31.08.1955

TEDDY-BOYS / MODEDie Arbeiter-Dandys

Eine geheimnisvolle soziale Krankheit hat Englands Jugend befallen. Sie äußert sich am auffälligsten in einer zunächst ziemlich harmlos scheinenden Vorliebe für altertümliche Kleidersitten. Gleichwohl hat sie - und darin liegt ein schwer aufzuklärender Widersinn - gerade die Hüter der konservativen Tugenden Englands alarmiert.
So ging der Kommandeur des Königlichen Pionier - Ausbildungsregiments Nr. 1, Oberstleutnant E. L. H. Smith, auf die Suche nach den Symptomen der fraglichen Krankheit. Er ließ diejenigen Unteroffiziere und Männer seines in der Kaserne von Malvern in der Grafschaft Worchestershire stationierten Regiments, die für den Ausgang bürgerliche Kleidung besitzen, in Zivil antreten und ging an der Spitze seines Offizierskorps durch die Reihen der mürrisch dreinblickenden, ausgehbereiten Soldaten.
Pionier Victor Laycock, ein mickriger Einundzwanzigjähriger aus der Industriestadt Manchester, war der erste besorgniserregende Fall, auf den Smith stieß. Bekümmert musterte der breitschultrige Oberstleutnant die engen Röhrenhosen, mit denen Laycock seine - leichte O-Tendenz aufweisenden - Beine geschmückt hatte.
Dann entspann sich eine längere Debatte
unter den Offizieren, deren Ergebnis Smith schließlich dem bänglich wartenden Pionier mit folgenden Worten kundgab: "Mit dieser Hose kommen Sie nicht in die Stadt. Die entspricht dem albernen Eduard-Stil und ist deshalb verboten."
Der nächste Fall bedurfte keiner langen Erörterungen. Pionier Andrew McWilliam, neunzehn Jahre alt, trug eine giftgrüne Jacke mit abfallenden Schultern, schwarzem Samtkragen und fünf aufgesetzten, liebevoll bordierten Klappentaschen. Das Prachtstück reichte ihm beinahe bis zu den Knien. Eine schreiend bunte Phantasieweste schützte die Soldatenbrust vor Englands kühlen Abendwinden, und die breiten Aufschläge der dunklen Hose schwebten eine Handbreit über den blau schimmernden Wildlederschuhen mit dicken Kreppsohlen. "Mann", brüllte Smith, "in diesem Clowns-Aufzug kommen Sie nie und nimmer aus dem Kasernentor. Ich lasse es nicht zu, daß man sich in der Stadt über meine Leute lustig macht - noch dazu mit Recht!"
Die Pioniere von Malvern waren nicht die einzigen Soldaten, die in diesem Sommer solche und ähnliche Inspektionen ihrer zivilen Kleider über sich ergehen lassen mußten. Sie teilten ihr Schicksal mit den rund 60 000 Männern des Kommandobereichs West der britischen Armee. Der Oberbefehlshaber dieses Wehrbezirks, General Sir Lashmer Whistler, hat seine Offiziere angewiesen, den samt-verbrämten Jacken der sogenannten "Teddy-Boys" mit demselben Eifer nachzustellen wie seit altersher dem mangelhaften Stiefelputz.
Der "Teddy-Boy"-Stil ist gleichsam ein spätgeborenes und illegitimes Kind einer Herrenmode-Richtung, die vor einigen Jahren in England kreiert wurde, sich aber nicht recht durchsetzen konnte. Sie orientierte sich am Vorbild der Herrenmode des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts, am Dandy der Zeit Eduards VII.
Die Teddy-Boys griffen vor etwa Jahresfrist die Eduard-Mode auf und übersteigerten sie, indem sie für Jackett und Weste möglichst grelle Farben wählten und die noch verlängerten Jacketts mit Goldknöpfen,
Samt und bordierten Taschen ausstaffierten.
Als Abart des Teddy-Boys entwickelte sich das "Teddy-Girl". Es trägt sich recht maskulin, bevorzugt - wie das männliche Exemplar der Gattung - ein tailliertes, wenn auch kürzeres Jackett und enge Hosen, im Gegensatz zu den Boys aber weiße Handschuhe, Armreifen, Damen-Regenschirm und Handtasche. Eine überlange Zigaretten-Spitze gehört ebenfalls zur Ausstattung des Teddy-Girls.
General Whistlers Widerwillen gegen den Teddy-Stil wird von fast der gesamten englischen Öffentlichkeit geteilt. An vielen Kneipen, Milchbars und Kinos prangen Schilder mit der Aufschrift "Out of bounds for Teddies" - für Teddy-Boys verboten. In der Presse finden sich immer wieder Zuschriften, in denen fassungslose Leser ihren Grimm über die Unart der Jugendlichen bekunden.
Das Merkwürdige an dem "Teddy-Boy"-Phänomen ist, daß die Arbeiterjugend sich als im besonderen Maße anfällig für die Sucht nach altväterischer Kleidung erwiesen hat. Englands Sozialisten stehen ratlos der Tatsache gegenüber, daß ihr
Nachwuchs den sozialen Aufstieg der Arbeiterschaft durch eine kostspielige Dandy-Extravaganz zum Ausdruck bringt, deren Vorbilder ausgerechnet der Spätblüte des Feudalismus und Hochkapitalismus entstammen.
Die Teddy-Boys sind inzwischen zu einem Forschungsfeld von Pädagogen, Jugendpsychologen und Geistlichen geworden, auf dem sich die englische Vorliebe für absurde Theorien und geheimnisvolle Deutungen nach Herzenslust austobt.
Die zweifellos schönste dieser Spekulationen stammt von Frau Dr. Josephine Mac Alister Brew, einem Vorstandsmitglied der "Nationalen Vereinigung britischer Jugendklubs". An Hand von Bevölkerungsstatistiken errechnete sie, daß die Epoche des permanenten Frauenüberschusses auf den britischen Inseln zu Ende geht und von 1963 an das "menschliche Männchen endlich zu seiner Naturbestimmung zurückkehren muß, Repräsentant des schöneren der beiden Geschlechter zu sein. So wie es ja auch in der Tierwelt ist."
"Dieses Wissen spiegelt sich", laut Josephine Brew, "in dem Benehmen der Teddy-Boys und in ihrer Kleidung wider. Sie haben ein feines Empfinden dafür, daß das Mädchen im Manne den romantischen, farbigen und vor allem betont maskulinen Partner sucht."
Eine für die englische Öffentlichkeit erstaunliche Beobachtung machte Pfarrer Douglas Griffiths, ein Spezialist auf dem Gebiet der Jugendfürsorge. Er wies auf die Tatsache hin, daß zugleich mit dem Auftreten der Teddy-Boys in England die Jugendkriminalität erheblich zurückgegangen ist. Entgegen der landläufigen Ansicht stellte er fest, daß die Teddy-Boys untereinander einen Verkehrston haben, der sehr viel sauberer ist als der früherer Jugendgenerationen.
Womit Pastor Griffiths eine Bemerkung bestätigte, die Oberstleutnant Smith nach der Inspektion der Soldaten von Malvern zu den Teddy-Boy-Pionieren Laycok und McWilliam machte. Sie lautete: "Überhaupt seid ihr mir viel zu zahm!"

DER SPIEGEL 36/1955
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