21.12.1955

UNIFORM-KNÖPFE / STREITKRÄFTEGeheime Beschaffungssache

In der Lüdenscheider Metallwarenindustrie ist ein heftiger Streit darüber entbrannt, welche Firmen in Zukunft einen begehrten Massenartikel herstellen dürfen, den die westdeutsche Bundeswehr ebenso dringend braucht wie Kommißbrot - Uniformknöpfe.
Schon seit Jahren wartete die hauptsächlich im Sauerland ansässige Branche der sogenannten Metallkurzwaren-Hersteller auf den glücklichen Augenblick, an dem sie ihre Stanzen und Pressen wieder für den neuen Zauber der Montur in Bewegung setzen könnten. Viele kleine Fabrikanten belagerten schon vorzeitig das Beschaffungsamt des Verteidigungsministeriums in Koblenz.
Da der Geschäftsführer des Fachverbandes Metallkurzwaren, Benno Keulen, 43, voraussah, daß sich die Knopf- und Abzeichenhersteller seines Verbandes sehr bald bei diesem Wettlauf nach Koblenz in die Haare geraten würden, reiste Keulen schon im Februar dieses Jahres zum Deutschen Eck, um Theodor Blanks Beschaffungsreferenten einen Vermittlungsvorschlag zu unterbreiten. Die acht leistungsfähigsten Fabrikanten der Branche - so schlug Geschäftsführer Keulen vor - sollten damit beauftragt werden, im edlen Wettstreit die neuen Uniformknöpfe und Abzeichen zu entwickeln, das Beschaffungsamt könne dann das geeignetste Modell aussuchen und es allen interessierten Fabrikanten zugänglich machen. So sei dann garantiert, daß jeder Hersteller später im freien Wettbewerb den genormten bundesdeutschen Uniformknopf herstellen und an die Uniformfabriken liefern könne.
Die Referenten erklärten sich mit diesem Vorschlag einverstanden, beauftragten aber dennoch nur die Firma F. W. Aßmann & Söhne in Lüdenscheid mit der Entwicklung der Uniformknöpfe für Heer, Luftwaffe und Marine, worüber sich die übrigen Fabrikanten auf einer Sondersitzung im Lüdenscheider Bürgerlokal "Zum Rollmops" bitter beklagten.
Warum diese Firma den Entwicklungsauftrag bekam, kann Verbandsgeschäftsführer Keulen nur vermuten: "Auf Grund von Beziehungen, die der Firmenchef und
ehemalige Major Hans Aßmann zur Nato hat." Am meisten ärgerte sich ein anderer ehemaliger Reserveoffizier, Knopffabrikant Wilhelm Schulte, 57, der es allerdings nur bis zum Hauptmann gebracht hatte, über die bevorzugte Behandlung der Firma Aßmann & Söhne, die sich für die neue Uniformeffekten-Konjunktur einen ehemaligen Oberst als Spezialisten engagierte.
Fabrikant Schulte, Inhaber der Firma Gebr. Gloerfeld KG in Lüdenscheid, wandte sich vergeblich an die Beschaffungsstelle in Koblenz mit der Bitte, ihm einen genehmigten Uniformknopf zu überlassen, damit auch er zur rechten Zeit seine Stanzmaschine auf die genormte Größe einstellen könne. Der zuständige Referent ließ den Fabrikanten wissen, daß die gesamte Angelegenheit Bekleidung und Ausrüstung "geheim ist und deshalb nicht offenbart werden kann".
Noch am 3. November - also wenige Tage bevor die ersten 101 neuen Soldaten eingekleidet wurden - lehnte Ministerialdirektor Voigt einen weiteren Antrag des Fabrikanten Schulte mit dem Bemerken ab: "Leider sind die Arbeiten bisher auch heute noch nicht abgeschlossen, so daß ich Ihnen weder die technischen Lieferbedingungen noch Muster übersenden kann."
Da zögerte Schulte nicht länger und schrieb nun Bundesverteidigungsminister Blank einen geharnischten Brief, in dem er auch im Namen anderer zu kurz gekommener Fabrikanten darauf hinwies:
"Wenn die Ausrüstungsvorgänge tatsächlich 'geheim' sind, dann müssen Sie, Herr Verteidigungsminister, Ihren Sachbearbeiter wegen Verstoßes gegen die Geheimhaltungsvorschriften der Staatsanwaltschaft übergeben, weil er in der Auswahl der Geheimnisträger grob fahrlässig gehandelt hat, indem er einen Unternehmer zur Entwicklungsfirma bestimmt hat, der doppelte Staatsangehörigkeit besitzt (Firmenchef Hans Aßmann ist auch noch Österreicher) und der also im Zweifel sein muß, welchem Staat er zur Geheimhaltung und welchem Staat er zur Offenbarung des Geheimnisses verpflichtet ist.
"Wenn aber die Ausrüstungsgegenstände nicht 'geheim' sein sollten, dann ist es ein
verabscheuungswürdiger Vorgang, wenn den Entwicklungsfirmen ein Vorsprung unter dem Vorwand des Geheimnisses gegeben worden ist. Die Geheimhaltung von Uniformknöpfen und -abzeichen aber ist an sich schon so absurd in einer Zeit, in der die Großen Vier die Auf- und Abrüstung und die Grundlagen der Atomforschung diskutieren und offenbaren ließen."
Durch die Begünstigung einer Firma habe Blank einen wichtigen Grundsatz des Bundeswirtschaftsministers Erhard durchbrochen. Wenn man mit großen Rüstungsobjekten genauso verfahren werde, dann sei man auf dem besten Wege, Monopole für eine Reihe begünstigter Firmen zu schaffen. Blank hat diese Beschwerde bisher noch nicht beantwortet.
Um den zornigen Fabrikanten zu beruhigen, unternahm inzwischen der Geschäftsführer des Fachverbandes der Metallkurzwaren-Hersteller, Keulen, noch einmal den Versuch, dem Wilhelm Schulte einen amtlich lizenzierten Uniformknopf auf dem Verbandsweg zu verschaffen. Er besorgte sich von der Quelle der Entwicklung, der Firma Aßmann & Söhne, die technische Beschreibung des Knopfes, in der es heißt: "Der Knopf ist ein leichtgewölbter, punktmatt gekörnter ... Metallsplintknopf. Er besteht aus vier Teilen: 1. dem Oberteil (Knopfschale), 2. dem Boden (Knopfdeckel), 3. der Einlage (Pappe), 4. dem Splint."
Damit kann Fabrikant Schulte auch nichts anfangen. Nachdem er zunächst einen Detektiv bemühen wollte, hat er sich jetzt einen anderen Weg überlegt, um an den genormten Bundeseinheitsknopf zu kommen. Sagt Schulte ironisch: "Ich fahre demnächst in eine neue Garnisonstadt und gehe abends in ein Kino. Dann werde ich in der Dunkelheit einem Soldaten den langgesuchten Knopf abschneiden, um nach diesem Muster endlich selbst Uniformknöpfe herstellen zu können."

DER SPIEGEL 52/1955
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