30.08.2004

LITERATURSex nach der Theaterprobe

Bodo Kirchhoff erzählt in seinem neuen Roman „Wo das Meer beginnt“ von einer dramatischen Schülerliebe und ihrem überraschenden Nachspiel.
Der Titel klingt nach einem Unterhaltungsroman der seichten Sorte: "Wo das Meer beginnt" - dabei spielt er doch nur auf einen ganz konkreten Schauplatz in Portugal an, eben jene Stelle, "wo das Land aufhört und das Meer beginnt"*. Auf einer Klassenreise nach Lissabon verlieben sich die Schülerin Tizia und ihr Schulkamerad Viktor ineinander, im Anblick der Wellen. Bald schon entwickelt sich daraus ein Drama. Die beiden werden nach einer Theaterprobe in der Schule beim Beischlaf ertappt, schlimmer noch: Das Mädchen deutet später an, vergewaltigt worden zu sein.
Ihm, Viktor, dem Ich-Erzähler, den es mit Anfang 30 zurück nach Lissabon gezogen hat, wo er für ein deutsches Kulturinstitut arbeitet, macht die alte Geschichte immer noch zu schaffen - zumal nach all diesen Jahren erstmals eine Wie-
derbegegnung mit Tizia bevorsteht, die inzwischen Schauspielerin geworden ist und im Institut einen Auftritt haben wird.
Bevor sie eintrifft, setzt sich Viktor hin und macht Notizen, in denen er Gespräche mit seinem alten Lehrer Branzger rekapituliert, Gespräche, die nun auch schon lange zurückliegen. Branzger hat damals von ihm wissen wollen, was wirklich an jenem Abend geschehen ist; im Gegenzug hat er angeboten, den Verlauf jener Lehrerkonferenz minutiös preiszugeben, in der es um die Frage ging, ob Viktor wegen der angeblichen Vergewaltigung der Schule verwiesen werden sollte.
Eine Lehrerkonferenz als Gegenstand der Literatur? Dem Sprachkünstler Kirchhoff gelingt es, dem scheinbar Belanglosen einer solchen Runde durch episches Insistieren, durch genaues Hinsehen und durch die Kraft der Formulierung die Fallhöhe einer Tragödie zu geben - ohne das Komödiantische daran auch nur einen Moment aus dem Blick zu lassen.
"Wo das Meer beginnt" schildert über weite Strecken nichts als jenes sich mehrere Wochen hinziehende Gespräch zwischen Lehrer und Schüler über Liebe und Sex, Missverständnisse und Fallen, über das Verdrängen und die Unfähigkeit, einfach vergessen zu können. Dennoch ist es ein wirklich unterhaltsamer, spannender Roman.
Kirchhoff, 56, veröffentlicht seit 1979 Prosawerke, darunter die wunderbare Erzählungssammlung "Ferne Frauen" oder die "Mexikanische Novelle"; es gibt auch mehrere Theaterstücke und Drehbücher von ihm - vor allem aber seine Romane, von denen einer, "Infanta" (1990), ein Bestseller wurde. Schon in dem glänzenden Roman "Parlando" (2001) bestimmte ein im Unterton erotisches Gespräch (dort zwischen dem Ich-Erzähler und einer Staatsanwältin) die Struktur.
"Schreiben heißt: Abgrund plus Handwerk, das eine ohne das andere ist nichts", hat Kirchhoff einmal - in einer Poetikvorlesung - formuliert. Was er damit gemeint hat, lässt sich kaum besser studieren als in dem mitreißenden Redestrom, wie ihn schon "Parlando" und jetzt wieder der Roman "Wo das Meer beginnt" bietet.
Lange zögert der Schüler, dem Lehrer die ganze Wahrheit zu erzählen. Doch der Gesprächspartner lockt ihn durch eigene Geständnisse immer mehr in einen Rausch der Selbstoffenbarung - ins offene Meer der Psyche. Die Erfahrung des Alten, dass "du nur einmal wirklich liebst im Leben, unter Umständen nur eine Nacht lang", möchte der nun gern vom Jungen bestätigt wissen, zumal er ihn damals auf der Konferenz vehement verteidigt hat, eigene Erinnerungen im Kopf. Zu Recht verteidigt? Das lässt dieser raffiniert erzählte Roman lange offen. VOLKER HAGE
* Bodo Kirchhoff: "Wo das Meer beginnt". Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main; 320 Seiten; 19,90 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 36/2004
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