21.12.1955

HEIMKEHRER / FAMILIEN-ZUSAMMENFÜHRUNGAlle taten ihre Pflicht

In diesen Tagen, da es so aussieht, als ob auch die letzten Gefangenen aus der Sowjet-Union noch rechtzeitig zum Weihnachtsfest wieder bei ihren Familien sein werden - die Transporte sind wieder in Gang gekommen - , wanderte im Bayrischen Verwaltungsgerichtshof eine Klage des Spätheimkehrers Emil Glasl, 43, zuständigkeitshalber vom Dritten zum Ersten Senat. Diese Klage ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie entscheidend es selbst bei Vorgängen von so elementarer Selbstverständlichkeit wie der Heimkehr aus Kriegsgefangenschaft ist, die richtige Zeit und den richtigen Zug zu erwischen.
Als Emil Glasl heimkehrte - 1950 - , waren zu seiner Begrüßung noch keine Bundesminister aufmarschiert, und die Behörden, die sich heute unbürokratisch in der Zusammenführung von Heimkehrern mit ihren Angehörigen überbieten, dachten damals zum Teil noch gänzlich anders. Es war freilich zu jener Zeit auch noch nicht möglich, es als ein Verdienst der Bundesregierung und insbesondere Konrad Adenauers zu feiern, daß der Osten Deutsche freiließ.
Glasl ist im Sudetenland geboren. Seine Einberufung zur Wehrmacht kam zum 3. Januar 1941, und am 6. März 1945 geriet er in sowjetische Gefangenschaft. Einige Tage später fuhr sein Transportzug zu den Lagern im Ural, die er anschließend durchlief.
Es kam das Kriegsende, die Sudetendeutschen wurden von den Tschechen aus der wiedererstehenden Tschechoslowakei vertrieben, und Emil Glasls Vater überlebte die Vertreibung nicht. Glasls Mutter dagegen wurde in das oberpfälzische Nest Poppenricht verschlagen und kam dort mit Tochter und Schwiegersohn in zwei kleinen Zimmern unter.
Anfang 1947 konnte Emil Glasl auf einer Karte des sowjetischen Roten Kreuzes aus dem Ural ein Lebenszeichen an seine Mutter geben. Mit dieser Karte ging Mutter Glasl zur Poppenrichter Gemeindeverwaltung und meldete ihren Sohn Emil dort als Kriegsgefangenen an.
Die Antwort der Mutter auf seine Karte hat Emil Glasl nie erhalten. Im Spätherbst 1947 eröffnete ihm nämlich ein sowjetischer Vernehmungsoffizier nach längerem Verhör: "Wir übergeben Sie den Tschechen. Die sollen mit Ihnen machen, was sie wollen."
Die Tschechen steckten Emil Glasl in das Tonbergwerk Johnsdorf bei Mährisch-Trübau. Hier, im Barackenlager und bei einer Arbeit, die wegen der Nässe und der unzulänglichen Schutzkleidung recht bald Krankheiten nach sich zog, ging Emil Glasls Gefangenschaft weiter.
Nach langen Monaten meldete er sich bei seiner Mutter schriftlich aus dem Tonbergwerk in der Tschechoslowakei. Mutter Glasl reichte - am 10. September 1948 - einen Zuzugsantrag für ihren Emil ein. Einen Monat später erteilte das Bayrische Landeszuzugsamt diesem Antrag seine Genehmigung. Indes, die Tschechen wollten Emil Glasl noch nicht gleich in die neue bayrische Heimat entlassen, und der genehmigte Antrag verfiel.
Mutter Glasl schrieb also am 20. Juni vorsorglich um eine neue Zuzugsgenehmigung für ihren Sohn an das Flüchtlingsamt Sulzbach-Rosenberg. Dieses Amt
brauchte vier Zeilen, um zwei Monate später mitzuteilen, daß "gemäß Entscheid des Bayrischen Staatsministeriums des Innern, Staatssekretariat für das Flüchtlingswesen, Aktenzeichen Fl 41 78 130/175 744 vom 12. 8. 1949" dem Antrag nicht entsprochen werden könne, da "keine Unterbringungsmöglichkeit besteht".
Nun hätten die Behörden sich immerhin nach Möglichkeiten umsehen können, Emil Glasl vielleicht doch noch mit seiner Mutter zusammenzuführen - etwa durch Vermittlung anderen Wohnraumes oder ähnliche Maßnahmen; indes, soweit reichte das Verständnis für den Gefangenen in der Tschechoslowakei, der zu seiner Mutter wollte, nicht. Am 9. Januar 1950 machte die Mutter einen neuen Versuch, ihrem Sohn eine Zuzugsgenehmigung zu besorgen, damit er wisse, wo er nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft hingehen könne. Mutter Glasl starb dann zwei Tage, ehe die Antwort auf ihr zweites Gesuch aus Sulzbach-Rosenberg eintraf: "Ihrem Antrag kann gemäß Entscheid des Bayrischen Landeszuzugsamtes, Aktenzeichen 1/8130, 21 71 76, vom 3. 2. 1950 nicht entsprochen werden, da wohnraummäßige Unterbringung nicht gewährleistet ist."
Emil Glasl hatte schon in der Tschechoslowakei davon erfahren, daß in Deutschland für Kriegsgefangene, die zu ihren Familien wollten, kein Wohnraum zu schaffen war; er verdankte diese Kenntnis dem Umstand, daß er selbst sich ebenfalls um seine Heimkehr bemüht hatte. Sein Antrag, der über die Prager Vertretung der Alliierten Hohen Kommission für Deutschland weitergeleitet wurde, fand schon bei dem dort tätigen Grafen Mensdorff eine skeptische Beurteilung, weil der Graf die Ablehnung der deutschen Behörden, die ihm selbst unfaßbar erschien, schon kannte.
So wandte sich Glasl, der in der Tschechoslowakei offiziell den Status eines Internierten hatte, schließlich an das Internationale Komitee des Roten Kreuzes in Genf. Dort entsetzte man sich über diesen Fall, war über den müden Schematismus der bayrischen Behörden entrüstet und setzte sich für Glasl ein. Am 13. Juni 1950 erhielt er endlich die Zuzugsgenehmigung.
Er darf heute annehmen, daß diese Genehmigung im wesentlichen deshalb erteilt wurde, weil seine Mutter ihm durch ihren Tod einen Wohnplatz frei gemacht hatte. So jedenfalls liest es sich in einem Bescheid, den das Bayrische Landeszuzugsamt dem Heimkehrer am 23. Juli 1951 auf eine Beschwerde hin zukommen ließ, die Glasl wegen seines verweigerten Zuzugs dorthin gerichtet hatte.
Mit jener eigenwilligen Poesie, die Behördentexten eigen ist, schrieb der damalige Regierungsrat Engl i. A.:
"Nachdem durch das Ableben Ihrer Mutter ... sich in der Wohnraumfrage ein neuer Sachverhalt ergeben hatte, konnte der am 28. 4. 1950 für Sie gestellte Zuzugsantrag am 13. 6. 1950 genehmigt werden."
Obwohl der Gemeinde bekannt war, daß es sich bei Glasl um einen nicht heimgekehrten Kriegsgefangenen handelt, verschanzten sich die Behörden immer wieder hinter den Bestimmungen des Flüchtlingsgesetzes, und dieser bayrische Engl meinte weiter:
"Das Bayrische Landeszuzugsamt lehnte ... die Erteilung einer Zuzugsgenehmigung aus Wohnraummangel ab. Dabei handelte es nach pflichtgemäßem Ermessen, da eine Familienzusammenführung nach den Ausführungsbestimmungen zum Flüchtlingsgesetz nicht vorlag. Diese ist beschränkt auf: 1. Ehegatten, 2. minderjährige Kinder, 3. hilfs- und unterstützungsbedürftige
Eltern, sofern der Ernährer in der Lage ist, für ihren Unterhalt aufzukommen. Eine Zuzugsgenehmigung als Härtefall konnte nicht erteilt werden, da eine Voraussetzung hierfür zureichender Wohnraum ist ...
"Eine Überprüfung der Äußerungen der nachgeordneten Dienststellen in Ihrer Zuzugsangelegenheit ergab, daß sachgerechte ausführliche und gewissenhafte Stellungnahmen abgegeben wurden ... So bedauerlich die durch die Ablehnung für Sie verbundenen Härten sind, so liegt doch eine Pflichtverletzung oder ein Ermessensmißbrauch der an den Entschließungen beteiligten Angestellten nicht vor."
Es wäre nun denkbar, daß sich das Landeszuzugsamt bei seiner Entscheidung vielleicht doch der Tatsache hätte erinnern können, daß Glasl ja eigentlich ein Kriegsgefangener war, der zu seiner Mutter wollte. Eine derartige Überlegung war jedoch von der Behörde nicht zu verlangen, zumindest nicht nach dem Urteil des Ersten Zivilsenats des Oberlandesgerichts München, der am 16. Mai 1952 eine Beschwerde Glasls wegen verweigerten Armenrechts in einer Schadensersatzklage gegen den Freistaat Bayern zurückwies und dazu begründete:
"Für eine schuldhafte Amtspflichtverletzung, auf die der Antragsteller seine Klage stützen könnte, ist nichts dargetan. Nachdem die Anträge auf Zuzugsbewilligung ... vom zuständigen Flüchtlingsamt wegen unzureichender Wohnungsverhältnisse mit eingehender Begründung nicht befürwortet waren, lag es dem Landeszuzugsamt nicht ob, Ermittlungen über anderweitige Unterbringungsmöglichkeiten anzustellen ..."
Heimkehrer Glasl hat sich in den fünf Jahren seit seiner Heimkehr in den Gedanken verrannt, die Behörden müßten belangt werden, weil sie ihm nicht erlaubten, aus tschechischer Gefangenschaft zu seiner Mutter nach Bayern heimzukehren. Aber es steht zu erwarten, daß ihm Anfang nächsten Jahres auch der Erste Senat des Bayrischen Verwaltungsgerichtshofes bescheinigen wird, daß diese Behörden, die Mutter Glasls Gesuche für ihren Sohn ablehnten, damit voll und ganz ihre Pflicht taten.

DER SPIEGEL 52/1955
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