23.11.1955

VOLKSWAGENWERK / INDUSTRIE40 Stunden sind genug

In diesen Tagen wollen die Spitzenfunktionäre der streitbaren Industriegewerkschaft Metall abermals den Generaldirektor des Volkswagenwerks, Dr. Heinz Nordhoff, in die Zwickmühle nehmen. Sie erwarten von ihm, daß er sich ganz präzis und positiv über die beschleunigte Einführung der 40-Stunden-Arbeitswoche in diesem
einträglichsten bundeseigenen Industriebetrieb äußert.
Den Gewerkschaftsfunktionären ist es ein besonderes Vergnügen, diesem selbstbewußten Industriemanager kräftig zuzusetzen, der noch am 6. August, während der Geburtstagsfeier des millionsten Volkswagens, seine Festrede mit einigen Bemerkungen würzte, die ihm die Gewerkschaften sehr übelnahmen.
Nordhoff erklärte damals: "Durch die ziemlich oberflächlich-demagogische Parole des Gewerkschaftsbundes '40 Stunden sind genug' ist dieses Thema sehr in den Vordergrund gerückt worden ... Auch in den USA hat diese Entwicklung Jahrzehnte erfordert, und es ist nicht uninteressant, daß in der amerikanischen Automobilindustrie in den letzten Monaten nicht fünf, auch nicht sechs, sondern in vielen Fabriken sieben Tage pro Woche gearbeitet wird ..."
Als Liebhaber rhetorischer Extravaganzen flocht Nordhoff dann eine philosophische Betrachtung ein, die den Gewerkschafts-Ideologen besonders mißfiel: "Ich will auch, obwohl das vielleicht nicht populär ist, daran erinnern, daß es auch ein Glück der Arbeit gibt, dessen Befriedigung unendlich viel größer ist als die des Müßiggangs. Sicher wäre ein freier Samstag für viele ein schönes Geschenk, aber für viele auch ein Fluch. Die meisten Menschen leben ohnehin auf der Flucht vor sich selbst, ihnen wird ein fehlender Arbeitstag die Leere noch vergrößern und die trostlose Flachheit, in der freie Zeit vertrödelt wird, noch stärker zutage treten lassen."
Durch diese vom Thema Millionenfeier ziemlich weit abschweifenden Betrachtungen aufgestachelt, rangen die gewerkschaftlichen Vorkämpfer für Arbeitszeitverkürzung dem Generaldirektor schon Ende Oktober das Zugeständnis ab, die 40-Stunden-Woche nach und nach einzuführen. Mit der ausweichenden Erklärung aber, die der Generaldirektor auf einer Belegschaftsversammlung abgab, waren die Gewerkschaftsfunktionäre noch nicht zufrieden.
Sie wollen im Volkswagenwerk als einem der populärsten Industriebetriebe
Deutschlands ein weithin sichtbares Fanal in ihrem Kampf um die 40-Stunden-Woche setzen und fordern jetzt von Nordhoff die vertragliche Garantie, daß der Schichtbelegschaft (die jetzt 44 Stunden in der Woche arbeitet) ab Herbst nächsten Jahres die 40-Stunden-Arbeitswoche zugestanden wird. Die Arbeitszeit der nicht im Schichtdienst eingesetzten Arbeiter und Angestellten, die bisher 48 Stunden wöchentlich im Werk beschäftigt waren, soll bis Frühjahr 1957 ebenfalls auf 40 Stunden reduziert werden.
Kurz vor dieser neuen Forderung drohte der Hauptvorstand der Industriegewerkschaft Metall dem Generaldirektor in einem geharnischten Artikel, den das Gewerkschaftsorgan "Metall" auf der ersten Seite veröffentlichte: "Es scheint, daß inzwischen dunkle Kräfte auf die Geschäftsleitung des Volkswagenwerkes einzuwirken versuchen (so wie vor einiger Zeit bei der Duisburger Kupferhütte) mit dem Ziel, den sich anbahnenden Kompromiß zu torpedieren. Jene anonymen Mächte verkennen offensichtlich die Kraft der gewerkschaftlichen Organisation und den Willen der Arbeitnehmerschaft ...
"Für die Mitglieder und Vertrauensleute der IG Metall ist jedoch klar, daß ein unbefriedigendes Angebot oder gar eine Ablehnung ihrer Forderung alle Anstrengungen, die 40-Stunden-Woche auch im Volkswagenwerk - wenn nötig mit allen gewerkschaftlichen Mitteln - durchzusetzen, nur steigern wird."
Dieser aggressive Ton ist eigentlich ein Novum in der Geschichte des Volkswagenwerks, denn in Wolfsburg hatte der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Metall, Otto Brenner, bisher nur wenig zu bestellen, obschon er Mitglied des Aufsichtsrats der Volkswagenwerk GmbH ist. Von den 31 500 Betriebsangehörigen sind nur 6000 gewerkschaftlich organisiert.
Als Nordhoff als erstes Zugeständnis "Stufenweise Einführung der 40-Stunden-Woche" versprach, triumphierten Brenners Funktionäre in Frankfurt: "Dank der aktiven Arbeit unserer Gewerkschaftskollegen ist Nordhoff nicht mehr der König in seinem Reich, weil wir ihm Paroli bieten. Da wir wissen, daß die Wolfsburger einen Mythos brauchen, sind wir jetzt dabei, einen neuen Mythos zu schaffen - den Hugo-Bork-Mythos." Bork ist der langjährige Betriebsratsvorsitzende im Volkswagenwerk. Das Flair des Volkstribuns hat ihm allerdings bisher kaum jemand nachgesagt.
Auch die Großsprecher unter den Metallarbeiter-Funktionären müssen wissen, daß weder ihr "Bork-Mythos" noch die von der Industriegewerkschaft Metall im Volkswagenwerk vorgenommene "Meinungsforschung" zum Thema 40-Stunden-Woche (91 Prozent der Befragten forderten die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich) den Generaldirektor Nordhoff in die Knie zwingen könnten.
Ein entscheidender Anstoß aber kam aus Amerika, wo Nordhoff vor einigen Wochen in New Brunswick im Staate New Jersey ein leerstehendes Fabrikgebäude besichtigte, das er der amerikanischen Autofirma Studebaker abgekauft hat. In etwa einem Jahr sollen dort amerikanische Arbeiter deutsche Volkswagen montieren (Jahreskapazität etwa 100 000 VW).
Nordhoff wurde in Amerika ziemlich kühl empfangen. Schon vor seiner Reise hatten sich amerikanische Zeitungen und Zeitschriften sehr kritisch mit Nordhoffs sozialphilosophischen Äußerungen über die 40-Stunden-Woche auseinandergesetzt. Außerdem griff der kleine drahtige Boß der amerikanischen Sammelgewerkschaft "Congress of Industrial Organizations" (CIO), Walter Reuther, der zur Zeit von der amerikanischen Autoindustrie die Einführung
der 30-Stunden-Arbeitswoche verlangt, den Chef des deutschen Volkswagenwerkes rabiat an.
Am empfindlichsten traf Nordhoff jedoch ein Brief, den der Vorsitzende der Gewerkschaftsunion CIO im Staate New Jersey, Paul Krebs, an ihn richtete. In diesem Brief hieß es: "Mit Interesse habe ich Ihre beiden kürzlichen Verlautbarungen gelesen, durch die mir bekannt wurde, daß Sie einmal die Absicht haben, die Fabrik von Studebaker ... für den USA-Markt wieder zu eröffnen, und weiter, daß Sie für die Sechs-Tage-Arbeitswoche sind. Über Ihre Rede ... bin ich allerdings ziemlich bestürzt. Die amerikanischen Arbeiter und Angestellten können ihre Verteidigung der Vorzüge der Sechs-Tage-Woche wirklich nicht ernst nehmen.
"... Unsere Fünftagewoche drückt die Ablehnung der Philosophie der Nazis und Kommunisten aus, daß der Mensch dem Staat und privaten Vermögensinteressen unterzuordnen ist."
Der Brief schließt mit der recht ernst zu nehmenden Warnung, daß Nordhoff kaum damit rechnen könne, amerikanische Arbeiter für seinen Montagebetrieb zu begeistern, wenn er sich nicht bereit fände, ihnen vorab die 30-Stunden-Arbeitswoche zu garantieren. Eine Kopie dieses Briefes schickte der amerikanische Gewerkschaftsboß offensichtlich an die Funktionäre der deutschen Industriegewerkschaft Metall nach Wolfsburg und Frankfurt, um ihnen moralisch den Rücken zu stärken: Sie sollen nicht lockerlassen, bis Nordhoff den deutschen Arbeitern im Volkswagenwerk mindestens die Einführung der 40-Stunden-Woche in kürzester Frist garantiert. Den aufmunternden Brief aus Amerika konnten jedenfalls alle Betriebsangehörigen des Volkswagenwerkes in der Werkzeitung nachlesen, die ein Sprachrohr der Metallarbeitergewerkschaft ist.
Die Gewerkschafts-Internationale hat den ungekrönten Volkswagen-König vor eine doppelte Entscheidung gestellt.

DER SPIEGEL 48/1955
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VOLKSWAGENWERK / INDUSTRIE:
40 Stunden sind genug

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