20.07.1955

DENKMÄLER / FEUERBACHBlasphemie in Stein

An einem Montag im März begannen zwei städtische Arbeiter auf einem Grundstück in der Nürnberger Kressengartenstraße im Trümmerschutt zu wühlen. Am Dienstag stießen sie auf die ersten Spuren. Am Donnerstag endlich, nachdem sie 16 Kubikmeter Schutt und Erde bewegt hatten, förderten sie drei zentnerschwere Steine zutage, die - wie die "Nürnberger Nachrichten" sogleich ihren Lesern berichteten - "vor 22 Jahren einmal ins Räderwerk der Politik geraten waren". Die Steine waren nämlich Reste des Nürnberger Ludwig-Feuerbach-Denkmals.
Verehrer Feuerbachs hatten das Monument 1931 "zum Gedenken an den Philosophen des weltanschaulichen Materialismus" aufgestellt, der im Alter von 68 Jahren in Not und Armut auf dem Rechenberg bei Nürnberg gestorben war. Sie wollten damals eine ganze Feuerbach-Gedenkstätte errichten. Die Umgebung des Monuments sollte gärtnerisch ausgestaltet werden.
Indes, noch ehe es dazu kam, kam Adolf Hitler an die Macht, und das Denkmal wurde abgetragen. Nur wenige "Zuständige" wußten, wo seine Steine fürderhin lagerten: in einer Ecke des städtischen Lagerplatzes in der Kressengartenstraße. Im Kriege zerstörte eine Fliegerbombe die Lagerhalle und begrub die Basaltblöcke unter Schutt und Asche. Die Suche nach
den Überresten des Monuments begann erst 1954. Der Nürnberger Oberbürgermeister Otto Bärnreuther (SPD) wollte es im Zeichen der "Wiedergutmachung" wieder aufstellen lassen.
Dieser Wiedergutmachung schien nichts mehr im Wege zu stehen, nachdem die Bestandteile des Denkmals ausgebuddelt worden waren und auch der 17köpfige Bauausschuß des Stadtrates der Wiedererrichtung einhellig zugestimmt hatte.
Es kam aber anders. Sei es, daß die CSU-Mitglieder des Bauausschusses von Ludwig Feuerbach und seiner Lehre zu wenig gewußt hatten, als sie ihre Zustimmung gaben, sei es, daß ihre Ansicht über Wiedergutmachung vor den geistigen Flügelmännern der CSU-Fraktion keine Gnade fand: Für den 23. Juni mußte das Feuerbach-Denkmal auf die Tagesordnung des Stadtplenums gesetzt werden. Die weltanschaulichen Schatzgräber Nürnbergs gingen vor Ort, um die geistigen Quellengebiete dieses Feuerbach zu untersuchen.
In Nachschlagewerken konnten sie lesen, daß der Philosoph Ludwig Feuerbach (1804 bis 1872) eingeschworener Materialist und durch seinen Einfluß auf Marx und Engels einer der Ahnherren der marxistischen Ideologie war. Feuerbach kritisierte die christliche Religion: Gott und alle religiösen Inhalte seien Projektionen menschlicher Ideale, Nöte und Wünsche. Die Gottesliebe, lehrte Feuerbach, müsse durch die Menschenliebe - die einzige wahre Religion - ersetzt werden.
Auf dem Denkmal waren denn auch die Worte Ludwig Feuerbachs eingemeißelt: "Tue das Gute um des Menschen willen" und "Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde". Diese "unchristliche Aufschrift" hatte den Mannen Adolf Hitlers seinerzeit als Vorwand gedient, das Denkmal zu beseitigen, obwohl es ihnen sicherlich eher als Mahnmal marxistischer Ideologie suspekt war.
Im Sommer 1955, noch ehe der Stadtrat über das Denkmal entscheiden konnte, bekam nun Nürnbergs OB einen Brief des katholischen Dekans Eichhorn:
"Wenn aus öffentlichen Mitteln das Denkmal eines Atheisten aufgestellt wird, der erklärt, der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde, und wenn diese Erklärung auf dem Denkmal noch angebracht werden sollte, so müssen alle katholischen Christen darin eine Herausforderung erblicken und eine Absage an das, was ihnen heilig und verehrungswürdig ist ... Da Sie, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, ihres
Amtes in einer Stadt walten, deren Bevölkerung sich in weitaus überwiegender Zahl zum Christentum bekennt, bitte ich Sie, dafür Sorge zu tragen, daß dieser Bevölkerungsanteil in seinen religiösen Interessen weder beunruhigt noch herausgefordert wird ..."
Man kann nun darüber streiten, ob es sehr geschickt war, daß der Oberbürgermeister an Hand alter Reichstagshandbücher versuchte, in der Stadtratssitzung dem kirchlichen Standpunkt die Tatsache entgegenzuhalten, daß "Dr. Frick (evangelisch), Himmler (katholisch), Adolf Hitler (katholisch) und Rosenberg (evangelisch)" nie aus der Kirche ausgeschlossen wurden. Einleuchtender war wohl schon sein Hinweis auf die Verpflichtung, die der damalige Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Luppe eingegangen war, als er 1931 das Denkmal in die Obhut der Stadt übernommen hatte. Gegen 15 Stimmen entschied sich der Stadtrat schließlich für die Wiedererrichtung des Denkmals.
Die Diskussion war damit freilich noch nicht beendet. In der katholischen Wochenzeitschrift "Christlicher Beobachter mit katholischem Kirchenanzeiger" empörte sich Chefredakteur Dr. Otto Steuer: "Rosenberg hat in seinem Mythos des 20. Jahrhunderts manchen der Gedanken Feuerbachs übernommen, obwohl er nach außen hin mit Feuerbach nichts gemein haben wollte. So wenig wie Rosenbergs verstiegene Gedanken verdient es dieser blasphemische Leitsatz Feuerbachs, in Stein gehauen und unseren Kindern zur Schau gestellt zu werden. Er ist ein öffentliches Ärgernis für alle Nürnberger, die an Gott glauben."
Zehn Nürnberger Katholiken schließlich ließen den Oberbürgermeister wissen, sie hielten die Aufstellung des Denkmals mit den Worten Feuerbachs für einen offenen Verstoß gegen Artikel 144 Absatz 2 der bayrischen Verfassung ("Jede öffentliche Verächtlichmachung der Religion, ihrer Einrichtungen ... ist strafbar"). Meinte der "Christliche Beobachter": "Welch ein Gedanke, einer Stadt wie Nürnberg 'Verfassungsbruch' vorzuwerfen! Aber wozu stehen dann die Sätze vom Schutz der Glaubensüberzeugung vor Beleidigung überhaupt in der Verfassung? Nur als schöne Floskel?"
Immerhin, eine Stimme gab es in diesem Kampf der Meinungen, die inmitten der Empörung über die geplante Wiedererrichtung des Denkmals auf einer Versammlung der Jungen Union in Nürnberg zur Toleranz mahnte: "Nicht aus Freundschaft zu Feuerbach, sondern aus der Überlegung heraus, daß etwa Nichtchristen ja auch gegen Denkmäler von Christus tolerant sein müssen ..."
Wie die Dinge nun liegen, halten Kenner der Situation eine Entwicklung für möglich, die in der Bundesrepublik bereits eine stattliche Reihe von Vorbildern hat. Katholische Kreise in Nürnberg bemühen sich nämlich seit langer Zeit um die Errichtung einer Mariensäule. Im Stadtrat wurde die Zustimmung dazu bisher immer verweigert - auch mit den Stimmen der CSU, der dort viele Protestanten angehören. Es wäre denkbar, daß nun diese Genehmigung erteilt und mithin die Parität in der Denkmalpflege gewahrt wird.

DER SPIEGEL 30/1955
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