06.07.1955

RAU-KONZERN / INDUSTRIEDas straffe Regiment

Die Bilanz für das Geschäftsjahr 1953, die den Aktionären der Hamburger Hansa-Mühle AG in der vorletzten Woche zum dritten Male auf den Konferenztisch gelegt wurde, enthält einen Posten, der beredtes Zeugnis von der Heftigkeit des Konkurrenzkampfes auf dem schlüpfrigen Fettstoffmarkt ablegt: die Forderung von 270 000 Mark gegen den Margarinefabrikanten Johann Hinrich Mohr. Auf diese Summe wird die Hansa-Ölmühle wohl verzichten müssen, denn der Schuldner Mohr ist tot. Wenige Wochen bevor über seine Firma der Konkurs verhängt wurde, ist der Margarinefabrikant sehr plötzlich verstorben.
Mit der Firma Mohr ist von den rund hundert Margarinefabriken, die zeitweilig in der Bundesrepublik arbeiteten, die dreißigste zusammengebrochen. Denn obgleich heute pro Kopf der Bevölkerung in Westdeutschland jährlich 12,2 Kilo Margarine - doppelt soviel wie vor dem Kriege - verbraucht werden, hat der Wettbewerb vielfach ruinöse Formen angenommen. Die Zeit des mühelosen Verkaufs während der fettarmen Nachkriegsjahre ist vorüber.
Viele Fabriken liefern ihre Margarine schon nicht mehr an den Großhandel, sondern direkt an die Einzelhandelsgeschäfte. Und selbst kleine Läden, die in der Woche nur 200 Kilo verkaufen, werden
fast täglich von einem halben Dutzend Vertretern überlaufen.
Der scharfe Wettbewerb hat zwangsläufig auch die Ölmühlen erfaßt, die den Fabriken flüssigen Rohstoff für die Margarinewürfel liefern. Schwierige Absatzverhältnisse und starke Preisschwankungen auf dem Weltmarkt hatten erst vor Jahresfrist den Zusammenbruch der "Norddeutschen Ölmühlenwerke" verursacht.
Seit der mächtige britisch-holländische Konzern Unilever den westdeutschen Hausfrauen eine von mehr als hundert Wissenschaftlern für den Weltmarkt entwickelte Margarine zu kosten gab, ist es für alle von Unilever unabhängigen deutschen Fabriken noch schwieriger geworden, ihre Margarine abzusetzen. Die freien Produzenten werfen dem Unilever-Konzern vor, er halte sich zwar an seine Zusage, nur 50 Prozent der gesamten in Westdeutschland produzierten Margarine herzustellen. Dafür aber kaufe er um so mehr Margarine anderer Fabriken auf und bringe sie auf seine Rechnung in den Handel.
Auch der größte und kapitalkräftigste der "freien" westdeutschen Margarine-Hersteller, der Walter-Rau-Konzern, hat hart gegen Unilevers "Rama" zu kämpfen, um die Verkaufsziffern seiner Sorten "Buttella" und "Ei wie fein" nicht absinken
zu lassen. Und dieser Konkurrenzkampf ist der Hauptgrund für den stürmischen Verlauf der letzten drei Hauptversammlungen der Hansa-Mühle AG. Denn Hauptaktionär der Hansa-Mühle AG ist die Walter Rau Neußer Oelwerke AG, deren Generaldirektor Dr. Carls Vorsitzer des Hansa-Aufsichtsrates ist.
Die Hansa-Aktionäre sind überzeugt, daß Carls im Interesse der Rau-Gruppe mit Rücksicht auf die Unilever-Konkurrenz eine harte Konzern-Politik betreibt. Eine beachtlich große Minderheit der Hansa-Aktionäre fühlt sich durch diese Konzernpolitik geschädigt.
Die Reaktion des Aufsichtsratsvorsitzers Carls auf die Aktionärsproteste hat mittlerweile dazu geführt, daß bei der Hansa-Mühle AG eine Aktien-Minderheit von etwas mehr als 49 Prozent nicht im Aufsichtsrat vertreten ist, ein in der Bundesrepublik vermutlich einmaliger Fall.
Die Beziehungen zwischen den Aktionären und Generaldirektor Dr. Carls von der Walter Rau AG - die nur mit der hauchdünnen Mehrheit von knapp 51 Prozent Hauptaktionärin der Hansa-Mühle ist - sind vor allem deshalb nicht die besten, weil die Minderheitsaktionäre dem Dr. Carls vorwerfen, er wolle sie um ihre Dividende bringen. Denn auch die dritte abgeänderte Bilanz, die am vorletzten Sonnabend im Konferenzzimmer der Hansa-Mühle in Hamburg-Wilhelmsburg zur Debatte stand, schließt für das Geschäftsjahr 1953 mit einem Verlust von 1 647 460,76 Mark, während die Opponenten des Dr. Carls behaupten, ihrer Rechnung nach habe das Geschäftsjahr 1953 einen Gewinn gebracht, aus dem sich ohne Schwierigkeiten 300 000 Mark als etwa sechsprozentige Dividende für die Aktionäre abzweigen ließen. Carls habe die Bilanz frisiert.
Um nun festzustellen, ob Dr. Carls tatsächlich zu seinem eigenen Vorteil gewirtschaftet oder zum Nachteil der Minderheitsaktionäre dem Walter-Rau-Konzern Sondervorteile zugeschanzt hat, ist seit der zweiten Hauptversammlung im Mai bei der Hansa-Mühle AG ein Sonderprüfer an der Arbeit. Der Prüfer hat den Auftrag,
▷ die Beziehungen der Hansa-Mühle zu allen Unternehmen nachzuprüfen, die durch Kapitalbeteiligung, durch Verträge oder durch laufende Geschäftsverbindung mit dem Walter-Rau-Konzern zusammenhängen.
Denn die Aktionäre vermuten, die Geschäftsbeziehungen der Hansa-Mühle zu den etwa zehn Firmen, die unter dem Einfluß der Gruppe Rau stehen, seien so geartet, daß ihre Interessen zugunsten des Dr. Carls oder des Rau-Konzerns geschädigt werden. Die Hansa-Mühle AG ist nach Meinung mancher Aktionäre nur "Carls Verschiebebahnhof".
Der heute 44jährige Hubertus Carls steht erst seit einigen Jahren an der Spitze der Walter-Rau-Gruppe. Carls hatte zunächst eine Juristenlaufbahn einschlagen wollen, dann aber in die Familie Rau eingeheiratet.
Den Gründer des Konzerns, Walter Rau, der als junger Mann tagsüber in Hilter Margarine knetete und die Pakete abends mit dem Fahrrad ausfuhr, hat Carls nicht mehr kennengelernt; der alte Rau starb 1940. Sieben Jahre später heiratete seine älteste Tochter Renate den Betriebswirt und Juristen Carls.
Rau senior hatte frühzeitig darüber nachgedacht, was nach seinem Tode aus dem großen Familienunternehmen, das eine eigene Walfangflotte unterhielt, werden würde. Kurz vor seinem Tode, im Januar 1940, legte er in seinem Vermächtnis Gedanken nieder, die heute äußerst aktuell sind. Rau schrieb:
Sollte, wie ich es wünsche, noch einmal die freie Wirtschaft eintreten und damit das Leistungsprinzip, dann wird ein großer Teil der nicht existenzberechtigten Margarinefabriken den Weg alles Irdischen gehen.
Ehe im Dritten Reich die Wirtschaft reglementiert wurde, hatte Walter Rau selbst erbitterte Marktkämpfe mit Unilever ausfechten müssen. Deshalb wollte er seinen Unternehmen für den neuen Wettkampf eine tatkräftige Führung sichern: seine beiden Söhne sollten den Konzern leiten. Rau bat seinen langjährigen Betriebsleiter, Otto Struve, er möge aus den beiden Jungen "anständige Kerle" machen.
Aber als der Krieg vorüber war, kehrte nur der Sohn Ulrich in das Herrenhaus bei Hilter im Teutoburger Wald zurück. Sohn Hubertus blieb in Stalingrad vermißt. Auch Otto Struve war bei einem Bombenangriff umgekommen. Die Last des Wiederaufbaus und der Weiterführung der Rau-Betriebe lag deshalb zunächst bei Walter Raus dritter Ehegefährtin, Anita Rau.
Um diese Zeit kam aber auch Dr. Hubertus Carls von dem norddeutschen Gut seines Onkels, des Generaladmirals Carls, nach Osnabrück zurück. Er hatte die Familie Rau schon 1939 bei einer Segelpartie kennengelernt. Jetzt traf man sich im Osnabrücker Theater wieder und erneuerte die Bekanntschaft. Bald darauf trat Carls auch in die Firma ein und 1947 wurde er der Schwager Ulrich Raus. Seitdem herrscht Zwietracht in der Familie Rau.
Mutter Anita hatte den tüchtigen Schwiegersohn mit offenen Armen empfangen. Die Sympathien Ulrich Raus jedoch kühlten in dem gleichen Maße ab, in dem sich Dr. Carls in der Familie heimisch machte. Anita Rau entzweite sich schließlich vollends mit Sohn Ulrich, als dieser zur Klärung der Erbverhältnisse ohne ihr Wissen auf Grund der Erklärung eines Heimkehrers seinen Bruder Hubertus von einem Standesamt der Ostzone für tot erklären ließ.
Heute residiert Dr. Carls in einem neuerbauten Landhaus bei Hilter, das mit Schwimmbassin und Parkanlagen nahezu eine halbe Million Mark gekostet hat. Ulrich Rau dagegen wohnt, wenn er in Hilter ist, in zwei möblierten Zimmern.
Carls nennt ganz nüchtern das Motiv für die schon mehr als ein Dutzend Prozesse, die - meist von Ulrich Rau veranlaßt - zwischen den beiden Gruppen der Familie schweben: "Es ist die Wut über den hergelaufenen Habenichts, der sich hier in das Nest gesetzt hat und die Stellung einnimmt, die eigentlich ihm (dem Ulrich Rau) zusteht."
Der Ulrich wolle immer alles besser wissen, meint Frau Anita, die von ihrem Sohn durch eine einstweilige Verfügung gezwungen wurde, ihm bei Vermeidung einer Geldstrafe bis zu einer halben Million Mark Auskunft über alle Vermögenswerte der Erbengemeinschaft zu erteilen. Und sie fügt hinzu, mit einem Mann, der seit fünf Jahren den Prozessen nachlaufe, sei eben
nichts anzufangen. Die mehrfache Millionärin strickt fleißig Strümpfe für ihre Lieblinge, die vier Buben des Dr. Carls.
Besonders um die Frage, wem die Geschäftsführung in der Stammfabrik (dem Margarinewerk Hilter) zustehe, wurde prozessiert. Vater Rau hatte in seinem Testament vom 25. September 1939 der Ehefrau Anita 50 und seinen vier Kindern je 12,5 Prozent seines Vermögens hinterlassen. Hinsichtlich der Margarinefabrik Hilter hatte Rau in Paragraph 8 des Testaments erklärt, er denke, daß man nach seinem Tode eine Kommanditgesellschaft - mit den beiden Söhnen als persönlich haftenden Gesellschaftern - gründen könne. Mit der Aufgabe, den Gesellschaftervertrag im einzelnen auszuarbeiten, hatte Walter Rau seine Testamentsvollstreckerin Anita Rau betraut.
Als die Mutter dann aber vor einigen Jahren für die Fabrik in Hilter einen Vertrag entwarf, nach dem an Stelle des überlebenden Sohnes einer ihrer leitenden Angestellten persönlich haftender Gesellschafter ohne Kapitaleinlage werden sollte, klagte Ulrich Rau durch alle Instanzen. Im April dieses Jahres machte der Bundesgerichtshof Karlsruhe einen Vergleichsvorschlag. Auf einen neuen Gesellschaftervertrag hat man sich jedoch noch nicht geeinigt. Desgleichen wird in der Familie Rau noch um die 12,5 Prozent Erbanteil des vermißten Sohnes Hubertus prozessiert.
So kommt es, daß der Dr. Carls, ehemals in Berlin Angestellter der Deutschen Revisions- und Treuhandgesellschaft, von seinem Arbeitszimmer im ersten Stock des Landsitzes bei Hilter aus als Alleinherrscher die Geschicke des Walter-Rau-Konzerns lenkt. Um in der ihm fremden Branche einen sicheren Überblick zu gewinnen, ließ sich Carls eine mechanische Wandtafel anfertigen, die mit Hilfe veränderlicher Säulen aus kleinen Metallkugeln die jeweiligen Weltmarktpreise für Kopra, Walöl, Palmkerne und andere Rohstoffe anzeigt. Carls ist nicht nur als Generaldirektor der Walter Rau Neußer Oelwerke AG und als Aufsichtsratsvorsitzer der angegliederten Hamburger Hansa-Mühle verantwortlich tätig, sondern außerdem für die
▷ Walter Rau, Teutoburger Margarinewerke Hilter,
▷ Nährmittel-Vertriebs GmbH Neuß,
▷ Firma C. F. Hildebrandt, Hamburg,
▷ Firma Friedrich Albert Pust, Bremerhaven.
Das Unternehmen Pust in Bremerhaven betreibt eine Hochsee-Fischereiflotte. Carls hat das Fischerei-Unternehmen erworben, um im Kampf auf dem Margarinemarkt eine breitere Rohstoffbasis zu bekommen. Die Fänge werden zu Fischmehl verarbeitet und zu Öl, das in die Margarineherstellung geht. Carls konnte dadurch bereits Verluste ausgleichen, die zeitweise auf dem Ölsaatensektor entstanden waren. Auch die Hamburger Firma Hildebrandt, die Sago und Tapioka herstellt, nahm Carls in den Konzern auf. Seine Konzernpolitik zielt darauf ab, die Gruppe Rau für den schärfer werdenden Wettbewerb abzusichern und die Risiken möglichst zu verteilen. Carls will gerüstet sein.
Um die Stellung des Rau-Konzerns zu halten und das innige Vertrauen zu rechtfertigen, das ihm die weiblichen Familienmitglieder entgegenbringen, führt Schwiegersohn Carls ein straffes Regiment. Als er zur Abrundung seiner Rohstoffbasis von dem Backpulver-Fabrikanten Oetker das Aktienpaket an der Hansa-Mühle AG erworben hatte, mußte das auch Margarine-Fabrikant Mohr erfahren.
Johann Hinrich Mohr schuldete der Hansa-Mühle für Öllieferungen 270 000 Mark. Seiner Firma, die ihre Margarine unter der Bezeichnung "Frische Mohr" vertrieb, ging es finanziell seit langem schlecht. Für Verbindlichkeiten in Höhe von mindestens 1,5 Millionen Mark gab es keine ausreichende Deckung mehr. Andere Gläubiger, die den ehemaligen Vorsitzenden des Margarine-Verbandes, Mohr, schätzten, hielten still. Dr. Carls dagegen drängte auf Zahlung, als er in den Büchern auf den Posten stieß.
Er sagt: "Seit April 1953 stand der Posten offen. Dann haben wir Herrn Mohr laufend gebeten, er möge zahlen. Eines Tages kam Herr Groenhoff und sagte, es habe sich ein Kreis von Industriellen gefunden,
der Mohr helfen wolle, und Groenhoff haben wir schließlich die Forderung von 270 000 für 120 000 Mark zum Kauf angeboten." Groenhoff habe bar zahlen wollen, aber die 120 000 Mark seien ausgeblieben. "Da haben wir ihm einen Zahlungsbefehl geschickt, was vielleicht auch mit ein Nagel zu seinem Sarge war."
Die Ölfirma Groenhoff & Laub ging nämlich in Konkurs (SPIEGEL 32/1954). Als dadurch die alte Forderung in voller Höhe wiederauflebte, erklärte Dr. Carls dem Fabrikanten Mohr, er werde Konkursantrag stellen, wenn die Schuld nicht umgehend beglichen werde. Mohr kratzte verzweifelt bei Geschäftsfreunden 70 000 Mark zusammen und bot sie Dr. Carls an. Aber Carls, der Mohr vorwirft, er habe sich kaum darum gekümmert, sein Geschäft wieder in Ordnung zu bringen, sondern sich lieber seinen Pflichten als Vorsitzender des "Hamburger Golf-Clubs e. V." gewidmet, blieb hart.
Am Morgen des Tages, an dem der Konkursantrag gestellt werden sollte, klopfte das Dienstmädchen im Hause Mohr vergebens an die Schlafzimmertür. Der Fabrikant Mohr lag leblos quer über seinem Bett, das Fenster war geöffnet.
Mohr hatte vorher mehrfach angedeutet, er wolle das Ende seiner Firma nicht erleben. Sein Anwalt hatte sich auch gegenüber Dr. Carls in diesem Sinne geäußert. Nach Mohrs Tode hieß es deshalb in der Branche, er habe sich selbst das Leben genommen. Dr. Carls meint dazu: "Kann sein, daß Mohr Selbstmord begangen hat. Aber wo kommen wir denn hin, wenn einer sagt, du mußt die Forderung von über 200 000 auf 70 000 Mark heruntersetzen, sonst nehme ich mir das Leben ... Mich hat man dann ja auch als seinen Mörder hinstellen wollen."
Der Vorwurf, Carls habe im Falle Mohr eine "unmenschliche Haltung" gezeigt, wurde in der gleichen Hauptversammlung der Hansa-Mühle, am 21. Mai, erhoben, in der die opponierende "Schutzvereinigung Privater Wertpapierbesitzer e.V." auch die Sonderprüfung gegen Carls durchsetzte. Schon in der Hauptversammlung am 23. Oktober vorigen Jahres hatten die Aktionäre von dem Aufsichtsratsvorsitzer Carls mehr Auskünfte über die Ursache der Verlustbilanz haben wollen, als Dr. Carls zu geben bereit war. Eine Antwort auf die Frage, warum die Bilanz der Hansa-Mühle außergewöhnlich hohe Rückstellungen*) ausweise, erhielten die Aktionäre damals überhaupt nicht, weil Carls die Versammlung kurzerhand vertagte.
Obwohl er nach dem Aktiengesetz verpflichtet war, unverzüglich eine neue Versammlung anzuberaumen, bedurfte es erst der Androhung eines Ordnungsstrafverfahrens, ehe sich Dr. Carls entschloß, die Aktionäre dann nach sieben Monaten, im Mai, wieder zusammenzurufen. In der Bilanz, die in dieser Hauptversammlung vorgelegt wurde, waren immerhin die Beziehungen der Hansa-Mühle zu den anderen Firmen des Walter-Rau-Konzerns mit aufgeführt worden, was Carls vorher widerrechtlich
unterlassen hatte. Der Bitte seiner Aktionäre jedoch, die Rückstellungsbeträge nicht übermäßig und "kaufmännisch ungerechtfertigt" hoch anzusetzen, hatte Dr. Carls nicht entsprochen.
Im Gegenteil: Während die im Oktober vorigen Jahres vorgelegte Bilanz einen Verlust von 1 390 000 Mark auswies, zeigte die zweite Bilanz einen noch höheren Jahresverlust von rund 1 650 000 Mark.
Die Minderheitsaktionäre der Hansa-Mühle besitzen nur eine einzige Aktie weniger als die von Dr. Carls vertretene Großaktionärin. Sie sahen deshalb in der von Dr. Carls abgeänderten, aber im Sinne der Kleinaktionäre noch verschlechterten Bilanz eine offene Kampfansage. Die beiden Bankvertreter im Aufsichtsrat legten bereits vor der Hauptversammlung ihre Ämter demonstrativ nieder, "weil Herr Carls offenbar glaubt, wie ein Herrscher aller Reußen regieren zu können".
Die Opposition kritisierte insbesondere, daß Carls eine alte Dollar-Schuld in voller Höhe mit 1,2 Millionen Mark auf die Passivseite gesetzt hatte. Die Bank jedoch, die diesen Vorkriegskredit vermittelt hatte, konnte die Schuld noch in Reichsmark an den amerikanischen Gläubiger zurückzahlen. Sie ist dank dieser günstigen Regelung bereit, auch von der Hansa-Mühle nur die Hälfte zurückzuverlangen. Das Geschäftsergebnis der Hansa-Mühle für 1953 könnte mithin wenigstens um diese 600 000 Mark günstiger in der Bilanz stehen.
Dr. Carls begründet seinen Standpunkt damit, daß er wie ein vorsichtiger Kaufmann handele: "Die Verbindlichkeit ist doch noch eine Verbindlichkeit X, und das muß in der Bilanz ausgewiesen werden, wenn ich auch nicht der Ansicht bin, daß wir den Betrag in voller Höhe bezahlen müssen. Also habe ich gesagt, in voller Höhe in die Bilanz, marsch, marsch!"
Auch weitere Rückstellungen von 260 000 Mark für Pensionen und von 400 000 Mark
für eine alte Schadenersatz-Affäre scheinen den Minderheitsaktionären nicht aus sachlichen Gründen vorgenommen zu sein, sondern um die Hansa-Mühle bilanzmäßig in die Verlustzone zu bringen und keine Dividende ausschütten zu müssen. Ihr Verdacht geht dahin, daß Dr. Carls bei der Hansa-Mühle versteckte Reserven ansammeln will, um sie gegebenenfalls - etwa durch besonders billige Öllieferungen an die Margarinefabrik Hilter - zugunsten des Rau-Konzerns im Kampf gegen Unilever einzusetzen.
Außer einem merkwürdigen Kredit von mehreren Millionen Mark, der von der Walter Rau Neußer Oelwerke AG über die Hansa-Mühle an eine andere Firma des Konzerns lief, rief besonders ein Privatgeschäft des Aufsichtsratsvorsitzers den Protest der Aktionäre hervor. Dr. Carls hatte der Hansa-Mühle 90 Prozent der Kapitalanteile der Nährmittel-Vertriebs GmbH Neuß verkauft. Diese Anteile waren sein persönliches Eigentum. Carls selbst hatte sich nun aber im Kaufvertrag das Recht einräumen lassen, diese Kapitalanteile jederzeit zum Kaufpreis zurückerwerben zu können.
Was der Minderheit an diesem Abkommen nicht gefiel, gab ein Vertreter der Opposition zu Protokoll: "Hier liegt eine ganz einseitige Risikoverteilung zu Lasten der Gesellschaft vor. Denn wenn der Wert der Nährmittel-Vertriebs GmbH steigt, kann Dr. Carls die Anteile zum Erwerbspreis zurückkaufen. Sinkt der Wert des Unternehmens, so wird er sich hüten, das zu tun."
Dank der knappen, aber ausreichenden Majorität hat Rau-Schwiegersohn Carls bisher den Vorwurf mit Gleichmut hingenommen, seine Geschäftsführung sei noch in unzeitgemäßer Weise auf das Führerprinzip des Aktienrechts von 1937 abgestellt.
Nur gegen die beantragte Sonderprüfung nach Paragraph 101 des Aktiengesetzes kam Dr. Carls nicht an. Da diese Untersuchung sich nicht nur auf die Politik der Bilanzrückstellungen der Hansa-Mühle AG, sondern auch auf alle Geschäftsbeziehungen der Konzernfirmen untereinander und mithin auch auf die Person des Dr. Carls erstreckt, blieb das Majoritäts-Paket der Familie Rau in diesem Fall vom Stimmrecht ausgeschlossen. Auch als in der letzten Hauptversammlung über das Geschäftsjahr 1953 die Entlastung des Aufsichtsratsvorsitzers zur Debatte stand, durfte das Paket Rau nicht mitstimmen. Dem Dr. Carls wurde auf diese Weise die Entlastung versagt.
Zum Sonderprüfer wurde der Essener Wirtschaftsprüfer Dr. Karoli bestellt. Die Minderheitsaktionäre der Hansa-Mühle drängen darauf, daß er seinen Bericht bis Ende Juli vorlegt.
Erst dann wird sich herausstellen, ob etwa die Vermutung einiger Aktionäre zutrifft, Dr. Carls halte sie nur deshalb mit Auskünften so knapp und bewillige ihnen keine Dividenden, um das Interesse an Aktien der Hansa-Mühle und damit deren Kurs zu drücken. Dann wäre es nämlich in der Tat für den Rau-Konzern ein billiges Geschäft, die Aktien der Hansa-Mühle zu einem niedrigen Kurs ganz zu übernehmen.
*) Rückstellungen sind Beträge, die aus Sicherheitsgründen für die Befriedigung etwaiger künftiger Ansprüche zurückgelegt und auf der Passivseite der Bilanz verbucht werden. Um diese Summen vermindert sich der jeweilige Reingewinn des Geschäftsjahres.

DER SPIEGEL 28/1955
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