06.09.2004

Die mordenden Märtyrer

Von Follath, Erich; Grossbongardt, Annette; Mascolo, Georg

Von Bagdad bis Karatschi, von Djerba bis Jerusalem: Selbstmordattentate sind zum beliebtesten Werkzeug von Terroristen geworden - auch Bin Ladens al-Qaida baut beim Krieg gegen den Westen auf die "Märtyrer". Wer sind die Frauen und Männer, die ihr Leben opfern, um andere in den Tod zu reißen: Religionsfanatiker, politisch Unterdrückte, Psychopathen? Wie lassen sie sich stoppen?

Die Busfahrer Jakow Cohen, 43, und Alexander Jakobow, 42, sind Freunde. Fast gleichzeitig verlassen sie am Dienstagmittag kurz nach 14.30 Uhr den Bahnhof der israelischen Wüstenstadt Beerscheba - Jakobow in einem Autobus der Linie 6 vorweg, Cohen, Linie 12, hinterher.

Rasch füllen sich die Wagen. Am Markt steigen vor allem Käufer mit großen Taschen voller Gemüse ein, am Einkaufszentrum sind es Mütter, die ihre Kinder für den Schulbeginn ausgerüstet haben. Niemandem fallen die beiden jungen Männer auf, die sich ruhig einen Sitzplatz suchen, der eine im hinteren Teil des Linienbusses 12, der andere direkt hinter dem Fahrer Jakobow.

An der Kreuzung vor der Stadtverwaltung von Beerscheba trennen sich die Routen der beiden Nahverkehrslinien. Cohen wirft noch einen Blick auf die Linie 6, denn sein Freund biegt üblicherweise links ab. In diesem Moment trifft ein ohrenbetäubender Knall sein Ohr. "Ich sah, wie sich das Dach seines Wagens in die Luft hob", sagt Cohen später, "es war gespenstisch."

Sofort steuert er den eigenen Autobus aus dem unmittelbaren Explosionsbereich, hält an, öffnet die Türen und brüllt: "Alles raus, schnell, schnell!" Doch während die Fahrgäste noch versuchen zu fliehen, verwandelt sich sein Gefährt in einen Feuerball, dann hört er nur noch das Schreien der Opfer. Wie durch ein Wunder wird er nur leicht verletzt. 16 Israelis nehmen die beiden palästinensischen Selbstmordattentäter mit sich in den Tod.

Schnell ertönen die Sirenen, sind Polizisten, Ärzte, Helfer zur Stelle. Sie verbinden die Verwundeten und bringen sie in Krankenhäuser, ein Spezialtrupp sammelt die Leichenteile in Plastiksäcken: Ordnung an der Stätte des Terrors, damit wieder Normalität einkehren, der Verkehr fließen, das Leben weitergehen kann. Effektiv und hilflos zugleich. Denn normal wird nichts mehr sein im Leben derer, denen durch einen Anschlag von einer Sekunde auf die andere Familienmitglieder, Ehepartner oder Freunde entrissen wurden.

So oder so ähnlich erschüttern Terroranschläge die ganze Welt: Ob in der Synagoge von Djerba, ob in den Bars von Bali, ob in Karatschi, Bagdad, Istanbul und Madrid - oder aber bei den furchtbaren Attentaten während der vergangenen zwei Wochen in Russland und im Irak - immer schneller scheinen die Angriffe aufeinander zu folgen, immer blutiger wird ihre Spur. In den letzten drei Jahren haben allein bei Selbstmordanschlägen mehr als 1800 Menschen ihr Leben verloren - das berüchtigste aller Attentate, das mit den Verkehrsflugzeugen auf die Twin Towers von New York und auf das Pentagon in Washington (fast 3000 Tote) am 11. September 2001, ist dabei gar nicht eingerechnet.

Nicht allein die Zahl der Opfer macht dies alles so schrecklich, so unheimlich, sondern auch die Art der Attacken. Fast alle Terrortaten werden heute von "Märtyrern" begangen, die versuchen, so viele unbeteiligte Menschen wie möglich mit in den Tod zu reißen. Das Selbstmordattentat ist weltweit zur beliebtesten Waffe der Gewaltbereiten geworden, zum Terror à la mode des 21. Jahrhunderts. Ein Menschheits-Alptraum: Keine Bedrohung ist so unheimlich, keine so potenziell allgegenwärtig und so schwer auszuschalten wie die durch die (un)menschliche Bombe.

Es sind längst nicht mehr nur Männer, die sich für Gott, Volk und Vaterland zerfetzen

lassen. Auch Frauen, Studentinnen wie junge Mütter, spielen mittlerweile die perfide Heldenrolle: Der Sprengstoffgürtel ist zum Symbol einer menschenverachtenden Gleichberechtigung avanciert. Und dann gibt es da noch etwas erschreckend Vertrautes, was die meisten Morde verbindet, fast so etwas wie ein gemeinsames Täterprofil. Die Terroristen sind Muslime, sie stammen aus dem islamistischen Umfeld.

Ob man die Täter, trotz allenfalls loser Beziehungen ihrer Gruppen zueinander, dem Dach der Terrororganisation al-Qaida zuordnen kann, ist umstritten. Fest steht aber: Sie alle behaupten, Gott zu dienen und einem "reinen" Islam zu folgen, wenn sie angeblich oder tatsächlich erlittene Untaten rächen. Aus grausam gegebenem Anlass stellt sich die Frage: Trägt "der Islam" Mitverantwortung an dem Geschehen, verführt er seine Gläubigen leichter als andere Glaubenslehren zur Gewalt? Oder wurde neben den Kindern von Beslan, neben den Frauen und Männern von Beerscheba eine ganze Weltreligion unverdient und brutal in Geiselhaft genommen?

Wie alle heiligen Bücher der Monotheisten, die als gemeinsamen Urvater Abraham kennen, verurteilt der Koran Mord - und Selbstmord - ausdrücklich. Er preist Nächstenliebe, wie die Bibel; und hat wie die Bibel Stellen, die als Aufruf zum Krieg gegen andere verstanden werden können: "Allah liebt diejenigen, die auf seinem Weg in Schlachtordnung kämpfen", heißt es in der Sure 61. Doch Erpressung ist im Koran ausdrücklich verboten, und Nicht-Kombattanten, also Kinder, Frauen, alte Männer, sollen von einem gläubigen Muslim auch im Krieg besonders geschützt werden.

Was unterscheidet diese Religion dann von den anderen Weltreligionen? "Der Islam ist nicht nur eine spirituelle, sondern auch eine politische Religion, eine moralische Anleitung des gesamten menschlichen Handelns", sagt der marokkanische Autor Tahar Ben Jelloun, ein ebenso selbstbewusster wie selbstkritischer Muslim. "Das ist seine verführerische, aber auch gefährliche Besonderheit - seine Tendenz zum Totalitären."

Moses durfte sein verheißenes Land nie betreten; Jesus starb am Kreuz. Mohammed aber, Begründer der jüngsten Weltreligion, hatte kein Martyrium zu erleiden. Nach Medina geflohen, gelang es ihm im Jahr 630, seine Geburtsstadt Mekka einzunehmen und mit Überzeugungskraft wie mit dem Schwert einen neuen Staat zu schaffen. Mohammed triumphierte mit seinen Armeen, mit seiner Rechtsprechung, mit seiner Steuerpolitik: Er starb als erfolgreicher Souverän, in allem Handeln Vorbild - und legte so den Grundstein für das natürliche Überlegenheitsgefühl der Muslime, die sich für alle Zeiten als Sieger der Geschichte sahen.

Jahrhundertelang lagen sie mit ihrer Selbsteinschätzung gar nicht so falsch. Während sich Karl der Große noch mit den Sachsen und anderen "Hüttenbewohnern" herumschlug, entstanden im Orient glanzvolle Paläste, öffentliche Bibliotheken und Krankenhäuser.

Doch die islamische Blütezeit der Weltoffenheit, des Lernens auch von anderen Kulturen, endete in Dogma und geistiger Erstarrung. Der alte Kontinent erkannte die islamische Herausforderung nun als Chance zur Erneuerung. Europa erlebte - ab dem 15. Jahrhundert - einen dramatischen Aufschwung durch die Reformation, die Renaissance, die Industrialisierung. Der Islam, dessen Prophet soziale Gerechtigkeit versprochen hatte, aber verkam zum Deckmantel skrupelloser Diktatoren. Es folgte eine Zeit bitterer Niederlagen, von denen er sich bis heute nicht erholte.

Erniedrigt und vom Fortschritt ausgegrenzt fühlte sich vor allem die arabische Welt. Ohnmächtig mussten die Muslime erleben, wie spielerisch leicht sich die Kolonialmächte im 19. Jahrhundert Stück für Stück aus dem verbleibenden islamischen Einzugsbereich herausschnitten und ihren Interessen einverleibten; wie schließlich 1948 in ihrer Mitte der israelische Staat entstand und 1967 - Demütigung aller Demütigungen

- die vereinigten arabischen Armeen vernichtend besiegte.

Für viele enttäuschte Muslime blieb nur der Islamismus als Ideologie - eine Rückbesinnung auf die strengen und angeblich so reinen Anfangszeiten der Religion. Gesucht war ein Gegenprogramm zum "dekadenten, gottlosen" Westen sowie zum kommunistischen Osten mit seinen "falschen" Göttern Lenin, Stalin, Mao.

Die Massen in den islamischen Ländern haben in ihrer Mitte intellektuelle Scharfmacher gefunden, welche die teils berechtigten Vorbehalte gegenüber dem Westen, vor allem aber den Zorn über die eigene Unterlegenheit, die mangelnde Perspektive, die Chancenlosigkeit kanalisieren. Diese Radikalen kamen aus Kreisen der Glaubensfanatiker - so wie der Lehrer Sajjid Kutb, der in Ägypten die radikale Muslimbruderschaft zum wichtigsten Wegbereiter der Qaida machte, den modernen Westen mit der Barbarei gleichsetzte und 1966 als "Märtyrer" hingerichtet wurde.

Der radikale Fundamentalismus ist zwar keine einheitliche, homogene Bewegung. Aber sie hat einen gewaltigen strategischen Vorteil: Sie kann die Moscheen als Kommunikationsnetzwerk benutzen. Gerade weil der Islam eine Religion ist, die bewusst in alle Lebensbereiche - also auch die Politik - hineinwirkt, können die Prediger Botschaften aller Art verbreiten.

An einer Konfrontation mit dem Westen, an einem "Kampf der Kulturen", wie ihn der Harvard-Professor Samuel Huntington prophezeite, hat die überwiegende Anzahl der Muslime nach wie vor kein Interesse - sie lebt weitgehend friedlich in ihrer Welt. Oder, mehr oder weniger assimiliert und mit den Interessen ihres Gastlands zusammengeschweißt, in europäischen Staaten wie Frankreich (siehe Seite 110).

Allerdings hat sich in der muslimischen Welt ein gefährlicher Trend entwickelt: Viele, die sich als Verlierer einer globalisierten und von den USA dominierten Welt sehen, bejubeln diejenigen, "die etwas gegen den Westen tun". Osama Bin Laden, der Multimillionär, der in der Höhle lebt und Amerika wie Europa Angst und Schrecken einzujagen versteht, hat heute in fast jedem muslimischen Staat höhere Sympathiewerte als der jeweilige korrupte Landesherrscher.

In allen gesellschaftlichen Schichten finden sich Rekruten für die neue, schreckliche Waffe, für das Selbstmordattentat, das meist nur ein perfides, perverses Ziel kennt: mit so vielen Toten wie möglich so viel Schrecken wie möglich zu verbreiten.

Wer keine Angst vor weltlicher Strafe und überirdischer Verdammnis hat (oder sich gar eine himmlische Belohnung verspricht), macht sich unbesiegbar. Er verzichtet auf Flucht, auf Selbsterhaltung - und legt damit die Unvollkommenheit jeder Macht bloß. Er lässt sich durch nichts bedrohen, weil er sich keinen Ausweg mehr offen hält. Er sieht den Nutzwert seines Lebens nur noch als Waffe. Er ist Opfer und Täter, Ausgelöschter und Auslöschender zugleich - eine ungeheure, zutiefst verstörende Anmaßung, die mit allen Regeln der Zivilisation bricht.

Und eine Anmaßung, die jede Überlegenheit konventioneller Waffen zumindest teilweise außer Kraft setzt. Russland besitzt ein riesiges Waffenarsenal einschließlich Tausender Atomsprengköpfe und kann trotzdem der ärmlich bewaffneten Rebellen in Tschetschenien mit ihren Suizid-Attacken nicht Herr werden. 19 zu allem entschlossene al-Qaida-Selbstmordattentäter, mit Teppichmessern bewaffnet, reichten aus, um der Supermacht USA ihre Verwundbarkeit zu zeigen, die Amerikaner in Panik zu versetzen und ihren innen- und sicherheitspolitischen Kurs erheblich zu verändern.

Es ist, als seien Selbstmordattentäter die ultimativen Smart Bombs. Sie schaffen es, Touristenströme zu lenken, Währungen zu gefährden, Börsenkurse in den Abgrund zu stürzen und ganze Städte in Angst zu versetzen.

Nirgendwo ist ihr Einfluss so spürbar wie in Israel. Die permanenten Anschläge der Terrorgruppen Hamas, Islamischer Dschihad und der Aksa-Brigaden haben die Israelis zermürbt, ihren Alltag traumatisiert. Wer es sich irgendwie leisten kann, fährt nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln, viele meiden Märkte, Cafés, Sportstadien.

Terrorexperte ist in Israel ein Full-Time-Job, und es gibt Dutzende dieser Fachleute. Sie sitzen in politischen Parteien und in privat finanzierten Think-Tanks. Oder an Universitäten, wie etwa Schaul Kimche und Schmuel Even im "Jaffa-Zentrum für Strategische Studien" von Tel Aviv.

Die beiden fressen sich verzweifelt durch Tonnen von Material, das Computer über

die Täter und ihre Vorgeschichte ausspucken: Mosaiksteinchen zerstörter und zerstörender Leben. Sie erstellen Tabellen, analysieren und klassifizieren. Sie suchen fieberhaft nach Wiederholungsmustern. Gerade haben Kimche und Even vier "Prototypen" von Selbstmordattentätern herauskristallisiert: den religiösen Fanatiker, den nationalistischen Ideologen, den Rächertyp, den ausgenutzten psychisch Labilen.

Die Spurensuche ist beschwerlich. Aber islamistisch geprägte Selbstmordattentäter hinterlassen ritualisierte Abschiedsbriefe und Videos, die wenigstens im Ansatz einen Blick in ihre Welt erlauben - so auch bei den Attentätern von Beerscheba. Bei näherem Blick schwinden allerdings die letzten Gewissheiten über Motive und Management der Menschenbomben-Bastler.

Sie kamen aus Hebron, der Heimat des Fanatismus. Hier, etwa 30 Kilometer südlich von Jerusalem mitten im Westjordanland, sind palästinensische Terrorgruppen und islamische Fundamentalisten ebenso zu Hause wie der gewalttätige Kern der jüdischen Siedlerbewegung.

Selbst auf der blutigen Landkarte des Nahen Ostens sticht die biblische Stadt durch ihre Gewaltexzesse heraus. Nirgends sonst im Heiligen Land - außer vielleicht auf dem Tempelberg - beten die über dem Streit um das Land verfeindeten Religionen so eng nebeneinander: In der Grabhöhle Machpela soll Abraham beerdigt sein, den Juden wie Muslime verehren. Direkt neben der jüdischen Synagoge befindet sich die Moschee. Die israelische Armee hält den Osten der geteilten Stadt besetzt, um 500 streng religiöse Siedler zu schützen, die inmitten von 140 000 Palästinensern in abgeschirmten Enklaven leben.

Von diesem religiös befeuerten Brandherd des Nahost-Konflikts brachen am Morgen des vergangenen Dienstags auch die beiden Selbstmordattentäter auf. Sie hatten sich auf ihre Tat vorbereitet wie auf einen Gottesdienst. Der Metallarbeiter Ahmed Kawasmeh, 26, hatte gefastet und sich ins Gebet vertieft. "Er erzählte uns, er habe einen neuen Job", berichtet seine Mutter Amina, "bevor er ging, sagte er noch, wie sehr er uns liebt."

Sein Komplize Nassim Dschabari, 23, hatte schon am Vorabend die Moschee aufgesucht. Als ihn seine Mutter später zum Essen aufforderte, murmelte er nur, er sei an einer anderen Welt interessiert. Er war festlich angezogen. Seinen Eltern sagte er, er sei auf eine Hochzeit eingeladen.

Die beiden Attentäter gehörten den radikalen Gotteskämpfern der Hamas an. Kawasmeh, der als still und schüchtern, aber voller starker religiöser Gefühle galt, wurde offenbar von seinem Vetter angeheuert. Der Clan ist mächtig in Hebron, hat Dutzende von Intifada-Kämpfern hervorgebracht. 90 tote Israelis gehen auf das Konto von Anschlägen der Kawasmeh-Familie, sagt die israelische Armee.

Den Anstreicher Dschabari setzte die Hamas offenbar unter Druck, nachdem ihn der israelische Geheimdienst Schin Bet als Kollaborateur anheuern wollte. Er lehnte ab, "doch sie sagten ihm, nur so könne er seinen Namen von jedem Verdacht reinwaschen", erzählt ein Cousin.

In dem Bekennervideo, das die Hamas nach der Tat veröffentlichte, halten die beiden Attentäter in der einen Hand eine Waffe - und in der anderen den Koran. Solche Bilder kehren immer wieder: Hamas-Milizen schreiben sich Koran-Verse auf ihre grünen Kampf-Stirnbänder, Selbstmordattentäter gehen mit dem Schlachtruf: "Allah ist groß!" in den Tod. Die islamistischen Extremisten behaupten, im göttlichen Auftrag zu handeln. "Allah ist das Ziel, der Prophet ist unser Vorbild, der Koran die Verfassung, Dschihad der Weg und der Tod für die Sache Allahs unsere tiefste Überzeugung", heißt das Credo der Hamas.

In Heilsversprechen, die mit erotischen Verheißungen ausgefüllt sind, wird den Selbstmordattentätern vorgegaukelt, erst nach ihrem Tode erwarte sie das eigentliche, würdige Leben. Tatsächlich erklären abgefangene Möchtegernattentäter immer wieder, sie hätten keine Angst vor dem Moment des Todes. Sie wissen, ihren Familien wird es nach ihrem Opfertod besser gehen, die Hamas bezahlt "Ehren-Renten". Das Selbstmordattentat ist auch Weg zum sozialen Aufstieg verarmter Familien, wenngleich heute manche Täter aus der Mittel- und Oberschicht stammen.

Die Häuserwände in Gaza, Ramallah und Hebron sind voll geklebt mit Schmuckbildern der Kamikaze-Kämpfer, die wie Heilige verherrlicht werden. Es ist dieser Märtyrerkult um die Selbstmordattentate, der den eigentlich säkularen Nationalitätenkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern auch zur Konfrontation der Religionen macht. Die weltlichen palästinensischen Kräfte haben dem Feuer der Islamisten kaum etwas entgegenzusetzen. Hilflos verfolgt Palästinenserführer Jassir Arafat die steigende Popularität der Hamas, die neben ihrem gesellschaftlichen Einfluss nun auch immer stärker auf politische Teilhabe pocht.

Der angesehene palästinensische Psychiater Ejad al-Sarradsch berichtet von alarmierenden Umfragen. Danach sagen 63 Prozent der zwölfjährigen Palästinenser, das Beste, was sie aus ihrem Leben machen könnten, sei "als Schahid, als Märtyrer, zu sterben". Viele der Kinder seien durch die andauernde Gewalt traumatisiert. Durch die Demütigung ihrer Väter unter der Besatzung hätten sie ihre Vorbilder verloren. Die extremistischen Organisationen nutzen dies aus und gaukeln ihnen als neues Idol einen rächenden Gott vor. "Wir müssen diesem Todestrend schnell Einhalt gebieten, sonst wird er zur Normalität unserer Kultur", mahnt Sarradsch.

Die Kämpfer der Hamas knüpfen immer engere Kontakte mit ihren islamistischen Kampfesbrüdern außerhalb Palästinas. Vor allem die Gotteskrieger der fundamentalistischen Schiiten-Miliz Hisbollah im Libanon greifen verstärkt als Anstifter und Finanzier in die palästinensische Intifada ein, glaubt zumindest der israelische Geheimdienst. Im Frühjahr verständigte

sich der schiitische Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah mit der sunnitischen Hamas sogar auf eine künftig enge Kooperation - der Islamismus verbindet zynischerweise die Glaubensrichtungen.

Und auch der radikale irakische Schiitenprediger Muktada al-Sadr erklärte schon seine Solidarität mit den Brüdern in Palästina: "Das Schicksal von Palästina und dem Irak ist eins."

Es steht zu befürchten, dass er Recht behält. Denn auch das von seinem Diktator Saddam Hussein befreite Bagdad muss weiterhin leiden - unter der Allgegenwart des Terrors. Während die Mitglieder des neuen irakischen Nationalrats am Mittwoch die Hand zum Amtseid erhoben, geriet der Sitzungssaal unter Feuer. "Die irakische Regierung wird allen Terroristen die Stirn bieten", hatte Ministerpräsident Ijad Alawi den hundert Vertretern des Übergangsparlaments gerade per Grußbotschaft übermittelt, als fünf Granaten rund um das Kongresszentrum in der schwer bewachten "grünen Zone" der Hauptstadt einschlugen.

Die präzise abgestimmte Attacke unterstrich augenfällig, wie ohnmächtig die neue irakische Regierung und ihre amerikanischen Paten der mörderischen Gewalt ausgeliefert sind. Hilflos müssen die neuen Machthaber hinnehmen, dass im Namen Allahs Geiseln auch aus unbeteiligten Drittweltländern entführt und hingerichtet werden. Die Aufständischen, die zunächst das Banner gegen die "Invasoren und Besatzer" erhoben hatten und zur "Befreiung der Heimat" aufriefen, scheuen sich nicht mehr, die Angriffe gegen ihre eigenen Landsleute zu richten: Beispielsweise in Baakuba, wo 68 Iraker durch eine Autobombe ermordet wurden. Der Selbstmordanschlag galt arbeitslosen Männern, die sich vor der Polizeiwache versammelt hatten, in der Hoffnung auf einen Job.

Ihre ideologischen Vorbilder und religiösen Vorbeter suchen sich die Attentäter in der Generation jener sagenumwobenen Muslime, die schon einmal eine Supermacht in die Knie zwang: Damals, seit Ende der siebziger Jahre, hatten Tausende von islamistischen Gotteskriegern mit finanzieller Unterstützung Washingtons und logistischer Hilfe Pakistans die sowjetische Besatzungsarmee in Afghanistan bedrängt und schließlich 1989 aus Kabul vertrieben.

Doch obwohl das fundamentalistische Regime der Koranschüler ("Taliban") samt ihren Qaida-Verbündeten die Herrschaft über Afghanistan aufgeben mussten, sind sie nicht wirklich vernichtet. In Afghanistan befinden sich die Glaubenskrieger wieder auf dem Vormarsch.

Und auch in der Regierung der benachbarten pakistanischen Nordwest-Grenzprovinz sind heute islamistische Parteien an der Macht, die den Koranlehrern in den Medressen weiterhin erlauben, in flammenden Reden zum bewaffneten Kampf gegen den Westen aufzurufen. Die Regierung des Generals Pervez Musharraf in Islamabad ist weit, und selbst Musharraf, der die USA und ihren Anti-Terror-Kampf nach Kräften unterstützt, entging

nur um Haaresbreite islamistischen Attentätern.

US-Geheimdienstexperten vermuten den Terrorpaten Bin Laden und seine engsten Getreuen seit Monaten hier im paschtunischen Stammesland, pendelnd in unzugänglichen Bergregionen mal diesseits, mal jenseits der pakistanischen Grenze; wahrscheinlich in Waziristan, einer semiautonomen Region innerhalb der Nordwest-Grenzprovinz, wo Pakistans Streitkräfte mit Hilfe amerikanischer CIA-Experten den Qaida-Chef jetzt tatsächlich mit aller Kraft einzukreisen versuchen.

Aber obwohl der internationale Terrorist Nummer eins sich auf der Flucht befindet, ist er offensichtlich immer noch in der Lage, in regelmäßigen Abständen medienwirksame Botschaften an arabische Sender zu schicken. Er hat die Märtyrer-Waffe zum terroristischen Exportschlager in einer globalisierten Welt entwickelt. "Es ist die Pflicht jedes Muslims, die Amerikaner und deren Alliierte zu töten", heißt es in Bin Ladens Deklaration der "Welt-Islam-Front", geschrieben 1998 in den afghanischen Bergen.

Dass Bin Laden selbst Befehle zu bestimmten Anschlägen gibt, erscheint unwahrscheinlich. Doch er hat eine terroristische Hydra geschaffen, die als Verbund lose zusammenarbeitender Organisationen offensichtlich überall agieren kann. Er vereint zu allem entschlossene Glaubensbrüder aus mehr als einem Dutzend Nationen in einem übernationalen und überregionalen Kampfesbund. Erst der saudi-arabische Millionärssohn machte den Selbstmordanschlag zur globalen Waffe - durch einen ideologischen Quantensprung, indem er "den Islam" als vom Westen böswillig in die Enge getrieben bezeichnete, die Glaubensbrüder zur "heiligen" Verteidigung der Religion zwangsverpflichtete. Sein Leitspruch gegen die angeblichen westlichen Usurpatoren: "Die muslimische Nation wirft euch eure Söhne entgegen."

Jenseits blumiger al-Qaida-Formulierungen aber steht kühles Kalkül. Aiman al-Sawahiri, Nummer zwei der Qaida und ehemaliger ägyptischer Dschihad-Führer, sah das Selbstmordattentat von Anfang an als optimal in der Kosten-Nutzen-Rechnung: "Märtyrer-Operationen sind die erfolgreichste Methode, dem Gegner Schaden zuzufügen und verursachen bei uns die geringsten Verluste." Ramzi Binalshibh, einer der Chefplaner des 11. September, beschreibt die Suizid-Attacke wie ein Chefbuchhalter - als "Steuer", die Muslime auf dem "Weg zur Weltherrschaft" eben zu entrichten hätten. "Der Dschihad ist eine absolute Notwendigkeit, und er erfordert Blut und abgerissene Gliedmaßen."

So allgemein formuliert wird der zur "Cruise Missile" umgewandelte Körper des Glaubensfanatikers eine allseits und überall einsetzbare Waffe. Es kann heute gegen amerikanische Soldaten im Irak, morgen gegen moderate ägyptische Gelehrte, übermorgen gegen saudi-arabische Erdölexperten gehen. Ebenso wie eine Schule im Kaukasus könnte es die Golden Gate Bridge von San Francisco treffen, die US-Botschaft in Paris oder einen Weihnachtsmarkt in Straßburg.

Die Selbstmordattentäter mögen mit einem Auge den Himmel und ihre "Belohung" durch willige Jungfrauen im Blick haben - mit dem anderen schielen sie definitiv nach der Quote, vor allem der des Senders al-Dschasira. Denn parallel zum Rückgriff auf archaisches Gedankengut werden die Terrororganisatoren in ihrer "Medienpolitik" immer moderner, bei der Verbreitung ihrer Taten raffinierter. Sie versuchen auch, ihren Gegner zu einer Überreaktion zu provozieren, die ihn bloßstellen und seinen Institutionen letztlich jede Legitimation rauben soll.

Selbstmordattentate treffen die psychische Infrastruktur westlicher Demokratien ebenso wie die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, und zwar an ihren schwächsten Punkten: der Angst, überall und jederzeit verwundbar zu sein, der Unfähigkeit, mit dieser Furcht souverän umzugehen. Wie aber könnte ein Gegenkonzept gegen den Terror durch Selbstmordattentäter aussehen, die Mischung aus optimalem Schutz und dem Erhalt größtmöglicher persönlicher Freiheit?

Israel, in vorderster Front, versucht es mit einer extrem harten Politik. Die Regierung von Ariel Scharon nimmt sich daher

das Recht heraus, mögliche Selbstmordattentäter, aber auch deren ideologische Hintermänner zu liquidieren.

Ohne Zweifel haben die Hardliner damit den einen oder anderen Anschlag verhindern können, aber der Preis ist für ein Gemeinwesen, das sich als Demokratie versteht, sehr hoch. Nicht nur, weil bei der vom Geheimdienst bestimmten und im kleinsten Politikerkreis abgesegneten Zielsetzung rechtsstaatliche Grundsätze verletzt werden, sondern weil die Angriffe häufig auch völlig unschuldige zivile Opfer fordern. Zudem spricht vieles dafür, dass den radikalen Organisationen die Em-pörung über die (Hightech-)Liquidationen entscheidend dabei hilft, neue (Lowtech-)Selbstmörder zu rekrutieren.

Die Idee eines "Schutzzauns gegen den Terror" war ein ursprünglich auch von der israelischen Linken mitgetragenes Konzept. Dass für eine "Abkühlungsperiode" in einer durch den Terror aufgeheizten Phase Gebiete voneinander getrennt würden, schien niemandem eine Ideallösung, aber Nachdenklichen aus allen Lagern ein möglicherweise sinnvoller Übergangsweg. Der tatsächliche Verlauf des Trennzauns hat jedoch internationalen Protest hervorgerufen, weil er mit einer Landnahme verbunden ist: Der Zaun stiehlt den Palästinensern einen Teil ihrer Dörfer, Felder und Olivenhaine. Auch der Internationale Gerichtshof in Den Haag verurteilte die israelische Sperranlage als illegal.

So wenig es ein klassisches Täterprofil gibt, so wenig existieren wohl Patentrezepte zur Bekämpfung des Selbstmordattentats.

"Am klügsten dürfte es letztlich sein, wenn betroffene Staaten sich verstärkt um die innere Sicherheit kümmern und gleichzeitig alles dafür tun, dass die weniger militanten Kräfte auf Seiten ihrer Gegner zum Zug kommen", meint der Terrorismusexperte Robert Pape von der Universität Chicago. Er befürchtet, dass liberale Demokratien ihre Ideale verraten, wenn sie - wie derzeit die USA, und nicht nur am Beispiel des Gefangenenarchipels von Guantánamo - hektische, den Rechtsstaat wesentlich einschränkende Gesetzesänderungen anstreben.

"Ich habe immer davon geträumt, eine Schar von Männern um mich zu sammeln, die keine Skrupel und keine Gefühle kennen für irgendetwas auf der Welt, auch nicht gegenüber sich selbst und ihrem Tod", lässt Joseph Conrad im Roman "Der Geheimagent" seinen Helden vor ziemlich genau einem Jahrhundert sagen. "Aber ich konnte nicht einmal drei solcher Männer zusammenbekommen."

Damals hatten Selbstmordattentäter offensichtlich noch nicht Saison. Heute sind es 300, vielleicht 3000, womöglich aber auch 30 000 menschliche Bomben, die auf ihre Stunde warten. ERICH FOLLATH,

ANNETTE GROSSBONGARDT, GEORG MASCOLO


DER SPIEGEL 37/2004
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