27.01.1957

BERLINAchteckige Philharmonie

Ihrem von Propagandisten unermüdlich gerühmten Tempo haben die Berliner offensichtlich in einer Sache entsagt: beim Neubau der "Philharmonie", einer Heimstatt für das von Herbert von Karajan geleitete Berliner Philharmonische Orchester.
Die alte "Philharmonie" in der Nähe des Potsdamer Platzes - jenes Viertels, das damals nahezu alle Berliner Konzertsäle beherbergte - war im Jahre 1943 durch Bomben zerstört worden. Seit mindestens sieben Jahren diskutieren in Berlin Zuständige und Unzuständige über das Problem, wo und in welcher Form den Philharmonikern ein neues Haus gebaut werden soll.
Dieser Tage nun sind endlich die ersten Konturen einer Lösung sichtbar geworden. Ein Preisgericht unter dem Vorsitz des Hamburger Oberbaudirektors Professor Werner Hebebrand wählte unter den Einsendungen zu einem Wettbewerb für den Philharmonie-Neubau drei Entwürfe aus und entschied sich mit neun gegen vier Stimmen, den ersten Preis in Höhe von 10 000 Mark dem Entwurf Nummer 44 zuzusprechen. Die Demaskierung ergab, daß dieser Entwurf von dem Präsidenten der Westberliner Akademie der Künste und Ordentlichen Professor an der Technischen Universität Berlin stammte, dem 63jährigen Architekten Hans Scharoun.
Bereits in den Bedingungen zu diesem Wettbewerb war allerdings festgelegt worden, an welcher Stelle der Neubau errichtet werden solle. Um diesen Ort hatten sich zuvor einige Westberliner Bezirke gegenseitig den Rang abzulaufen versucht: Der Bezirk Kreuzberg verlangte den Neubau für sich, weil die Philharmonie auf diese Weise künftig auch für die Bewohner des Ostsektors verkehrstechnisch leicht erreichbar wäre. Ähnlich hatte der Bezirk Tiergarten argumentiert, der obendrein ein Gelände zur Verfügung stellen wollte, das den Architekten freien Raum für ihre bildnerische Phantasie gelassen hätte.
In den Wettbewerbsbedingungen war jedoch als Baustelle ein Platz im Bezirk Charlottenburg vorgesehen, an dem der Fördererverband für den Neubau von Anfang an Gefallen gefunden hatte: die Rückfront des zerstörten, aber unter Denkmalschutz stehenden, weitläufigen Joachimsthalschen Gymnasiums, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts im klassizistischen Stil erbaut worden war. In der Gymnasiums-Ruine sollen ein weiterer Konzertsaal und einige Verwaltungs- und Probenräume für die Philharmoniker untergebracht werden.
Der Entschluß des Westberliner Senats, diesen Platz für den Neubau zu bestimmen, und die Billigung des Senatsbeschlusses durch das Abgeordnetenhaus wurden im vergangenen Jahr nicht zuletzt mit dem Argument herbeigeführt, die Bundesregierung habe die Hergabe eines Zuschusses von sechs Millionen Mark mit der Forderung gekoppelt, daß die Philharmonie auf diesem ursprünglich senatseigenen, also kostenlosen Boden erbaut werde. Die Bonner Vertretung in Berlin, das sogenannte Bundeshaus, bestätigt aber heute im Einvernehmen mit dem Bundesfinanzministerium, daß der Sechs-Millionen-Zuschuß in jedem Falle gewährt werde, wo immer auch die Philharmionie errichtet wird.
Das Handicap, den Entwurf eines neuzeitlichen Konzertsaals mit dem Grundriß einer gewiß ehrwürdigen, aber durchaus unmodernen Schule koppeln zu müssen, hat Wettbewerbsgewinner Scharoun nach Kräften auszugleichen versucht: im Innern des Konzertsaales. Sein 8,3-Millionen-Projekt brach nämlich mit den herkömmlichen Grundregeln für den Konzertsaalbau: Scharoun placierte das Orchester in der Mitte des Zuhörerraumes, der 2176 Sitzplätze fassen soll.
Bisher war es üblich gewesen, die sogenannten "Klangkörper" samt Solisten und Chören auf einem bühnenartigen Podium vor dem Publikium aufzubauen und die Musiker so zu placieren, daß die klangschwachen Instrumente oder Stimmen dem Zuhörerraum am nächsten sind. Diese Bauregel entsprach der Entwicklung des Konzertwesens, und auch der jüngste Konzerthausneubau Deutschlands, die Stuttgarter Liederhalle, ist noch nach diesem Prinzip erbaut. Hans Scharoun handelte als einziger im Philharmonie-Wettbewerb dieser Tradition zuwider.
Der Architekt begründete seinen Bruch mit der alten Tradition des Konzertsaalbaus so. "Es ist gewiß kein Zufall, daß Menschen sich heute wie zu allen Zeiten sofort zu einem Kreis zusammenschließen, wenn irgendwo improvisiert Musik erklingt. Dieser ganz natürliche Vorgang, der von der psychologischen wie von der musikalischen Seite her jedem verständlich ist, mußte sich auch in einen Konzertsaal verlegen lassen ... Musik sollte auch räumlich und optisch im Mittelpunkt' stehen."
Der Preisträger stellte deshalb das Podium des Dirigenten beinahe in die Mitte seines unregelmäßig achteckigen Philharmoniesaales und gruppierte rund ein Drittel der Zuhörersitze in asymmetrischen Blöcken seitlich und im Rücken des Orchesters. Er glaubte, diese Umgruppierung auch technisch verantworten zu können: Der Akustiker Professor Dr. Lothar Cremer, den Scharoun zu Rate zog, will dafür garantieren, daß auf allen Plätzen das volle Orchester-Klangbild gleich gut zu hören ist.
Cremer will dieses Ziel mit einem technischen Kunstgriff erreichen: Er hat für den Scharoun-Entwurf einen neuartigen Klangreflektor konstruiert, der einem geschwungenen Sonnensegel gleicht und unter der Decke der Konzerthalle genau über dem Orchester hängen soll. Dieses Gebilde und einige kleinere Reflektoren zu Seiten des Orchesters sollen den richtig zusammengefaßten Klang aller Instrumentalgruppen gleichmäßig nach allen Seiten des Raumes leiten.
Vor allem an der Placierung des Orchesters in der Mitte und an dem riesigen Klangreflektor, der in der Höhe über den Köpfen des Orchesters schweben soll, entzündeten sich in Berlin lebhafte Diskussionen. Herbert von Karajan, der vermutlich Hausherr der neuen Philharmonie sein wird, stimmte dem Scharoun-Entwurf begeistert zu - ohne Zweifel kann es einem derart populären Dirigenten nur angenehm sein, ein enthusiasmiertes Publikum nicht nur im Rücken, sondern auch vor und neben sich zu haben, sich seinem Publikum also gleichzeitig von allen Seiten präsentieren zu, können.
Skeptischer dagegen verhielt sich angesichts des Scharounschen Philharmonie -Modells der Komponist Paul Hindemith. Vor allem aber der Musikkritiker der Westberliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel", Werner Oehlmann, formulierte die Einwände, die von den Gegnern des Scharoun-Entwurfs ins Treffen geführt wurden.
Nicht jeder Konzertbesucher, schrieb Öehlmann, habe den Wunsch, durch eine "sichtbare Konstruktion" - den Klangreflektor -daran erinnert zu werden, "daß das Wunder des Hörens ein physikalischer, von der Wissenschaft gesteuerter Vorgang ist, so wenig wie der. Zuschauer einer Theateraufführung die Scheinwerfer ... sichtbar vor Augen haben möchte".
Oehlmann räumte ein, daß die Musik des 20. Jahrhunderts keine "gezielte Richtung" mehr erfordere, sondern jene "akustische Strahlung und Streuung" vertrage, "die der Rundbau (Scharouns) verwirklicht". Der symphonischen Musik des 19. Jahrhunderts sei jedoch eine lineare Richtung vom Orchester zum Zuhörer, "ein aktiver auf den Hörer zielender Impuls" eigen. "Aber die Philharmonie", forderte Oehlmann, "soll nicht nur der Konzertsaal der Zukunft, sondern auch der (Konzertsaal) der Vergangenheit sein."
Oehlmanns Einwendungen und die Bedenken anderer Kritiker haben noch alle Aussicht, gehört zu werden. Erst in einer auf den 1. Februar festgesetzten Aufsichtsratssitzung der "Konzerthaus GmbH.", der Trägergesellschaft für den Neubau, soll darüber entschieden werden, ob Scharouns preisgekröntes Projekt überhaupt verwirklicht wird.
Bei der Abstimmung des Preisgerichts, das sich mit neun gegen vier Stimmen für Scharouns Entwurf entschied, fehlte nämlich den Befürwortern des Scharoun-Projekts eine Stimme zur Dreiviertel-Mehrheit. Das Abstimmungsergebnis, genügte zwar, um Scharoun den 10-000-Mark-Preis zuzusprechen. Es genügte aber nicht, um den preisgekrönten Entwurf auch zur Ausführung zu bestimmen. Dazu hätte es nach den Satzungen des Wettbewerbs einer Dreiviertel-Mehrheit bedurft.
Demnach ist durchaus möglich; daß sich auch an der Berliner Philharmonie Scharouns sprichwörtliches Mißgeschick wieder bewährt, Wettbewerbe zwar zu gewinnen, aber die Ausführung der preisgekrönten Projekte nicht zu erleben. Zuletzt war dieser Fall eingetreten, als dem Architekten Scharoun in Kassel der Bauauftrag für seinen Staatstheater-Entwurf entzogen wurde, der dort ebenfalls mit dem ersten Preis ausgezeichnet worden war (SPIEGEL 25/1955).
Kommentierte Preisgerichts-Mitglied Professor Hans Heinz Stuckenschmidt in der Tageszeitung "Die Welt": "Man fragt sich, warum dann eigentlich ein Preisgericht bemüht worden ist... Das ist eine Art, l'art pour l'art zu treiben, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat."

DER SPIEGEL 5/1957
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