückgekehrt war - er stieg am 2. Mai 1947 mit seiner Frau auf dem Bahnhof Charlottenburg aus - , war er nämlich zunächst unter Stadtrat Gustav Klingelhöfer in der Magistratsabteilung für Wirtschaft, also in der Spitze der Berliner Stadtverwaltung, tätig gewesen. Acht Tage, nachdem er dort angefangen hatte, wurde im Amt schon seine angebliche Äußerung

kolportiert: "Stadtrat werde ich." Nachdem der Magistratsdirektor Kressmann anderthalb Jahre lang sehr selbstbewußt und voller Ambitionen in der Magistratsabteilung für Wirtschaft tätig gewesen war, standen die Verhältnisse im Hause schließlich so, daß Stadtrat Klingelhöfer sich zu der Frage veranlaßt sah: Er oder ich. So kam es, daß Kressmann - damit Klingelhöfer ihn loswerde - als Bezirksbürgermeister von Kreuzberg untertauchen sollte.

Nun sind auch Kressmanns Feinde in der SPD der Ansicht, daß sein Bestreben, jedes

Amt zur Plattform eigener publizitätsfördernder Aktionen zu machen, nicht ausschließlich mit übertriebenem Geltungsbedürfnis und Drang nach oben zu erklären sei. Es stecke auch ein gut Teil begrüßenswerten "alten SAJ-Geistes" in mancher seiner Eulenspiegeleien. Denn Willy Kressmann war einmal zweiter Vorsitzender der SAJ gewesen, der Sozialistischen Arbeiter-Jugend der zwanziger und der ersten dreißiger Jahre.

Daß Kressmann in die SAJ hineinkam, war kein Zufall. Er wurde 1907 im jetzt

Ostberliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg als Sohn eines Werkzeugmachers geboren, zu einer Zeit, da der "vierte Stand" um soziale und politische Gleichberechtigung und um höheren Anteil am Arbeitsertrag rang. Vater Kressmann war seit 1880, dem Jahr des Sozialistengesetzes Bismarcks, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften. Wie viele Genossen seiner Generation, impfte er dem Sohn sein Glaubensbekenntnis ein.

In Vater Kressmanns Wohnküche verkehrten zu Willys Kindheit die prominenten Linkssozialisten Arthur Crispien und Georg Ledebour. Ledebour, der 1917 zu den Gründern der von der SPD abgespaltenen Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) gehörte, 1918 Kampfgefährte des November-Revolutionärs Karl Liebknecht war, sich dann aber 1920 gegen die Kommunisten wandte, war bis über die große Zäsur von 1933 hinaus politisches Vorbild für den jungen Willy Kressmann.

Des heutigen Kreuzberger Bezirksbürgermeisters erstes politisches Kindheitserlebnis war eine "Nie wieder Krieg"-Kundgebung mit Karl Liebknecht auf dem traditionellen sozialistischen Forum der Reichshauptstadt, dem Lustgarten neben dem Hohenzollernschloß. Schon 1918 stecke Vater Kressmann seinen elfjährigen Willy in die Kindergruppe der USPD. Vier Jahre später aber kehrte die Familie wieder in den Schoß der SPD zurück.

In jenen stürmischen Berliner Nachkriegsjahren mit roten Revolten, Freikorps-Putschen, Generalstreiks, Inflation, Raffkes, hektischen Ausschweifungen und den tastenden Gehversuchen der jungen Republik war Kressmann junior Lehrling in einer Buchdruckerei. Er wurde Vertrauensmann seiner Altersgenossen und in den Vorstand der Buchdrucker- und Schriftsetzer-Gewerkschaft delegiert.

Während des Kapp-Putsches, beim Generalstreik zum Schutz der Regierung, meuterte der Lehrling Willy Kressmann erfolgreich gegen den Versuch der rechtsstehenden "Berliner Börsen-Zeitung", seine Firma unter Druck zu setzen und sie aus dem Streik herauszuhalten. Willy wurde für vier Wochen entlassen. Zu dieser

Zeit gehörte er gleichzeitig dem unpolitischen "Wandervogel" und der "Sozialistischen Arbeiter-Jugend" an.

Noch heute stellt Kressmann melancholische Vergleiche zwischen seinem eigenen jugendlichen Schwung jener Jahre und der Jugend von heute an. Er erinnert sich an unzählige Abende, an denen er mit einer trockenen Schrippe in der Tasche mangels Fahrgeldes zu Fuß durch halb Berlin zu Heimabenden trottete und glücklich war, seine Freizeit für seine Organisationen zu verpulvern. So wurde er schon mit 24 Jahren zweiter Vorsitzender der SAJ.

Rund zwanzig Jahre später, als Kreuzberger Bürgermeister, machte Kressmann einige Versuche, die Halbstarken seines Bezirks zu den Idealen der eigenen Jugend zu bekehren. Als die jungen Leute in den Spielautomaten-Hallen und Boogie-Dielen Nachkriegs-Berlins immer lauter randalierten, tauchte Bezirksbürgermeister Kressmann nachts an solchen Brennpunkten des Hordenwesens auf, tanzte erst selber mit einem der Mädchen einige Runden und redete dann vom Tanzmusik-Podium aus den Rabauken und ihren Mieken zu.

Um den Jazz-Fimmel abzubremsen, ließ er einmal ein Tanzorchester auf einem öffentlichen Platz spielen und versuchte, den Asphalt-Derwischen nach einigen anreißerischen Hots den Unterschied zwischen Krampf und echter Ausgelassenheit klarzumachen.

Wenn die Halbstarken aber durch Zureden nicht zur Vernunft zu bringen waren, konnte Willy Kressmann auch anders. Im Oktober 1953 stellte das Kreuzberger Bezirksamt fest, daß Rotten von Halbstarken im Victoria-Park am Kreuzberg und in anderen Anlagen des Bezirks Bänke, Skattische und Gartenanlagen zerstörten und Frauen und Mädchen belästigen. Kressmann bildete mit Bezirksangestellten, Gartenbauarbeitern und Bürgern eine rund sechzig Mann starke "Bürgerwacht" und ließ ein Flugblatt an die Jugendlichen des Bezirks verteilen mit der Schlagzeile "Seid ihr wirklich so?" Die "Bürgerwacht" machte drei- bis viermal nächtliche Streifen durch die öffentlichen Anlagen, spürte die Wegelagerer mit Scheinwerfern auf und

stellte sie ruhig zur Rede. Nach drei bis vier Einsätzen war die Parkplage vorerst beseitigt.

Als Kressmanns Generation so alt war wie heute die Kreuzberger Halbstarken, hatte sie noch andere Probleme. 1931 meuterte Willy Kressmann auch gegen die bestehende Ordnung, aber nicht in Spielautomaten-Hallen und Boogie-Dielen, sondern auf den Rednerpodien der Partei- und SAJ-Abende.

1931 flog er aus der SPD hinaus. Zusammen mit einer Gruppe junger SPD-Reichstagsabgeordneter hatte sich Jungsozialist Kressmann gegen das Grundübel der SPD, die versteinerte Funktionärs-Hierarchie, gewandt. Sie schien ihm schuld, daß damals immer mehr Jugendliche teils zu Hitler, teils zu Thälmann gingen und so die fatale Alternative der deutschen Innenpolitik von 1933 einleiteten. Kurt Schumacher, der nach dem 20. Juli 1944 ermordete Julius Leber und auch Otto Grotewohl gehörten zu jenen Rebellen in der SPD-Reichstagsfraktion.

Zwei Versuche des SPD-Apparates, den unruhigen Junggenossen Kressmann durch Kurse auf Parteischulen zu einem gefügigen Funktionär einzuschleifen, waren gescheitert. Kressmann beteiligte sich nach seinem Ausschluß aus der SPD an der Neugründung eines "Sozialistischen Jugend-Verbandes (SJV)", der die Jugendgruppe einer neuen "Sozialistischen Arbeiterpartei" wurde. Diese von linken Flügelmännern der SPD gegründete Partei sollte eine "revolutionäre", von Moskau unabhängige Arbeiterpartei werden.

Als Kressmann in den SJV geht, folgen ihm von den 5000 SAJ-Mitgliedern Berlins fast 4000. Kreßmann aber hört an der Universität und an der Hochschule für Politik Vorlesungen über Volkswirtschaft und Psychologie und rüstet sich für den Posten des Chefredakteurs am SJV-Organ "Der Jungprolet" mit einer Auflage von rund 15 000.

Gleichzeitigaber schlägt Jungprolet Kressmann doch den Weg aller Funktionäre ein. Er nimmt vom erlernten Druckerberuf Abschied und wird als Fürsorger des Sozial- und Jugendamtes Verwaltungsangestellter im Bezirk Mitte. In den Wahlschlachten der sterbenden Weimarer Republik im Krisenjahr 1932 wird die SAP zwischen der SPD und der KPD zerrieben. Ihr "sektiererisches" Programm wirbt in Berlin nie mehr als ein paar tausend Mitglieder oder maximal 40 000 Wählerstimmen.

Weil er im Oktober 1932 in seinem "Jungproleten" zum offenen Widerstand gegen den die NSDAP schützenden Staat aufgerufen hatte, ergeht Anfang 1933 - noch während Schleicher Reichskanzler ist - ein verspäteter Haftbefehl gegen Kressmann. Ab März taucht er darauf abwechselnd bei Freunden unter. Als dann sein Bruder verhaftet wird und bei seinem Vater Haussuchungen stattfinden, gibt ihm der Rest seines Parteivorstandes den Rat, sich ins Ausland abzusetzen. Im Herbst 1933 geht Kressmann mit einem Rucksack über das Riesengebirge nach Prag, tritt dort beim emigrierten sozialdemokratischen Parteivorstand wieder in die SPD ein und betätigt sich als Statist am Prager Deutschen Theater.

Von Prag geht er Anfang 1934 nach Wien, beteiligt sich am Februar-Putsch des "Republikanischen Schutzbundes" der österreichischen Sozialdemokraten gegen den Zwergdiktator Dollfuß (der Putsch wurde mit Waffengewalt niedergeworfen) und flieht dann in die Schweiz.

Nach kurzer Verhaftung und zeitweiligem Broterwerb als Kinderbetreuer gibt er ein Gastspiel in Madrid, wo er dem Syndikalisten

Gil Robles beim Aufbau der republikanischen Miliz hilft. Von Spanien aus erfüllt er einen Auftrag zu geheimer Fühlungnahme mit italienischen Sozialisten in Rom und Florenz und kehrt dann in die Schweiz zurück, wo ihm die Fremdenpolizei jede politische Betätigung verbietet.

Möbeltragen, Studium am pädagogischen Seminar und Stellungen als Heimpädagoge für schwererziehbare und kranke Kinder hindern ihn jedoch nicht an einem politischen Rückfall.

Auf den Paß eines Schweizer Genossen fährt er 1936 zum ersten großen "Volksfront" - Kongreß nach Paris, der die Bildung einer internationalen sozialistisch-kommunistischen Einheitsfront gegen die autoritären Mächte des Faschismus und Nationalsozialismus beschließt.

Die Schweizer Idylle endet im Frühjahr 1937. Kressmann folgt unter falschem Namen einer Einladung an eine Volkshochschule in Dänemark, wird dort schließlich verhaftet und ausgewiesen und muß über Paris nach Prag zurück. In Prag nimmt er wieder Verbindung zum SPD-Exil-Parteivorstand auf, arbeitet als Erzieher und Sprachlehrer und erlebt den Einzug Hitlers in den Hradschin. Nach Polen geflüchtet, übernimmt er in Zusammenarbeit mit dem britischen Konsulat in Kattowitz die Leitung einer Flüchtlingsstelle für Deutsche und Österreicher.

Der sich abzeichnende deutsch-polnische Konflikt zwingt Kressmann im Sommer 1939 zum siebenten Grenzwechsel seiner Emigrantenjahre. Mit dem vorletzten Flüchtlings-Transport aus Kattowitz kommt er über Skandinavien nach England und trifft dort wieder auf den fast ebenso unsteten SPD-Parteivorstand, der ein Jahr zuvor aus Prag über Paris nach London gegangen war.

Nach der britischen Niederlage von Dünkirchen wird Kressmann neun Monate lang auf der Isle of Man interniert. Hier schließt er die erste Bekanntschaft mit einem Hohenzollernprinzen, dem Louis-Ferdinand-Bruder Friedrich Georg. Heute verbindet den Kreuzberger Bezirksbürgermeister eine persönliche Bekanntschaft auch mit dem Chef des Hauses Hohenzollern, Louis Ferdinand Prinz von Preußen, der in Kreuzberg Liegenschaften hat.

Der Prinz und die Prinzessin Kira haben erst kürzlich wieder den Willy Kressmann in seinem Kreuzberger Rathaus besucht, um Kreuzberger Kinder zur Erholung auf ihr Stammschloß einzuladen. Und der Hohenzollern-Werber Professor Schoeps aus Erlangen begann schon vor längerer Zeit einen Briefwechsel mit Kressmann der auch hier erkannt hat, was heutzutage bei den Leuten "ankommt" und auf seinem Bürgermeister - Schreibtisch Schoepsens Buch "Das andere Preußen" griffbereit verwahrt.

Eine Begründung für dieses gute Verhältnis des Sozialisten Kressmann zu den Repräsentanten der Monarchie bietet sich zwanglos an: Kressmann sagt von sich selbst, er habe während des Krieges, als er in England nach der Internierung Enttrümmerungsarbeiter und Geschäftsführer war, ein neues Urteil über die konstitutionelle Monarchie gewonnen und sich dabei Gedanken über die Ursachen des Versagens der Weimarer Republik gemacht.

Als Kurt Schumacher 1946 zum erstenmal nach London kam, faßte Kressmann den Entschluß, in die Heimat zurückzukehren. Nach sechs Wochen Rundreise durch Deutschland - mit Angeboten von Carlo Schmid, der damals noch in Tübingen wirkte, und von Gewerkschafts-Agartz - entschied sich Kressmann für die dazumal von allen vier Siegermächten gemeinsam kontrollierte

Stadt Berlin. Die Berliner Genossen steckten den Heimkehrer in Gustav Klingelhöfers Magistratsabtellung für Wirtschaft und schoben ihn, als er ihnen dort zu ambitiös wurde, 1949 schließlich als Verwaltungschef in den Bezirk Kreuzberg ab.

Wenn Gustav Klingelhöfer nun glaubte, er sei jetzt allen Ärger mit dem Genossen Kressmann los, hatte er sich geirrt. Gleich nach dem Ende der Blockade sanktionierte der neue Bezirksbürgermeister von Kreuzberg offiziell den "Grauen Markt". In Kreuzberg durften bewirtschaftete Lebens- und Genußmittel zu überhöhten, aber kontrollierten Preisen frei verkauft werden. Unter dem Beifall der Freien Demokraten und dem Gezeter sozialdemokratischer Planwirtschaftler verdrängte der "Graue Markt" in Kürze den Schwarzen Markt und provozierte die Initiative von Gewerbe und Handel.

Dieser erste Streich in Kreuzberg machte den neuen Bürgermeister bald in ganz Berlin bekannt. Ihm folgten bis auf den heutigen Tag immer wieder ähnliche Kressmann-Eskapaden, deren markantestes Merkmal ist, daß Kressmann mit feinem Publikumsgespür stets genau das tat, was des Beifalls der öffentlichen Meinung von vornherein absolut sicher sein konnte:

▷ Er veranstaltete in Kreuzberg einen Propaganda-Feldzug gegen Westberliner, die für günstig gewechseltes Ostgeld im Sowjetsektor kauften und so die Westberliner Wirtschaft schädigten.

▷ Gegen den Protest der Gewerkschaften ließ Kressmann die Kreuzberger über Ladenschlußzeiten volksabstimmen.

▷ Er setzte sich - was ihm viele Sozialdemokraten verübelten - für ein "Jugendaufbauwerk" ein, um 1950 die große Zahl jugendlicher Arbeitsloser mit einer Art freiwilligen Arbeitsdienstes von der Straße zu bringen. Das Jugendwerk hat den während der Blockade stark gelichteten Grunewald aufgeforstet. Doktrinäre Widerstände gegen Kressmanns "Arbeitsdienst" führten dazu, daß die "Arbeitsmänner" später zu Notstandsarbeitern gemacht wurden.

▷ Im Juli 1951 beteiligte sich Kressmann eigenhändig am Wegräumen kommunistischer Straßensperren an der Sektorengrenze zu seinem Bezirk.

Mit solchen lokalen Aktionen gab sich der Kreuzberger Bezirksbürgermeister aber bald nicht mehr zufrieden. Im September 1951 führte die Regierung der Sowjetzone für Fahrten zwischen Westberlin und der Bundesrepublik Straßenbenutzungsgebühren ein. Es gab ein großes Lamento in den Zeitungen und Willy Kressmann zeigte sich wieder auf der Höhe der Situation. Er teilte dem damaligen Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter inoffiziell mit, das Bezirksamt Kreuzberg plane einen Gegenschlag (Reuter: "Der Kressmann ist ein Scharlatan.").

Kressmann ließ überraschend 23 Straßenübergänge seines Bezirks zum Ostsektor durch Bezirksamts-Angestellte, Polizei, Zollfahnder und freiwillige Helfer absperren, die alle Fahrzeuge mit Ostberliner Kennzeichen anhielten, sie zu einem zentralen Platz lotsten und von ihnen einen der sowjetzonalen Straßenbenutzungsgebühr entsprechenden Obolus verlangten.

Als 400 Fahrzeuge angehalten waren, wurden gleichartige Aktionen in Ostberlin

gegen Westberliner Wagen eingeleitet. Der damals amtierende Bürgermeister Schreiber - Reuter war verreist - konnte Kressmann nicht zurückhalten, denn der Bezirksbürgermeister war stundenlang unerreichbar. Die Westalliierten wiesen daraufhin die Berliner Polizei an, Kressmann in Polizeiverwahrung zu nehmen, wenn er wieder derart eigenmächtig in die Kompetenzen der Besatzungsmächte eingreife.

Kressmanns nächste Aktionen, die nicht in Besatzungskompetenzen eingriffen und wieder des öffentlichen Beifalls sicher sein konnten:

▷ Am 17. Juni 1953 organisierte er für die aus Ostberlin in den Bezirk Kreuzberg abgedrängten Demonstranten eine Nachbarschaftshilfe, die gegen Ostmark zum Kurs 1:1 Lebensmittel an Ostbewohner verkaufte.

▷ Als Oppositionsführer Ollenhauer im Frühjahr 1954 kurz nach einem Kanzlerbesuch nach Berlin kam, ordnete Kressmann die Beflaggung aller öffentlichen Gebäude in Kreuzberg an. Der Westberliner Senat erließ daraufhin eine "Lex Kressmann", in der die Beflaggung zentral geregelt wurde.

▷ Für Kinder und Jugendliche aus Ostberlin schuf der Bezirk Kreuzberg längs der Sektorengrenze eine "Nachbarschaftsaktion". Ostkinder konnten dort mit Westkindern feiern und wurden großzügig bewirtet.

▷ Im März/April 1955 sagte Kressmann den vornehmlich im Bezirk Kreuzberg agierenden Unterwelts-Ringvereinen den Kampf an.

1950 hatten einige "Sparvereine" Lizenzanträge bei der Westberliner Polizei gestellt. Die Polizei fand schnell heraus, daß es sich beim "Sparverein Süd-Ost" in Kreuzberg und dem "Spar- und Lotterieverein West" in Schöneberg um nichts anderes als um Neuauflagen der alten Ringvereine "Immertreu", "Libelle" oder "Frankonia" handelte.

Diese Vereine - offiziell als Sparvereine gegründet, die sich später zu Ringen zusammenschlossen, daher "Ringvereine" - hatten im Berlin der zwanziger Jahre ihre große Zeit. Ihre "Lumpenbälle" während der Wintersaison wurden gerne von der sogenannten Berliner Gesellschaft besucht, die von falscher Dreigroschenoper-Romantik angesteckt war.

Der "Sparverein Süd-Ost" und der "Spar- und Lotterieverein West" wuchsen ab 1950 zunächst auch ohne Lizenz langsam, aber stetig. Besonders der "Sparverein Süd-Ost" unter seinem rührigen Vorsitzenden Gerhard Hirschfeld, 33, hatte bald eine stattliche Zahl von Mitgliedern.

Ziel und Zweck der Sparvereine war es, "Gestrauchelten" nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis einen Halt zu geben. Sie wollten den Entlassenen finanziell helfen, die erneut straffällig Gewordenen von guten Rechtsanwälten vertreten lassen, die Familien der Inhaftierten unterstützen und die Einsitzenden mit Paketen versorgen.

Neuaufnahmen gingen nach althergebrachtem feierlichem Zeremoniell vor sich. Unter dem Banner des Sparvereins wurden die Kandidaten eingeschworen. Sie mußten sich verpflichten, dem Verein bis an ihr Lebensende treu zu bleiben und keine Informationen an Außenstehende, nicht einmal an die eigene Ehefrau, weiterzugeben. Auch nach einem Ausscheiden waren die Vereinsbrüder zum Schweigen verpflichtet.

Nach dem Schwur wurden von allen Anwesenden das Vereinslied und ein Choral gesungen. Der monatliche Beitrag belief sich im "Sparverein Süd-Ost" auf 20 Mark West. Im Frühjahr 1955 wurde er vom Sparvereins-Vorsitzenden Hirschfeld "wegen der schlechten Geschäftslage" auf zwei Mark wöchentlich herabgesetzt.

Kreuzberger Stammlokal des "Sparvereins Süd-Ost" war die "Löwengrube", Berlin SO 36, Manteuffelstraße 47. Dort wurden auch die Geschäftstransaktionen besprochen, die in den Jahren 1950/51 bestimmten Kreuzberger Destillenwirten einiges Kopfzerbrechen bereiteten. Vorsitzender Hirschfeld schickte den Gastwirten zunächst seine Visitenkarte. Die Kneipiers wußten dann schon Bescheid. Sie hatten einen der Vereinsbrüder als Zapfer, Kellner oder Rausschmeißer unterzubringen. Geldforderungen wurden nur selten erhoben. Hirschfeld war nur darauf bedacht, seine vorbestraften Genossen unterzubringen.

Einigen Gastwirten boten Hirschfeld und Genossen aber auch Schutzverträge an. Dafür mußten die Kneipiers monatlich 100 bis 200 Mark an die Vereinskasse "spenden". Kamen sie dieser Aufforderung nicht nach, so mußten sie bald einsehen, wie schutzbedürftig sie waren. Kreuzbergs

Destillenwirte nannten den Zwei-Zentner-Mann Hirschfeld bald nur noch den "Schrecken von Kreuzberg". Aber sie wagten nicht, gerichtlich gegen ihn vorzugehen, denn sie fürchteten seine Drohungen. Stand er doch einmal vor Gericht, so fielen die Zeugen meist um.

Bürgermeister Willy Kressmann machte alle Anstrengungen, mit den Sparvereinsbrüdern zurechtzukommen. 1952 handelte er in seinem Amtszimmer in Gegenwart der Kripo ein Agreement mit den Sparvereinsmitgliedern aus: Hirschfeld versprach, sich in Zukunft gesittet zu benehmen. Ob er sein Versprechen halten wollte, blieb unbeweisbar, denn schon wenige Tage später wurde er wieder einmal ins Gefängnis eingeliefert.

Nachdem Hirschfeld 1953 entlassen worden war, fuhr Kressmann in die "Löwengrube" und erinnerte Hirschfeld und seinen Stellvertreter Erich Salomo an das 1952 gegebene Versprechen, Ruhe und Ordnung zu halten. Die Jahre 1953 und 1954 verliefen dann auch ruhiger als die vorhergegangenen. Bürgermeister Kressmann wurde sogar im Oktober 1954 von Hirschfeld zum alljährlich stattfindenden Lumpenball eingeladen, nahm aber nicht teil.

Erst zu Beginn des Jahres 1955 wurde der Burgfrieden vom Sparverein gebrochen. Kressmann wollte nun nicht mehr einsehen, warum die Polizei die Ganoven-Kneipen des Sparvereins nicht rücksichtslos auskämmte. Kriminaldirektor Sangmeister war aber anderer Auffassung: "Die Diskussion um die Ringvereine ist aufgebauscht worden. Es ist alles halb so schlimm. Die Sparvereine stehen unter ständiger Kontrolle. Wir denken nicht daran, sie aufzulösen, denn aufgelöste Ringvereine sind viel gefährlicher."

Daraufhin kündigte Kressmann an, er werde die Namen sämtlicher Vereinsmitglieder an Litfaßsäulen und in den Treppenfluren ihrer Wohnhäuser anschlagen lassen, um die Bevölkerung zu warnen. Vereinsvorsitzender Hirschfeld benahm sich nun wieder gesittet. Aber es nützte ihm nichts mehr; denn die Sonderkommission des Dezernats E 1 (Einbruch) setzte in den letzten Wochen die zwölf Rädelsführer fest, darunter den Vorsitzenden Hirschfeld. Alle wurden wegen Vergehens gegen Paragraph 129 StGB (kriminelle Vereinigungen) inhaftiert. Hirschfeld legte nach seiner Verhaftung den Vorsitz im Verein nieder und erklärte dem verhörenden Beamten, fortan nur noch seiner Familie leben zu wollen.

Es hätte, nach seinen Verhandlungen mit den Ringvereinsbrüdern, eigentlich kaum noch des letzten Kressmann-Streiches - der Einladung an seine Ostberliner Kollegen - bedurft, um den Kreuzberger Bezirksbürgermeister innerhalb seiner Partei in die Vereinzelung zu treiben. Ein prominenter älterer Parteifreund behauptete sogar, Willy Kressmann sei "hoffnungslos pueril" und "aus der politischen Pubertät nicht herausgekommen".

Besonders seit der Ost-Experte der SPD, Herbert Wehner, im März in Berlin war, um dort die Genossen, die allzusehr mit der Washingtoner Politik der Stärke liebäugeln, auf die offizielle Parteilinie zu bringen, ist Willy Kressmann bei der Berliner Partei ziemlich erledigt: Er sei allzu schnell auf das Bonner SPD-Konzept (mit dem Osten zu verhandeln) umgeschwenkt.

Willy Kressmann hat aber ein ideologisches Unterfutter für seine Einzelgängerei bereit: "Das Alte wiederholt sich nicht, etwas Neues sieht man nicht, mit dem Heute liegt man in Konflikt, darum bin ich mehr denn je Einzelgänger."

Seine politischen Grundsätze sind gegenüber seiner Sturm- und Drangzeit mehr als gemäßigt. Er ist zwar heute noch stolz darauf, als Arbeiterjunge angefangen zu haben, aber er will daraus keinen Komplex gemacht sehen, denn "der Proletarier" allein könne den Staat nicht gestalten.

Kressmann, dessen kinderlose Frau als "politische Witwe" zum Zeitvertreib ein kürzlich von Einbrechern demoliertes unscheinbares Ausflugslokal im Grunewald betreibt, hat auch sein jugendliches Verhältnis zum Kapitalismus geändert.

Wo Gewerkschaften über Tarife legal mitbestimmen, sagt Kressmann, hat der Kapitalismus nach der klassischen Definition aufgehört. Dort könne Wohlstand durchaus zum Reizmittel für den sozialen Aufstieg der Massen werden. Seinen Rathaus-Neubau in Kreuzberg, ein durchsichtiges Glas-Beton-Gebilde, hat Kressmann als Demonstration gedacht: "Heraus mit den Sozialisten aus der muffigen kleinbürgerlichen Abkapselung des bisherigen Parteifunktionärs."

Die Wahlresultate im Wahlbezirk Kreuzberg sprechen dafür, daß er damit Anklang findet. Es wählten dort die KPD beziehungsweise die SED

1932: 80 000,

1946: 20 000,

1954: 5000.

Dagegen Kressmanns SPD:

1932: 55 000,

1946: 76 000,

1954: 84 000.

Im Gegensatz zu den anderen Berliner Bezirken konnte die Sozialdemokratie hier einen echten Stimmenzuwachs auch bei der letzten Wahl verbuchen.

Da beginnt nun das Dilemma der Berliner SPD-Führung: Wirft sie den ungestümen Genossen hinaus, wird sie mit Sicherheit Anhänger und Stimmen verlieren. Und so hat die SPD dem Willy Kressmann bisher Narrenfreiheit gewährt, wenn ihn seine Briefe an die Ostkollegen jetzt auch fast sein Amt gekostet hätten.

Diese Briefe mit den Einladungen an die Bezirksbürgermeister von Mitte, Friedrichshain und Treptow sind übrigens - so behaupten jedenfalls die Adressaten - nie angekommen.

[Grafiktext]

KRESSMANNS
GRENZBEZIRK
KREUZBERG

[GrafiktextEnde]

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KRESSMANNS
GRENZBEZIRK
KREUZBERG

[GrafiktextEnde]

Die Genossen lesen Leviten Der alte SAJ-Geist Der Weg übers Riesengebirge Der Proletarier schafft's nicht mehr

*) Der Bezirk ist nach der einzigen natürlichen Erhebung innerhalb der Stadt, dem 66 Meter hohen Kreuzberg, benannt. Der Berg hat seinen Namen von einem Denkmal mit einem gußeisernen Kreuz zur Erinnerung an die Befreiungskriege gegen Napoleon. Der Denkmals-Grundstein wurde gemeinsam von König Friedrich Wilhelm III. und Zar Alexander I. gelegt.

DER SPIEGEL 28/1955
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BERLIN / KRESSMANN:
Briefe kamen nie an