Von Kerbusk, Klaus-Peter
Auf den ersten Blick geht es im bundesdeutschen Telefongewerbe zu wie auf einem Basar: "Super billig!", schreit die Firma 01051 Telecom. "Extrem preiswert", hält 01071 Telecom dagegen. "Legendär günstig", lockt 3U Telecom, und die Firma Freenet verspricht "rund um die Uhr Kampfpreise". Bei anderen Anbietern ist schon der Name Programm: Pennyphone, Phonedump, Superdump und Telebillig.
Selbst die Deutsche Telekom will im allgemeinen Preiswert-Geschrei nicht zurückstehen. Im Fernsehen lobt Millionen-Quiz-Moderator Günther Jauch die "unverschämt günstigen Tarife" des Bonner Konzerns. Für den Minikonkurrenten Telediscount ist sogar "billig nicht genug".
Die Realität sieht ein bisschen anders aus. Zwar sind die Gebühren für Telefongespräche in Deutschland in diesem Sommer auf einen historischen Tiefstand gefallen und machen heute nur noch einen Bruchteil jenes Monopolpreises aus, den die Telekom vor der Liberalisierung des Marktes von ihren Kunden kassierte - 30 Cent kostete Ende 1997 ein Ferngespräch von nur einer Minute Länge. Zwei Jahre später hatten die neuen Konkurrenten den Preis schon bis auf fünf Cent gedrückt. Inzwischen kann man für weniger als einen Cent pro Minute quer durchs Land telefonieren.
Aber viele Kunden merken von dem Preissturz der vergangenen vier Jahre kaum etwas, wenn sie auf ihre Telefonrechnung schauen. Trotz immer günstigerer Gesprächsgebühren steigen die Kosten für das Festnetztelefon sogar leicht an. Für Handy-Kunden, die eine Prepaid-Karte benutzen, ist Telefonieren heute sogar deutlich teurer als im Jahr 2000.
Damals hatte das Statistische Bundesamt einen neuen Warenkorb zusammengestellt, der die "veränderten Verbrauchsgewohnheiten der Konsumenten" beim Telefonieren widerspiegeln soll und gleichzeitig "die neu auf den Markt getretenen Leistungen" berücksichtigt. Mehr als 800 Preise werden so untersucht und nach den Telefoniergewohnheiten eines repräsentativen Durchschnittshaushalts gewichtet.
Dank des harten Wettbewerbs in der Branche rutschten die Preise schon im ersten Jahr nach der Zusammenstellung des neuen Festnetzwarenkorbs um knapp vier Prozent. Bei den Gesprächsgebühren setzte sich der Abwärtstrend seither auch ungebremst fort. Dennoch haben sich die Gesamtkosten des Festnetzwarenkorbs nahezu unbemerkt fast Monat für Monat erhöht. Mit einem Wert von 98,6 lag der Index im August wieder deutlich über dem im Frühjahr 2001 erreichten Tiefpunkt von 96,2.
Der Grund für den scheinbaren Widerspruch sind die so genannten Anschlussgebühren. Seit dem Jahr 2000 sind die monatlichen Fixkosten, die der Durchschnittshaushalt für sein Festnetztelefon bezahlt, um 16 Prozent gestiegen und lagen Anfang 2004 auf dem höchsten Stand seit der Liberalisierung des Marktes.
Angeheizt wird der schleichende Aufwärtstrend in der hart umkämpften Telefonbranche, wo sonst fast alles billiger wird, vor allem durch eine neue Strategie der Deutschen Telekom. Deren Tarife bestimmen nämlich immer noch fast allein den Preisindex für die Anschlussgebühren. Der ehemalige Monopolist kassiert rund 97 Prozent aller festen Gebühren im Gesamtmarkt des traditionellen Telefongeschäfts.
Zwar hat die Telekom in den vergangenen Jahren ihre Grundgebühren zweimal erhöht. Doch der eigentliche Schub kam erst durch neue Zusatzpakete wie "Aktiv Plus", "Calltime 120" oder "Enjoy", mit denen sich die Telekom nach außen hin als Billiganbieter präsentiert.
Beim Optionstarif "Enjoy" zum Beispiel können Telekom-Kunden gegen einen monatlichen
Aufschlag von 4,68 Euro auf die Grundgebühr an allen Wochentagen rund um die Uhr für nur zwölf Cent pro Stunde telefonieren. Beim Tarifpaket "Aktiv Plus xxl", das sich mit einer Zusatzgebühr von 9,22 Euro auf der Rechnung niederschlägt, kann der Kunde am Wochenende und an Feiertagen innerhalb Deutschlands sogar umsonst telefonieren.
Mit "Country Select" will die Telekom in dieser Woche ein weiteres Optionspaket nachschieben, das die Grundgebühr für Leute, die viel ins Ausland telefonieren, um mindestens 1,10 Euro erhöht. Weitere Zusatztarife liegen in der Schublade - bis hin zum Pauschalpreis für sämtliche Gespräche.
All diese Pakete aber sind mit Vorsicht zu genießen. "Damit gaukelt die Telekom den Kunden Dumping-Preise vor, die in Wahrheit meist gar keine sind", meint Jürgen Grützner, Chef des Branchenverbandes VATM. Auch Verbraucherschützer warnen. Und die eigentlich unparteiische Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) mahnt, "dass sich selbst für Vieltelefonierer durchaus die Frage stellt", ob sich ein Zusatzpaket, wie es die Telekom anbietet, "überhaupt lohnt".
Eine Offerte wie "Aktiv plus xxl" zum Beispiel rechnet sich überhaupt nur, wenn man an jedem Wochenende mindestens vier Stunden im Ortsnetz oder zwei Stunden im Fernbereich telefoniert. In allen anderen Fällen ist das Telefonieren über einen der zahllosen Call-by-Call-Anbieter, die über spezielle Vorwahlnummern besonders günstige Gebühren anbieten, die billigere Variante. Und mit einem so genannten Tarifmanager, einem kleinen Kästchen, das automatisch die aktuell billigste Verbindung sucht, behalten Vieltelefonierer auch den Überblick im Tarifdschungel.
Doch ausgerechnet beim Telefonieren scheinen die Schnäppchenjäger das Rechnen verlernt zu haben: Ende 2003 hatten bereits 11,6 Millionen Kunden einen oder mehrere Optionstarife gebucht. Im laufenden Jahr soll eine weitere Million hinzukommen.
Die Folge: Zwischen 2001 und 2003 stiegen die Einnahmen der Telekom in der Rubrik Fixkosten nach Berechnungen der RegTP um etwa 35 Prozent auf rund neun Milliarden Euro. Damit kassiert der Bonner Telefonriese inzwischen mehr als die Hälfte seiner Einnahmen im gesamten Festnetzgeschäft allein aus Grundgebühren und anderen Fixkosten - völlig unabhängig davon, wie viel die Kunden dann wirklich telefonieren. Zu Beginn der Liberalisierung machte der Posten nicht einmal ein Viertel des Umsatzes aus.
Während die Telekom mit der neuen Strategie die Einbußen in anderen Bereichen immer besser kompensieren kann, geraten die Konkurrenten zunehmend unter Druck. "Die Entwicklung ist alarmierend", meint Verbandssprecher Grützner, er befürchtet einen "Verdrängungswettbewerb, der zahlreiche alternative Anbieter aus der Bahn werfen könnte".
Auch das Bundeskartellamt sieht in der neuen Telekom-Strategie Gefahren für den Wettbewerb. Bei einer Ausweitung von Optionsangeboten seien die neuen Anbieter "im Bestand gefährdet" - und damit auch die Discounttarife im Festnetz.
Gegen die Pauschalangebote, wie sie der Marktführer seinen Kunden bietet, können nämlich nur jene Konkurrenten antreten, die über ein eigenes Netz verfügen - und das sind die wenigsten. Die große Mehrheit ist auf Verträge mit der Telekom angewiesen, und die sehen keine Pauschalabrechnungen vor.
Erste Bremsspuren sind deshalb bei vielen Call-by-Call-Anbietern bereits erkennbar. Im Land der Schnäppchenjäger war die Wechselbereitschaft beim Telefonieren ohnehin nie besonders ausgeprägt. Der Wettbewerb konzentrierte sich von jeher auf jene rund 45 Prozent der Bundesbürger, die über alternative Anbieter telefonieren. "Vor allem die besten Kunden sind offenbar in den Sog der Telekom geraten und bleiben jetzt weg", ärgert sich Thomas Rühmer, Geschäftsführer der Call-by-Call-Firma 01051 Telecom.
Einen ersten Erfolg gegen den Branchen-Goliath können die Konkurrenten immerhin verzeichnen. Vergangene Woche untersagte die Aufsichtsbehörde dem Unternehmen, seine Optionstarife mit übermäßig langen Kündigungsfristen von drei Monaten auszustatten. Ab sofort gilt eine Kündigungsfrist von sechs Tagen.
KLAUS-PETER KERBUSK
DER SPIEGEL 37/2004
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