DER SPIEGEL



SPANIEN

Aufbruch nach Al-Andalus

Von Zuber, Helene

Das alte Touristenparadies lockt eine neue Klientel, es feiert seine kulturellen Wurzeln ebenso wie seine selbstbewusste Avantgarde in Kunst, Küche oder Mode. Gleichzeitig baut eine neue Regierung die erstarrte Gesellschaft um. España wird zum Trendsetter in Europa.

Das hauchdünne Rechteck sieht aus wie eine Oblate, ist aber getrocknete Milch. Das Backwerk ist bestreut mit den geheimnisvollen Blüten von Sichuan-Pfeffer. Es zergeht im Mund.

Bald beginnen Gaumen und Zunge zu bitzeln, die Lippen vibrieren - eine aufregende Schärfe setzt quasi kleine Stromstöße frei. Mund auf, Augen zu. Das ist der Einstieg ins neue Spanien.

Ferran Adrià, 43, der verrückte Koch in seinem Restaurant hinter den Bergen der katalanischen Küste, ist mittlerweile zum Symbol geworden für alles, was duftet und prickelt, gut aussieht und teuer ist. An Adrià kommt keiner mehr vorbei. Der Koch, nicht etwa der Regierungschef oder ein Unternehmer, ist dem Nachrichtenmagazin "Time" als einziger Spanier wichtig genug, um ihn in den exklusiven Kreis der 100 einflussreichsten Menschen weltweit aufzunehmen.

Inzwischen hat der Adrià-Virus ganz Europa angesteckt. Selbst im Norden Italiens, wo die Küchenchefs bislang so taten, als hätten sie das Kochen an sich erfunden, versuchen sich Sterne heischende Jungköche an Kreationen in der Art von Adriàs Restaurant "El Bulli".

Alle Welt schraubt sich die Serpentinenstraße vom Ferienort Rosas an der Costa Brava zur Montjoi-Bucht durch die Klippen, um Adriàs elektrische Milch zu verkosten. Der magische Keks erscheint als Essenz all dessen, was den Reisenden dieser Tage im Land des Zauberkochs erwartet. Ein elektrisierendes Prickeln hat ganze Teile der Gesellschaft erfasst - España wird cool.

Spanische Filmemacher, Maler, Musiker, Architekten und Modedesigner befinden sich auf dem Siegeszug durch Europa und die ganze Welt. Sie führen eine neue "movida" an, stärker noch als die Bewegung, die das Erwachen der Künstler in den Jahren nach dem Tod des Diktators Franco 1975 auslöste.

Wer in ist, trägt heute Mode von Custo aus Barcelona. Städte in aller Welt wetteifern um die Ehre, einen Bau der neuen spanischen Architektengeneration zu beherbergen. Santiago Calatravas Dach für das Athener Olympiastadion galt als Signum der Spiele.

Madrid bietet mit seinen drei spektakulär erweiterten Tempeln der Museumsmeile Kunst im Megapack. Im Prado wird als erster lebender Künstler Miquel Barceló, 47, ausstellen, nachdem er diesen Sommer im Pariser Louvre triumphierte. Im nächsten Jahr werden erstmals zwei Spanierinnen die Biennale in Venedig organisieren.

"Spain Rocks!" titelte "Time" schon vor den Wahlen, die, ganz gegen die vorherrschende Tendenz in Europa, eine sozialistische Partei an die Macht brachten. Und selbst die Attentate der Qaida vom 11. März auf vier Vorortzüge in der Hauptstadt, durch die 191 Menschen starben, haben die Spanier nicht in Depressionen sinken lassen.

Seit der Wende-Wahl herrscht wieder Zuversicht im Land. Ein neues Lebensgefühl beherrscht Madrid. "Die Menschen sind glücklich. Wir haben das Korsett gesprengt", jubelte die neue Infrastrukturministerin Magdalena Álvarez. Aus "einem Alptraum erwacht" sei das Land, sagte der Regisseur Fernando Trueba, der zusammen mit anderen Intellektuellen die Gruppe Demokratische Intervention gegen die konservative Regierung in den Wahlkampf führte. "Wir haben den Glauben wiedergewonnen, dass wir Bürger etwas verändern können."

Zwar hatte José María Aznar, 51, Führer der konservativen Volkspartei Partido Popular, in seinen acht Regierungsjahren einen nach außen strahlenden wirtschaftlichen Aufschwung vorangetrieben. Spaniens neue Prosperität sollte seine PP als Langzeit-Regierungspartei etablieren. Doch die absolute Mehrheit im Parlament während der zweiten Legislaturperiode hat ihn dazu verleitet, seine eigene Sehnsucht nach guten alten autoritären Zeiten mit den Zukunftshoffnungen seiner Landsleute zu verwechseln.

Aznar war jemand, der stets allein entschied und die Meinung seiner Berater meist ignorierte. Der Krieg gegen den Irak war nur ein Beispiel: Der Premier stellte sich an die Seite von George W. Bush - auch wenn fast das ganze Land dagegen war.

In Spanien breitete sich ein "kulturelles Unwohlsein über Aznars Autoritarismus aus, der keine Andersdenkenden tolerierte", beschrieb der galicische Schriftsteller Manuel Rivas, 46, das Klima in der gerade zu Ende gegangenen Ära. Genau das habe ein neues "Bürgerbewusstsein in einem mutigen demokratischen Akt abgeschüttelt".

Die Wahl der Sozialisten, so der Politologe Fernando Vallespín, brachte nicht einfach nur den Regierungswechsel, sondern trug auch den Charakter einer kollektiven Reinigung. Nach solcher Katharsis "sind wir endlich Herren unseres Schicksals. Die Demokratie wurde gestärkt". Jetzt macht sich die Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero, 44, an die weitere Modernisierung der spanischen Gesellschaft.

Schon seit Jahren bemühen sich Künstler und Intellektuelle, Designer und Popstars, die konservative Hälfte der Gesellschaft endlich aufzumischen. Nun gehören sie plötzlich zu den Trendsettern Europas.

Und Europa lässt sich von der Aufbruchstimmung anstecken. Zwar ist Spanien schon seit geraumer Zeit nach Frankreich das weltweit zweitwichtigste Reiseziel, an Besucherzahlen ebenso wie an Einnahmen. Doch jetzt ist es dabei, seine Klientel auszutauschen. Geizgeile Schnäppchenjäger zwischen Schleswig und Garmisch halten Malle, die Kanaren und die Costas inzwischen für zu teuer. Dafür kommen die, die bleiben wollen. Eine Million Häuser und Wohnungen gehören inzwischen Ausländern. Darunter sind nicht nur Rentner, sondern auch die Trendsetter aus der Wellness-Generation, die den Süden mit der Seele, vornehmlich aber mit allen Sinnen suchen.

Der Massentourismus ist nach Ansicht von Vallespín, dem neu ernannten Chef des staatlichen Amts für Sozialforschung, an seine Grenzen gestoßen: "Viele Küstenorte werden die hässlichen Bausünden der Boomjahre beseitigen müssen." Arenal, Inbegriff all dessen, was auf Mallorca schief gegangen ist, soll demnächst teilweise abgerissen und als Park neu errichtet werden. "Der Pauschaltourismus ist ein Auslaufmodell und steckt in Schwierigkeiten", glaubt Tourismusminister José Montilla.

Die neue Touristengeneration fühlt sich angezogen von der flimmernden Lebensart, der Fortschrittlichkeit und auch von den noch weithin unentdeckten Spuren einer jahrhundertealten Melange mediterraner Kulturen.

Denn trotz seiner Millionen Besucher ist das Land noch immer eine geheimnisvolle Unbekannte. Das Kulturerbe arabischer Kunst und Wissenschaft ist mindestens ebenso bedeutsam - und für Besucher ebenso faszinierend -, wie es die Etrusker-Reliquien in Italien sind. Die Zukunft, hofft die Regierung in Madrid, gehört den Qualitätstouristen, die bereit sind, Zeit und Anstrengung für Erkundigungen zu investieren.

Ein Beispiel dafür ist der niederländische Autor Cees Nooteboom. Er trampte 1954 erstmals in das iberische Land, und es hatte ihm, auf den ersten Blick, eine Enttäuschung beschert, verglichen etwa mit Italien: "Unter derselben mediterranen Sonne schien die Sprache hart, die Landschaft dürr, das Leben derb." Das Land "war auf eine widerspenstige Weise alt und unnahbar, musste erobert werden", schrieb der Holländer 1992 in seinem Buch "Der Umweg nach Santiago".

Doch dann beschäftigte ihn "die labyrinthische Vielschichtigkeit der Geschichte". Spanien, bekennt der Schriftsteller, "ist eine Liebe fürs ganze Leben, das Staunen hört nie auf". Und: "Was für ein Wahnsinn, dass die meisten Menschen in Spanien nicht weiter kommen als bis zum Brennglas der Ostküste."

So verpassten die meisten Besucher auch den dramatischen Wandel, den das Land in den beinahe drei Jahrzehnten seit dem Tod des greisen Diktators Francisco Franco durchgemacht hat. Besonders durch den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft, den der sozialistische Regierungschef Felipe González 1986 vollzog, erlebten die Spanier im Schnelldurchgang die Entwicklung vom beinahe mittelalterlichen Ständestaat zum Hightech-Königreich. Zwischen 1987 und 2003 flossen mehr als 85 Milliarden Euro netto nach Spanien. Die EU-Hilfe finanzierte Autobahnen, Flughäfen, Meerwasserentsalzungsanlagen oder auch die Strecke für den Hochgeschwindigkeitszug zwischen der Hauptstadt und dem andalusischen Sevilla.

"Meine Generation hat einen so tief greifenden Wandel erlebt", sagt der Sozialforscher Vallespín, "dass uns Abgründe von unserer Kindheit trennen." Damals trugen selbst junge Frauen Schwarz. Ohne Erlaubnis des Vaters oder Ehemanns durfte keine ins Ausland reisen, denn sie besaßen keinen Pass. Nur die wenigsten Familienoberhäupter verfügten über ein Bankkonto. In den Dörfern bestimmte der Pfarrer und die Guardia Civil. Auf der hautnahen Erfahrung des Fortschritts, so Vallespín, fußt heute der ungebrochene Zukunftsglaube seiner Landsleute.

Noch bis 2006 bleibt Spanien das Land, das am großzügigsten aus den Brüsseler EU-Fonds gesponsert wird: jährlich mit rund acht Milliarden Euro, von denen etwa ein Viertel aus Berlin stammt. Gut ein Prozent des Bruttosozialprodukts machen die Zahlungen aus. Die konservative Regierung hielt sich immer zugute, die Förderung

von außen durch Liberalisierung der Wirtschaft im Inneren und den Ausgleich des Haushalts unterstützt zu haben. Doch bei der Fixierung auf das erstrebte Null-Defizit kamen unter Aznar die Ausgaben für Renten und Gesundheit, aber auch für Bildung und Forschung zu kurz.

Weil nach der Erweiterung laut Berechnungen der Brüsseler Eurostat-Behörde das Pro-Kopf-Einkommen 90 Prozent des Unionsdurchschnitts übersteigt, wird der Wirtschafts- und Finanzminister bald seinen Haushalt ohne das Manna aus dem Norden planen müssen. Es wird wohl auch so langen, denn die Wirtschaft brummt.

Der Nachholbedarf der Spanier an Luxuswaren, die das Leben angenehm machen, scheint unstillbar. Autoverkäufer sehen ein Rekordjahr voraus, bei neun Prozent mehr Neuzulassungen als im Vorjahr. Eigentumswohnungen finden sofort Abnehmer, obwohl die Immobilienpreise im zweiten Jahresviertel wieder um 16 Prozent gestiegen sind.

Das Geheimnis der Konsumwut, die der Wirtschaft stets zu einem Wachstum über dem EU-Durchschnitt verholfen hat: Die Spanier leben fröhlich auf Pump. Junge wie Alte kaufen, was die Boutiquen an Zeug hergeben - vornehmlich bei einheimischen Designern wie Adolfo Domínguez oder in den Zara-Filialen der drittgrößten Textilkette der Welt, Inditex aus La Coruña.

Geschäftsleute, die einst gern mit dem Armani-Label im Jackett rumliefen, finden beim Designer Adolfo Domínguez eine Alternative zu erschwinglichen Preisen. Der Familienbetrieb aus der galicischen Provinzstadt Orense präsentiert seine Kollektionen inzwischen auf den Schauen von Paris und Köln ebenso wie in Madrid oder Barcelona.

In den Laden von Custo nahe der Madrider Nobelmeile Calle Serrano strömt heute selbst die Prada-Klientel, um sich bei der Konkurrenz von der Iberischen Halbinsel nach Neuem umzusehen. Seit amerikanische Stars wie Julia Roberts oder Madonna in den Hemdchen von Custo Dalmau aus Barcelona Aufsehen erregten, tun es ihnen modebewusste Europäerinnen gleich. In diesem Sommer gehören Hängetaschen in Tierform fast schon ebenso zur Grundausstattung wie einst der kleine schwarze Rucksack der italienischen Designerin.

Spaniens Kunstszene belebt sich ebenfalls in einem grandiosen Revival. War in den achtziger Jahren die Movida, diese alle Sparten erfassende artistische Bewegung, allein darauf aus, die immer noch bürokratisch-graue Hauptstadt des Franco-Regimes aus den Angeln zu heben, so setzt die zweite Bewegung zum Sprung auf den Kontinent und nach Übersee an.

Es ist der Hang zum Subversiven, was die Partner jenseits der Pyrenäen an den Spaniern so fasziniert. Seit seinen Anfängen in der wilden Madrider Movida der achtziger Jahre hat der Filmemacher Pedro Almodóvar, 54, all das aufs Bösartigste belichtet, was in seiner Heimat bis dahin heilig war.

Almodóvar hat dem Franquismus mit seiner erzkatholischen Macho-Moral den Garaus gemacht. Drogensüchtige Transvestiten und Huren, geschlechtsumgewandelte Väter, schwangere Nonnen bevölkern seine Streifen. Er lässt schräge Figuren agieren, als wären sie die Normalsten. Das Geheimnis: "Ich versetze sie in alltägliche häusliche Situationen und Beziehungen." Damit gelang es ihm spielend, die spanische Gesellschaft von einer Sinnkrise in die nächste zu stürzen.

Inzwischen ist er ein Synonym für das neue Spanien. Das traditionsreiche Kinofestival von Cannes trug in diesem Mai sein Gesicht. Ein gigantisches Konterfei Almodóvars bedeckte eine Seitenfront des Rathauses. Der Filmemacher durfte mit seinem neuesten Werk "Die schlechte Erziehung" die Festspiele eröffnen - eine Ehre, die nie zuvor einem Spanier zuteil geworden war. Voriges Jahr war der kleine Mann aus La Mancha schon in den USA in den Kino-Himmel gehoben worden. Er holte den Oscar für das Drehbuch seines Melodrams "Sprich mit ihr" nach Hause.

Dass seine Filme, die an den Wurzeln der Gesellschaft graben, längst Ausdruck einer neuen Epoche waren, wollte der abgewählte konservative Ministerpräsident Aznar schlicht nicht wahrhaben. Auf den Empfängen des ehemaligen Regierungschefs "für die Welt der Kultur und des Sports" tummelte sich vornehmlich das alte Spanien: Radprofis und Toreros neben Operettendiven und einigen konservativen Autoren.

Doch nun ist die neue Zeit hereingebrochen. Künstler und Intellektuelle mischen sich ein ins öffentliche Leben wie nie zuvor seit dem Tod Francos und der Annahme einer demokratischen Verfassung 1978.

Knapp eine Woche nachdem der neue sozialistische Regierungschef Zapatero vor dem König seinen Amtseid geleistet hatte, las er im Rathaussaal seiner Heimatstadt León den berühmten Anfang seines Lieblingsbuchs vor: "En un lugar de la Mancha ... - an einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker ..."

So begann Zapatero am 23. April, dem Todestag des Dichters Miguel de Cervantes, die vielerorts in Spanien traditionelle öffentliche Dauerlektüre des "Don Quijotte". Der Ritter, der gegen Windmühlen kämpfte, scheint dem Sozialisten wichtigster Botschafter seiner so unterschiedlichen Mitbürger aus dem Baskenland, aus Katalonien und Galicien, aus Kastilien und der Extremadura zu sein.

Als eine der ersten Amtshandlungen setzte der Regierungschef daher eine Kommission ein, die den 400. Geburtstag des Werks im nächsten Jahr im Rahmen einer internationalen Kampagne für spanische Kultur zelebrieren soll. Zum Leiter des wichtigsten Cervantes-Kulturinstituts in New York ernannte er den vielfach preisgekrönten Schriftsteller Antonio Muñoz Molina, 48. Die Nationalbibliothek übertrug

er der katalanischen Schriftstellerin und Verlegerin Rosa Regás, 71.

Zapatero will Spanien für das 21. Jahrhundert fit machen. Das Referendum über die EU-Verfassung würde er am liebsten per Computer und Handy durchführen - das wäre eine Europapremiere. In seiner Ministerrunde sitzen gleich viele Frauen wie Männer - unerhört in der bis dahin so männerdominierten Gesellschaft. Welches Tabu er damit brach, wurde an der Aufregung deutlich, die Konservative in allen Medien schürten, als sich die acht Frauen in edlen Kleidern heimischer Designer vor dem Madrider Regierungssitz für das Modeblatt "Vogue" ablichten ließen. Als "frivol" beschimpfte der Oppositionsführer die angebliche "Entweihung der Moncloa".

Wenn der Ministerpräsident ins Ausland reist, leitet eine Frau die Kabinettssitzungen - das ist ein Novum. Die zierliche María Teresa de la Vega, 55, stets in elegante Schals gehüllt, hat schon seit der ersten Stunde der Sozialistenregierung von Felipe González 1982 daran gearbeitet, die Gleichberechtigung im Gesetz festzuschreiben.

Emanzipation ist der gemeinsame Nenner der Gesetzesinitiativen, welche die Sozialisten in den ersten hundert Tagen angepackt haben. Als erstes Gesetz überhaupt brachte die Regierung einen Maßnahmenkatalog gegen Gewalt in der Ehe vor das Parlament.

Scheidungen sollen künftig bei beiderseitigem Einverständnis nur noch Wochen dauern, statt sich bis zu fünf Jahre in bürokratischem Kleinkrieg hinzuschleppen. Schwule und Lesben dürften, so sie denn wollen, künftig heiraten. Abtreibung könnte vom kommenden Jahr an in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft straffrei werden.

Die katholischen Würdenträger, allen voran der Erzbischof von Madrid, Kardinal Antonio María Rouco Varela, laufen Sturm gegen solchen "Laizismus als neue öffentliche Religion" . Sie fordern die Katholiken in Hirtenbriefen auf, für ihren Glauben zu demonstrieren. Zwar erklären nach jüngsten Umfragen noch 80 Prozent der Spanier, sie seien katholisch. Aber weniger als ein Fünftel geht sonntags in die Messe, weniger als ein Drittel widmet der Kirche einen Steuerbeitrag.

Könnte der Stimmungsumschwung in Spanien gar Zeichen für einen grundlegenden ideologischen Wandel sein? Das meint zumindest José Vidal-Beneyto. Der Professor an der Madrider Complutense-Universität glaubt, eine Abkehr von der seit zwei Dekaden vorherrschenden Ausrichtung politischer Entscheidungen nach den Erfordernissen der Wirtschaft beobachten zu können. Neue Handlungsanleitungen würden vielmehr aus der kulturellen Debatte gewonnen. Von den Künsten gehe eine neue Avantgarde in der Gesellschaft aus. Und die Sozialisten unter Zapatero, dessen Großvater im Bürgerkrieg als republikanischer Offizier von Franquisten erschossen wurde, knüpfen bewusst an die Modernisierungstendenzen der Republik Anfang der dreißiger Jahre an.

Tabuverletzungen gehören zum Alltag der neuen Fortschrittlichen - selbst in der Rückbesinnung auf die vielfältigen kulturellen Wurzeln. Spanien, das sich plötzlich in der Mitte des Kontinents weiß, ist inzwischen beim Aufspüren neuer Stimmungen ganz vorn mit dabei. Fusion heißt das Zauberwort: Nirgendwo wird das deutlicher als beim Comeback des Flamenco.

Die ersten Takte klingen wie Buena Vista Social Club und Rum, wie Kuba und Karibik. Dann aber eine gutturale Männerstimme mit ihren dunklen "ay"-Rufen und dem "toque", dem rhythmischen Klatschen der Zigeuner: So verschmelzen glatte kubanische Jazz-Klassiker mit archaischen Gitano-Weisen zu neuer Musik.

Der Zigeuner-Star aus Madrid mit dem Bühnennamen Diego El Cigala, 35, intoniert mit seiner gebrochenen Stimme Boleros nach der Art der Flamencos. Auf dem Klavier begleitet ihn der Jazz-Pianist Bebo Valdés, 85, ein Exilkubaner, wohnhaft in Stockholm. Ihr Album "Lágrimas Negras" räumte alle Musikpreise in Spanien ab und ist in Los Angeles mit zwei Grammys ausgezeichnet worden.

Der neue Sound des Flamenco-Revivals löst in diesem Sommer die brasilianischen und die kubanischen Ohrwürmer in Europa und in den USA ab. In Spanien ist die Gitano-Kultur längst zum Supertrend geworden. Sogar die Jugendlichen aus Madrid und dem Norden, ohne jedes Zigeunerblut in den Adern, hören Flamenco, besuchen die Spezial-Clubs, machen selbst Flamenco-Rap, Flamenco-HipHop, Flamenco-Chill-out oder wie sie sonst noch all die Mischformen nennen. Sie schöpfen aus dem Lebensgefühl der Zigeuner. Ihr "duende", ihr Mysterium, beruht auf dem Leiden an der Gesellschaft, in der sie sich bis heute nicht aufgenommen wissen.

Das ist die Musik des neuen Spanien, und auch auf ihr beruht die Anziehungskraft der verschiedenen Kulturen in Al-Andalus. So lautet der uralte Name, den die Araber einst ihren eroberten Gebieten auf der Iberischen Halbinsel gaben.

In Córdoba etwa kündet jeder ziselierte, von Säulen getragene Bogen der Mezquita, der einstigen Großen Moschee, dem Besucher von dieser Hoch-Zeit der Kulturen. In Granada lassen die Gärten der Alhambra mit ihren märchenhaften Wasserspielen, den betörend duftenden Jasminsträuchern und Orangenbäumen ihn heute noch eintauchen in die Geschichte, die hier Christen, Juden und Muslime gemeinsam gestalteten: ein historisch einzigartiges Experiment der Toleranz. Spanien, das ist ganz altes Europa - und gleichzeitig reine Avantgarde. HELENE ZUBER


DER SPIEGEL 37/2004
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