23.11.1955

MUSIK / FELTZ Anbiete Unterhaltung

Als vor drei Wochen die Aufnahmen für den Farbfilm "Bonjour, Kathrin!" des Düsseldorfer Produzenten Alfred Greven begannen, hatte der Film, noch ehe die erste Szene gedreht war, bereits eine Rekordmarke verschoben. Das Drehbuch, sonst ein in meist mehrmonatiger Schreibarbeit ausgeschwitztes Produkt mitunter mehrerer Autoren, war in drei Tagen geschrieben worden.
Der Film hat auch sonst seine Eigenheiten. Der fixe Drehbuch-Autor ist im Vorspann nicht genannt; nur der Regisseur wird erwähnt. "Bonjour, Kathrin!" mit der Schlager- und Jazzsängerin Caterina Valente (SPIEGEL 15/1955) nennt sich nach Kulturfilm-Art einfach "Ein Film von Kurt Feltz und Karl Anton".
Der erfolgreiche Filmregisseur Karl Anton - er drehte bisher etwa 80 Filme, darunter "Stern von Rio" mit La Jana - muß sich mit dem zweiten Platz begnügen. An erster Stelle steht Kurt Feltz, ein Name, der im deutschen Nachkriegsfilm noch recht neu ist. In den Abrechnungslisten der Gema*) allerdings, von der die Tantiemen der deutschen Komponisten, Texter und Musikverleger verwaltet werden, taucht er weit häufiger auf als irgendein anderer: Kurt Feltz ist das meistverdienende Gema-Mitglied.
Mit seinem Film "Bonjour, Kathrin!", dessen Drehbuch er in drei Tagen herunterdiktierte, will der Schlager-Texter und Schallplatten-"producer"**) Kurt Feltz, der außerdem an drei Musikverlagen beteiligt ist, eine neue Gangart einlegen. "Wenn alles so läuft, wie ich es mir denke, dann mache ich jährlich zwei Filme" - Musikfilme "von Kurt Feltz"; die Kennmarke liegt bereits fest.
Die Film-Ambitionen des Schlagerkönigs werden in der Branche wachsam observiert. Feltz gilt als Mann mit der sichersten Witterung für den Erfolg. "Nase" aber braucht man in der Musikbranche, in der jeder Erfolg von der richtigen Einschätzung der jeweiligen Marktlage abhängt.
Der zweite Weltkrieg hatte die deutsche Musikindustrie lange Zeit gelähmt. Erst 1952 erreichte die Konjunkturwelle auch das Schallplatten-Geschäft, dann allerdings mit beträchtlichem Schwung: Seit 1952 haben die deutschen Schallplattenfirmen ihre Produktion mehr als verdoppelt. 1954 wurden etwa 25 Millionen Schallplatten
gepreßt. In diesem Jahre werden es wahrscheinlich 30 Millionen Stück sein. Die meisten davon enthalten Schlagermusik.
Dennoch ist das Geschäftsvolumen der deutschen Schallplattenindustrie - verglichen mit dem anderer Industriezweige - relativ nicht so groß wie das der amerikanischen Musikindustrie, die (nach der Stahl- und Ölbranche) den dritten Platz unter den großen Industrien Amerikas einnimmt, wobei allerdings sämtliche irgendwie mit dem Musikgeschäft zusammenhängenden Branchen der Musikindustrie mitgerechnet sind. Mit ihrem gegenwärtigen Jahresausstoß von rund 30 Millionen Stück übertrifft die deutsche Schallplattenindustrie erst seit kurzem wieder ihr eigenes Produktionsvolumen der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, der ersten Blütezeit der Musikindustrie.
Vor der Erfindung und Entwicklung des Rundfunks war das Schallplattengerät als häusliche "Musikmaschine" ziemlich konkurrenzlos. Es gab darum unzählige Plattenmarken von "Glockophona" bis "Applaudando", von "Non plus ultra" bis "Bomben-Record". Die einstige Monopolstellung der Schallplatte erklärt auch die erstaunliche Tatsache, daß auf einem Höhepunkt der Vorkriegskonjunktur (im Jahre 1907) bereits drei Millionen Abspielgeräte
hergestellt wurden - dreimal soviel wie voraussichtlich 1955 in der Bundesrepublik.
Während jener ersten Konjunkturperiode war - anders als heute - der größte Teil der Schallplatten, nämlich etwa zwei Drittel der Produktion, mit sogenannter "ernster" Musik bespielt, jedenfalls mit dem, was man damals seriös nannte: also auch mit den früher beliebten Arrangements und Paraphrasen etwa von Opern- und Operettenmusik.
Inzwischen ist der Anteil der "Unterhaltungs"-Musik im weitesten Sinne auf etwa neun Zehntel (1953) angewachsen (s. Graphik). Zugleich änderte sich der Geschmack: Tanzschlager spielen schon seit der zweiten Schallplatten-Konjunktur von 1929 die Hauptrolle. Die Bestseller der Plattenindustrie von heute heißen deshalb nicht mehr "Glühwürmchen" für Salon-Orchester oder "Martha"-Phantasie für Trompete und Pianoforte, sondern "Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein" und "Jim, Jonny und Jonas" mit je etwa einer dreiviertel Million Schallplatten-"Auflage". Produzent beider Aufnahmen: Kurt Feltz.
Es sind nicht seine ersten Großerfolge im Schlagergeschäft. Schon vor und im letzten Kriege verfaßte Feltz populäre Liedzeilen, zum Beispiel
▷ "Gute Nacht, Mutter";
▷ "Ganz leis'' erklingt Musik";
▷ "Und die Musik spielt dazu".
"Gib acht auf dein Herz, Margarethe" hieß 1934 der erste Schlager des 24jährigen Philosophie-Studenten Kurt Feltz. Noch vor seinem silbernen Berufsjubiläum als Schlager-Texter hofft Feltz, der jährlich bis zu anderthalbhundert Texte verfaßt, seinen zweitausendsten Schlagertext plazieren zu können. Über die von ihm produzierten, also unter seiner Regie aufgenommenen Schlager hat er nicht so genau Buch geführt, obwohl dies der andere, nicht weniger einträgliche Teil seiner Berufstätigkeit ist. Feltz ist der einzige private Schlager-"producer" in Deutschland, wo jährlich drei- bis viertausend neue Schlagertitel auf den Markt kommen.
An der Schlagerproduktion der florierenden deutschen Musikindustrie sind unzählige, oft weithin unbekannte Urheber beteiligt, die meisten allerdings nur mit Nieten, einige gelegentlich mit Zufallstreffern, die "einschlagen", also ein Schlager werden.
Die größten Stücke aus dem Riesenkuchen des Schlagergeschäfts aber gehen an ganz wenige Vertreter des big business in dieser Branche, an Urheber, die Schlager-Erfolge gleich in Serie produzieren wie etwa die Komponisten Michael Jary und Gerhard Winkler, die Texter Bruno Balz und Kurt Feltz. Sie alle liegen seit Jahren oder gar Jahrzehnten ganz vorn im Rennen*), bei dem es nicht um Kleingeld
geht. Die Gema als Inkasso-Organisation der Musik-Urheber und -Verleger buchte im Jahre 1954 Einnahmen von 33 Millionen Mark. Der Hauptanteil stammte aus dem Schlagergeschäft.
Dessen Einnahmen fließen aus verschiedenen Quellen. Am wenigsten Geld zieht ein Schlager gegenwärtig - im Gegensatz zu früher, als jede klavierspielende höhere Tochter ihre "Liedperlen fürs Heim" durchklimperte - aus dem Notenverkauf, dem sogenannten "Papiergeschäft". Am einträglichsten ist seit längerem das Schallplattengeschäft. Dazwischen liegen die Gebühren für Aufführungen in Gaststätten, im Rundfunk oder im Film.
Da an jedem Schlager außer dem Verleger drei Urheber hauptbeteiligt sind - Komponist, Arrangeur und Texter - wird jedes Schlager-Honorar nach einem festen Schlüssel verteilt:
▷ Komponist und Arrangeur erhalten zusammen fünf Zwölftel;
▷ der Verleger bekommt vier Zwölftel und
▷ der Texter drei Zwölftel des Betrages.
Ein Spitzenschlager wie etwa die Feltz-Produktion "Jim, Jonny und Jonas" bringt ihren Urhebern innerhalb von zwei Jahren
▷ dem Komponisten etwa 13 000 Mark,
▷ dem Verleger etwa 10 000 Mark und
▷ dem Texter knapp 8000 Mark.
Der Durchschnittsertrag ist allerdings geringer: rund viereinhalbtausend, dreieinhalbtausend und zweieinhalbtausend Mark jeweils für Komponist, Verleger und Texter. In Ausnahmefällen aber beträgt die Gewinnsumme aller Beteiligten sogar 150 000 Mark.
Solche "smash-hits" wie die internationalen Erfolge "Glaube mir", "White Christmas" oder "Parlez-moi d''amour" sind jedoch sehr selten. Es ist bezeichnend, daß dem deutschen "Schlagerkönig" Kurt Feltz ein solches Tanzlied, das um die Welt lief (wie einst in den zwanziger Jahren der One Step "Valencia", von dem in allen Ländern der Welt rund 22 Millionen Schallplatten verkauft wurden), noch niemals
geglückt ist. Vielmehr hängt sich Feltz auffallend oft an einen internationalen Erfolg an, den er dann für den deutschen Hausgebrauch umtextet und - als Produzent - mit einem für deutsche Ohren gefälligen Klang versieht. (Beispiele: "Das alte Haus von Rocky-Docky", "Die süßesten Früchte", "Ganz Paris träumt von der Liebe".)
Daß er mit einem so simplen, sich zur Nachahmung empfehlenden System dennoch mehr Erfolg hat als alle anderen, erklärt Feltz ohne Scheu vor Unbescheidenheit so: "Man muß das unter der Haut haben."
Mit dieser unpräzisen Formulierung versucht Feltz, von der Grundlage seiner Rekordleistung von monatlich mehr als einem Dutzend neuer Schlagertexte abzulenken: Er fabriziert seine Schlager nach einem weitgehend rationalisierten Arbeitssystem und mit viel Schreibtischfleiß in genau geregelten Produktionsstunden. Von Musenkuß und Bohemiensitten ist in dem längst bürgerlich gewordenen Schlager-Metier nicht mehr viel zu spüren.
Dennoch reagieren die Schlagerschreiber auffallend empfindlich, wenn von den konfektionell-fabrikatorischen Fertigungsmethoden ihrer Ton-Waren die Rede ist. Michael Jary, der seit fünf Jahren die Gema-Liste der deutschen Komponisten anführt, will sogar von der Bezeichnung "Schlager" nichts wissen. Er nennt einen Band seiner Nachkriegs-Kompositionen "Eine Sammlung meiner Lieder". Bei den Verseschmieden verrät schon ihre Berufsbezeichnung, welche Selbsteinschätzung ihnen eignet: Sie lassen sich schlichtweg als Textdichter klassifizieren.
Auch Kurt Feltz, der im Kölner Telephonbuch lange Zeit als "Schriftsteller" stand,
möchte den fabrikatorischen Charakter der modernen Schlagerproduktion nicht wahrhaben: "Es gibt in unserem Beruf keine festen Gesetze, nichts ist Theorie." Daß man dennoch den wechselnden Geschmack des Publikums mit ganzen Schlagerserien treffen und so zum "Schlagerkönig" avancieren kann, beweist Kurt Feltz durch seine eigene Karriere.
Schon der Knabe Kurt, Jahrgang 1910, zeigte einen auffallenden Hang zur Sparte "Musikalische Unterhaltung". In der Schule produzierte er gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Schulfreund Ralph Maria Siegel - der längst ebenfalls eine Größe im Schlager-Geschäft ist - sein erstes Libretto "Der Mann im Frack". Die Premiere brachte vier Vorhänge und den neunzehnjährigen Verfassern den Rat der Kritik: "... empfehle den jungen Autoren, sich vorerst noch ein paar Jahre in der Landwirtschaft zu betätigen ..."
Kurt Feltz besuchte statt dessen nach dem Abitur die Universität, war aber mit 21 Jahren bereits freier Mitarbeiter am Rundfunk. Mit einem Hörbild über den romantischen Liedkomponisten Hugo Wolf führte sich der spätere Schlagerkönig vor dem Mikrophon vorteilhaft ein.
Seine Tätigkeit verlagerte sich aber bald zum finanziell recht einträglichen Werbefunk, den Kurt Feltz zusammen mit Jupp Schmitz belieferte, dem Komponisten seines späteren Erfolgsschlagers "Wer soll das bezahlen?" und Kompagnon seines ersten Musikverlages.
Schon 1934 kam der damals 24jährige Feltz durch seinen ersten Text-Erfolg "Gib acht auf dein Herz, Margarethe" den finanziellen Möglichkeiten des Schlagergeschäfts auf die Spur. Mit Erfolgsliedern wie "Stern von Rio" und "Wenn der Toni
mit der Vroni" schrieb er sich in Berlin bald Villa und Auto zusammen.
Es ist bezeichnend, daß beide Spitzenschlager nicht für sich allein entstanden sind, sondern aus einem größeren Verband stammen: "Stern von Rio" ist der Titelschlager des gleichnamigen La-Jana-Films, an dessen Drehbuch Kurt Feltz maßgeblich beteiligt war; "Toni" stammt aus der Fred-Raymond-Operette "Saison in Salzburg" (1937), die (nächst "Maske in Blau", der seit 1945 in Deutschland meistgespielten Operette) ihrem Text-Autor Kurt Feltz noch immer etwas einbringt.
Mit "Perle von Tokay" (1940) und "Das Bett der Pompadour" (1943) waren Feltz-Raymond an der Entwicklung des Berliner Metropol-Theater-Stils der "Ausstattungs-Operette" beteiligt. Feltz hatte sich damit keinen Seitensprung geleistet: Seine Operetten-Tätigkeit war ein Teilstück der schnurgeraden Linie seiner Karriere, die ihn zum Schlagerkönig machte.
Die Operettenbühne diente früher dem Schlager als bevorzugter Startplatz. Was den Leuten ins Ohr und danach nicht mehr von den Lippen ging, waren vor dem Zeitalter des Films die "Schlager" der Franz Lehár, Paul Lincke und Leo Fall: freche Couplets und klingende Schmalzetten vom Schlage des Vilja- und des Wolga-Lieds.
Vom schmalzigen Operettenlied bis zur "Schnulze" ist nur noch ein Schritt. Denn das kennzeichnet die Entwicklung des Schlager-Geschmacks: Das Couplet, der mit Textwitz ausgestattete Schlager, ist gänzlich außer Kurs gekommen, der süßklingende Sentimental-Schlager hat sich durchgesetzt.
Die Entwicklung des Films, der inzwischen die Operette als Schlager-Startbahn abgelöst hat, verlief ganz ähnlich. Feltz hat sich folgerichtig auch mit dem Film frühzeitig befaßt. Sein (gemeinsam mit Willy Engel-Berger) verfaßtes Drehbuch zu "Stern von Rio" blieb nicht sein einziges. Die Feltz-Filme "Und die Musik spielt dazu" und "Falstaff in Wien" stammen aus den Kriegsjahren, in denen der Gefreite Feltz - dem in seinem Filmstab weit höhere Dienstgrade unterstellt waren und der deshalb immer nur mit "Herr Feltz" tituliert wurde - Lehrfilme für den Kommißbetrieb wie "Männer gegen Panzer" drehte.
Nach 1945 produzierte Feltz, der mit einem Pappkoffer aus dem Krieg gekommen
war ("Werfen Sie mich heute auf die Straße, dann fahre ich morgen im eigenen Auto vor") zunächst Unterhaltungssendungen am Münchner Rundfunk und setzte Tourneen ("Mit Musik geht alles besser" zusammen mit Werner Bochmann, "Operetten-Cocktail") in Bewegung. 1948, am Tag der Währungsreform, schickte ihm sein alter Berliner Bekannter Hanns Hartmann, der inzwischen zum Intendanten des Kölner NWDR-Senders avanciert war, ein Telegramm: "Anbiete Unterhaltung." Feltz kabelte sein Jawort zurück. Kein Vertrag, nur eine 20-Zeilen-Aktennotiz machte ihn zum Leiter einer Abteilung "Musikalische Unterhaltung" des Funkhauses Köln. Dieses Mittelding ist ein Unikum im deutschen
Rundfunkwesen, das sonst nur "Musik-" und "Unterhaltungsabteilungen" kennt.
"Ich habe", sagt Feltz, "nach dem Krieg der musikalischen Unterhaltung im Kölner Funk das Gesicht gegeben." Was Feltz damit meint, verdeutlicht er mit dem Hinweis auf von ihm geschaffene Sendungen wie "Der blaue Montag" und "Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank" sowie auf zahlreiche Operetten-Produktionen nach eigenhändig entstaubten Librettos.
Die Schlagerbranche dagegen ist geneigt, das Verdienst des Abteilungsleiters Kurt Feltz vor allem in seiner Sorge um Sendungen der Produkte des Schlagertexters Kurt Feltz zu sehen. Nach dem von Feltz geschaffenen "Gesicht" der Kölner musikalischen Unterhaltung nennen sie den künftigen Westdeutschen Rundfunk noch immer den "Feltz-Sender", obwohl Feltz schon 1950 nach einer - von seinem Schulfreund und ersten Mitautor Ralph Maria Siegel gestarteten - Presse-Kampagne auf eigenen Wunsch ausschied und eine eigene Musikproduktion aufmachte. (Nach einem Tennis-Duell feierten die alten Schlagergeschäfts-Freunde Siegel und Feltz Versöhnung.)
Mit dem "team-work" der Aufbauzeit im Funk erklärt Feltz seine unverdächtig offenliegende weiterhin enge Beziehung zum Kölner Funkhaus. Franz Marszalek, der "Herr Sanders" der noch immer laufenden Feltz-Sendereihe, bearbeitet die Operetten-Arrangements der privaten "Musikproduktion Kurt Feltz", für die auch das Kölner Tanz- und Unterhaltungsorchester Adalbert Luczkowski eingespannt ist.
Solche Produktionsbeziehungen zwischen Funkangestellten und Musikindustrie sind im deutschen Schallplattengeschäft nicht selten. Die Feltz-Produktion arbeitet auch mit dem am Südwestfunk engagierten Orchester Kurt Edelhagen, dessen Bläserstars mit den Elite-Streichern Luczkowskis von Feltz für seine Schallplattenaufnahmen mitunter zum "Orchester Mike Firestone" vereinigt werden. Aber solche Fiktionen sind branchenüblich und werden sogar von Feltz-Feinden (Feltz: "Das Gefährliche für mich ist, daß ich keine wirkliche Konkurrenz habe!") anstandslos geschluckt. Dagegen glauben die Gegner, daß Feltz durch seinen noch immer starken Kontakt zum Funkhaus Köln seine eigenen oder die von
ihm produzierten Schlager in die Kölner Musiksendungen lanciert.
Dazu Feltz: "Der Funk ist nur das Schaufenster der Phono-Industrie"; zu häufiges "Ausstellen" schade der Ton-Ware nur. Er opponiert gegen die Auffassung, der Schlager werde vor allem durch den Funk "gemacht" und zitiert Eduard Künneke: "Der Schlager kommt über die Hintertreppe."
Als Beispiel führt er seine Erfolge auch in den Sendebereichen an, die vom NWDR nicht berieselt werden. Und er weist auf die Statistik hin: "Jim, Jonny und Jonas" sei erst viermal gesendet worden, als die Platte bereits 120 000mal verkauft worden war. Dazu muß man freilich wissen, daß der englische Erfolgsschlager "Jim, Jonny and Jonas" durch die vom deutschen Schlagerpublikum viel abgehörten englischen und amerikanischen Soldatensender BFN und AFN bereits eingebürgert war, als Feltz sich an diesen ausländischen "hit" anhängte.
Diesen wie jeden Schlager-Erfolg erklärt Feltz nicht mit "gut" oder "schlecht", sondern damit, daß die Nummer "stimmt". Das heißt, der Schlagermacher Kurt Feltz mißt seine Produkte nicht mit ästhetischen, sondern mit psychologischen Maßstäben. "Das Gefährlichste in unserem Beruf ist die Liebe zur Kunst", glaubt der Schlagerkönig, und er bekennt ebenso offen: "Ich habe mir in 25 Jahren abgewöhnt, auf meinen eigenen Geschmack zu achten."
Auf was er statt dessen achtet, wird klar aus seinem Urteil über die Konkurrenz. "Wenn ich zehn neue deutsche Schlager-Platten von anderen Producern höre, kann ich über neun nur lachen. Die meisten produzieren an den bürgerlichen Empfindungen der Leute vorbei."
Warum Feltz dafür um so öfter mitten ins deutsche Gemüt trifft, wird verständlich, wenn man weiß, daß Feltz Franz Lehár unbedenklich zusammen mit Verdi
und Rossini in den mit "größte Melodisten" etikettierten Eintopf wirft und eine ganz bürgerliche Antipathie gegen den Jazz hat, an dem ihn verräterischerweise das Saxophon stört: "Das widerlichste aller Instrumente - nur etwas für kranke Ohren."
Die Vokabel "krank" ist bezeichnend. Feltz, der mit seiner Statur das deutsche Wirtschaftswunder würdig repräsentiert - er habe "einen Körper wie ein Wagner-Sänger", fand eine Zeitung - , hat eine Neigung zu allem "gesund" Genannten. "Keimfrei" nennt er das Klima im Stab seiner Produktion: "Wie in einem Sanatorium. Wir leben und arbeiten dauernd mit Elektrotechnikern zusammen - darum wohl."
Feltz hält seinen Produktionsstab so klein wie möglich und schließt stattdessen pauschale Mitarbeiterverträge mit Umsatzbeteiligung via Gema ab, um die Leistung anzustacheln. Sein Büro in der Kölner Altstadt befindet sich im Hause des mit Feltz liierten Musikverlegers und "Biem*)"-Präsidenten Dr. Hans Gerig. Im selben Gebäude befindet sich außerdem die Gastwirtschaft "Im Örgelchen" des Akkordeonisten Albert Vossen, ein Büro der Gema und die Anwaltskanzlei des Urheberrechtsspezialisten Dr. Runge - man ist unter sich.
Warum Feltz nicht selbst eine Schallplattenfirma gründet, erklärt er so: "Die Technisierung lenkt vom Künstlerischen ab. Ich kann mich nicht mit der Technik belasten." Dazu kommt die Konkurrenz-Situation in der Schallplattenindustrie. Neben der einzigen (im Verband des Siemens-Konzerns) ausschließlich mit deutschem Kapital ausgestatteten Schallplattenfirma "Deutsche Grammophon Gesellschaft" stehen die zur englischen Emi-Gruppe (Electric & Musical Industries Ltd.) gehörende
Electrola, weiter die etwa zur Hälfte an die englische Decca, zum anderen Teil an Telefunken angeschlossene "Teldec" und die holländische Philips-Schallplatte. Außerdem gibt es noch die Deutsche Austrophon und die kleinere Firma Spezial Record, die im wesentlichen ihre Marke "Tempo Spezial" für Warenläuser billig produziert.
Eben das möchte Feltz nicht, der aus seinem Hang zur Perfektion kein Hehl macht. Er produzierte nach seinem Ausscheiden aus dem NWDR zunächst für alle fünf großen deutschen Schallplattenfirmen. Die Electrola-Gesellschaft verlegte - wie Feltz geneigt ist anzunehmen: nicht zuletzt ihm zuliebe - ihr Werk von Berlin nach Köln, einen knappen Kilometer von der damaligen Feltz-Wohnung entfernt. Als der Umzug gerade beendet war, schloß Feltz einen Exklusiv-Vertrag mit der "Deutschen Grammophon"-Marke "Polydor" ab, weil er die Stärke dieser auf dem Inlandsmarkt mit etwa 50 Prozent Anteil führenden Schallplattenfirma erkannt hatte: den Vertrieb durch Siemens.
Die Schallplatte als musikalischer Markenartikel bedarf ausgedehnter Werbung, die allerdings, anders als bei anderen Konsumgütern, nicht durch Zeitungsinserate oder Blickfangplakate praktiziert wird, sondern vor allem von den Vertriebsstellen und den Einzelhändlern. Von deren Initiative, die von der Werbezentrale der Firma unentwegt aktiviert wird, hängt der Erfolg eines Schlagers in vielen Fällen ab.
Feltz hat nun mit der Polydor einen Vertrag abgeschlossen, der ihm - als westdeutschem "producer" der Firma - fast völlig freie Hand läßt und keine festen Honorar-Abmachungen vorsieht, wohl aber Gewinnbeteiligung. Das heißt: Feltz und sein "Stab" - wie er das Kollektiv aus Tonmeister, Techniker, Korrepetitor und Arrangeuren nennt - sehen
größeres Geld erst, wenn die Zahl der verkauften Platten über die Rentabilitätsmarke von 20 000 Stück hinausklettert.
Dieser Vertrag ist neuartig in der Branche, er spricht nicht nur für das kräftig entwickelte Selbstbewußtsein des Schlagerkönigs, sondern auch für die Industrialisierung des Schlagergeschäfts, das sich bereits nahezu mit Erfolgsgarantie strategisch planen läßt. Jedenfalls erzielen die Feltz-Produktionen im Durchschnitt Auflagen zwischen 50 000 und 100 000 Platten. Bei Titeln, die über 60 000 kommen, trat bisher eine besondere Prämienklausel in Kraft, die fortgefallen ist, seit Feltz - wie die Stars - an den Lizenzgebühren partizipiert.
Großerfolge (Titel mit einer Auflage von 100 000 und mehr Platten) hat Feltz bisher 25mal gebucht, seit er mit "Im Hafen von Adano" in einer René-Carol-Aufnahme seinen ersten großen Produzenten-Erfolg in die Schlagerwelt setzte. Für "Rote Rosen, rote Lippen" und "Jim, Jonny und Jonas", die beide gegenwärtig in etwa 750 000 Exemplaren verkauft sind, rechnet er sich Chancen für die Millionen-Auflage aus. Beweis für seine in der Branche unübertroffene "Nase" ist die letzte Bestseller-Liste der Polydor. Von ihren 20 Titeln waren 17 von Feltz produziert.
Der Schlagerkönig weiß über seine Käuferscharen Bescheid: "Platten werden von Frauen gekauft. Wenn Männer mal die Aufnahme einer Sängerin kaufen, werden ihre Frauen sich empören: ''Was soll die fremde Frau im Haus?''" Ausnahmen wie die Schlager-Sängerin Caterina Valente bestätigen nur die Regel: Die Valente singt fast wie ein Mann. Feltz produziert daher vorwiegend mit männlichen Gesangstars,
die er als Schlager-Stratege psychogeographisch sortiert.
René Carol zum Beispiel, den Feltz im Kölner Funk entdeckt hat, erzählt meist irgendeine schmachtende Geschichte aus Italien, die ihm der Texter Feltz etwa so in den Mund legt:
Mandolinen der Liebe erklingen,
> wenn am Abend die Sonne versinkt,
> wenn das Lied, das von Sehnsucht sie singen,
> in die Herzen der Liebenden dringt ...
Gerhard Wendland ist der spanische Kavalier mit der Pomade im Kehlkopf, der sich als Troubadour der Liebe produziert, so wie der Feltz-Text es will:
Die Donna gab dem Troubadour ein Zeichen,
> und dann begann ein Liebeslied.
> Die rote Rose fiel,
> der Sänger schien am Ziel
> und schaute in die Runde,
> als ihn der Blick des Königs traf ...
Willy Schneider ("Schütt'' die Sorgen in ein Gläschen Wein") ist der Mann mit den grauen Schläfen und dem Embonpoint in der Stimme, die leicht gerührt Rückschau hält auf die traute Vergangenheit, wie Feltz sie sieht:
Sitzt der Mensch beim Weine,
> werden alle seine
> längst vergess''nen alten Wünsche wach ...
Man müßte nochmal zwanzig sein
> und so verliebt, wie damals -
> und irgendwo am Wiesenrain
> vergessen die Zeit ...
Zu all diesen Unaussprechlichkeiten (Feltz, bescheiden wie stets: "Ein Textdichter muß doppelt so intelligent sein wie seine Texte") sagt der Autor: "Der Text muß dem Sänger wie ein Maßanzug sitzen." Feltz hält nichts von der im Schlagergewerbe herkömmlichen Bewertung der einzelnen Erfolgsfaktoren, unter denen die Melodie ganz oben rangiert. Er stellt -
ganz gegen alle Gewohnheit im deutschen Schlagergeschäft - das Arrangement, also die besondere Klangfassung einer Nummer, noch über den melodischen Einfall und auch über die Gesangs-Wiedergabe. Da das Arrangement nach Feltz aus dem Text abgeleitet sein soll, mißt der erfolgreiche Schlagertexter also seiner eigenen Tätigkeit im Grunde die meiste Bedeutung zu.
Der Entstehung nach ordnen sich die einzelnen Elemente oft ineinander. Zu einer mit Willy Schneider geplanten Aufnahme ließ sich Feltz zunächst erst einmal die Titelzeile einfallen: "Man müßte nochmal zwanzig sein." Nach diesem Motto schrieb Gerhard Jussenhoven die Melodie, und erst danach stellte Feltz den Text fertig. Die letzte Arbeit ist bei Feltz die wichtigste: das Arrangement.
Feltz glaubt: "Der ''sound'' macht den Erfolg", der besondere Klangeffekt, an dem sich die Schlagerliebhaber - wie Polydor-Tests ergeben haben - eine Aufnahme oft besser merken als am Titel oder am Text. Feltz: "Zuerst wurden die Schlager gekauft, dann die Stars, heute der ''sound''."
Der Komponist ist damit entmachtet worden durch den Arrangeur, der aber wieder vom Produzenten Feltz gesteuert wird. In langen "Stabs"-Besprechungen werden alle Einzelheiten des Klangbilds festgelegt. Feltz: "Die ersten fünf Rillen einer Platte sind entscheidend; das ist wie die Ouvertüre zu einer Oper." Feltz, der so durchschnittlich wie irgendeine höhere Tochter Klavier spielt, hält es für einen Vorteil, daß er nicht selbst komponiert wie die Hauptleute seines Stabes, die zumeist auch als musikalische Urheber Tantiemen beziehen und sich einander unter ihren zahlreichen Pseudonymen oft selbst nicht erkennen: der Chefarrangeur Heinz Gietz ("Blumen für die Dame", "Der Student von Paris", "Baiao Bongo"), der vom Jazz herkommt, verlockende Angebote aus Amerika abgelehnt hat und - als Kronprinz des Schlagerkönigs - seinem Herrn wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht; weiter der Tonmeister Dr. Ihlau, Komponist gehobener Unterhaltungsmusik, und der Korrepetitor Franz Leo Andries, der als "Michael Harden" der Komponist und Textautor des Bestsellers "Rote Rosen, rote Lippen" ist.
Einen Korrepetitor für Schlageraufnahmen hat es vor Feltz nicht gegeben. Früher wurden die Sänger von ihren Klavierbegleitern oder dem Kapellmeister geführt. Der Kapellmeister aber ist bei Feltz bezeichnenderweise ein relativ unwichtiger Mann, da Angaben über Tempo, Lautstärke und so weiter aus der Regiekabine kommen. Die Kapellmeister rechnet Feltz folgerichtig nicht zu seinem Stab.
Dieser Dirigismus des vollständig durchgeplanten Aufnahmebetriebs (Dauer einer Feltz-Aufnahme: im Durchschnitt zwei Stunden für einen Titel, in Amerika: das Acht- bis Zehnfache; Feltz: "Die haben mehr Geld") scheint auf das klingende Produkt abzufärben. Jedenfalls erkennen Experten eine Feltz-Aufnahme im Dunkeln an der perfektionierten Art des Klangprodukts.
Dazu Feltz: "Mein schlimmster Feind ist die Routine. Ich kämpfe vor allem gegen die Masche." Das liegt in der Natur der Sache, denn der Schlager unterscheidet sich von höherwertiger Musik durch die schnellere Abnutzung, die in den Mechanismus der Musikindustrie ebenfalls eingeplant ist: Je rascher sich der musikalische Markenartikel verbraucht, um so mehr kann nachgeschoben werden. In dieser Hinsicht gehorcht der Schlager den Gesetzen der Genußmittelindustrie: Er befriedigt ein Bedürfnis, das er zugleich selbst erzeugt.
Diese Automatik läßt sich schon daran erkennen, daß die Schallplattenindustrie selbst Plattenspieler herstellt und vertreibt. Sie hat damit den Rückschlag wieder aufgeholt, den ihr der Rundfunk eingebracht hatte. Seit jedes Empfangsgerät eine Anschlußbuchse für einen Plattenspieler hat, vor allem aber seit das Publikum das "Wunschkonzert im eigenen Heim" haben möchte, hat die Schallplattenindustrie, die auf technische und soziologische Wandlungen sehr empfindlich reagiert und seit ihrer Entstehung vor etwa sechs Jahrzehnten auffallend viele Haussen und Baissen durchgemacht hat, wieder viel Terrain auf dem Musikmarkt gewonnen.
Bis Ende dieses Jahres werden über eine Million Plattenspieler verkauft werden - doppelt soviel wie noch vor zwei Jahren. Die Aussichten der Schlagerschreiber sind also alles andere als ungünstig, obwohl der Geschmack des Schlagerpublikums auch mit Feltzschen Methoden nicht absolut sicher berechenbar ist. Feltz: "Der Erfolg ist nicht vorauszusagen, aber man kann den Mißerfolg weitgehend ausschalten."
Sicher gehen heißt in diesem Metier, sich den meistgefragten Heimat- und Hawaii-"Schnulzen" widmen. Feltz hat dieses Genre, das er als "Lieder zum Bügeln" klassifiziert, nach Kräften gepflegt, angeblich um Ärgeres zu verhüten: "Die Bügellieder kotzen mich an, aber ich muß das machen, sonst tun es die anderen", - die von Feltz wieder sagen, er stifte sie zu diesem Stil an und verderbe den Markt.
Gerhard Winklers "Capri-Fischer" waren die Vorläufer jener fernwehseligen Südlandlieder, die im mächtigen Sog der großen Reisewelle nach dem Kriege mitschwammen.
Feltz schrieb daraufhin "Südliche Nächte", "Am Zuckerhut", "Das Märchen unserer Liebe" (mit den "Glocken von San Marco"), "Wo die Südsee rauscht, Luana" und "Im Hafen von Adano", wozu er selbst das Rezept verrät: "Adano gibt''s gar nicht, aber für die Leute klingt das exotisch":
Im Hafen von Adano,
> am blauen Meer,
> da ist heut'' einem Mädel
> das Herz so schwer.
> Sie wartet in Adano,
> am blauen Meer,
> auf einen, der so gerne
> jetzt bei ihr wär'' ...
Aus einer ganz anderen Kiste stammt die Ulk-Nummer
Nimm das Pianoforte fort,
> denn der Pianoforte-Sport,
> auf dem Pianoforte dort,
> macht mich ganz nervös ...
Das Stück sollte die "Verstimmtes-Klavier"-Masche parodieren, zugleich den Dixieland-Stil der zwanziger Jahre, weshalb Heinz Gietz das teilweise mit Topfdeckellärm versehene Stück (Feltz: "Wir sind bis an die Grenze gegangen") mit dem
Hinweis versah: "Im stabilisierten R-Marks-Ton zu spielen."
Die Auswahl an Grundmustern ist nicht groß. Die Schlagermode wechselt zwar schnell, sie schlägt etwa drei- bis viermal im Jahr um, aber sie kehrt, wie jede andere Mode, immer wieder. Das gilt auch für die gegenwärtig aktuelle, aber schon viel früher modisch gewesene Südamerika-Musik, die Feltz wie kein anderer einzudeutschen versteht, indem er den dürftigen Rest folkloristischer Vitalität per Spezial-Arrangement wegoperiert.
Eine Mode-Erscheinung, die regelmäßig auftaucht, ist der Karnevalsschlager. Feltz hat in dieser Gattung, die weniger auf Sentimentalität als auf Tanzbarkeit und Schunkelstimmung ausgerichtet ist, 1949 seinen Riesenerfolg "Wer soll das bezahlen?" verbucht. Dieser Bestseller ist bezeichnend für den Instinkt, dem Feltz, Autor des 1944 vielgesungenen Liedes "Es geht alles vorüber", es verdankt, daß er immer wieder richtig liegt.
"Wer bezahlt denn das?" hatte Michael Jarys Haupt-Texter Bruno Balz schon vor Feltz gefragt, aber dessen Verszeile "Wer soll das bezahlen?" fiel besser. Feltz lag
vor allem auch zeitlich richtig, die Zeit unmittelbar nach der Währungsreform legte jedermann die Frage des Schlager-Titels in den Mund.
Das gleiche gilt vom Willy-Schneider-Song "Man müßte nochmal zwanzig sein", der bewußt ein Sentiment der älteren Generation bald nach dem Kriege ansprach. Mit dem "Theodor im Fußballtor", etwa zur Zeit der Heuss-Wahl entstanden, hat Feltz eine Flut von Sportschlagern provoziert, aber den Massenerfolg hat er allein abgesahnt; das Lied lag in der Luft.
Warum er den Geschmack des "Mannes von der Straße" immer pünktlich trifft, erklärt Feltz gutgläubigen Gemütern mit seiner Erfahrung als Fahrstudent. "Jeden Morgen um fünf in der Bahn - , da weiß man schließlich, was der einfache Mann will."
Anregung von Sportplätzen oder aus Tanzlokalen holt Feltz sich - im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen - jedenfalls kaum. Er lebt unauffällig nach einem durchdachten Gesundheits-Fahrplan (mit Tennis in homöopathischen Dosen gegen die Manager-Krankheit), hat bis vor kurzem eine Etagenwohnung in Köln bewohnt
und erst in diesem Jahr ein eigenes Haus vor der Stadt bezogen. Außerdem hatte er bisher ein Haus am Schliersee gemietet, dem "Lago di Gema" genannten oberbayrischen Refugium von Schlagergrößen wie Ralph Maria Siegel, Günther Schwenn und Peter Schäffer. (Texter Bruno Balz und Film-Komponist Franz Grothe ziehen den Tegernsee vor.)
Frau Helene, Tochter eines holländischen Großkaufmanns, der die ersten Bananen-Reifhäuser in Europa baute und den Slogan erfand: "Bananen kann man im Dunkeln essen" - , Frau Feltz hält sich völlig zurück, was sie als "eine Art Aberglaube von mir" bezeichnet.
Feltz hat sich die Lebensweise eines Puritaners angewöhnt. "Die Hauptsache ist in meinem Alter, in Form zu bleiben." Er hält Diät, ist "völlig überzeugt, daß Nikotin auf die Dauer tödlich wirkt" (dennoch raucht er gelegentlich), ist von acht Uhr abends an für niemanden mehr zu sprechen und geht früh zu Bett. Zehn Stunden später sitzt er wieder am Schreibtisch - "ehe das Telefon losgeht; ans Telefon gehe ich immer, es könnte ja einer mal eine Idee haben". Feltz ist ein in seiner Branche vielgefragter Mann, den Sekretärin Waltraud Walter (Feltz: "Alte Berliner Schule!") abschirmt wie den Generaldirektor eines Konzerns.
Als Tresor seiner Einfälle dient die in der Branche berühmte "Schießkladde". Feltz überraschte einmal einen "Komponisten", der sie entwenden wollte, angeblich im Auftrag eines Feltz-Konkurrenten. Über seine Texte führt Feltz nicht Buch, er verwahrt auch nichts. Als Jupp Schmitz beim ersten Wiedersehen nach dem Kriege 1945 in Köln am Klavier einen Schlager mit markiertem Text andeutete, meinte
Feltz: "Das ist gut, wer hat das geschrieben?" Darauf Schmitz: "Do Jeck, dat ess doch en ahl Nummer von uns!"
Vier- bis fünfmal im Monat, ausschließlich morgens ("Meine beste Arbeitszeit"), wird getextet. Feltz schreibt grundsätzlich ohne Maschine, streicht selten durch und braucht für einen Text höchstens eine Viertelstunde. Tages-Höchstleistung: fünf "Gedichte". Sein Hobby: Präzision und Pünktlichkeit. Der Düsseldorfer Film-Produzent Alfred Greven hat es zu spüren bekommen.
Als dessen drei Drehbuch-Autoren monatelang mit "Bonjour, Kathrin!" nicht zurechtkamen, bot Feltz sich an einem Freitag an, das Drehbuch in drei Tagen zu schreiben. Feltz: "Die Sache hat mich maßlos gereizt, weil diese Buben ihr Handwerk nicht verstehen."
Daraufhin diktierte er drei Sekretärinnen umschichtig 218 Seiten nach einem Exposé, das auf sein Libretto zu der Fred-Raymond-Operette "Das Bett der Pompadour" zurückging. Das Buch war bereits am Dienstag bei Greven. Feltz: "Wie schnell ich ein Drehbuch diktiere, hängt davon ab, wie lange die Sekretärinnen mitkommen."
Als Honorar hat Feltz 45 000 Mark genommen. "Wenn ich 30 Mille mehr nehme als irgendein anderer, spart Greven andererseits aber 150 000 Mark - und Nerven. Meine Theorie: Das Buch kann nicht teuer genug sein, damit der Film billig wird."
Die Feltz-Musikproduktion ist finanziell an "Bonjour, Kathrin!" stark beteiligt. Feltz möchte das Musikfilmgeschäft selbst steuern, da er glaubt, daß ein schlecht gemachter Film das Plattengeschäft bremst. Die Statistiken der Polydor weisen aus,
daß der Schallplattenverkauf des von Feltz produzierten René-Carol-Schlagers "Südliche Nächte" drei Tage nach der Premiere des gleichnamigen Films schlagartig zurückging.
Musikfilme mit Schlagerstars werden immer mehr Mode. Regisseur Stemmle ("Heimweh nach dir", "Das ideale Brautpaar") hat sich mit Vehemenz auf diese Machart verlegt und Schlagerfilme mit Margot Hielscher, Vico Torriani und dem Charmaine-Orchester Mantovani (SPIEGEL 12/1953) gedreht. Andererseits sind Schlagersängerinnen wie Mona Baptiste, Bibi Jones oder Alice Babs erst durch ihre Filme ins große Geschäft gekommen: Nicht nur der Schlager, auch der Schlagersänger kommt über die Hintertreppe. Die Schallplattenfirmen, die sich bei Musikfilmen gern beteiligen oder sie sogar ganz finanzieren, haben das seit längerer Zeit gemerkt.
Auch Kurt Feltz steigt nun also in das Musikfilmgeschäft ein. "In der Musikproduktion werde ich in Zukunft wahrscheinlich nur noch die Bonbons herausschießen. Die Gebrauchstitel kann mein Stab jetzt schon selbständig produzieren."
Als Stars seines Films "Bonjour, Kathrin!", der ohne Beteiligung der Polydor von der Feltz-Produktion mitfinanziert wird, stellt er Caterina Valente, ihren Bruder Silvio und Peter Alexander heraus. Der Farbfilm ist mit 1,4 Millionen Mark relativ niedrig veranschlagt. Feltz: "Entweder hat man Ideen, oder man hat Geld."
Vor den Feltz-Ideen des Dreitage-Drehbuchs zeigte sich Produzent Greven zunächst skeptisch. "Stimmt das denn alles?" Darauf Feltz: "Aber sicher. Wir sind gewöhnt, das alles stimmt." Und dann setzte der clevere Schlagerkönig ein Bekenntnis hinzu, das für die gesamte Aristokratie im Schlagerreich gilt: "Wir sind ja aus der Industrie!"
<grafik><grafiktext> SCHALLPLATTEN-PRODUKTION<
ANTEIL AN DER SCHALLPLATTEN-PRODUKTION<
1907 1929 1953
"Ernste" Musik 63 % 25 % 10 %
"Leichte" Musik 37 % 75 % 90 %
Grafik:
SCHALLPLATTEN-PRODUKTION<
ANTEIL AN DER SCHALLPLATTEN-PRODUKTION<
1907 1929 1953
"Ernste" Musik 63 % 25 % 10 %
"Leichte" Musik 37 % 75 % 90 %
*) "Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte".
**) In der Schlager-Industrie ist der "Produzent", anders als beim Film, der "Regisseur" einer Aufnahme. Feltz nennt sich nach amerikanischer Art "producer", weil es seinen Typ des privaten Schallplatten-Produzenten, der sich und seinen Aufnahmestab an Platten-Firmen "vermietet", sonst nur in Amerika gibt, übrigens auch dort nur in geringer Zahl.
*) Jary/Balz: "Roter Mohn" (1939), "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern" (1940), "Das machen nur die Beine von Dolores" (1951). Winkler: "Capri-Fischer" (1943), "Glaube mir" (1953), Feltz: "Stern von Rio" (1940), "Es geht alles vorüber (1944). "Wer soll das bezahlen?" (1949), "Südliche Nächte" (1952).
*) Biem: "Bureau International de l''Edition Mécanique", die "internationale Gema".
*) Von links: Techniker, Dr. Ihlau, Regisseur Anton, Gietz, Feltz.

DER SPIEGEL 48/1955
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