02.11.1955

NAHER OSTEN / RANSchach in Teheran

Seit Montag der letzten Woche ist der Iran Mitglied des antisowjetischen Bagdad-Paktes. Angesichts dieser Tatsache fiel dem sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow das Genfer Lächeln schwerer denn je. In einer Erklärung, die er schon fünf Tage vor dem Ereignis abgab, unterlief ihm ein häßlicher Rückfall in stalinistische Gewohnheiten: Er drohte.
Der Bagdad-Pakt, sagte er, sei "eine Waffe in den Händen gewisser aggressiver Kreise", und der Beitritt des Iran zu diesem Pakt könne "nicht mit der Aufrechterhaltung und Festigung des Friedens im Nahen Osten und Mittleren Osten vereinbart werden".
Dabei hat sich der alternde Molotow, dessen Eignung für eine Politik des Lächelns auch im Kreml immer mehr bezweifelt wird, seine iranische Niederlage weitgehend selbst zuzuschreiben. In einer sich über Monate hinziehenden nahöstlichen Schachpartie verlor er kurz vor dem Sieg die Nerven und verhalf damit seinem langjährigen Gegenspieler John Foster Dulles zu einem leichten Erfolg.
Die Partie begann am 24. Februar. An diesem Tag unterzeichneten die Türkei und der Irak einen Pakt, der die beiden Partner zwar nicht zu gegenseitigem Beistand, aber immerhin zu einer Zusammenarbeit für den Frieden und die Sicherheit ihrer Länder verpflichtet. Der Vertrag erhielt die Bezeichnung "Bagdad-Pakt".
Am 5. April trat Großbritannien dem Pakt bei, und am 1. Juli kündigte Pakistan, das ohnehin mit der Türkei durch einen ähnlich lautenden Vertrag verbunden ist, seinen Beitritt an (den es am 23. September vollzog).
Von diesem Zeitpunkt an begann das Tauziehen um den Iran zwischen Moskau und Washington. In regelmäßigen Abständen verkündeten offizielle Stellen Teherans, daß der Iran dem Pakt beitreten oder nicht beitreten werde.
Zwischen den beiden Extremen zeichnete sich im Verlauf des letzten halben Jahres immer deutlicher ab, daß der Iran am liebsten neutral bleiben würde. Indiens Ministerpräsident Jawaharlal Nehru unterstützte diese Tendenz und offerierte eine "Organisation der Dritten Kraft" im Nahen Osten. Neben Indien und dem Iran sollte diesem politischen System das Ägypten des Obersten Gamal Abd el-Nasser angehören.
Nehrus neutralistische Locktöne fanden vor allem bei dem iranischen Generalstabschef, General Batmanglisch, Gehör.
Mitte Juli ließ der General verkünden, die iranische Armee lehne den Beitritt des Landes zum Bagdad-Pakt ab. Sie werde in Kürze auch die in Teheran hospitierende Kommission amerikanischer Militärberater nach Hause schicken und dafür neutrale Militär-Experten einladen.
Unter dem Eindruck dieser Erklärung begannen die USA, sich mit der iranischen Neutralität zu befreunden. In einem Memorandum, das der General Shoosmith, Experte der Nato für Nahost-Fragen, im Sommer verfaßte, wurde die strategische Lage des Iran so beurteilt:
"Weder die Nato noch der Ostblock können sich heute über die Neutralität des Iran hinwegsetzen. Das bedeutet einerseits, daß wir von nun an (im Ernstfall) russische Ziele nur noch von Europa aus anfliegen können. Das bedeutet aber auch umgekehrt, daß die Nato keinen russischen Vorstoß zum Persischen Golf zu befürchten braucht."
In dieser Entwicklung aber trat am 2. Oktober eine entscheidende Wende ein. An diesem Tage bestätigte Staatschef Oberst Nasser endgültig den Entschluß Ägyptens, Waffen beim Ostblock einzukaufen. Die Erklärung Nassers war zweifellos ein Erfolg Molotows. Er führte aber an einer für die Sowjet-Union viel wichtigeren Stelle, als Ägypten es ist, nämlich im Iran, zu der Niederlage vom Montag der letzten Woche.
Vom 2. Oktober an wurden die Ereignisse in Teheran dramatisch. Am 1. Oktober hatte die offiziöse Teheraner Zeitung "Khandaniha" einen Leitartikel unter der Überschrift veröffentlicht: "Es kommt nicht mehr in Frage, daß der Iran dem Nahost-Pakt beitritt."
Noch einen Tag nach Nassers Erklärung, also am 3. Oktober, ließ der Kaiserliche Hof in aller Ruhe mitteilen, der Schah habe die an ihn ergangene Einladung des sowjetischen Staatsoberhauptes Woroschilow angenommen.
Am 4. Oktober aber erschien der Botschafter der Vereinigten Staaten in Teheran, Selden Chapin, bei Ministerpräsident Hussein Ala. Die Besprechung fand ohne Dolmetscher statt, aber hinterher sickerte durch, der US-Botschafter habe mit präzisen Angaben darauf hingewiesen, daß der größte Teil der iranischen Armee die neutralistischen Ansichten des Generalstabschefs Batmanglisch keineswegs teile. Die detaillierte Darstellung des Botschafters von der Stimmung in der Armee habe die Drohung mit einer Revolte enthalten.
In offensichtlicher Unkenntnis dieser Vorgänge berichtete die offiziöse "Khandaniha" noch am selben 4. Oktober von Gerüchten in amtlichen Kreisen Teherans, nach denen der Iran sich der von Indiens Ministerpräsident Nehru und Ägyptens Staatschef Nasser propagierten "Dritten Kraft" anschließen werde.
Am selben Tage jedoch brach der Schah seinen Urlaub am Kaspischen Meer ab und kehrte nach Teheran zurück. Vier Tage später verkündete er in einer Thronrede den Entschluß des Iran, dem Bagdad-Pakt beizutreten, und einen Tag später, am 9. Oktober, teilte die iranische Regierung mit, daß Generalstabschef Batmanglisch seines Postens enthoben worden sei und demnächst als Botschafter nach Pakistan gehen werde.
Eine Protestnote Molotows und Vorstellungen des sowjetischen Botschafters Lawrentiew bei Premier Hussein Ala wurden in Teheran mit Achselzucken beantwortet: Das hastige Einsteigen des Sowjetblocks in das ägyptische Waffengeschäft habe einem neutralen indischiranisch-ägyptischen Bund im letzten
Augenblick den Boden entzogen. Man könne in Moskau nicht gut erwarten, daß der Iran sich einem Block anschließe, der Waffen aus Ostblockländern beziehe und dessen Neutralität mithin nur scheinbar sei. Eine so ausgesprochene Herausforderung der USA könne sich der Iran nicht leisten.
Den Inhalt des Gesprächs unter vier Augen, das am 4. Oktober zwischen Ministerpräsident Hussein Ala und US-Botschafter Chapin geführt worden war, enthüllte am 18. Oktober Hussein Alas Kriegsminister, General Vosuq. "Der Beitritt des Iran zum Nahost-Pakt", sagte er, "hat die Moral der Armee sehr günstig beeinflußt." Er kündigte an, daß die wirtschaftliche Lage des Landes sich nun fühlbar verbessern werde, daß mit einer größeren amerikanischen Militärhilfe zu rechnen sei und daß er - Vosuq - die Absicht habe, die Armee beträchtlich zu vergrößern.
Unter diesen Umständen blieb Molotow nicht viel anderes übrig, als den einmal mit so üblen Konsequenzen beschrittenen Weg weiterzugehen. Unter Moskaus wohlwollender Förderung schloß Ägypten einen Beistandsvertrag mit Syrien, dem in der letzten Woche auch noch ein Pakt mit Saudiarabien folgte (siehe Graphik), der aber - wie die Saudiaraber wissen ließen - das Wahhabitenreich keineswegs hindern soll, unverdrossen weiterhin amerikanische Dollars zu beziehen, und der nach saudiarabischer Ansicht auch keineswegs die USA daran hindern wird, auf saudiarabischem Boden weiterhin den großen Flugplatz Dahran zu unterhalten.

DER SPIEGEL 45/1955
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