DER SPIEGEL



THEATER

Liebe in den Zeiten der Pest

Von Matussek, Matthias

Beim Festival in Edinburgh vermessen Regisseure aus ganz Europa die moderne Giergesellschaft zwischen Sex und Sucht, während Altmeister Peter Zadek mit seinem märchenhaften "Peer Gynt" Publikum und Kritiker bezaubert. Von Matthias Matussek

Eine wuchtigere Kulisse für das größte Kunstfestival der Welt kann es gar nicht geben. Aus den Lavabrocken eines urzeitlichen Vulkanausbruchs wurde Edinburghs Schloss errichtet. Romantisch steht es seit Bravehearts Zeiten über der Stadt mit seinen Zinnen, den Standarten, und trotzt jeder Invasion.

Gegen diese hier hat es allerdings keine Chance. Nicht gegen das Theater-Gebrodel und Trivial-Gejohle, das jeden August über die Kopfsteingassen hereinbricht, all die Programmzettel-Mädchen, Pantomimen, Feuerschlucker, all das Geschiebe im Schatten der Festung.

Die Hochkultur im Internationalen Festival sorgt fürs Prestige, doch das Fringe-Festival prägt die Stadt und versorgt sie mit Gesprächsstoffen. Auf den ersten Blick ist das herrlicher mittelalterlicher Vagantenzauber. Auf den zweiten sieht man, dass da unten im Wesentlichen die TV-Gesellschaft rauscht.

Rund 1700 Shows. Die Programmzeitschriften gliedern den Tag in Zehn-Minuten-Takte. Channel-Zapping. Längst verstehen sich all die Container- und Kellerbühnen nicht mehr als Alternative zur Flimmerkiste, sondern als deren Vorsprechzimmer, und im Publikum sitzen jede Menge Agenten.

Auf die europäische Theaterkrise antworten die britischen Schauspielleute mit hemmungsloser Anpassung an den Feind.

Das Überleben im Gedröhne ist taff, und die Kritiker sind gnadenlos. Eine schrieb: "Eher fresse ich meine Eierstöcke, bevor ich mir wieder so eine Show antue." Viele suchen kaum noch den Umweg über die Kunst. Sie fallen auf die Nerven, das ist effektvoller.

Oft geht es um Verfallsformen der Liebe: Ein Sexsüchtiger klickt auf der Bühne nach Internet-Partnern, wieder einer vertont die Briefe an eine Porno-Queen. Und im Getümmel steht Russell Brand und will ein besserer Mensch werden. Und jetzt das!

"Ich bring mich um, John", brüllt er ins Handy. Russell ist ein schwarzlockiger Comedy-Gott, der Lenny Bruce der MTV-Generation. Zerrissene Jeans, lautes Maul, obszön und wild. Vor zwei Jahren prügelte er sich mit dem Publikum. Jetzt ist er seit

18 Monaten clean. Sein Programm heißt "Better now". Dabei ist gar nichts besser.

Was passiert ist? Der "Independent" hat die 50 besten Punchlines des Fringe-Festivals veröffentlicht und die von Russell Brand einem Konkurrenten zugeschrieben. Das reicht für Suizid, die Schwelle ist tief gelegt, heutzutage: "John, diesen Witz lesen mehr Leute als je in meine Show kommen werden."

Es ist das Jahr der Ich-Generation in Edinburgh. Viele Geschichten handeln von Sündenfall und Errettung. Geschichten von der modernen Pest: dem Konsumismus, der Sucht nach Aufmerksamkeit, nach Alkohol, nach TV, nach Sex, nach allem, was den inneren Mangel narkotisiert.

Mit Russell Brand macht die Giergesellschaft Bilanz, die Welt der Trolle. Er erzählt von Prostitution in Istanbul, Heroin in MTV-Garderoben, Abstürzen wie dem, als er bedröhnt einen Sendewagen bestieg und die Hosen runterließ. Doch was ist das alles schon gegen eine einzige xenophobe Kolumne in der "Sun"?

Jetzt ist er also clean, und er besucht regelmäßig AA-Gruppen. Er will besser werden, sicher, und gleichzeitig Kapital daraus schlagen. Er kämpft mit Widersprüchen: In den Gruppen lernt er Bescheidenheit, doch für seine Auftritte braucht er das große Maul. "Was soll ich nur tun?" Liebe? Die ist für ihn, in diesen Zeiten der Pest, außerhalb jeder Reichweite.

Brand ist ein sympathischer Troll auf Rehab, mit panischen Augen. "Ich bin nicht glücklich", sagt er. Wie wird man das? Vorläufig muss es der schnelle Griff zum Handy lösen. "John, schaff es aus der Welt, ich bitte dich, dafür müssen die bezahlen, kümmere dich drum."

Dann wird Russell Brand verschluckt vom anschwellenden Gemurmel, vom Gelächter, vom Meer an Geschichten dieses Festivals: von einer Amazonas-Reise, von Anti-Blair-Tiraden, der Tarantino-Geschichte aus Sex, Drogen, Schüssen und der einer modernisierten Antigone, die Kreons Sohn einen Blowjob verabreicht, aber das hat sich das Theater ja nicht selbst ausgedacht, sondern einfach von der Politik abgeschaut.

Das große Theaterrauschen also, auf allen Kanälen. Und plötzlich Stille. Dann fallen die Türen zu im prächtigen alten Empire Theatre, und auf der Bühne sprechen Engel. Olivier Py ist zu Gast mit seiner Inszenierung des "Seidenen Schuhs" von Paul Claudel, und wenn es eine Provokation geben kann im schnellatmigen Amüsierbudenbetrieb Edinburghs, dann diese hier: elf Stunden Theater. Elf Stunden Suche nach Gott.

"Der seidene Schuh" ist das Gegenteil von Speed-Dating. Hier wird von einer großen Liebe erzählt, die sich erst im Jenseits erfüllen kann. Don Rodrigo, der Abenteurer im Auftrag der spanischen Krone, wirbt um die verheiratete Doña Proëza. Diese liebt ihn zurück, doch sie will ihre Ehe, ihr dem Himmel gegebenes Versprechen, nicht brechen. Das heißt, so sicher ist sie sich nicht, weshalb sie einer Statue der Heiligen Jungfrau ihren Schuh in die Hände legt. "Aber wenn ich dann versuche, mich in das Schlimmste zu stürzen, so sei es mit einem hinkenden Fuß."

Auf der Bühne goldene Rahmen, ein goldener Riesenglobus, alles Gold der Welt, denn die Geschichte spielt während einer anderen Gier-Epoche - der Zeit der Konquistadoren, der Ausplünderung des neuen Kontinents.

Claudels poetischer Mammut ist in Frankreich überhaupt erst dreimal vollständig

aufgeführt worden, ein Weltmärchen wie Ibsens "Peer Gynt", entzündet durch eine private, ganz und gar unheilige Begebenheit. Claudel, Diplomat, lernte auf einer Schiffspassage nach China eine verheiratete Frau kennen und lieben, die ihn dann verstieß.

Aus der Welt der Trolle kann die wundervollste Reinheit kommen, das hat der Katholik Claudel begriffen. Das Motto des Abends schwebt in Neonschrift über der Bühne: "Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade."

Auch diese Theater-Reise bietet Burleskes und Nackte. Doch vornehmlich kreist sie in hohem Ton um Doña Proëza, die heilige Terroristin der Liebe, die die Männer um sie herum mit ihrer Tugendhaftigkeit zu Grunde richtet.

"Natürlich ist sie eine Zicke", sagt der lachende Olivier Py in der Pressekonferenz. "Eine heilige Zicke."

Die Kritik versagt bei diesem Abend völlig. Sie mäkelt an der Länge, was ungefähr so ergiebig ist, wie eine wunderbare Giraffe für ihren langen Hals zu kritisieren. Doch ist Pys Aufführung der Ausweg aus der Krise des Theaters, der Krise der Liebe?

Sie gibt die französische Antwort. Subventionstheater als sittliche Anstalt. Es ist nie in Gefahr, sich etwa durch den Blick auf die Abendeinnahmen zu korrumpieren. Es vermeidet die Welt der Trolle. Es ist das dogmatische Gegenunternehmen. Es ist das Kloster.

Wie schön, dass es da noch eine weitere Antwort gibt, eine deutsch-britischinternationale, und die sitzt erst mal missmutig im Balmoral Hotel über dem Porridge. Das Theater heute sei langweilig, sagt Peter Zadek, und die Bedienung kommt immer noch nicht mit dem Kaffee.

Lauter junge Regisseure, die Ideen haben, statt die Stücke zu lesen, fügt er hinzu. Und Schauspieler, die an der Rampe stehen und ins Publikum brüllen, und hinten dreht sich dann eine Wand. "Das ist dann toll, und keiner guckt mehr zu. Wo bleibt der Kaffee!" Irgendwie, hat man den Eindruck, ist in erster Linie der notorisch lustlose Service an diesem Morgen schuld an der immensen Verluderung des Theaters.

Das Fringe in Edinburgh? "Alles ist vulgär und ungenießbar und teuer. Also genau ein Spiegel von dem, was draußen so los ist." Genau davon handle übrigens seine Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt".

Irgendwie haben alle das gleiche Thema in diesen Tagen. "Wir erzählen von der Welt der Trolle und der Triebe, von diesem Scheißmaterialismus, und wie man da, unbeschadet an der Seele, hindurchfindet."

An diesem Morgen allerdings hat Zadek nur zwei Sorgen: den Kaffee und dass Uwe Bohm wieder zu Stimme kommt für die Abendvorstellung. "Uwe hat ja nie richtig Schauspiel gelernt, deshalb geht er so unökonomisch mit sich um - er verplempert sich."

Dabei liebt Zadek genau solche, die sich verplempern und einen eigenen Ton haben und nicht die routinierte theatralische Meterware liefern, vor der er einst aus England geflüchtet ist. Er sucht lange nach ihnen, und wenn er sie gefunden hat, lässt er sie nicht wieder los.

Dann braucht er nur sie und Solitäre wie Angela Winkler, die alles erstehen lassen auf der leeren Bühne, die Berge und Wälder und Meere und die Katastrophen und Orgien des Lebens. Anstrengungslos, mit großer Poesie. Ach ja, auch bei ihm gibt es Nackte. Hübsche dazu.

Uwe Bohm ist das charmante Großmaul, das Edinburgh bereits mit dem ersten Gang über die fleckigen Bühnenplanken erobert. Berliner Kritiker mochten diese Inszenierung nicht. Vielleicht hat sie ja erst an diesem Abend gelernt zu fliegen und mit ihr dieser Peer Gynt.

Er denkt erst mal nicht daran, ein besserer Mensch zu werden. Er fällt unter die triebhaften, rattenschwänzigen Trolle, die nur nach einem Motto leben: Jeder ist sich selbst der Nächste. Er schmeißt sich die Frauen über die Schulter, er bricht aus der dörflichen Enge aus, er ist ein Zocker.

Ja, als Unternehmer und Spekulant, später in Afrika, macht er richtig Geld, doch das ist es längst nicht. "Ich will die Weltherrschaft", ruft er, und dabei sieht Uwe Bohm einen Moment lang so selbstbesoffen aus wie Russell Brand auf seinem Sendewagen.

Auch Peer geht es an den Kragen. Da droht er abzusaufen in den Wellen des Lebens. Und da nimmt er sogar die Zigarre aus den Zähnen und schwört, ein besserer Mensch zu werden. Das ist eine der hübschen albernen Erfindungen dieses Abends. Bohm wendet den Blick zum Himmel, um zu beten, und er legt die Sonnenbrille ab, damit ihm Gott in die Augen schauen kann. Er meint es ernst. Wirklich!

Als er schließlich wieder Boden unter den Füßen spürt, denkt er zunächst mal an die Verwertung, wie Russell Brand, wie so viele auf dem Festival, als einer, der durch die Hölle gegangen ist. "Vielleicht", überlegt er laut, "sollte ich ein Buch schreiben, über meine Vergangenheit." So modern ist Ibsen in dieser Bearbeitung durch Botho Strauß.

Die Rettung Peer Gynts? Sie kommt nicht durch Gott und nicht durch die Therapiegruppe, sondern durch die Liebe.

Ein atemraubendes Finale. Den ganzen Abend hat man immer wieder Fetzen dieses Liedes gehört, Solveigs Lied. Solveig ist das Mädchen aus Peers Dorf, dem er einst die Hochzeit versprochen hat. Sie hat den allerreinsten Ton in diesem Gewimmel - Annett Renneberg war Sängerin, bis Zadek sie zur Schauspielerei überredete.

Sie wartet ein Leben lang auf ihn, und als er am Ende zu ihr zurückkehrt, geschlagen, ausgebrannt, da sinkt er vor Scham zu Boden. Und Solveig, die mittlerweile erblindet ist, lächelt. Und sie tröstet ihn. Und dankt ihm für die Liebe, mit der er sie erfüllt habe. "Mit Glaube und Hoffnung und Liebe."

Das ist die simple Antwort. Wer nur sich selbst liebt, verfehlt sich in diesem Getriebe der Trolle. Alle Reichtümer sind bereits in uns, und der größte besteht in der Fähigkeit, andere zu lieben. Solveig sitzt in diesem zartesten Moment in einem modernen Wohnsilo. Zadek spürt Poesie gern im Alleralltäglichsten auf.

Wie in vielen seiner Inszenierungen blieb auch an diesem Abend das Licht im Zuschauerraum angeschaltet, womit das Parkett wie eine Verlängerung der Bühne wirkt und der Graben zwischen beiden nicht mehr ganz so tief.

Und man begreift, dass das Theater in Zukunft nur so sinnvoll ist. Nicht als anbiedernde Anpassung an die Trolle und nicht als hochmütige Abgewandtheit, sondern als gemeinsame, neugierige, lustvolle Erkundung.

Tja, und dann geht der Alte auf die Bühne, wie er es seit Jahrzehnten tut, lächelnd, mit schräg gestelltem Kopf, und verbeugt sich in den Applaus.

"Ein Abend, der Ibsen entromantisiert, ohne ihn kaputtzumachen", jubelt anderntags der absolut hingerissene Michael Billington im "Guardian". "Ein lebendiger Beweis dafür, warum wir das internationale Festival brauchen."

Was da genau bejubelt wird an diesem Welttheatermenschen, weiß man selten. Es ist ganz sicher kein Trick, keine Idee. Es ist wahrscheinlich diese Haltung: die große Liebe zum Theater.


DER SPIEGEL 36/2004
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