03.08.1955

NATO-KOMMANDO / STREITKRÄFTE

Wie Südamerikaner

Attachierte Zivilangestellte

Hauptmann Nagelmackers, der belgische Adjutant des amerikanischen Nato-Stabschefs Generalleutnant Schuyler, und der amerikanische Koordinationsoffizier für die nationalen Nato-Verbindungsoffiziere, Air-Force-Oberst Robbins, drückten ihre Tellermützen in die Stirn und traten aus der von mildem Licht erhellten Empfangshalle des alliierten Hauptquartiers in Europa - Shape - ins grelle Sonnenlicht. "Sie werden jede Minute hier sein", sagte Oberst Robbins. Der Zeiger seiner Armbanduhr rückte auf 11.30 Uhr vor. Erwartet wurden die sieben westdeutschen Offiziere, die sich befehlsgemäß an jenem Mittwochmittag der letzten Woche in dem langgestreckten weißen Gebäude am Waldrand von Marly-le-Roi zwischen Paris und Versailles zum Dienstantritt beim Shape-Oberbefehlshaber General Gruenther zu melden hatten.

In den letzten Tagen vor dieser Kommando-Reise waren Theo Blanks Generalstäbler zum bevorzugten Thema boshafter Plaudereien und ernster Gespräche ihrer neuen Waffengefährten geworden, die

ihnen im letzten Krieg gegenübergestanden und von denen nicht wenige nach 1945 Besatzungsverbände in Westdeutschland und Westberlin kommandiert hatten.

Daß Konrad Adenauer ihnen "Nazis" oder militärische Dilettanten schicken würde, hatten die Shape-Halbgötter nicht gerade befürchtet. Das Nein des Bonner Bundestages zur Regierungsvorlage für ein Freiwilligen-Gesetz, die andernorts ungebräuchliche Einrichtung des Personalgutachterausschusses, Gerüchte über die Form des Überprüfungsverfahrens und die Besoldungs- und Pensions-Ordnung - das alles hatte sie eher mit einem milden Mitgefühl für ihre neuen Stabskameraden erfüllt.

Dann waren die ersten Modellphotos der westdeutschen Monturen aus Bonn eingetroffen, und seither gehen diese Aufnahmen und die Übersetzungen erläuternder deutscher Zeitungsartikel im Shape von Hand zu Hand. Denn während sich Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aller im Shape vertretenen Armeen bisher äußerlich nur wenig voneinander unterscheiden und trotz der verschiedenen Mützen und Rangabzeichen ein nahezu einheitliches Bild von Khaki, Graublau und Marineblau abgeben, werden sich die westdeutschen Soldaten von allen anderen schon auf den ersten flüchtigen Blick scharf abheben. Nach den Photos und Beschreibungen,

die im Shape zirkulieren, wurde das erste vorläufige Urteil in allgemeiner Übereinstimmung gefällt: "Diese Uniformen passen nicht hierher - man wird sich erst langsam an sie gewöhnen müssen."

Ein amerikanischer Major der Shape-Presse- und -Informationsabteilung dagegen ächzte: "Wie zum Teufel sind die Deutschen auf die Idee gekommen, daß diese Dinger den amerikanischen Uniformen ähneln?"

Sein französischer Kollege von der Planungs-Abteilung grinste: "Sie sehen aus wie Südamerikaner. Mit einer militärischen Uniform hat das beim besten Willen nichts mehr zu tun." Gemeint war die trapezförmige zweireihige Knopffront der deutschen Ausgehröcke.

Als pünktlich auf die Minute der Generalleutnant außer Diensten Dr. phil. habil. Hans Speidel mit seinen sieben Generalstäblern vor dem Shape-Portal vorfuhr, waren die Fenster des Frontgebäudes mit Subalternpersonal dicht besetzt. Ein Ausdruck von Enttäuschung fiel wie ein Vorhang über die Gesichter: Die Deutschen trugen Zivil.

In ihren leichten Straßenanzügen von durchweg elegantem Schnitt und gutem Sitz, ihren weißen Hemden mit diskreten

grauen Bindern und weißen Ziertüchern glichen die westdeutschen Militärs - weiche Hüte und Glacéhandschuhe in der Linken - eher Diplomaten, die ihren Stockschirm vergessen hatten. Kein Hackenklappen, keine forschen Blicke, keine knappen Verbeugungen, keine schneidigen Schritte, keine schnarrenden Stimmen.

Oberst Robbins und Hauptmann Nagelmacker salutierten vor Speidel und begrüßten dann der Reihe nach den neuernannten westdeutschen Verbindungsoffizier zum Shape, Brigadegeneral in spe Johann Adolf Graf Kielmansegg, und die sechs künftigen Shape-Stäbler aus Bonn. Dann führten sie die Neuankömmlinge an den salutierenden britischen und französischen Gendarmerie-Posten vorbei in das Arbeitszimmer des Shape-Stabschefs, des Generalleutnants Cortlant Van Rensselaer Schuyler, der sie dem Shape-Oberbefehlshaber, General Alfred M. Gruenther, vorstellte.

Graf Kielmansegg fand das für ihn von den Briten frei gemachte Büro für den "German military representative" - Nummer A-C-14, Telephon 41 24 - voll

eingerichtet vor. Wichtigstes Möbelstück: ein stählerner Verschlußkasten mit fünf Schubladen für "classified material" (Geheimsachen). Dort wird der einstige Ia der Operationsabteilung im Generalstab des Heeres (1942 bis 1944) und ehemalige Chef der militärpolitischen Abteilung im Amt Blank (1953 bis Juni 1955) vorläufig Akten und Informations-Memoranden studieren, um sich mit der Arbeitsweise der Verbindungsstäbe vertraut zu machen.

Der General Speidel hatte unterdes bei seinem letzten Besuch in Bonn klipp und klar erklärt, daß eine Unterstellung unter den Chef der militärischen Abteilung im Verteidigungsministerium, Generalleutnant Heusinger, für ihn genau so wenig in Frage komme wie eine weitere Beschäftigung bei der Nato in Paris.

Für Speidel bleibt überhaupt nur noch eine angemessene Position: Vertreter der Bundesregierung in der "Standing Group" in Washington, dem höchsten militärischen Führungsgremium der Nato, zu dem Westdeutschland der Zutritt bisher verwehrt ist. In der Bonner Ermekeilkaserne hegt man jedoch die Hoffnung. daß Speidel noch im Laufe dieses Jahres in Washington seinen Einzug halten wird.

Gleichzeitig mit dem Bonner Militär-Vortrupp trafen westdeutsche Pressemeldungen im Shape ein, nach denen der Bundestags - Sicherheitsausschuß prüfen will, ob General Gruenthers Kommando-Order für die ersten sechs westdeutschen Shape-Militärs,

▷ Oberst außer Diensten Bayer (Heer),

▷ Oberst außer Diensten von Plato (Heer),

▷ Oberst außer Diensten Heuser (Luftwaffe),

▷ Kapitän zur See außer Diensten Busch (Marine),

▷ Oberstleutnant außer Diensten Hükelheim (Heer) und

▷ Oberstleutnant außer Diensten Schwerdtfeger (Heer)

nicht ein Verstoß gegen das Freiwilligen-Gesetz sei und gegebenenfalls rückgängig gemacht werden müsse.

Das Shape-Kommuniqué über ihren Dienstantritt hatte die sechs Stäbler mit aktivem Dienstrang genannt. Um ganz sicher zu gehen, wurde ihr vorläufiger Status im Shape inzwischen jedoch als "dem internationalen Stab attachierte Zivilangestellte des deutschen Verteidigungsministeriums" bezeichnet. Damit wurde der Tatsache, daß sie noch nicht Offiziere der Bundesrepublik sind, wenigstens äußerlich Rechnung getragen.

Vier von ihnen, die Obristen, müssen nämlich zunächst das Plazet des Personalgutachterausschusses haben, ehe sie neugierigen Shape-Kameraden ihre ganz offensichtlich nach südamerikanischem Zuschnitt gefertigten Monturen vorführen können.

*) Von links nach rechts: Oberstleutnant Hükelheim, Oberst Bayer, Oberst Heuser, Generalleutnant Dr. Speidel, Generalleutnant Schuyler, Oberst Graf Kielmansegg, Kapitänleutnant Busch, Oberst von Plato, Oberstleutnant Schwerdtfeger.

DER SPIEGEL 32/1955
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 32/1955
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NATO-KOMMANDO / STREITKRÄFTE:
Wie Südamerikaner