DER SPIEGEL



Maßlos überzogen

Von Dohmen, Frank

E.on-Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann, 61, über die Proteste gegen die Preispolitik der großen Energiekonzerne

SPIEGEL: Privat- und Industriekunden sind aufgebracht, Verbraucherschützer rufen zum Zahlungsboykott auf, Politiker werfen Ihrer Branche Abzockerei vor. Lässt Sie die Debatte um steigende Energiepreise kalt?

Bergmann: Nein, natürlich nicht. Unsere Kunden lassen uns nicht kalt, und ihre Sorgen nehmen wir sehr ernst. Aber wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir betreiben ein sauberes Geschäft. Vieles, was da gerade aufgeregt diskutiert wird, geht an der Realität vorbei und ist maßlos überzogen.

SPIEGEL: Wie die Gaspreise. Die liegen jetzt schon höher als in den meisten europäischen Nachbarstaaten - und sollen noch einmal um bis zu 13 Prozent steigen. Ist die Erregung der Verbraucher da nicht gerechtfertigt?

Bergmann: Ich habe Verständnis dafür, dass die Kunden nachfragen, wie es zu solchen Preiserhöhungen kommt. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Im direkten Vergleich schneidet Deutschland gar nicht so schlecht ab. Auf unserer Ebene, also den Großhandelspreisen, sind wir auch mit Blick auf die Nachbarstaaten durchaus konkurrenzfähig.

SPIEGEL: Mit Verlaub, deutsche Haushaltskunden bezahlen die höchsten Preise in Europa.

Bergmann: Das stimmt so nicht, und der Vergleich hinkt auch. In Ländern wie Großbritannien beispielsweise ist der Marktanteil von Gas viel größer. Dadurch sind die Kosten für das Netz pro Kunde auch geringer. Zudem sind die steuerlichen Belastungen für Erdgas in Deutschland sehr hoch. Das alles muss man bei einer fairen Betrachtung berücksichtigen.

SPIEGEL: Die Gaswirtschaft begründet die Preissteigerungen mit höheren Einkaufspreisen in den großen Erzeugerländern. Tatsächlich aber sind die Importpreise im ersten Halbjahr gefallen. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Bergmann: Es ist nur scheinbar einer. Tatsächlich sind die Einfuhrpreise im ersten Quartal gesunken. Seit April jedoch steigen sie stetig an, und wir können jetzt schon absehen, dass sie im Verlauf des Jahres noch weiter klettern werden. Diese Entwicklung geben wir mit zeitlicher Verzögerung an unsere Kunden weiter. Das bedeutet aber auch, dass wir die Preise senken, wenn die Heizölpreise wieder fallen. Dazu sind wir vertraglich verpflichtet.

SPIEGEL: Wie das?

Bergmann: Unsere Verträge mit großen Gasproduzenten wie Russland sehen eine so genannte Ölpreisbindung vor. Das heißt: Der Gaspreis folgt dem Ölpreis mit gewissem zeitlichem Abstand. Das wird ständig überprüft und hat sich in langen Jahren bewährt.

SPIEGEL: Kritiker wie Kartellamtschef Ulf Böge halten die Ölpreisbindung für überholt und fordern eine Abkehr. Andere Experten monieren, der Mechanismus funktioniere nur bei Preissteigerungen, nicht aber bei -senkungen.

Bergmann: Das ist nicht richtig. Wir geben die Preissenkungen exakt weiter. Außerdem ist in importabhängigen Ländern die Ölpreisbindung für alle Vertragsparteien von Vorteil.

SPIEGEL: Nur die Verbraucher sind mal wieder die Dummen.

Bergmann: Nein, auch die Verbraucher haben einen Vorteil. Durch diese Verträge bleibt der Gaspreis nämlich berechenbar. Wir stehen mit Erdgas immerhin in direkter Konkurrenz zum Heizöl. Die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber diesem Energieträger sichern uns die Exporteure zu, indem sie den Preis an die Entwicklung des Öls koppeln. Ohne diesen Mechanismus könnten die dominierenden Erdgasförderländer den Preis durch ihre Angebotspolitik langfristig fast nach Belieben diktieren. Insofern haben auch die Verbraucher einen klaren Vorteil.

SPIEGEL: Abnehmerländer wie die USA oder Großbritannien kommen ohne eine solche Ölpreisbindung aus.

Bergmann: Aber schauen Sie sich die Preisentwicklung dort an. Die Ausschläge sind deutlich größer als bei uns, und de facto folgt auch dort der Gas- dem Ölpreis. Der Großhandelspreis für Gas ist in Großbritannien derzeit sogar höher als bei uns. Ich räume allerdings ein, dass die Ölpreisbindung kein Dogma für alle Ewigkeit ist. Wir haben in einigen Verträgen bereits andere Kriterien wie etwa den Kohlepreis oder den Spotmarktpreis für Gas eingebunden. Da die Lieferverträge sehr langfristig sind, geht so etwas nur schrittweise und in gegenseitigem Einvernehmen.

SPIEGEL: Bis dahin müssen die Verbraucher mit Preissprüngen von bis zu 13 Prozent leben?

Bergmann: Die 13 Prozent betreffen nicht das Geschäft der Ruhrgas. Es handelt sich um Regionalversorgungsunternehmen, die die jetzige Erhöhung und den zu erwartenden Preisanstieg im Januar in einem Schritt zusammenfassen ...

SPIEGEL: ... und dabei auf die steigenden Großhandelspreise verweisen. Immerhin kündigte Ihr Konzern bereits vor Wochen an, die Preise zum 1. Oktober um sieben bis acht Prozent zu erhöhen. Dass im Januar weitere Schritte folgen werden, haben Sie eben selbst eingeräumt.

Bergmann: Wir haben gerade die jüngsten Berechnungen abgeschlossen. Danach werden wir die Preise zum 1. Oktober nicht um acht, sondern lediglich um vier Prozent erhöhen. Was im Januar ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

SPIEGEL: Sie geben also dem Druck der Verbraucher nach?

Bergmann: Nein, wir richten uns exakt nach unseren Verträgen, die auch dem Kartellamt bekannt sind. Und deren Berechnung hat eine Preiserhöhung von vier Prozent zum 1. Oktober ergeben. Das hat mit den Untersuchungen des Kartellamtes genauso wenig zu tun wie mit Boykottforderungen vermeintlicher Verbraucherschützer. Solche Aufrufe sind im Übrigen verantwortungslos und würden in einer Flut von gerichtlichen Auseinandersetzungen enden.

INTERVIEW: FRANK DOHMEN


DER SPIEGEL 37/2004
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DER SPIEGEL 37/2004

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