17.08.1955

WINKLERDer Kentaur

In der flimmernden Mittagshitze des 17. Juli schoben sich Hunderte von Automobilen durch die Hamburger Elbvororte. Die Wagen stauten sich - wie am Zielort einer Sternfahrt - in den Straßen und formierten sich schließlich zu einer schier unübersehbaren Parkplatz-Parade.
Die Autofahrer hatten allerdings nicht die Absicht, den westdeutschen Aufstieg zur Motor-Großmacht aufs neue zu veranschaulichen. Die Damen und Herren strebten vielmehr durch Staub und Menschenknäuel dem Klein-Flottbeker Reitturnier-Platz zu, um sich an diesem Sonntag einmal für das gute alte Pferd zu begeistern.
Sie hockten sich auf hohe Holztribünen oder drängten sich irgendwo an der Barriere des Parcours unter das Fußvolk, das zum Teil breites Plattdeutsch sprach. Dort standen die Fachleute des Pferdesports: Bauern mit braunen Ledernacken und feierlicher Sonntagskleidung.
Aber erst rund vier Stunden später kamen die schwitzenden Massen voll auf ihre Kosten. Etwa vierzig Teilnehmer am Deutschen Spring-Derby waren schon über die Bahn geritten und hatten alle mindestens ein Hindernis gerissen, als das Klingelzeichen dem Pferd Nummer 177 den Start freigab.
Im zinnoberroten Reiterrock, die schwarze Mütze auf dem schwarzen Haar, eine Sonnenbrille auf der vorspringenden Nase - so trabte der zweimalige Springreiter-Weltmeister Hans Günther Winkler auf der braunen Stute "Halla" gemächlich in den Parcours, blieb zwei-, dreimal stehen und zuckelte ohne Eile an den Startplatz. Wieder kam das Klingelzeichen: Winkler ritt los.
Beklommen und fasziniert zugleich sahen die fast 20 000 Zuschauer, wie der Weltmeister, ein Bild kalter Konzentration, die Koppelricks langsam anritt, vor den Hindernissen fast stehenzubleiben schien und dann doch spielend darüberging. In verhaltener Fahrt ritt Winkler weiter, bezwang die beiden Wälle vor dem Richterturm, ließ seiner Stute nur vor dem breiten Wassergraben die Zügel schießen - ein müheloser Satz, und gleich darauf sprang "Halla" gewissenhaft über die Palisade.
Am gefährlichsten war die weiße Bretterplanke hinter dem über vier Meter hohen "Großen Wall". Roß und Reiter mußten auf gut Glück den steilen Abhang des Walles hinunterrutschen und dann sofort, ohne noch einen Anlauf nehmen zu können, das Hindernis überwinden. Klassereiter wie Ex-Weltmeister Goyoaga, Spanien, und Olympiasieger d''Oriola, Frankreich, waren hier gescheitert, und kurz vor Winkler hatte auch der Flottbeker Liebling Fritz Thiedemann aus Elmshorn zum Entsetzen der Zuschauer die Planke gerissen.
Hans Günther Winkler führte "Halla" behutsam den Steilhang hinunter, ließ sie dann zwei, drei Galoppsprünge machen und über die Planke hinwegfedern wie über jedes andere Hindernis. Dem Turnier-Publikum, das eigentlich zum Schweigen
verpflichtet ist, entrang sich ein unterdrücktes Beifallsstöhnen.
Der Weltmeister setzte über das Koppelrick mit dem Wassergraben, das Parktor, das Birkenrick, den großen "Oxer"*), die Eisenbahnschranken - alles Hindernisse, die der schleswig-holsteinischen Landschaft abgesehen und naturgetreu in den Flottbeker Parcours eingebaut wurden, weshalb dieser Parcours denn auch als einziger "natürlicher" der Welt gilt.
Der Reiter zieht, immer in verhaltenem Galopp, weiter die vielfach in sich verschlungene Derbybahn entlang, nimmt das große Gatter und passiert einwandfrei "Pulvermanns Grab", eine tückische Kombination von zwei Ricks und einem dazwischen in einer Mulde liegenden Wassergraben, das Ganze geschaffen zum Andenken an den wackeren Herrn Eduard F. Pulvermann, der 1920 das Spring-Derby begründete.
Noch einmal leitet der Weltmeister sein Pferd gegen die sinkende Sonne quer über den Platz, bewältigt die Feldsteinmauer und, vor der Tribüne der Ehrengäste, den doppelten "Holsteinischen Wegesprung". Er biegt in die Mitte des Parcours, auf das letzte Hindernis zu: die rote Holzmauer, deren Bemalung solide Backsteine vortäuscht.
"Halla" hat kaum ihre Hinterhand sorgsam, wie sie es gewohnt ist, über die Holzmauer gehoben, als der Jubel der Zuschauer losbricht über diesen Null-Fehler-Ritt, den zwölften in der 35jährigen Geschichte des Spring-Derbys. Mit diesem seinem ersten Derby-Siegesritt, so erklärte Winkler später, habe er seine bisherigen Erfolge erst beglaubigt; denn das Derby gilt nun einmal seit des seligen Pulvermanns Zeiten als die schwerste der deutschen Springsport-Prüfungen, und wer es gewinnt, wird zu den Heroen der vieltausendjährigen Reiterei-Historie gerechnet.
Die griechische Mythologie kannte absonderliche Doppelwesen, halb Pferd, halb Mensch, "Kentauren" genannt. Sie hausten in den Waldgebirgen, und was der Menschenkopf verlangte, das führten die Pferdebeine aus, weil Mensch und Pferd nur einen Körper und einen Willen hatten.
Die Kentauren sind über Jahrtausende hinweg das geheime Leitbild aller Reiterei geblieben. Kein ganz utopisches; denn zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die auf rätselhafte, fast magische Weise ihren Willen in den Körper des Tieres hinüberleiten und umgekehrt die Instinktreaktionen des Pferdes gleichsam in ihre Intentionen einbeziehen konnten.
Schon den Geheimrat Goethe bewegte dieses Naturphänomen, und er meditierte: "Warum denn auch eine Reitbahn so wohltätig auf den Verständigen wirkt, ist, daß man hier, vielleicht einzig in der Welt, die zweckmäßige Beschränkung der Tat, Verbannung aller Willkür, ja des Zufalls, mit Augen schaut und mit dem Geiste begreift. Menschen und Tiere verschmelzen hier dergestalt in eins, daß man nicht zu sagen wüßte, wer denn eigentlich den anderen erzieht."
Hier irrte Goethe nicht. Seine Tattersall-Theorie kann als Kriterium für Ausnahme-Reiter wie Hans Günther Winkler dienen.
Winkler "beschränkt die Tat": Er wirkt über die Schenkel in einer Weise auf sein Pferd ein, die fast niemals nach außen sichtbar wird. Winkler "verbannt die Willkür": Er treibt oder hält das an ihn gewöhnte Roß nie gewaltsam. Die Stute "Halla" kennt keine Peitsche, keine Sporen und keine harte Aufforderung. Und Winkler "verschmilzt", so scheint es, mit dem Tier zu einer Einheit, die an die mythischen Kentauren erinnert.
Den wirklichen Höhepunkt seiner Laufbahn hatte Winkler schon zehn Tage vor dem Derbysieg erreicht - in Aachen. In der alten Kaiserstadt war es ihm nach 170 Siegen in schweren und mittelschweren Konkurrenzen gelungen, zum zweiten Male Weltmeister der Springreiter zu werden.
Die Szenerie von Aachen mit ihren 55 000 Zuschauern aus allen Bevölkerungsschichten kennzeichnet besser noch als das Flottbeker Panorama die große Entwicklung der letzten fünfzig Jahre, an deren vorläufigem Ende der Name Hans Günther Winkler steht: Das deutsche Bauernpferd, durch Automobile und Traktoren aus seinen jahrhundertealten Funktionen mehr und mehr verdrängt, ist in den Bereich der Rekorde, ist in die Massensport-Arena eingezogen. Gleichzeitig hat sich die Reiterei, in früheren Zeiten ein zweckbezogenes Mittel namentlich des Militärs und des Nachrichtenwesens, darüber hinaus aber auch Ausdruck eines gehobenen, feudalen Lebens, zu einer am sportlichen Erfolg orientierten Kunstfertigkeit entwickelt.
Das wäre in Deutschland so allgemein kaum möglich gewesen, wenn nicht der 1954 gestorbene Oberlandstallmeister Gustav Rau dem in der Fachsprache als "Warmblut" bezeichneten Bauernpferd, das von den Ackerschleppern hoffnungslos eingekreist zu werden drohte, den sportlichen Wirkungsbereich erschlossen hätte; und wenn dieser Gustav Rau nicht das züchterische Interesse der Bauern neu angefacht
und auf die sportlichen Leistungsnormen ausgerichtet hätte.
Freilich war der Pferdesport dem Volk nicht fremd, als der 1880 in Paris geborene Gustav Rau einundzwanzigjährig nach Berlin kam und dort Redakteur der "Sport-Welt" wurde. Nur verstand man unter Pferdesport fast ausschließlich Galopp- und Trabrennen, bei denen derjenige Sieger wird, der als erster ins Ziel kommt.
Indes, die Reiterei-Propheten hielten schon damals nicht allzuviel von diesen Sportarten, bei denen nur die Geschwindigkeit über Sieg oder Niederlage entschied. An Stelle der Galopprennen, die von den professionellen "Jockeys" nicht viel mehr verlangen als geringes Gewicht und die Gabe, das Pferd mit oder ohne Peitsche kräftig voranzutreiben, hoben sie die Jagdreiterei auf den Schild und argumentierten, erst vor den Hindernissen der freien Natur zeige es sich, ob das Pferd dem Reiter gehorche und ob der Reiter seinerseits die Fähigkeiten seines Tieres richtig einzuschätzen und auszunutzen verstehe.
Nun gab es ausgangs des 19. Jahrhunderts zwar schon zwei der Jagdreiterei verwandte sportliche Wettbewerbe:
▷ Die "Jagdrennen", die damals - im Gegensatz zu heute - meist von Amateuren, sogenannten "Herrenreitern", auf Hindernis-Rennbahnen bestritten wurden, und
▷ die "Geländeritte", die als sportlicher Höhepunkt des Kavalleristen-Jahres unter den Offizieren veranstaltet wurden.
Aber auch bei diesen Wettbewerben entschied die Geschwindigkeit. Ihr war alles untergeordnet, und die klassische Reitkunst kam zwangsläufig ebenso zu kurz wie die Sauberkeit der Sprünge, zumal die Pferde sich schnell angewöhnten, etwa durch Büsche einfach hindurchzupreschen, statt stilrein darüber hinwegzusegeln.
So wurde denn anfangs des 20. Jahrhunderts in den zum Zwecke regimentsinterner Geselligkeit veranstalteten "Concours Hippiques" des Offizierskorps eine völlig neue Form des reiterlichen Wettkampfs begründet; eine Form, in der die Geschwindigkeit fast keine Rolle mehr spielt: die Turnier-Reiterei.
Der attraktivste Teil eines Reitturniers, wie es seitdem ausgetragen wird, ist die
Springkonkurrenz. Sie legitimiert sich als Abkömmling der altehrwürdigen Jagdreiterei nicht nur durch die offizielle Bezeichnung "Jagdspringen", sondern auch durch die Kostümierung der Teilnehmer: Der rote Rock mit den langen Schößen und die schwarze Schirmmütze sind die klassischen Attribute der berittenen Hubertusjünger.
Beim Jagdspringen entscheidet gemeinhin nur die Zahl der Springfehler. Ist sie bei mehreren Teilnehmern gleich, so müssen diese Teilnehmer ein "Stechen" austragen. Beenden nun mehrere Teilnehmer auch das Stechen mit derselben Fehlerzahl, so wird - je nach Art und Tradition des Wettbewerbs - entweder ein "Stechen bis zur Entscheidung" ausgetragen, wobei die Hindernisse so lange erhöht werden, bis ein Sieger feststeht, oder aber die kürzeste Zeit gibt den Ausschlag. Mithin wird beim Jagdspringen nur dann, wenn die Springleistungen verschiedener Teilnehmer völlig gleich sind, die Uhr gelegentlich zu Rate gezogen.
Etwas im Schatten der Spring-Wettbewerbe steht der andere Turnier-Teil, die "Dressur". Die in schwarze Röcke und Zylinder gekleideten Reiter müssen dabei eine bestimmte Anzahl von "Lektionen" - Gangarten der klassischen Reitkunst - vorführen, die von den Schiedsrichtern nach ihrer Exaktheit bewertet werden.
Nicht nur die Austragungsformen der Reitturniere sind grundsätzlich andere als die des Rennsports. Auch das Pferdematerial des Turniersports stammt aus einem anderen, ungleich größeren und gesünderen Reservoir als das des Rennsports, nämlich aus den Ställen des deutschen Landvolkes.
Die Galopp- und Trab-Rennpferde werden in Spezialgestüten gezüchtet. Die Galopppferde sind fast immer Vollblüter, das heißt, daß ihre stolze Ahnenreihe auf eine kleine Elite englischer und arabischer Vorfahren zurückgeht.
Dagegen galt noch vor 50 Jahren das in den Ställen der Bauern und Kavallerie-Regimenter stehende deutsche Warmblutpferd, dem nur von Zeit zu Zeit zwecks Veredelung ein Schuß Vollblut beigemengt worden war, während die große Masse seiner Ahnen friedfertig auf deutschen Wiesen gegrast hatte, als biederes Gebrauchspferd ohne höhere Berufung.
Nur aus dieser typisch deutschen Geringschätzung einheimischer Produkte ist es zu erklären, daß bei den ersten turnierartigen Reiterwettkämpfen, die zumeist in den Garnisonsstädten und Badeorten in familiärem Rahmen stattfanden, von den Reiter-Snobs mit Vorliebe englische oder irische Pferde verwendet wurden.
Noch bevor der vitale Gustav Rau in Aktion trat, war aber vor der Kulisse der beginnenden Motorisierung Entscheidendes für die Pflege des deutschen Pferdes getan worden. Der neugebildete "Reichsverband für deutsches Halbblut"*) hatte es mit einer einfachen Maßnahme fertiggebracht, den Kurs der ausländischen Rosse beträchtlich zu drücken. Er hatte die ersten Turniere veranstaltet, zu denen nur deutsche Pferde zugelassen waren.
Als dann bei den Olympischen Spielen des Jahres 1912, in deren Verlauf erstmals ein olympischer Reiter-Wettbewerb stattfand, die Überlegenheit des Auslandes bedrückend deutlich wurde, schlug die große Stunde des forschen Gustav Rau. Das junge Mitglied der Preußischen Pferdezucht-Kommission verfertigte eine erhellende Expertise und wurde prompt zum
Generalsekretär des unter dem Protektorat des Kronprinzen gegründeten "Olympiade-Komitees für Reiterei" ernannt.
Die wesentlichste Tat des Gustav Rau aber fiel in das Jahr 1919, als die deutsche Warmblutzucht vor einer Katastrophe zu stehen schien: Infolge des verlorenen Krieges hatten die Züchter ihren größten Absatzmarkt, die Kavallerie- und Artillerie-Regimenter des Heeres, plötzlich verloren.
In dieser düsteren Stunde hielt Gustav Rau in einer Lagebesprechung des preußischen Landwirtschaftsministeriums ein Referat, das so überzeugend war, daß es sofort zum Programm erklärt wurde. Rau forderte nicht nur neuartige Anreize für die Züchter, wie Stutenprämiierungen, Leistungsprüfungen möglichst für jedes Pferd und die Veranstaltung möglichst vieler Leistungsschauen, sondern darüber hinaus eine allgemeine Mobilisierung des deutschen Landvolkes durch die Gründung ländlicher Reit- und Fahrvereine in allen deutschen Landen.
Rau packte einerseits den Landmann an seinem Züchter-Ehrgeiz und richtete zum anderen die Aufmerksamkeit der Bauern auf die Leistungsfähigkeit ihrer Gäule im sportlichen Wettkampf - eine Maßnahme, die möglicherweise das deutsche Landpferd vor dem Aussterben rettete, wenn sie auch damals kaum im Hinblick auf den Siegeszug der Motorschlepper getroffen wurde.
Rau wurde alsbald Vorsitzender der einem neuen Reichsverband angeschlossenen "Vereinigung der ländlichen Reit- und Fahrvereine Deutschlands". Und sein markiges Motto "Der deutsche Bauer auf eigenem Pferd" wurde zum Leitgedanken des Turniersports gemacht - es wurde sogar später zum patriotischen Posaunenstoß verzerrt, so daß sich mancher ländliche Verein zum Hort eines fahnenschwenkenden Nationalismus entwickelte, was zweifellos nicht die Absicht des liberal denkenden Reserveleutnants a. D. Gustav Rau gewesen war.
Der Organisator Rau hatte, wie sich schnell herausstellte, wurzeltiefe Instinkte des Landvolkes angesprochen. Auf dem kleinsten Bauernhof musterte der Ackersmann seine Mähre, ob er mit ihr über Hindernisse springen oder Lorbeeren für gute Dressur einheimsen könne, oder ob der Gaul am Ende zur Zucht tauge. Kleine und
kleinste Orte veranstalteten eigene Turniere. Gustav Raus neue Vereinigung zählte denn auch schließlich 23 Provinzial- und Landesverbände.
Der Tausendsassa Gustav Rau verhalf schließlich seinen Ideen nicht nur draußen auf dem Lande, sondern auch mitten in der Vier-Millionen-Stadt Berlin zu echter Volkstümlichkeit, indem er im Rahmen der "Grünen Woche" reiterliche Großturniere organisierte. Diese Turniere mit ihren sportlichen Wettkämpfen und historischen Schaubildern erwiesen sich als so zugkräftig, daß der Reichsverband Gastspiele in vielen anderen deutschen Städten geben mußte.
Auch in den Kavallerie-Regimentern der Großdeutschen Wehrmacht Adolf Hitlers sorgsam gepflegt, war das deutsche Pferd innerhalb dreier Jahrzehnte zu neuer Wertschätzung gekommen. Es hatte eine Bastion erobert, die selbst dem Ansturm der Benzinvehikel standzuhalten schien, als nach dem zweiten Weltkrieg mitsamt dem Deutschen Reich auch die Organisationen der Pferdesportler und Agrarier verschwunden waren.
Wiederum war es der Stehaufmann Dr. h. c. Gustav Rau, der mit jugendlicher Verve die pferdesportlich und züchterisch interessierten Nachkriegsdeutschen zusammentrommelte.
Rau schuf sich zunächst einmal die Basis zu neuer Arbeit, indem er seine Lieblingskinder, die ländlichen Reit- und Fahrvereine, wieder ins Leben rief. Unterstützt von den Landwirtschaftsministerien der deutschen Länder, errichtete Rau eine "Zentralkommission für Pferdeleistungsprüfungen". Sitz der neuen Kommission war anfangs Dillenburg in Hessen, seit 1950 ist es die westfälische Stadt Warendorf bei Münster, die früher eine Remonte-Schule beherbergte, heute noch ein Landgestüt hat und daher schon aus Tradition viel für das Pferd übrig hat.
Die beste Organisation und das kernigste Ideengut konnten nun freilich den deutschen Pferdebestand nicht mehr gegen den mächtigsten Feind seiner Geschichte schützen: gegen Ludwig Erhards westdeutsches Wirtschaftswunder.
Der plötzlich entfesselten zivilisatorischen PS-Gewalt war der Ackergaul nicht mehr gewachsen. Das unaufhaltsame Anwachsen der Traktorenzahl von rund 75 000 im Jahre 1949 auf 350 000 am 1. Juli 1954 ging - wie nicht anders möglich - auf Kosten des Pferdebestandes. Hekatomben von Pferden wurden in den Jahren nach der Währungsreform ans Schlachtmesser geliefert. Die Zahl der Pferde in Gesamtdeutschland wird heute auf 1,2 Millionen geschätzt, während es 1936 im - allerdings größeren - Deutschen Reich noch 3,8 Millionen waren.
Wie die weiteren Aussichten für das Pferd sind, läßt sich unschwer aus den Statistiken der noch fortschrittlicheren Vereinigten Staaten ablesen: Dort gab es 1918 26 Millionen Pferde, heute sind es nur noch fünf Millionen, denen bereits viereinhalb Millionen Trecker gegenüberstehen.
Es liegt nun ohne Frage nicht zuletzt an Gustav Raus ländlichen Vereinen, wenn wenigstens das Qualitätspferd die Chance hat, den großen Kampf zu überdauern. Denn viele der in diesen etwa 1250 Vereinen organisierten Bauern, die keine Arbeitstiere mehr brauchen, haben inzwischen ihr Herz für ein rassiges Vierergespann oder ein gut dressiertes Reitpferd entdeckt, mit dem sie auf der Turnierbahn konkurrieren können.
In den letzten Jahren ging die Entwicklung noch einen Schritt weiter: Das Pferd wurde aus seinen jahrhundertealten Bindungen an bestimmte Berufsstände herausgelöst. Es wurde zum reinen Sportinstrument, mehr noch: zum sportlichen Partner.
Auch die Bevölkerung der Mittel- und Großstädte bemächtigte sich seiner; und
zwar nicht die Kreise, deren geheiligtes Privileg es früher war, auf eigenen rassigen Rossen die Landwege der Vorstädte in dekorativer Weise entlangzutraben, nicht das Großbürgertum und die Aristokratie, sondern der sportlich interessierte Mittelstand, soweit er an der Reiterei zufällig mehr Freude fand als an Tennis, Rudern, Fechten oder gar Golf.
Damit ist die Reiterei nach Jahrhunderten wieder an den Platz gerückt, der ihr zukommt und den sie nur durch die entwicklungsbedingte und schwerverständliche Umkehr eines folgerichtigen Ablaufes verloren hatte: Während in eisgrauer Vorzeit das kunstvolle Reiten zu sozialen Würden verhalf ("Omnis nobilitas ab equo" - "aller Adel stammt vom Pferde", hieß es im Mittelalter sogar), war es später dahin gekommen, daß umgekehrt allein der gesellschaftliche Rang, etwa der Adelstitel, zum Reiten legitimierte.
Die moderne Reiter-Bewegung wird, obschon sie sicherlich einen Teil des Pferdebestandes vor dem mörderischen Zugriff der Zivilisation retten kann und deutlich macht, daß das Pferd nur auf sportlichem Gebiet noch eine Zukunft hat, nach dem Tode des Pferdefanatikers Gustav Rau nicht richtig gewürdigt. Im Gegenteil: Die Reiterführung, an ihrem altfränkischen Gedankengut hängend, sieht in der rein sportlichen Betrachtungsweise der hehren Reitkunst eine Art Vergiftungsversuch am Erbe der Altvorderen.
Das Beispiel der Dressur-Reiterei zeigt, daß durch solch dickschädeliges Beharren die Reitkunst am Vorstoß zur echten Volkstümlichkeit
gehindert wird. In der Dressur, wo es auf subtilste Feinheiten der Gangart ankommt, die das breite Publikum nicht kennt, bestehen die Funktionäre darauf, "geheim" zu urteilen, so daß der Zuschauer den Wettkampf überhaupt nicht verfolgen kann. Wenn dagegen, wie beim Dressur-Derby in Hamburg, die Schiedsrichter nach Abschluß jedes Rittes sofort ihre Wertnoten auf Tafeln bekanntgeben müssen, ist gleich das Interesse an diesem bisher nur für Eingeweihte verständlichen Teil des Turniersports da.
Die moderne Sportreiterei hat sich indes bereits eindeutige Verdienste um das Weiterleben des Pferdes erworben. Ihr Pferdebedarf ist so groß, daß die Warmblut-Zuchtgebiete Hannover, Holstein und Westfalen sich auf die neue Lage einzustellen beginnen.
So werden seit 1949 in Verden an der Aller Elite-Auktionen hannoverscher Reitpferde veranstaltet, bei denen jeweils 50 bis 60 auserlesene und von bekannten Reitern vorbereitete Pferde versteigert werden. Fortschrittliche Züchter im hannoverschen Gebiet haben erkannt, daß edle Leistungsreitpferde für gutes Geld zu verkaufen sind und sich mit dem gesunden Kaufmannsgeist der Niedersachsen den Gegebenheiten der sportlichen Neuzeit angepaßt.
Tatsächlich kommen heute die wesentlichen Impulse der Reiterei aus den Städten. Selbst in Industriestädten wie Essen und Remscheid-Lennep nähern sich die Besucherzahlen bei den Reitturnieren denen der Fußballplätze. In ähnlichem Maße wächst in den Städten auch die Zahl der aktiven Pferdesportler.
Es ist ein moderner, von Traditionen unbelasteter Sportler, der sich heute in den Sattel schwingt; ein Typ, der aus der Reiterei keine bodenverwachsene Weltanschauung macht; ein Typ, dem der Begriff "Rekord" kein zersetzendes Sakrileg, sondern ein ehrenhaftes Ziel ist; ein Typ, der von dem am 24. Juli 1926 in Wuppertal geborenen Reiter-Weltmeister Hans Günther Winkler nahezu vollkommen verkörpert wird.
Obwohl Winkler senior Reitlehrer gewesen war, ist dem Sohn die Reiterei nicht als heiliges Erbteil weitergereicht worden - der Vater fiel in den letzten Wochen des zweiten Weltkrieges an der Westfront.
Da Winklers Mutter Emmi in Frankfurt ausgebombt worden war, mußte ihr einziges Kind sich nicht nur einen Broterwerb, sondern auch ein Quartier suchen. Dabei kam Hans Günther nach Kronberg im Taunus zu einem alten Bekannten seines Vaters, dem ehemaligen Sattelmeister der Landgräfin von Hessen, Eckhardt, der auf Schloß Friedrichshof den landgräflichen Marstall im Dienste der amerikanischen Generalität weiterführte, die - Eisenhower nicht ausgenommen - mit Vorliebe auf den Rossen des getreuen Eckhardt durch die Taunus-Waldungen trabte.
Es war Glück und Unglück zugleich, daß der landgräfliche Sattelmeister a.D. den jungen Winkler zunächst als Pferdepfleger, später als Zureiter in seinem Marstall beschäftigte: Glück für den ausgehungerten jungen Heimkehrer aus kurzer Kriegsgefangenschaft, der sich hier sein Reichsmark-Gehalt und seine Lebensmittelkarten verdienen konnte - Unglück aber für den späteren Champion, der - obschon er längst "reamateurisiert" worden ist - nach den starren Gesetzen niemals an den Olympischen Spielen teilnehmen darf, weil er damals im Taunus "gegen Geld geritten" hat.
Winkler, der in Kronberg fast ohne Anleitung ritt, brachte es zu ersten Fertigkeiten,
namentlich in der Dressur; dadurch nämlich, daß er soviel wie möglich anderen Reitern absah - eine autodidaktische Praxis, die der ehrgeizige Jüngling im Laufe der Zeit immer mehr kultivierte.
Winkler hatte nicht nur seine ersten reiterlichen Weihen empfangen, sondern aus der Freude am Reiten und seiner offenbaren Begabung für diesen Sport feste Konsequenzen gezogen, als er 1948 nach Frankfurt zog, wo ihn der Vater einer alten Bekannten in seiner Textil-Großhandlung anstellte. Diese Konsequenzen erheischten, daß er gemeinsam mit der Tochter des Textilmannes auf Mittel und Wege sann, die Reiterei wieder auszuüben. Also kauften sich die beiden in Hamburg zusammen ein Pferd, "Falkner", ritten es Abend für Abend und zogen damit sogar keck auf die kleineren Turnierplätze draußen im hessischen Land.
Kleinere Erfolge stellten sich ein, als Winkler gemeinsam mit dem Fuldaer Springreiter Helmut Krah auf einem Motorrad von Parcours zu Parcours knatterte. Er hatte von den Amerikanern ein Pferd namens "Lausbub" erstanden, dazu kam ein Roß namens "Carol". Und eines Tages sah der Herborner Pumpenfabrikant Hoffmann den hoffnungsvollen, wenn auch namenlosen Reiter und vertraute ihm sein Pferd an, das heute zur Spitzenklasse gehört und in Winklers eigenem Stall beim Olympiade-Komitee in Warendorf steht: "Orient".
Leute vom Fach, die Winkler damals sahen, berichten von einem schmalen, knapp mittelgroßen Jüngling, der stundenlang an der Barriere stand und nichts anderes tat, als seinen berühmteren Reiterkollegen zuzuschauen, bis der Wettkampf zu Ende war.
Winklers Weg ist dem gewisser amerikanischer Karrieremacher, seien sie nun berühmte Sportler oder Industriekapitäne, recht ähnlich. Menschen dieses Schlages haben außer der geradlinigen Energie einer Expreßlokomotive die Fähigkeit, sich ohne jeden Traditions-Ballast alle, aber auch alle Fertigkeiten ihrer Mitmenschen anzueignen, die zum Erfolg führen.
Beim Selfmademan Winkler kam eine natürliche Geschmeidigkeit hinzu, die ihn befähigte, seine Umgangsformen in staunenswerter Weise auszubilden, so daß er heute auch in hochfeudalen Zirkeln, die der Reiterei immer noch mit einer gewissen Sentimentalität anhängen, als gewandt gelten kann.
Daß der clevere Erfolgs-Praktiker aber im Grunde seines Herzens auch als Weltmeister noch keineswegs dem Snobismus anheimgefallen ist, lehrt ein Aufsatz über die Verleihung des "Silbernen Lorbeers" durch den Bundespräsidenten, den Winkler am 27. April 1955 in der Zeitschrift "Das Parlament" erscheinen ließ und in dem solche entwaffnenden Sätze stehen:
"Und dann stand der Mann vor uns! Er lächelte uns so gütig an, daß im Moment jede Scheu vorüber war. Mit so warmen und schönen Worten übergab er uns den Silberlorbeer, daß es uns wirklich zu Herzen ging. Richtig väterlich nahm er uns dann bei den Händen ... Er war wirklich wie ein Vater zu uns, und seine schlichten, aber so herzlichen Worte haben mich tief beeindruckt."
Seine erste und einzige reguläre Ausbildung erhielt Winkler 1951 bei einem vierwöchigen Olympia-Lehrgang in Dillenburg, zu dem er berufen worden war, weil weder er selbst noch das Olympiade-Komitee wußten, daß Winkler sich durch seine Tätigkeit im Kronberger Marstall vom Fest der Jugend der Welt ausgeschlossen hatte. Hier in Dillenburg begegnete Winkler der ruhmreichen Historie des deutschen Turniersports und der klassischen Springreiterei: Sein Ausbilder war der ehemalige Hauptmann von Barnekow.
Marten von Barnekow hatte zur Equipe des Springstalls der Kavallerieschule Hannover gehört, die sich 1936 in Berlin sämtliche im Turniersport erreichbaren Goldmedaillen erkämpfte und die überaus erfolgreiche deutsche Schulungsmethode der Turnier-Reiterei entwickelte.
Diese Methode ging wiederum zurück auf die italienische, die praktisch dem gesamten modernen Springsport die Richtung wies. Ihre Grundlage: Das Pferd wird über alle Arten von Hindernissen "gymnastiziert"; im Sprung verlangt man von ihm
die Rückenaufwölbung und das Strecken des Halses in die Tiefe. Der Reiter hat sich dem Ablauf des Sprunges anzupassen, den Rücken des Pferdes zu entlasten und mit den Zügeln soweit als notwendig nachzugeben, "alles wegzugeben", wie der moderne Springreiter sagt.
In Deutschland fand die in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg in den italienischen Kavallerieschulen Tor di Quinto und Pinerolo entwickelte Methode relativ spät Eingang. Sie warf alle ehernen Faustregeln der deutschen Vorkriegsarmee glatt über den Haufen. Denn bei Kaiser Wilhelms Kavallerie hatte der Reiter beim Sprung mit dem Gesäß im Sattel zu bleiben, sich steif zurückzulehnen und auch sonst keine Alfanzereien zu treiben.
Unter dem Einfluß der italienischen Methode standen die drei großen deutschen Reiter der zwanziger Jahre:
▷ der bescheidene Carl Friedrich Freiherr von Langen, Dressur-Olympiasieger 1928, dem der Film nach Maßgabe seiner Mittel mit dem Willy-Birgel-Produkt "... reitet für Deutschland" ein Denkmal setzte;
▷ von Langens Freund Prinz Friedrich Sigismund von Preußen;
▷ der aus Schweden stammende Axel Holst, von dem die Fama berichtet, er habe mit den aberwitzigsten Pferden fertig werden können.
Alle drei Reiter-Berühmtheiten stürzten sich zu Tode: Prinz Friedrich Sigismund 1927 bei der reiterlichen Morgenarbeit in Luzern, von Langen 1934 bei einem Geländeritt in Döberitz und Axel Holst 1935 bei einem Hallenturnier in Berlin.
Die methodischen Ideen der Italiener waren in Deutschland nicht kritiklos hingenommen worden. Vor allem die Reichswehr-Experten hielten es für bedenklich, daß das Pferd nach der Pinerolo-Doktrin fast sofort ins Gelände und über Hindernisse toben durfte. Sie forderten das Primat der Dressur, die das Pferd zunächst einmal unbedingt gehorsam machen sollte, ehe es über die Hindernisse der Natur gehetzt wurde.
Eine Synthese zwischen italienischer Gymnastizierung und deutscher Dressur ist es nun, die als Made-in-Germany-Methode in Hannover perfektioniert wurde, der deutschen Reiterei zu ihren größten Ruhmestaten verhalf und noch heute das tragende Gerüst der Springreiter-Ausbildung ist.
Mangels eines Militär-Springstalles hatten Deutschlands Reiter bei den Olympischen Spielen des Jahres 1928 nicht allzu gut abgeschnitten. Die Folge war die Gründung des Springstalles der Kavallerie-Schule Hannover. Mit dieser rein sportlichen Institution der Reichswehr paßte sich Deutschland den Verhältnissen in den führenden europäischen Reiternationen an: Frankreich besaß in Saumur, Italien in Pinerolo einen Springstall der Kavallerie.
Ihre größten Erfolge hatten die hannoverschen Militärreiter unter dem Freiherrn von Waldenfels, der den Springstall von 1930 bis Ende 1936 leitete.
Als ihr stolzester Tag ist den deutschen Reitern der 16. August 1936 im Gedächtnis geblieben, der Tag, an dem die hannoverschen Reiter-Offiziere des Freiherrn von Waldenfels einen olympischen Reitersieg ohne Beispiel erkämpften.
Drei Tage zuvor hatte sich die hannoversche Equipe bereits die Goldmedaillen für den Einzel- und den Mannschaftskampf der Dressur geholt, und der Einzelsieger Oberleutnant Pollay war durch Führerbefehl eine Stunde nach seinem Triumph zum Rittmeister befördert worden. Außerdem hatten die Hannoveraner in der aus Dressur, Geländeritt und Jagdspringen bestehenden, "Military" genannten Vielseitigkeits-Prüfung die Führung übernommen: Hauptmann Stubbendorff auf "Nurmi" hatte die Dressur gewonnen.
Am zweiten Tag der Dressurwettkämpfe hatte dann Hauptmann Stubbendorff auch den langen und schwierigen Geländeritt draußen in Döberitz als Bester beendet. Indessen war der deutsche Mannschaftssieg in der "Military" beim Geländeritt in Frage gestellt worden, weil Oberleutnant Freiherr von Wangenheim mit seinem wilden
Galoppierer "Kurfürst" gestürzt war und sich das Schlüsselbein gebrochen hatte.
Doch als sich am 16. August im Olympiastadion der Turnier-Reitsport zum erstenmal in Deutschland den sportbegeisterten Massen präsentierte, ritt auch der Freiherr von Wangenheim mit angeschnalltem Arm in die Arena der Hunderttausend zum letzten Wettbewerb der "Military", dem Jagdspringen. Ein Aufschrei ging durch das Stadion, als von Wangenheim abermals stürzte. Aber ungerührt erhob sich der Freiherr und führte seinen Ritt zu Ende. Als dann Hauptmann Stubbendorff auf seinem Wunderpferd "Nurmi" nur den großen "Oxer" riß, stand es fest: Deutschland hatte auch in der "Military" die Goldmedaillen für den Einzelkampf (durch Stubbendorff) und für den Mannschaftskampf gewonnen.
Nicht anders war es beim abschließenden Jagdspringen um den "Preis der Nationen".
Lediglich Oberleutnant Kurt Hasse auf "Tora", einem der berühmtesten Pferde der damaligen Zeit, und der rumänische Oberleutnant Rang auf "Delfis" beendeten das Springen mit nur vier Fehlern. Um die Goldmedaille mußte also ein "Stechen" über erhöhte Hindernisse ausgetragen werden.
Als erster ritt Oberleutnant Rang und riß wiederum ein Hindernis: vier Fehler.
Dann jagte Kurt Hasse auf seiner "Tora" los und nahm ebenfalls eine Hindernis-Stange mit: vier Fehler.
Aber Hasse war aufs Ganze gegangen und hatte ein enormes Tempo vorgelegt. Da jedoch beim "Stechen" dieses Jagdspringens die Zeit entschied, erhielt Hasse, der dreizehn Sekunden schneller gewesen war als der Rumäne, die Goldmedaille.
Die deutsche Spring-Equipe gewann auch in der Mannschaftswertung. Die Equipe bestand aus Kurt Hasse, Rittmeister Brandt und eben jenem Hauptmann Marten von Barnekow, der fünfzehn Jahre später den jungen Reiter Hans Günther Winkler beim Olympialehrgang in Dillenburg in die Schule nahm.
Nach dem Abgang des Freiherrn von Waldenfels als Leiter des hannoverschen Springstalls übernahm dann Deutschlands
erfolgreichster Reiter der Vorkriegszeit, Harald Momm, die Leitung der Heeres-Turnierreiter - derselbe Harald Momm, der auch heute wieder die deutsche Reiter-Equipe leitet, ohne sich freilich als Vertreter der "Hirsch''schen Kohlenwerke" in München auch nur annähernd so gründlich um seine Reiter kümmern zu können wie in den dreißiger Jahren.
Der Wiederaufstieg der deutschen Reiterei zur Weltklasse begann 1952, als der Elmshorner Bauer Fritz Thiedemann sich beim Jagdspringen der Olympischen Spiele im Stadion von Helsinki die Bronzemedaille holte - eine Leistung, die selbst in der Bundesrepublik überraschte. Kaum jemand hatte geglaubt, daß Thiedemann, wenn er auch bei nationalen Konkurrenzen schon überlegene Siege erritten hatte, sich bereits mit der Welt-Elite messen konnte.
Ganz im Schatten des volkstümlichen "Fritze" aus Elmshorn in Holstein, nahezu unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit, hatte sich jedoch schon im gleichen Jahr der jetzt in Warendorf wohnende Hans Günther Winkler das Championat der deutschen Springreiter geholt, das demjenigen Reiter zufällt, der bei den offiziellen Konkurrenzen des Jahres die meisten Erfolge erringt.
Obgleich der junge Winkler das Championat auch 1953 wieder gewann, war sein Name so wenig bekannt, daß es eine Sensation war, als die Morgenblätter am 21. Juni 1954 in großen Überschriften meldeten: Hans Günther Winkler hat in Madrid unter den Augen des Generalissimus Franco die Weltmeisterschaft gewonnen.
Diese Weltmeisterschaft war überhaupt erst 1953 begründet worden - mit Bestimmungen, die gerade in Deutschland heftig umstritten waren: Durch mehrere Ausscheidungskämpfe sollten sich vier Reiter, und zwar nur jeweils ein Reiter einer Teilnehmer-Nation, für den Endkampf qualifizieren.
Aber nicht wegen jener merkwürdigen Regel, die den zweitbesten Reiter eines Landes prinzipiell vom Endkampf ausschließt, selbst wenn er besser ist als die Reiter aller anderen Länder, wurde der
Austragungsmodus in Deutschland angegriffen. Man kritisierte vielmehr, daß jeder Teilnehmer des Endkampfes nicht nur sein eigenes Pferd, sondern auch die Tiere der drei Gegner durch den Parcours zu reiten hatte.
Damals schrieb die Deutsche Presse-Agentur (dpa): "... wird eingewandt, daß die neugeschaffene ''Weltmeisterschaft'' ... zu einem ''Lotteriespiel'' werde. Es sei ein altes Reiterprinzip ..., daß Reiter und Pferd zusammengehören und eine Einheit sein sollen."
Schon nach Winklers erstem Weltmeisterschafts-Sieg hat sich indessen die zweifellos vernünftigere Ansicht durchgesetzt, daß echte Reitkunst sich daran erweise, ob der Reiter auch in den drei fremden Sätteln festbleibe.
Freilich kann es dabei auch zu Benachteiligungen kommen. So mußte in diesem Jahr bei der Aachener Weltmeisterschaft Hans Günther Winkler, der nach Fehlern schon mit 0:8 hinter dem italienischen Oberleutnant Raimondo d''Inzeo im Rückstand lag, das französische Pferd "Voulette" von dem englischen Major Dallas übernehmen, der die Schimmelstute so wild über den Parcours gejagt hatte, daß sie neu beschlagen werden mußte.
In den Minuten des Wartens zeigte sich, wie sehr der energievolle junge Selfmademan seine Nerven zu beherrschen gelernt hat, die ihm früher häufig mit schweren Lampenfieber-Anfällen zugesetzt hatten. Seelenruhig unterhielt sich Winkler mit seiner Freundin, der Reiterin Inge Fellgiebel, und als er in den Parcours einritt, hatte er die verschreckte "Voulette" so weit besänftigt, daß er sie ohne einen Fehler über die Bahn brachte.
Winklers Reitstil entspricht dem psychischen Habitus eines modernen Spitzensportlers. Im wichtigsten Augenblick, dem Augenblick des Sprunges, macht sich der Weltmeister von 1954 (Madrid) und 1955 (Aachen) sogar von den klassischen hannoverschen Vorbildern frei. Er gibt manchmal den Knieschluß auf und winkelt über besonders schwierigen Hindernissen die
Unterschenkel instinktiv an, um sich so leicht wie irgend möglich zu machen.
Diese neuzeitlichen Stil-Abwandlungen waren dem Reiter selbst, der auf eine "schöne" Reitweise stets großen Wert legte, gar nicht einmal bewußt. Als der Pferdesport - Schriftsteller Hans-Joachim von Killisch-Horn in seinem Reiter-Jahrbuch "Kavalkade" und in der Wochenzeitung "Welt am Sonntag" Schnappschüsse veröffentlichte, die Winkler in höchst unorthodoxer Sprunghaltung zeigten, glaubte Winkler, die Bilder seien unter Tausenden arglistig herausgesucht worden und fühlte sich ernstlich als "Akrobat" diffamiert.
Es kam daraufhin während des Turniers in Rom in der Bar des Luxushotels "Quirinale" zu einem mehrstündigen Gespräch zwischen dem Schriftsteller und dem Weltmeister, wobei von Killisch-Horn dem Winkler klarmachte, daß er für das Auge des modernen Publikums durchaus "schön" reite, ja, daß er wahrscheinlich nicht mehr siegen würde, wenn er seinen Stil aufgäbe.
So intelligent Winkler seinen Sport auch immer handhabt, und so mathematisch präzise er es versteht, sich selbst und seine Pferde für die wichtigsten Konkurrenzen in höchste Form zu bringen: Die Art, wie er aus der nervösen und diffizilen Stute "Halla" in zwei Jahren das beste Springpferd der Welt machte, ist mit rationalen Mitteln allein nicht zu erklären. Die Verwandlung der Stute wäre nicht möglich gewesen ohne ein intuitives Verständnis Winklers für das Pferd.
"Halla" steht nach Winklers Worten "auf der Grenze zwischen einer ''irren Ziege'' und einem Genie". Sie ist ein echtes Kind der Nachkriegszeit.
In den Wirren dieser Zeit war im Stall des Darmstädter Bauern Gustav Vierling eine gutgebaute französische Stute stehengeblieben, "Helene" mit Namen. Bauer Vierling war reitsportbegeistert: Er ließ seine betagte "Helene" satteln und gab sie seinem Sohn, der auf ländlichen Turnieren feststellte, daß die Stute recht respektabel springen konnte.
So wünschte sich Bauer Vierling nichts sehnlicher als ein Fohlen seiner "Helene", für das der Traberhengst "Oberst" im hessischen Groß-Karben zu sorgen verstand. Das Produkt war wieder eine braune Stute. Bei der Stutbuchaufnahme wurde für sie der Name "Halla" eingetragen.
Kein Zweifel, "Halla" hatte die Talente ihrer Mutter geerbt. Sie trabte unter Vierling senior wie unter Vierling junior temperamentvoll durchs Gelände.
"Halla" wurde in die Hand eines Trainers in Frankfurt-Niederrad gegeben und hielt sich in Jagdrennen sehr achtbar, so achtbar, daß die Vierlinge neue Pläne ausheckten. Als in der Zeit der Vorbereitung auf die Helsinki-Spiele der Ruf nach frischem Pferdematerial erschallte, bot Vierling sein Pferd dem Olympischen Komitee in Warendorf zum Ausprobieren an.
Dort probierte man und kam zu niederschmetternden Ergebnissen: "Halla", die als Military-Pferd geprüft worden war, zeigte sich in der Dressur über die Maßen fahrig. Sie ging unvermittelt durch und trug mit verdrehten Augen ihre Reiter über Hauptverkehrsstraßen und Hindernisse hinweg weit ins westfälische Land hinein.
Das besserte sich zwar in späteren Geländeprüfungen. Aber als Military-Pferd schien "Halla" gleichwohl völlig ungeeignet.
Es war eine bittere Stunde für den Bauern Vierling, als der Vorsitzende des Komitees, der alte Recke Gustav Rau, ihn anrief und informierte, daß mit seiner "Halla" nichts Vernünftiges anzufangen sei. In seiner Enttäuschung griff Vierling dann gern zu, als ein junger Reiter namens Hans Günther Winkler ihn fragte, ob er die Stute nicht in Pflege nehmen dürfe. So blieb "Halla" in Warendorf.
Keine drei Jahre später schrieb das sonst recht zurückhaltende amerikanische Weltblatt "New York Times" nach dem Start der deutschen Reitermannschaft im berühmten Madison Square Garden: "Für Winkler und ''Halla'' gab es überhaupt kein Hindernis ... Winkler ritt die Stute behutsam und ausgeglichen. Es gab kein heftiges Tempo und kein Anzeichen von Spannung."
Wie kam es zu einer solchen kentaurischen Einheit? Wie ist es möglich, daß aus dem Reiter und der "irren Ziege" "ein Team geworden" ist, wie Winkler sagt?
Nach Ansicht der Fachleute, die über manche Seite dieses Mirakels selbst im
Dunkeln tappen, hat Winkler nicht nur die Gabe, die guten Eigenschaften eines Pferdes auf geheimnisvolle Weise anzusprechen - er hat es auch verstanden, "Halla" zum Mitkämpfen zu erziehen und zu erreichen, daß die Stute selbst Interesse an dem anregenden Spring-Spiel findet.
Diese Anteilnahme des Pferdes zeigt sich, wie Winkler selbst erläutert, beispielsweise am Ohrenspiel, an dem aufmerksamen Ohrenspitzen des Pferdes, wenn ein Hindernis angeritten wird. Und manchmal geschieht es sogar, daß der Reiter und das Pferd im gleichen Augenblick vor Spannung die Zungenspitze herausstrecken.
Zwischen Winkler und "Halla" ist tatsächlich so etwas wie eine sportliche Partnerschaft entstanden. Während des Rittes spricht der Reiter mit seinem Pferd wie mit einem Partner beim Tennis-Doppel. "Paß auf!" ermahnt er seine "Halla", und manchmal bittet er auch: "Laß mich nicht im Stich!"
Dabei hat "Halla" sich ihr schwieriges Naturell durchaus bewahrt. Winkler: "Sie ist wie eine Schauspielerin, die man eine Stunde vor ihrem Auftritt in Ruhe lassen muß. Was man heute tut, kann bei ihr morgen grundfalsch sein. Sie ist im Grunde noch immer unberechenbar." Die Pferde-Diva kann beispielsweise vollständig die Fassung verlieren, wenn ihr der Sieges-Lorbeerkranz um den Hals gehängt wird. Böse Folgen kann das dann freilich kaum noch zeitigen.
Den Direktiven ihres Reiters aber ist "Halla" in verblüffendem Maße zugänglich geworden. Winkler bringt es heute fertig,
im langsamen Angaloppieren den Absprung-Punkt vor einem Hindernis nicht nur genau zu kalkulieren, sondern ihn auch seinem Pferd auf den Meter genau vorzuschreiben.
Die kalkulierende Reitweise ist auch der Grund dafür, daß die beiden, um den besten Absprungplatz herauszufinden, meist betont gemächlich auf die Hindernisse loszotteln, was schon viele Zuschauer zu dem Trugschluß verleitet hat, "Halla" könne nicht viel schneller gehen.
Dieser Trugschluß und der Umstand, daß er die Mentalität der Stute "Halla" nicht kannte, wurden bei der Entscheidung der Aachener Weltmeisterschaft, dem Stechen zwischen Raimondo d''Inzeo und Hans Günther Winkler, dem italienischen Oberleutnant zum Verhängnis.
Winkler hatte auf "Halla" vier, d''Inzeo auf seinem "Nadir" ebenfalls vier Fehler gemacht. Nach dem Austausch der Pferde war dann Winkler auf dem Pferd des Italieners fehlerlos über den Parcours gegangen. Da bei Fehler-Gleichheit die Zeit entscheiden sollte, beging nun d''Inzeo die kapitale Torheit, sich ausgerechnet für seinen Ritt auf der diffizilen "Halla" die Sporen anzuschnallen, wohl weil er meinte, das Pferd könne nur durch scharfe Mittel zu einem ausreichenden Tempo angestachelt werden.
Aber unter der Einwirkung der Sporen tobte Halla mit dem verdutzten Italiener davon wie ein Satansklepper, schlug mit dem Kopf um sich und sprang an der Grauen Mauer, an der noch kein Pferd einen
Fehler gemacht hatte, viel zu früh ab. Gleich zwei Kästen der Mauer-Attrappe fielen herunter. Raimondo d''Inzeo hatte den Kampf des Jahres verloren.
Im Wohnzimmer der Winklerschen Junggesellenwohnung am Vinnenberger Weg 32 in Warendorf hängt Hallas Konterfei, von dem Pferdemaler Professor Kühlbrandt gepinselt, über dem Sofa. Darüber prangt ein Eckbort, das genau wie der große Glasschrank an der Wand gegenüber so voller Ehrenpreise ist, daß kaum noch ein Pokal hineinpaßt. Ehrenpreise überall: Auch der Fernsehapparat und die Flasche Wein, die Winkler mit seinem Gast trinkt, sind Reiter-Trophäen.
Im allgemeinen nimmt Winkler weder Alkohol noch Nikotin zu sich, wie er sich überhaupt redliche Mühe gibt, trotz aller Lockungen der großen Welt, denen der gutaussehende und sichere junge Mann auf mannigfaltige Weise ausgesetzt ist, durch Fleiß und Selbstdisziplin auf der Höhe seiner Leistung zu bleiben.
Dafür hat der Weltmeister einen Beruf, der ihm manche Freiheit läßt: Er ist freier Mitarbeiter der Werbeabteilung der Bayer-Werke in Leverkusen. Seine Dienstleistungen fallen hauptsächlich in das moderne Public-Relations-Fach, dergestalt etwa, daß der berühmte junge Weltmeister bei seinen Auslandsreisen die Bayer-Vertreter und -Geschäftspartner aufzusuchen hat. Außerdem arbeitet Winkler regelmäßig für den Dortmunder Union-Verlag, dessen "Grünem Blatt" er eigene Turniersport-Reportagen liefert. Er trägt sich mit dem Gedanken, später einmal Sport-Journalist zu werden.
Dem Sport nämlich fühlt sich der moderne Selfmademan Winkler ganz allgemein verbunden. Er ist ja nicht aus Tradition zur Reiterei gekommen, wie beispielsweise der Bauer Fritz Thiedemann, den züchterische Fragen weit mehr bewegen als etwa ein Europameisterschaftskampf der Berufsboxer.
Winkler empfindet etwas, das sich mit dem Dünkel einer überlebten Reiter-Kaste kaum verträgt: die Solidarität der Sportler aller Fakultäten. Er ist mit dem Schwergewichtsboxer Heinz Neuhaus befreundet, und eine seiner größten Freuden war es, nach der Aachener Weltmeisterschaft ein Telegramm von Fritz Walter zu empfangen, in dem der Fußball-Kapitän mitteilte, er freue sich wahnsinnig und habe mit Winkler um den Sieg gezittert.
Es schmerzt den Reiter-Weltmeister aufrichtig, wenn er für arrogant gehalten wird - etwa deswegen, weil er als einziger Teilnehmer am deutschen Springderby eine dunkle Brille trug oder weil er manchmal an alten Bekannten, die ihn frohgemut begrüßen wollen, scheinbar interesselos vorbeisieht.
Spricht man ihn daraufhin an, so zeigt Winkler schleunigst seine Sonnenbrille vor und läßt den Besucher hindurchblicken:
Die Brille ist keine reine Sonnenbrille, sondern sie hat konkav geschliffene Gläser. Der Weltmeister ist - in des Wortes engerer Bedeutung - ziemlich kurzsichtig.
Pferdemord durch Wirtschaftswunder Im Marstall des getreuen Eckhardt Pferde-Gymnastik Hasse ging aufs Ganze
*) Ein aus besonders schweren Birkenstämmen bestehendes Hindernis.
*) Die Bezeichnung "Halbblut", die das deutsche Pferd namentlich im Ausland herabzusetzen geeignet war, wurde später in "Warmblut" umgewandelt.

DER SPIEGEL 34/1955
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