09.11.1955

LITERATUR / PEARL S. BUCKHausfrau am Schreibtisch

Heute, nachdem ich zwanzig Jahre lang in einer höchst angenehmen Umgebung gelebt habe", notiert die amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck im Herbst 1953 auf ihrer Farm in Pennsylvanien, "muß ich feststellen, daß ich noch nie einen Amerikaner getroffen habe, der für die asiatischen Verhältnisse auch nur das allergeringste Interesse gezeigt hätte.
"Kein Farmer hat mich je über die chinesische Landwirtschaft oder über die dortigen Ernten befragt, kein Arzt sich je nach den interessanten und in der Tat unschätzbaren Erkenntnissen der chinesischen Medizin erkundigt, keine Hausfrau mich je gefragt, wie die Chinesinnen ihren Haushalt führen, und kein Junge oder Mädchen wollte jemals wissen, wie die Jugend in China lebt. Wenn ich manchmal einen Vortrag in Schulen halte, werden die Kinder zwar von den Lehrern angehalten, Fragen zu stellen, und sie fragen auch - aber sie vergessen im nächsten Augenblick, was sie fragten und was ich antwortete."
Das Desinteresse der Amerikaner an den Problemen der Asiaten, vor allem der Chinesen, über das Pearl S. Buck so resigniert Klage führt, mag ihr in ihren trockenen und sorgfältigen Vorträgen wirklich immer wieder begegnet sein. Sonst aber hat gerade diese Autorin am wenigsten Grund zu der Behauptung, ihre Landsleute interessierten sich zuwenig für ihre Mileus. Seit dem Christenverfolgungsroman des Polen Henryk Sienkiewicz "Quo vadis?", der im Jahre 1896 erschien, hat kein Buch einen solchen Erfolg beim Publikum gehabt wie der China-Roman "Die gute Erde", den Pearl S. Buck im Jahre 1931 veröffentlichte.
Die Auflagenhöhe, die dieses Buch erreichte, ist heute kaum noch exakt festzustellen, jedenfalls erreichte sie mehrere Millionen - in insgesamt zwanzig Sprachen, in die dieses Buch übersetzt wurde. Es brachte der Schriftstellerin im Jahre 1938 obendrein den Nobelpreis für Literatur ein - zu ihrer eigenen, nicht geringen Überraschung (sie erkundigte sich telephonisch in Stockholm, ehe sie die Nachricht glaubte), und auch zur Überraschung der meisten Kritiker, deren Ansicht nach der Nobelpreis besser einem literarisch bedeutsameren Autor zugesprochen worden wäre als einer Schriftstellerin, die mit einigem Gefühlsaufwand vor allem das Bedürfnis weiblicher Leihbüchereibenutzer zu bedienen schien.
Von den 43 Büchern, die Pearl S. Buck geschrieben hat, handeln 27 von China und von Chinesen. Sie haben eine so begeisterte Lesergemeinde gefunden, daß zum Beispiel nicht weniger als zehn von ihnen zu unbestrittenen "Best-Sellern" der jeweiligen Saison wurden. Noch die deutsche rororo-Ausgabe des Romans "Die Mutter" mußte
vom Dezember 1952 bis zum März 1955 in einer Auflage von 150 000 Exemplaren gedruckt werden. Das rororo-Bändchen "Die Frau des Missionars" brachte es in zehn Monaten (vom Januar bis zum November 1954) auf 100 000 Exemplare. Der Auflagenhöhe ihrer Bücher nach ist Pearl S. Buck die erfolgreichste lebende Schriftstellerin. Den Themen ihrer Bücher nach hat sie fortwährend Fragen beantwortet, die nach ihrer Ansicht nie gestellt wurden: Fragen nach China.
Dieses ungeheure und dichtbevölkerte Reich in Ostasien ist eigentlich erst von Pearl S. Buck für die westliche Literatur entdeckt worden. Doch zumindest in einer Hinsicht ist die Resignation der Autorin berechtigt: Diese Entdeckung kam zu spät. Als Pearl S. Buck begann, mit ihren zahlreichen Romanen und Erzählungen für das einfache Leben der Chinesen zu werben, um Verständnis für die uralte Kultur und die Weisheit dieses Volkes zu bitten und ihrem Lesepublikum einen Begriff davon zu geben, was China ist und wie es ist, da hatte "der weiße Mann" den Kampf um den volkreichsten Staat der Welt bereits hoffnungslos verloren.
Das redselige, endlose und tapfere Plädoyer dieser Frau für ihre zweite Heimat, für China, blieb ein verzweifelter, aussichtsloser, verspäteter Versuch, zwei grundverschiedene Welten miteinander auszusöhnen. Die europäischen Großmächte - England, Frankreich, Rußland und Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. - hatten unter allen möglichen Vorwänden Chinas Küste "wie eine Melone" unter sich aufgeteilt. Was ihre Kanonenboote und Expeditionsheere unter den völlig unbewaffneten und friedlichen Chinesen anrichteten, konnte eine Frau allein nicht wiedergutmachen, und ebenso wenig konnten ihre Bücher verhindern, daß die Wirtschaft der Großmächte sich, notfalls mit Gewalt, Absatzmärkte eroberte und sie verteidigte.
In ihrer Autobiographie, die eben in deutscher Sprache unter dem Titel "Mein Leben - meine Welten"*) erschienen ist, muß Pearl S. Buck bestätigen, daß sie ihr Ziel nicht erreicht hat: "Ich, die ich in zwei Welten aufgewachsen bin, in der christlichen mit ihrer Lehre, daß Liebe und Brüderlichkeit im Leben herrschen müssen, und in einer anderen, noch gütigeren, nämlich dem chinesischen Glauben, daß alles Leben heilig und daß es böse ist, auch nur ein Tier zu töten (und um wieviel mehr einen Menschen!) - ich stehe jetzt vor der tragischen Wahrscheinlichkeit, daß meine Söhne sowohl die christliche wie die asiatische Lehre verleugnen müssen. Sie müssen ihren Militärdienst ableisten und vielleicht gegen ein asiatisches Volk kämpfen, das ich liebe und bewundere und dem ich tiefen Dank schulde.
"Ich kann das nicht mehr verhindern, obschon es früher in Asien und später noch hätte verhindert werden können. Aber jetzt ist es vielleicht zu spät, da nicht wir es sind, die in Asien gewonnen haben, obwohl das möglich gewesen wäre, wenn wir die Natur der dortigen Völker verstanden hätten."
Als anerkannte Expertin für chinesische Mentalität braucht Pearl S. Buck sich nicht zu scheuen, die Gründe für diese bedauerliche und gefährliche Entwicklung zu nennen: "Die Chinesen sind als Nation und als Individuum ein stolzes und neidisches Volk, sie haben nie gern äußere Überlegenheit anerkannt und nie daran geglaubt, daß es Menschen geben könnte, die ihnen überlegen wären. Diese Tatsache erklärt zum Teil die jetzige amerikafeindliche Stimmung.
"Dazu kommt die Haltung von Missionaren, Händlern, Diplomaten und vielen anderen Weißen, die sich bewußt oder unbewußt als den Chinesen überlegen betrachteten, so daß sich seit mehr als einem Jahrhundert in den Herzen der Chinesen eine schwelende Wut ansammelte, und diese geheime Wut, welche die Weißen nicht erkennen konnten oder wollten, ist der Hauptgrund, warum Tschiang Kai-schek sein Land verloren und die Kommunisten es gewonnen haben. Wäre er klug gewesen, seine anti-westlichen Gefühle offen zum Ausdruck zu bringen,
dann hätte er die Führung wahrscheinlich behalten können. Aber er hat geglaubt, sich mit Unterstützung der Amerikaner durchsetzen zu können - und das konnte ihm sein Volk nicht verzeihen. Und so ergriff, traurig genug für uns, Mao Tse-tung die Gelegenheit, die Tschiang verachtete - und die Dynamik der Geschichte richtet sich heute gegen uns."
Aber Pearl S. Buck müßte ihr ganzes missionarisches und immer lehrerinnenhaftes Wesen verleugnen, wenn sie nicht auch noch jetzt, da die Vereinigten Staaten wahrhaftig wenig Chancen haben, sich beim kommunistischen China Liebkind zu machen, einen Ausweg wüßte. Sie ist Amerikanerin genug, um zu glauben, daß sich mit "goodwill", mit gutem Willen und einer vernünftigen Aussprache über die Standpunkte nahezu jedes Problem lösen läßt. Wenn sich zur rechten Zeit - so glaubt sie - nur ein paar so rechtschaffene Leute wie ihr amerikanischer Großvater mit ein paar Chinesen von der Weisheit ihres Hauslehrers Kung zusammengesetzt hätten, dann "hätte alles, was geschehen ist, nicht zu geschehen brauchen".
Weil nun aber Pearls Lehrer Kung mit ihrem patriarchalischen Großvater niemals zusammengekommen ist, muß wohl oder übel die Autorin Pearl S. Buck selbst den Weg weisen, der ihrer Ansicht den Amerikanern auch heute noch offen bleibt: "Was können denn die Amerikaner tun? Sie müssen die Geschichte neu lesen. Sie müssen den Asiaten beweisen, daß man nicht sie allein für die ehemals begangenen Fehler verantwortlich machen kann, an denen wir verhältnismäßig unschuldig sind. Amerikanische Soldaten dürfen nicht sterben, weil England einmal Indien regierte, in China die drei Opiumkriege gewann und dem Volk eine existenzvernichtende Steuer auferlegte - oder weil ein Engländer Japan erlaubte, in der Mandschurei festen Fuß zu fassen*) und von dort einen imperialistischen Krieg zu führen. Auch sollte man von den Amerikanern nicht verlangen, die schon lange drückende und nun unerträglich gewordene Bürde Frankreichs in Indochina zu übernehmen. Wir müssen Asien erst einmal beweisen - und wir werden genug damit zu tun haben - , daß wir nicht so sind, wie es andere Weiße waren."
Damit ist Pearl S. Buck wieder genau bei der Hoffnung angelangt, mit der sie sich als Kind jedesmal tröstete, wenn sie in China auf eine allgemeine Feindschaft gegen die Weißen stieß: daß nämlich die Chinesen im Ernstfall zwischen den Vertretern der aggressiven europäischen Großmächte und den damals neutralen, auf keinerlei territorialen Besitz erpichten Amerikanern zu unterscheiden verstehen würden.
Das Mädchen Pearl, am 26. Juli 1892 in den Vereinigten Staaten als Tochter des Amerikaners Absalom Sydenstricker geboren,
wurde bereits im Alter von drei Monaten nach China gebracht. Vater Sydenstricker hatte sich vorgenommen, am Jangtse Chinesen zum christlich-presbyterianischen Glauben zu bekehren - eine Aufgabe, die seine Tochter Pearl ihr Leben lang zwar mit Respekt, aber auch mit äußerster Skepsis beobachtete.
Pearl wuchs in China auf, "in einer doppelten Welt, der kleinen, weißen, äußerst sauberen presbyterianisch-amerikanischen Welt meiner Eltern und der großen, freundlichen, nicht gar so sauberen chinesischen Welt, und zwischen beiden gab es keine Verbindung. Wenn ich in der chinesischen Welt war, war ich Chinesin, ich sprach chinesisch und benahm mich wie eine Chinesin, ich aß wie die Chinesen und teilte ihre Gedanken und Gefühle."
Es scheint, als teilte sie diese chinesischen Gedanken und Gefühle auch dann noch, wenn sie wieder im Elternhaus war. Denn das Mädchen hatte ziemlich bald erkannt: Diese Missionare von der Art ihres Vaters hatten den Chinesen im Grunde nicht viel mehr zu bieten, als ihre gute, religiöse Absicht. "Jedesmal, wenn mein Vater seine Lehre verkündete, hatte ich ein unbehagliches Gefühl und dachte mir: wenn er doch nur still wäre und lieber vorlebte, was er predigte ..." Mit erstaunlichem Scharfsinn kommt die junge Pearl schon in ihrer Kindheit dahinter: "Diese Missionare waren dort, um ihr eigenes religiöses Bedürfnis zu befriedigen ...", und der Erfolg war denn auch außerordentlich gering. Als Kind hütet sich Pearl, ihre
zahlreichen chinesischen Freundinnen mit zu sich in ihr Elternhaus zu nehmen: "Ich konnte meine Freunde nicht in den Glutofen seines (des Vaters) Geistes werfen. Würden sie nicht Mißtrauen gegen mich haben, wenn ich sie in seine Gewalt brachte ...?"
Nein, diese Pearl Sydenstricker, der aller presbyterianischer Eifer des Vaters ziemlich peinlich ist, weil sie erkennt, wie unangemessen er sich vor dem Hintergrund einer jahrtausendealten Kultur ausnimmt, hat sich längst für die weniger saubere, aber mit tiefer Weisheit gesättigte Welt der Chinesen entschieden. Sie findet nahezu alles, was sie dort antrifft, klüger, besser, geschickter, richtiger als das, was sie in den Vereinigten Staaten, in Rußland oder in Europa zu sehen bekommt, und sie wird es ihren Lesern in Dutzenden von Romanen und Erzählungen immer wieder vorrechnen.
Dabei hält sie sich mit Vorliebe an die "weiblichen" Themen, an Hausarbeit, Heiraten und Kindererziehung. Die primitiven Haushaltsgeräte der Chinesenfrauen halten zum Beispiel nach ihrer Ansicht durchaus einen Vergleich mit modernen, mechanisierten amerikanischen Kücheneinrichtungen aus. Mehr als das, die Technik ist sogar unterlegen: "Daheim in Pennsylvanien besuchte ich vor einiger Zeit eine Nachbarin, eine junge Farmersfrau. Es war früh am Nachmittag, und ich hatte gerade eine halbe Stunde übrig. Ich ging gleich in die Küche, weil das dort so Brauch ist. Die große Küche war hochmodern
eingerichtet, ich sah eine Waschmaschine, einen elektrischen Trockner und eine Mangel, zwei Tiefkühler, einen großen Kühlschrank, einen elektrischen Herd und einen Abfallschacht. Mit solchen Helfern war ihr Tagewerk schnell erledigt." Frau Buck verabschiedet sich bald, und die Nachbarin seufzt: "Oh, ich dachte, Sie würden den ganzen Nachmittag bleiben. Nach dem Essen langweile ich mich immer so entsetzlich, weil ich gar nichts mehr zu tun habe."
Frau Buck aber weiß: in China ist das besser. "Ich dachte an chinesische Bauersfrauen, die ihre Wäsche an den Dorfteich bringen und sie lachend und plaudernd mit einem Holzschlegel auf einem flachen Stein klopfen - ein langes, mühsames Verfahren; aber langweilig war es ihnen dabei bestimmt nicht."
Haben es aber die chinesischen Frauen besser als die amerikanischen, weil sie zuwenig Zeit haben, so sind die chinesischen Kinder gegenüber den amerikanischen ebenfalls besser dran, weil sie nämlich - umgekehrt - zuviel Zeit haben. "Wie bedrückt es mich heute", argumentiert Pearl S. Buck, "daß das Leben meiner Kinder mit Schule, Sport und gesellschaftlichen Veranstaltungen jeder Art bis zum Rande vollgestopft ist. Sie haben keine Gelegenheit, die Freuden langer Tage auszukosten, die man selbst mit Inhalt füllen muß und an denen man nur das zu tun braucht, was man gern tut."
Pearl traf als Kind "oft Leprakranke, deren Fleisch bis auf die Knochen weggefressen war, und ich sah tote Kinder am Wege liegen, an denen wilde Hunde nagten". Kaum einer möchte aus solchem Anblick noch erbaulichen Nutzen ziehen - doch da er sich in China bot, findet Frau Buck auch da noch etwas Positives heraus: "Ich kann mich nicht erinnern, daß mich diese Bilder ... in schlechtem Sinne beeinflußt hätten. Die Toten lehrten mich, sie nicht zu fürchten, und mein Herz schlug um so zärtlicher für sie, wenn ich die
Hunde, so gut ich konnte, wegjagte. Es ist besser, wenn man früh die unvermeidlichen Tiefen des Lebens kennenlernt, denn dann nehmen Leiden und Tod ihren richtigen Platz ein, und man fürchtet sich nicht."
Wirklich hat Pearl ziemlich furchtlos einen der lebhaftesten Abschnitte der jahrtausendealten chinesischen Geschichte aus nächster Nähe miterlebt: Zunächst den Zusammenbruch der seit 1644 währenden Herrschaft der Mandschu-Dynastie. Die weitverzweigte Familie der Mandschus - aus der benachbarten Mandschurei stammend - war den Chinesen nie sympathisch gewesen. Aber mit der ungeheuren Geduld der Asiaten hatten die Chinesen sich entschlossen, darauf zu warten, daß die unerwünschte Fremdherrschaft eines Tages auch ohne ihr Zutun zu Ende gehen würde.
Das geschah im Jahre 1912. Schon um diese Zeit hat die 20jährige Pearl durchaus eigene, richtigere Ansichten über politische Angelegenheiten als die Diplomaten, deren Beurteilung des Problems China sich als ein katastrophaler Irrtum erwies. Pearl sieht die Welt mit dem prüfenden Blick einer guten, vernünftigen Hausfrau, die weiß, wie man einen schlechtgelaunten Ehemann behandelt:
"Ich kannte die Mandschus, denn jede bedeutende Stadt hatte ein besonderes Wohnviertel für sie. Es lag am Rande der Stadt, und eine hohe Mauer umgab alle Mandschu-Häuser. Am Eingangstor standen chinesische Wachen, und ohne ihre Erlaubnis durfte niemand eintreten. Es war dies aber keine Einsperrung, sondern der Grund war die Tatsache, daß alle Mandschus besonderen Schutz brauchten, weil sie mit dem Kaiserhaus verwandt waren und daher zur höheren Beamtenschaft gehörten. Dennoch war es etwas wie ein luxuriöses Gefängnis - es war die chinesische Art, mit Feinden fertig zu werden ...
"Man hätte denken können, daß den Chinesen nichts lieber wäre, als sich erobern zu lassen. Unter dem Vorwand,
ihnen größere Bequemlichkeit zu bieten, überredeten sie die Mandschus, in einem besonders angenehmen Stadtviertel zu wohnen und sich durch Leibwachen gegen aufrührerische Bürger schützen zu lassen. Dadurch wurden sie abgesondert - und da man sie noch dazu ermunterte, ja nicht zu arbeiten, wurden die lästigen Regierungsgeschäfte bald von Chinesen erledigt ..."
1912 ruft der missionarische Reformer Sun Jat-sen die Republik China aus - genauer: Er liest davon, daß er es getan haben soll, während er in einem Eisenbahnabteil durch die Vereinigten Staaten fährt, und beeilt sich, nach China zurückzukehren. Während dieser Zeit besucht Pearl ein College in den USA und reist erst 1914 nach China zurück, um ihre Mutter zu pflegen, die inzwischen von einer unheilbaren Tropenkrankheit befallen worden ist.
1917 heiratet Pearl Sydenstricker einen jungen Amerikaner, John Lossing Buck, der damals als "landwirtschaftlicher Fachberater" im Dienst der presbyterianischen Missionsgesellschaft arbeitet und später an der Universität Nanking Agrarwissenschaft lehrt. Die Ehe, die siebzehn Jahre dauert, wird nicht glücklich. Daß sie überhaupt zustande kam, erläutert Pearl Sydenstricker-Buck heute nüchtern so: "Mein Entschluß zu heiraten, kann nur mit den weisen Worten des biblischen Predigers erklärt werden, die besagen, daß für jeden einmal die ''Zeit zum Heiraten'' kommt. Wenn im Leben eines gesunden, normalen Menschen diese Zeit kommt, ist eine Heirat mit der am ehesten in Betracht kommenden, in erreichbarer Nähe befindlichen Person nachgerade unvermeidlich."
Es ist deutlich, daß Pearl S. (von "Sydenstricker") Buck alle Probleme, die privaten wie die politischen, mit der gleichen, etwas humorlosen Gründlichkeit betrachtet. Aber sie drückt sich nie davor, nach den Ursachen zu fragen. Es ist eine Gewohnheit ihrer "weiblichen Natur", sich in Haushaltsarbeit und Gartenbestellung zu stürzen, wenn irgendwelche geistigen Probleme vor ihr liegen, die sie auf den ersten Anhieb nicht lösen kann. Sie ist eine ausgezeichnete Hausfrau, sie kann vorzüglich kochen, versteht sich auf Blumenpflege, entwirft und bastelt Möbel. Ihr scheint das Leben vollkommen durchschaubar, wenn man sich nur die Mühe macht, überall nach den Gründen zu fragen und sich vernünftig zu verhalten. Zu dieser Vernunft gehört, daß es in der Welt Liebe, Freiheit und Arbeit geben muß.
Da Pearl an den Chinesen die ältere Kultur bewundert, muß ihr die Arbeit ihres Mannes etwas lächerlich vorkommen: "Ich muß gestehen, daß ich mich oft im geheimen gefragt habe, was denn ein junger Amerikaner die chinesischen Bauern lehren konnte, die seit Generationen dieses Land bestellten und durch geschickte Düngung und Bewässerung ganz ohne moderne Maschinen außerordentliche Erträge erzielten."
So wirr die Zeiten in China werden - nach dem Tode des revolutionären Sun Jat-sen (1925) übernimmt dessen Schüler Tschiang Kai-schek, in Moskau strategisch vorgebildet, die militärische Führung - , dem aufmerksamen Blick dieser "eingefleischten Nestbauerin" Pearl S. Buck entgeht es niemals, wenn beim Zusammenprall zwischen der chinesischen und der "weißen" Kultur die Chinesen überlegen bleiben: "Auch die Missionsschulen leisteten
einen starken Beitrag zu der Revolution. Die Missionare liebten die Auffassung nicht, daß sie dazu beitrugen, China ins Chaos zu stürzen - aber sie taten das trotzdem. Das lag nicht nur daran, daß sie ... westliche Fächer wie Physik und Mathematik anstatt der klassischen künstlerischen und literarischen Themen der chinesischen Schulen lehrten. Nein, ausschlaggebend war die Tatsache, daß sie die revolutionären und welterschütternden Grundsätze Christi verbreiteten. Sie waren in der Atmosphäre des Westens aufgewachsen, wo die Kirchenmitglieder die Lehre Christi nicht wörtlich nehmen, sondern sie nur insoweit befolgen, als sie in das Gesamtgefüge ihrer Gesellschaft hineinpassen. Die realistischen Chinesen jedoch trachteten danach, die Religion praktisch zu verwirklichen, und das hatte oft wahrhaft umstürzende Folgen."
Zu dieser Zeit hatten die Weißen in China noch besondere Rechte. Die Behörden durften nicht gegen sie einschreiten, was immer sie etwa unternahmen, nicht einmal wegen eines Mordes durften sie verfolgt werden. Sie genossen samt und sonders eine Art diplomatischer Immunität. Das verstieß nicht nur gegen den strengen Gerechtigkeitssinn der Hausfrau Pearl S. Buck, vielmehr war klar, daß die Weißen eines Tages diese Sonderrechte teuer bezahlen mußten.
Nach dem Tode Sun Jat-sens und bevor Tschiang Kai-schek seine Herrschaft befestigen konnte, hatte es in China noch einmal eine verhältnismäßig harmlose Zeit gegeben, während der sich einige rebellierende Generale jeweils ein Gebiet unterworfen hatten, in dem sie sich als unbeschränkte Herrscher fühlten. "Auch in unserer Gegend", erinnert sich die Autorin Buck an ihren Aufenthalt in Nanking, "kämpften sie gegeneinander. Diese Scharmützel wurden aber nie ''Krieg'' genannt, sondern immer ''Bekämpfung der Banditen''. Denn jeder General erhob den Anspruch, der wirkliche Herrscher zu sein
- der andere war immer der ''Räuberhauptmann''.
"Einige Male im Jahr fand vor unserer Stadt eine kurze, aber beunruhigende Schießerei statt. Wir lernten bald, von den Fenstern wegzugehen und uns in die Ecken zu stellen, wenn die Kugeln über die Dächer pfiffen. Bei Sonnenuntergang hörte es gewöhnlich auf ...
"Wenn wir Glück hatten, brach ein Gewitter aus - dann schlossen die Soldaten Waffenstillstand und zogen sich in ihr Lager zurück, damit ihre Uniformen nicht naß wurden. Die Stadtväter ließen keine von beiden Parteien in der Stadt kampieren. Wenn eine Schlacht drohte, wurden die Haupttore verriegelt, und die Verwundeten durch ein kleines Nebentor hereingebracht. Die fast mittelalterlich anmutende Kriegführung schien oft mehr unterhaltend als gefährlich - vorausgesetzt, daß man sich aus der Reichweite der Kugeln halten konnte. Da die Generale selbst gar nicht auf eine entscheidende Schlacht ausgingen, schlossen sie unter jedem möglichen Vorwand einen Waffenstillstand ab ... Bei einem Essen, bei dem über den Abschluß eines Waffenstillstandes verhandelt werden sollte, blieben manchmal die eingeladenen Gäste ermordet liegen, so daß wenigstens für eine gewisse Zeit wieder Ruhe herrschte."
Ruhe, auch um den Preis einiger Rebellenexistenzen, ist es, was die junge Frau Buck in dieser Zeit vor allem braucht, denn sie hatte ein kräftiges, hübsches Baby bekommen, eine Tochter. Sie glaubt gern, daß dieses Kind auch ungewöhnlich klug sei und, wie die Amme sagt, eine "besondere Bestimmung" habe. Aber als die kleine Carol drei Jahre alt war, konnte sie noch immer nicht sprechen. Freunde beruhigten die Mutter, aber der Trost hielt nicht vor, auch dann nicht, als das Kind schließlich doch einige Worte lernte. Der Geist des Kindes blieb zurück.
Für Pearl S. Buck begann eine lange Reise, wie sie "die Eltern solcher Kinder so gut kennen ... Von der Überzeugung
getrieben, daß es doch irgend jemand geben müsse, der heilen kann, schleppen wir unsere Kinder über die ganze Erde ... Wir verbrauchen alles Geld, das wir haben, und borgen, bis niemand mehr da ist, der uns leiht. Wir gehen zu guten Ärzten und zu schlechten, zu jedem beliebigen, um eines Hoffnungsschimmers willen ..."
Keiner der Spezialisten in verschiedenen Erdteilen konnte dem Kind helfen, ebensowenig wagte jemand, die Hoffnungen der Mutter auszubrennen - bis auf einen deutschen Arzt. Sein harter, aufrichtiger Rat beendete die erste Odyssee der Pearl S. Buck: "Dieses Kind wird ... niemals älter sein als vier Jahre - im besten Fall ... Trachten Sie einen Platz zu finden, wo es glücklich sein kann - und leben Sie Ihr eigenes Leben."
Nun begann die zweite Wanderschaft, nicht mehr von Arzt zu Arzt, sondern von Heim zu Heim. Statt der Heilung suchte Pearl S. Buck nun einen Ort, an dem sich ihr Kind, so wie es war, zufrieden fühlen sollte, und an dem es auch später, möglicherweise nach dem Tod der Mutter, von niemand verachtet oder überfordert werden würde.
Der Weg führte über abscheuliche Pflegestätten, in denen Kinder vom Fußboden aßen, dumpf herumhockten oder auch lieblos abgerichtet wurden. Schließlich fand sich aber eine Anstalt, deren freundlicher, einsichtiger Leiter den Kindern ihre Arbeiten und Freuden richtig zumißt. Hier ist "Das Kind, das nie erwachsen wurde"**), das heute über dreißigjährige Kind der Pearl S. Buck, unter geeigneten Erziehern und passenden Gefährten glücklich geworden. Es sortiert seine Schallplatten und bevorzugt Beethovens Symphonien. Es läuft gern Schlittschuh und spielt im Sand. Jenseits des Intellekts entwickelt diese Tochter Carol menschliche Tugenden: "... Grausamkeit kann sie nicht ertragen. Wenn in ihrem Pavillon ein Kind schreit, beeilt sie sich nachzusehen, warum; und wenn das Kind von einem anderen geschlagen wurde oder eine Pflegerin zu rauh war, weint sie laut und geht auf die Suche nach der Hausmutter. Sie ist dafür bekannt, daß sie Angreifer zurückzustoßen weiß. Ungerechtigkeiten wird sie nicht ertragen."
Am 27. März 1927 geschieht dann, was Pearl S. Buck seit zwanzig Jahren befürchtet hat: Es ist wieder einmal Revolution - und dieses Mal jagen kommunistische China-Soldaten auch die Weißen. "Der Alptraum meines Lebens ist Wirklichkeit geworden. Wir sind in Lebensgefahr, weil wir Weiße in einer chinesischen Stadt sind ... Unser ganzes Leben lang waren wir freundlich zu den Chinesen - doch heute gilt das nichts. Heute leiden wir deretwegen, die wir nie gekannt haben: Um der Angreifer, der Imperialisten, der weißen Männer aus Europa und England willen, welche die Kriege begannen, Hand auf die Beute legten, Anspruch auf das Land erhoben, die ungerechte Verträge schlossen und auf exterritorialen Rechten beharrten - die Erbauer des Weltreichs. Ach, ich habe immer Angst vor diesen weißen Männern gehabt, denn sie waren es, die uns alle in Asien verhaßt machten!"
Chinesische Freunde verbergen die Gehetzten. Die halbe Stadt kommt in das ärmliche Versteck, alle befreundeten Chinesen
erklären, es tue ihnen leid, was draußen geschehe. Aber erst der Geschützdonner eines US-Kanonenboots auf dem Jangtse bringt die Rettung. Die Bucks gehen für ein Jahr nach Japan und kehren dann in den Halbfrieden des Tschiang Kai-schek-Reiches zurück.
Doch das ruhige China-Leben ist zu Ende. China bleibt nun ein Land der Unruhe und der Kriege, und Pearl S. Buck urteilt heute über Tschiang Kai-schek ebenso hart wie über seine kommunistischen Gegner: "Ich habe keine Erinnerungen an Frieden unter Tschiang Kai-schek. Er stand schwierigen Problemen gegenüber und war durch seine Erziehung nicht vorbereitet, sie zu lösen. Er war Soldat, hatte die Denkweise eines Soldaten und war weder von Natur noch durch Erfahrung zum zivilen Staatsmann einer Republik geeignet.
"Ich lese, daß heute der alte Tiger früh aufsteht und betet. Nun, er wird alt ... Tief in den Herzen der Chinesen gelten noch immer die alten Anschauungen. Und vor langer Zeit hat Konfuzius gelehrt, daß nur friedliche Wege ehrenvoll sind und daß der höhere Mensch nicht kämpft und tötet, sondern zuerst sich selber, dann seinen Haushalt und schließlich in Weisheit sein Volk regiert."
Nach dem Tode ihrer Mutter begann Pearl S. Buck, Bücher zu schreiben. Das erste - über ihre Mutter - ist eigentlich nur für die Familie bestimmt, es erscheint erst viel später unter dem Titel "Die Frau des Missionars". Aber im Jahre 1929, als sie für ihr krankes Kind in den USA ein Heim findet, erfährt sie, daß sich ein Verlag bereit gefunden hat, den Roman "Ostwind - Westwind" zu drucken. Sogleich macht sie sich daran, das nächste Buch zu
schreiben - ihr bestes: den Roman "Die gute Erde".
Noch kann sie einige Zeit in China leben, zumal sie bei ihren Besuchen in den Vereinigten Staaten merkt, daß auch in ihrer Heimat nicht alles nach ihrem Wunsch ist: "Tschiang Kai-schek handelte nach bestem Wissen, nur war eben sein Wissen zu gering. Ich weiß nicht, ob Unwissenheit ein Verbrechen sein kann. Wenn ja, dann sind viele in dieser Welt schuldig - und ich sehe sie auch hier, in meinem eigenen Land, auf hohen Posten."
Aber sie merkt, daß die Zeit für die Weißen in China mit Eilschritten zu Ende geht. Im Jahre 1931 stirbt ihr Vater, im selben Jahre beginnen die Japaner, zunächst die Mandschurei, später Nordchina und die chinesische Küste zu erobern. 1934 sieht Pearl S. Buck: "Ja, es war Zeit für mich, China für immer zu verlassen, denn früher oder später würden es alle Weißen verlassen müssen. Die Geschichte war zu weit fortgeschritten, ein Zusammenbruch noch zu meinen Lebzeiten unvermeidlich. Hätte ich auf irgendeine Weise helfen können, ihn zu verhindern, so wäre ich dageblieben."
Aber es gab diese Möglichkeit nicht, und so kann sich Pearl S. Buck zunächst darum kümmern, ihre privaten Angelegenheiten zu ordnen. Sie fährt nach Reno, um sich scheiden zu lassen. Sie läßt es sich nicht nehmen, auch diesen Schritt mit der ihr eigenen, trockenen Hausfrauenvernunft zu begründen: "... Die moderne Psychologie neigt zu der Auffassung, daß man zwei Menschen nicht zu einer körperlichen Gemeinschaft zwingen darf, wenn sich ein Gedanken- und Gefühlsaustausch als unmöglich erwiesen hat."
Sie heiratet Richard J. Walsh, den Vorsitzenden der Verlagsgesellschaft John Day,
die fast alle Buck-Romane verlegt, und macht sich unverzüglich wieder an den Nestbau. Zu dem einen Mädchen Janice, das sie bereits in China adoptiert hatte, adoptiert sie vier weitere Säuglinge.
China bleibt das Land ihrer Sehnsucht und ihr unverhohlenes Vorbild. Einige Jahre nachdem sie sich eine Farm in Pennsylvanien gekauft hat, baut sie sich in Vermont ein Haus ganz nach ihrem Geschmack: "Wasser muß von unten aus dem Bach geholt werden, Petroleumlampen sind zu reinigen und aufzufüllen, und ein Telephon wird es nie geben. Ich koche unsere Mahlzeiten auf einem natürlichen Herd, was für mich das ideale Kochen ist."
Diese Frau ist von der Kultur und den Lebensgewohnheiten Chinas so beeindruckt, daß ihr Blick für alles andere zeitweilig getrübt wird. Im Jahre 1932 geht in New York die Weltwirtschaftskrise vorüber, ohne daß Pearl S. Buck, die dort zu Besuch ist, irgend etwas davon merkt: Sie ist von China her den Anblick von Bettlern so gewohnt, daß ihr das Elend der Amerikaner überhaupt nicht auffällt.
In nahezu jeder Hinsicht scheinen ihr die Chinesen den Amerikanern überlegen zu sein. Daß die Chinesen zum Beispiel ihre Kinder ganz unglaublich verwöhnen, ist gut - denn so verlieren die Kinder allmählich ganz von selbst den Spaß daran, ihren Willen trotzig und bockig durchzusetzen. Daß in China die Eltern ihre Kinder verheiraten, daß die Sippen unter allen Umständen zusammenhalten - wieviel Steuern spart das! "Es sind keine Waisenhäuser nötig, keine Altersheime, keine Anstalten für die Blinden, die Geisteskranken und die geistig Zurückgebliebenen."
Nach dem Geschmack der Autorin Buck erweist sich diese Überlegenheit der Chinesen sogar noch auf solchen Gebieten, auf denen man sie am allerwenigsten vermutet hätte. Die Rosen in China zum Beispiel "blühten zu Hunderten, denn der Gärtner düngte sie jeden Morgen mit
menschlichem Dung, dem besten Dünger, den es gibt. Es ist mir unverständlich, daß die Schätze, die in den städtischen Kloaken verborgen sind, nicht einem nützlichen Zweck zugeführt werden. Ich besuchte vor einigen Jahren eine Ausstellung in New York, auf der ein Modell der unterirdischen Kanalisation der Stadt zu sehen war. Es war eine schreckliche Entdeckung für mich, daß unschätzbare Werte in Kläranlagen und von dort ins Meer geleitet werden und daß also jenes Material, das für die Fruchtbarkeit der Erde so kostbar ist, einfach verschwendet wird. Ich konnte diese Torheit gar nicht fassen!"
China bleibt das große Thema dieser Autorin, und nacheinander empfängt nun ein seit der "Guten Erde" immer größer werdender Leserkreis Jahr für Jahr ihre China-Bücher, unter ihnen "Die Mutter" und "Das geteilte Haus". Pearl S. Buck arbeitet intensiv und schnell, für die Niederschrift der "Guten Erde" brauchte sie nur drei Monate. Sie bekennt: "Ich gehöre zu jenen unglücklichen Geschöpfen, die nur im Gleichgewicht sind, wenn sie gerade schreiben, eben etwas geschrieben haben oder etwas zu schreiben beabsichtigen." Alle diese Bücher - Romane, Erzählungen, Erlebnisberichte - sind wohlgemeint, herzlich, vernünftig und mitunter gefühlvoll.
Ihr ungeheurer Erfolg beim Publikum, vor allem bei Frauen, ist wohl damit zu erklären, daß dieses von Pearl S. Buck geschilderte einfache Leben einer heimlichen Sehnsucht entgegenkommt. Liebe, Arbeit und Gerechtigkeit, eine nie versagende Höflichkeit und immer die gleichen urmenschlichen Sorgen: Hunger, Krankheit und Tod - das bewegt die Welt, die von dieser Autorin geschildert wird. Es ist eine asiatisch-fremde, aber freundliche und naiv-liebenswerte Welt, malerischer und vertrauter als die kalte Großstadt-Anonymität,
der sich die meisten Leserinnen ausgeliefert fühlen.
Die Herzlichkeit und Vernunft dieser Bücher ist unverkennbar, aber über ihren literarischen Wert gehen die Urteile auseinander. Der prominente amerikanische Literaturkritiker Heywood Broun bemerkt: "Frau Buck hat jede Eigenschaft, die eine wirklich große Erzählerin braucht - mit einer Ausnahme: ich finde nicht, daß sie gut schreibt."
Broun ist nicht der einzige, der sich so äußert. Aber Pearl S. Buck kennt selber ihre Grenzen. Bei einem PEN-Club-Essen erläuterte sie schon 1938 in einer Rede, daß in China der Geschichtenerzähler nicht für einen Dichter gehalten werde. "Ich erklärte, daß meine Romane nur Geschichten seien, welche die Leute unterhalten und ihnen vielleicht eine schwere Stunde leichter machen sollten."
Dem Schriftsteller Sinclair Lewis, ebenfalls Nobelpreisträger, paßte diese Rede nicht. Er sagte hinterher zornig: "Sie dürfen sich nicht verkleinern, ebensowenig dürfen Sie Ihren Beruf herabsetzen. Ein Romancier hat eine große Aufgabe. Er darf nie darauf achten, was die Leute sagen. Mich würde schon die Tatsache, daß man im Zusammenhang mit Ihnen immer von der ''Guten Erde'' spricht, zur Verzweiflung bringen - die Leute tun so, als wäre es das einzige Buch, das Sie geschrieben haben. Aber lassen Sie die Leute nur reden, kümmern Sie sich gar nicht um sie!"
Pearl S. Buck könnte ihren Kritikern auch antworten, daß sie einfach zu wenig Zeit zum Schreiben hat. "Ich bin eine eingefleischte Nestbauerin, es ist gleichzeitig mein Vergnügen, meine Erholung und meine Belastung. Wäre ich ein Mann, so
wären meine Bücher in Muße geschrieben worden, behütet von einer Frau, einer Sekretärin und verschiedenen Hausangestellten. Da ich aber eine Frau bin, entstand mein Werk zwischen den Anstrengungen, ein Heim aufzubauen."
Was sie zwischen diesen Anstrengungen, ein Heim aufzubauen, dann zu politischen Fragen äußert, klingt zuweilen etwas zu sehr nach simpler Hausfrauenlogik. Die Frage des deutschen Nationalsozialismus etwa löst sich ihr so: "Die Deutschen waren ein gebildetes Volk. Ihr Bildungsstand war durchschnittlich höher als bei uns. Trotzdem fiel Deutschland Hitler anheim, hauptsächlich wohl, weil Deutschland so klein ist, daß es physisch durch einen einzigen Mann und seine Anhänger beherrscht werden kann."
Nur ein China-Kenner wird es sich leisten dürfen, auf solche Art das Problem des totalitären Staates zu lösen. Sobald aber die Fragen, um die es geht, irgend etwas mit China zu tun haben, kann Pearl S. Buck tatsächlich überraschende und wahrscheinlich zutreffende Hinweise geben. So erklären sich der Schriftstellerin manche Greuel, die angeblich amerikanischen Kriegsgefangenen in Asien zugefügt wurden, auf eine recht natürliche Weise: "Die durchschnittliche Tagesration eines chinesischen Arbeiters würde einem eßlustigen Amerikaner als elende Hungerration vorkommen, und endlose Meilen unter einer schweren Last auf harten Straßen zu gehen, ist für viele Asiaten eine Selbstverständlichkeit." So werden manche "Grausamkeiten" zu einer Frage des unterschiedlichen Lebensstandards.
Als sie schon über die Fünfzig hinaus ist, muß sich Frau Pearl, deren fünf Adoptivkinder inzwischen zu erwachsenen Menschen
heranwachsen, noch einmal generell mit der Adoptionsfrage beschäftigen. In der Autobiographie, die seit einigen Tagen auch in den deutschen Buchhandlungen ausliegt, erläutert die mütterliche Autorin: "Bestimmt hatte ich nicht daran gedacht, eine Kinder-Adoptionsvermittlungsstelle in den Vereinigten Staaten aufzumachen, noch dazu im Alter von fünfzig Jahren. Aber genau das tat ich."
Anlaß dazu war, daß sich für ein Waisenkind, das von einem ostindischen Vater und einer amerikanischen Mutter stammte, kein Unterkommen fand. Die Vermittlungsstelle wollte es nicht in einem Negerwaisenhaus unterbringen: "Wir haben kein Vorurteil gegen Neger, zögern aber, den Schultern eines Kindes die Last der Vorurteile aufzubürden, die sie zu tragen haben und die diesem Kind erspart bleiben könnte." Pearl S. Buck nimmt das dunkel gefärbte Baby auf. Wenig später kommt ein kleiner China-Mischling dazu. Unzählige weitere Mischlingskinder, von Vorurteilen zur Heimatlosigkeit verurteilt, gibt es im Lande. Da sie nicht alle im Hause Walsh-Buck leben können, sucht sich Frau Pearl erst in der eigenen Gemeinde, später überall in Amerika Familien, die Halbasiaten adoptieren wollen. So entsteht die "Welcome House Corporation". "Die Kinder von Welcome House verbinden jetzt meine beiden Welten", sagt Pearl S. Buck.
Aber sie ist sehr streng mit der Auswahl der Eltern. Eine adoptionsgewillte Frau fragte zum Beispiel bei einem halbjapanischen Mädchen: "Wird es noch schlitzäugiger werden, wenn es älter ist?" "Mein Herz wurde hart", erinnert sich Frau Pearl. "Diese Frau, so nahm ich mir vor, würde keines unserer Kinder bekommen. Sie mußte die schrägen Augen schön finden - wenn sie das nicht tat, war sie nicht die richtige Mutter. Viele Leute finden solche Augen schön. Das asiatische Blut fügt dem amerikanischen Kind einen sanften Charme hinzu, das ist eine unbestreitbare Tatsache."
Auf solche und ähnliche Art ist Pearl S. Buck während der letzten beiden Jahrzehnte immer mehr eine öffentliche amerikanische Einrichtung geworden. Nicht immer eine bequeme Einrichtung, finden viele Amerikaner. Ihr Urteil über die amerikanischen Erfolge in Asien ist ganz und gar nicht nach dem Geschmack der offiziellen Stellen: "Freilich hatten die Amerikaner, die während des Krieges in China waren, höchst gemischte Gefühle hinterlassen. Die intelligenten und zivilisierten waren gern gesehen und wurden gute Botschafter für ihr Land. Aber viele waren weder intelligent noch zivilisiert ... Sie benahmen sich wie entfesselte Halbwüchsige, tranken zuviel, belästigten Frauen und verhielten sich manchmal wie Verbrecher. Ich erhielt darüber damals direkte Nachrichten von chinesischen Freunden. Ich dachte mir dabei, daß sich Amerikaner und Chinesen nun so kennen lernten, wie sie wirklich waren - als gute und schlechte Menschen."
Politik, Mischlingskinder und die Niederschrift ihrer Autobiographie haben während der letzten Jahre Pearl S. Bucks Romanstrom sehr eingedämmt. Der ihr vor siebzehn Jahren verliehene Nobelpreis lastet mit seiner Qualitäts-Verpflichtung auf jedem Werk, das sie veröffentlicht. Aber für die große Lesergemeinde dieser heute 63jährigen Autorin dürften die letzten Sätze der nun erschienenen Autobiographie wie eine Verheißung klingen: "Frisches Papier liegt auf meinem Schreibtisch und wartet auf das nächste Buch. Ich bin Schriftstellerin und nehme meine Feder zur Hand, um zu schreiben ..."
"Ich war Chinesin" Das ruhige Leben geht zu Ende
*) Pearl S. Buck: "Mein Leben - meine Welten"; Kurt Desch Verlag, München; 514 Seiten; 16,80 Mark.
*) Wahrscheinlich meint Pearl S. Buck den englischen Außenminister Lansdowne, der am 30. Januar 1902 ein Bündnis mit Japan unterzeichnete, das Japan in China (und damit auch in der Mandschurei) die gleichen Rechte auf Handel und Industrie zusicherte wie anderen Nationen.
*) Bei der Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1938.
**) Pearl S. Buck hat ihre Erfahrungen mit diesem Kind für solche Eltern, "die Gleiches oder Ähnliches" erdulden müssen, in einem Buch "The Child who never grew" beschrieben, dessen Ertrag einer Stiftung zufließt. Deutsche Ausgabe: "Geliebtes unglückliches Kind ..."; Paul Zsolnay Verlag, Wien; 85 Seiten; 7,80 Mark.
*) Pearl S. Buck (rechts) mit Pflegerin und Waisenkindern in "Welcome House", dem Heim der von ihr gegründeten "Welcome House Corporation".

DER SPIEGEL 46/1955
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