09.11.1955

BÜRGSCHAFTEN

Das große Sterben

Die Amerikaner drohten

Seit dem Beginn der Kinosaison 1955/56 (1. September) jagen sich in den westdeutschen Filmtheatern die "festlichen Welturaufführungen". Und noch immer surren in den Filmateliers pausenlos die Kameras. Von geschäftigen Verleihern getrieben, streben die Produzenten dem absoluten Produktionsrekord der deutschen Filmgeschichte zu: Bis zum nächsten Sommer sollen 142 Filme abgedreht sein. (Im Deutschen Reich wurden in den letzten Friedensjahren höchstens 100 Filme jährlich hergestellt.)

Um die Produktionstermine einzuhalten, hetzen die zugkräftigen Darsteller von Atelier zu Atelier. Wochenlang hastete beispielsweise Karlheinz Böhm in Autos und Schlafwagen zwischen Eva Bartok in Wien und Romy Schneider in Mariazell hin und her, um abwechselnd bei der Neuverfilmung des "Postmeisters" und bei dem "Sissi"-Film jeweils ein paar Tage und Stunden zu schauspielern: Morgens um 6 Uhr mußte er in Mariazell drehfertig sein. In der darauffolgenden Nacht stand er in Wien von 24 Uhr bis 3 Uhr morgens in russischer Uniform vor der Kamera. Kaum verlöschten die Lampen, da raste er schon davon, um drei Stunden zu schlafen, denn um 6 Uhr sollte er wieder mit Romy Schneider die "romantische Liebe" zwischen der bayrischen Herzogin Elisabeth (Sissi) und dem österreichischen Kaiser Franz Joseph sichtbar nachempfinden.

Erst kürzlich charterte die Real-Film ein Sonderflugzeug, um Böhm für eilige Aufnahmen von Stockholm, wo er im "Schwedenmädel" filmte, nach Hamburg zu holen. Die Jugoslawin Elma Karlowa wirkte zu gleicher Zeit in vier Filmen mit und jagte im Auto, per Flugzeug und mit der Eisenbahn zwischen den Ateliers in Wiesbaden und Berlin und zwischen

Außenaufnahmen in Unterfranken und in Mittenwald hin und her.

Grethe Weiser wird in neun neuen Filmen zu sehen sein, Gerhard Riedmann spielt in sieben Filmen die männliche Hauptrolle. Es gibt kaum einen zugkräftigen oder vermeintlich zugkräftigen Darsteller, der nicht einen Film am Abend um sechs Uhr beendet, um den nächsten morgens um sechs Uhr zu beginnen.

Die Stars wurden - wie die Industriearbeiter in der Hochkonjunktur dieses Jahres - entsprechend teuer. Innerhalb von zwölf Monaten kletterten die Gagen um durchschnittlich fast sechzig Prozent. Dem zuverlässigen Gesetz von Angebot und Nachfrage folgend, stiegen die Drehkosten in den überforderten Atelierbetrieben kräftig mit.

Daß hier ein staatlich subventionierter Wirtschaftszweig seine Projekte unbekümmert ins Geld schießen ließ, merkten zunächst nur die Geschäftsführer der Bürgschaftsgesellschaft für Filmkredite in Frankfurt, die Doktoren Liebig und Baum. Bei ihnen sprachen immer mehr Produzenten und Verleiher vor, die Finanzierungsgarantien für ihre geplanten Filme erbaten. Allein von Januar bis September reichten sie 75 Drehbücher mit der Bitte um Kreditbürgschaften ein.

Es war der letzte Ansturm des "Ausverkaufs", denn die Bürgschaftsaktion der Bundesregierung (SPIEGEL 48/1954) sollte am Jahresende auslaufen. Immerhin waren noch elf Millionen Mark verfügbar gewesen, als der Bundestag im Februar beschloß, die Bürgschaftsaktion am 31. Dezember abzuschließen. Als sie 1950 begann, sollte sie der Filmindustrie den Nachkriegsstart erleichtern und ihr eine solide Geschäftsgrundlage verschaffen.

Denn nach den Angaben ihrer offiziellen Vertreter arbeitet die deutsche Filmindustrie seit Jahren mit einem durchschnittlichen Verlust von 20 bis 25 Prozent. Aber selbst der prominenteste Wirtschaftsprüfer der Bundesrepublik, Dr. Johannes Semler, versuchte bisher vergeblich, eine zuverlässige Enquete über die Kosten- und Ertragslage der Flimmerindustrie durchzuführen. Semler handelte zwar im Auftrage des Produzentenverbandes, dem es um einen glaubhaften Nachweis für die "unverschuldeten und unvermeidbaren Verluste" seiner Mitglieder zu tun war. Dennoch verweigerten die Produzenten und Verleiher dem Wirtschaftsprüfer ausreichenden Einblick in ihre Geschäftsbücher.

Sehr zurückhaltend verhandelten nun Liebig und Baum mit den bürgschaftheischenden Produzenten. Die beiden Geschäftsführer der Bürgschaftsgesellschaft schienen nicht recht zu wissen, wie sie die restlichen Millionen vergeben sollten, ohne ein allzu großes Risiko einzugehen. Liebig hatte die Produzenten schon freundlich gewarnt: Die guten Tage würden wohl bald zu Ende gehen, in denen mit Hilfe der Bürgschaftsgesellschaft "die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert" werden konnten.

Denn auch dem Dr. Liebig waren die demoralisierenden Auswirkungen der Bürgschaftsaktion nicht verborgen geblieben. Die Kredithilfe war fatalerweise darauf angelegt, den Produzenten teures Arbeiten lukrativ erscheinen zu lassen: Die Finanzierungsgarantien liefen darauf hinaus, der aufwendigsten Produktion die größte Einnahme zu sichern, denn der Gewinnanteil des Produzenten wurde prozentual nach den Herstellungs kosten eines jeden verbürgten Films berechnet. Waren die Unkosten hoch, stiegen die Einnahmen des

Produzenten mit, mochte der Film beim Publikum auch noch so gründlich durchgefallen sein. Für Verluste sprang am Ende immer die Bürgschaftsgesellschaft ein.

Nachdem die Bürgschaftsgesellschaft in den vergangenen fünf Jahren 8,5 Millionen Mark verloren hatte, wollte sie so kurz vor dem Ende der Aktion keine weiteren Verluste heraufbeschwören. Was die meisten Bürgschaftskunden drehen wollten, entsprach aber dem Quetschkommoden-Singsang à la "Der fröhliche Wanderer", gehörte also zu einer Klasse von Filmen, für die nicht mehr allzuviel Nachfrage besteht. Immer zäher liefen die Verhandlungen mit den Filmleuten, die um staatliche Zuschüsse für eine Fabrikationsmethode einkamen, von der die Korrespondenz "Filmpress" kürzlich schrieb:

"Die Produzenten filmten drauflos, als ob sie überhaupt nicht wissen, was sie wollen, außer dem verständlichen Bestreben, Geld zu verdienen. Wenn jemand mit einem gutgemachten Film, in dem zufällig die Feuerwehr eine Hauptrolle spielte, ein glänzendes Geschäft gemacht hat, dann meinen unsere Filmexperten, daß jetzt alle Welt Feuerwehrfilme sehen möchte und produzieren ''solche'' auf Teufel komm raus."

Dem akuten Themen- und Ideenmangel entsprang eine Flut von "Remake"-Projekten. Neuauflagen erfolgreicher Vorkriegsfilme, die keineswegs alle ihren Vorbildern gleichkommen, obwohl sie fast ausnahmslos erheblich kostspieliger produziert werden*). In der Bürgschaftsgesellschaft

glaubte man jedoch nicht an überwältigende Erfolge beim Publikum, dem die alten Vorbilder noch immer in verklärter Erinnerung sind. Finanzierungsgarantien für Remakes wurden deshalb fast stets abgelehnt.

Von den großen Verleih-Firmen, die selbst Filme produzieren, erhielt nur die Münchner "Neue Film" eine Bürgschaft über fünf Millionen Mark für eine Staffel von acht Filmen*). Die restlichen sechs Bürgschaftsmillionen wurden nicht mehr vergeben.

Die Bundesminister Erhard und Schäffer reagierten kurz entschlossen auf die Berichte ihrer Referenten, die im Aufsichtsrat der Kreditgesellschaft amtieren. Nach diesen Berichten hatte die Filmindustrie die staatliche Finanzierungshilfe nur benutzt, ihre Produktion gegen alle gebotene Vorsicht radikal auszuweiten. Am 20. Oktober wurde die Bürgschaftsaktion überraschend gestoppt: drei Monate vor dem Termin, den der Bundestag gesetzt hatte.

In Ateliers und Produktionsbüros gingen prompt die Notsignale hoch. Dieselben Produzenten und Verleiher, die die Bürgschaftsgesellschaft jahrelang wegen ihrer eigenwilligen Auswahlmethoden und der rigorosen Einflußnahme auf Drehbücher und Produktion verdammt hatten, trauerten ihr nun in bewegten Protesttelegrammen nach. Eine Wiesbadener Produzentengruppe

schickte ein beschwörendes Fernschreiben an Professor Erhard:

"Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß wir im Vertrauen auf ... die Zusagen der Geschäftsführung der Bürgschaftsgesellschaft ... Verpflichtungen eingegangen sind, durch die wir große Verluste erleiden, wenn die Bürgschaft nicht erteilt wird, und gegebenenfalls einzelne von uns oder alle zum Konkurs gezwungen werden."

Gerade der "frische Wind des freien Marktes", in dem es keine staatlichen Garantien gegen Pleiten gibt, soll aber nun nach dem Willen Ludwig Erhards die Filmwirtschaft kurieren. Produzenten und Verleiher, die sich einem solchen Klima nicht ungeschützt aussetzen wollen, bleiben auf die vorläufig weitergehenden Bürgschaftshilfen der Länder angewiesen.

Das Land Hessen ist inzwischen schon bei vier Filmen des Prisma-Verleihs eingesprungen, die ursprünglich innerhalb einer bundesverbürgten Achterstaffel produziert werden sollten. Der Allianz-Verleih mobilisierte Berliner Bankverbindungen, um vier Filme abzusichern, für die einst ebenfalls eine Bundesbürgschaft in Aussicht stand.

Auch Bayern, Hamburg und Niedersachsen wollen einige Produzenten über Wasser halten, weil sie befürchten, daß andernfalls die mit hohen Festkosten belasteten Atelieranlagen veröden würden. Aber in den Länder-Etats sind jeweils nur wenige Millionen für Filmfinanzierungen vorgesehen.

Die Filmindustriellen beurteilen ihre neue Lage offenbar dennoch nicht allzu

schlecht. Die Arbeiten in den Ateliers gehen unvermindert hektisch weiter. Das Fachblatt der Theaterbesitzer, das "Film-Echo", sorgte sich:

"Ein Mißstand in der Produktion hat einen Mißstand im Verleih zur Folge. Weil die Mehrzahl der deutschen Produzenten ihre Aktivität in den Sommermonaten entfaltet (und in dieser Zeit des Ateliermangels und der Überbeschäftigung aller Filmschaffenden besonders teuer arbeitet), liegen jeweils zu Saisonbeginn unverhältnismäßig viele Filme einsatzbereit bei den Verleihern.

"Und weil offensichtlich die Verleiher nur in wenigen Ausnahmefällen den Mut aufbringen, auf den sofortigen Einsatz eines fertigen Films zu verzichten, so jagen sich in diesen Wochen die Premieren. Da aber weder das allgemeine Filminteresse noch der von eben genossenen Urlaubsfreuden ohnehin geschwächte Kulturetat des Publikums dieser Filmflut gewachsen sind, so müssen sich zwangsläufig die jetzt gestarteten Filme ... mit einem unverdient geringen Besuch begnügen."

Das nicht allein. Auf den herbstlichen deutschen Filmboom treffen nun die ersten der rund 375 aus Amerika und Westeuropa importierten Filme, deren ungehinderte Einfuhr die Bundesregierung trotz massiver Versuche nicht bremsen konnte. Die Amerikaner drohten beispielsweise, daß sie jede Beschränkung ihrer Filmeinfuhren in die Bundesrepublik mit harten handelspolitischen Maßnahmen beantworten würden. So werden denn während der westdeutschen Kinosaison insgesamt 517 neue abendfüllende Spielfilme gezeigt werden.

Nicht alle deutschen Filme werden auf der Oberfläche dieser ungeheuren Schwemme schwimmen. Viele werden mit großen Verlusten untergehen, ohne daß nun diese Einbußen - wie oft in den Vorjahren - von der Bundesbürgschaftsgesellschaft abgefangen werden.

Filmwirtschaftler prophezeien deshalb für das nächste Frühjahr ein großes Sterben kleiner und kleinster Produktionsgesellschaften, bei denen ein einziger Mißerfolg über das Schicksal des Unternehmens entscheidet. Die überlebenden Gesellschaften werden sich dagegen zu größeren Gruppen zusammenschließen müssen, um weiter bestehen zu können. Mithin würde gerade das Ende der Bürgschaftsaktion die strukturelle Konsolidierung der Filmwirtschaft erzwingen, zu deren Verwirklichung die Bürgschaftsgesellschaft eigentlich vor fünf Jahren gegründet worden war.

Auf einer Produzententagung in Hamburg charakterisierte Dr. Johannes Semler die Lage, die Deutschlands Filmproduzenten durch ihre eigene hektische Betriebsamkeit mit Staatshilfe heraufbeschworen haben: "Wenn in der deutschen Filmindustrie ein paar Leute eine Million verdienen konnten, dann haben sie Glück gehabt. Wenn sie diese Million im nächsten Jahr noch besitzen, haben sie eben ein zweites Mal Glück gehabt."

FÜHRER SEINER KLASSE

heißt der zweite Teil des bunten Monumentalfilms, den die ostzonale Defa über den einstigen deutschen Kommunistenchef Ernst Thälmann gedreht hat. Er ist weniger originell und weniger übersichtlich als der erste: Da Thälmann die Zeit von 1933 bis zu seinem Tode 1945 in der Einzelzelle zubringt, strebt die Handlung notgedrungen von dem Titelhelden fort - so männlich konzentriert auch Günther Simon als gefangener "Teddy" gute Bücher liest und prominenten Besuch empfängt,

zum Beispiel Hermann Göring (linkes Bild: Kurt Wetzel). Der Regisseur Kurt Maetzig bewährte sich an einigen Massenszenen, aber die Überzahl politischer Figuren verwirrt: Die Genossen sind kaum auseinanderzuhalten, sie haben fast alle das gleiche kantige, aber gütige Gesicht. Hitler (Fritz Diez) zappelt und geifert wie in den westlichen Filmen, doch er ist diesmal auch im Frack zu sehen - als Gast und Millionenempfänger bei den Ruhrindustriellen (rechtes Bild, r.).


*) Zum Beispiel: "Das Bad auf der Tenne", "Die Drei von der Tankstelle", "Rosenmontag", "Der Kongreß tanzt", "Drei Tage Mittelarrest".*) Das Verleihprogramm der "Neuen Film" enthält folgende deutsche Filme: "Ciske - ein Kind braucht Liebe", "Der Herrscher", "Königswalzer", "Parole Heimat", "Stuart Webbs greift an", "Suchkind 312", "Versuchung", "Wie ein Sturmwind".

DER SPIEGEL 46/1955
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