06.03.1957

DIE SPRACHE DES SPIEGEL

meine weisheit ist eine binse schneide dich in den finger damit um ein rotes ideogromm zu pinseln auf meine schulter ki, wit ki wit
(Aus dem Gedicht "lock lied" von Hans Magnus Enzensberger, 1955)
Unter dem Titel, mit dem auch dieser Abdruck überschrieben ist, war am 8. Februar im Süddeutschen Rundfunk ein "Radio-Essay" zu hören, dessen Autor Hans Magnus Enzensberger sich bemühte, die "Moral" des SPIEGEL als eine "Masche" zu entlarven. Enzensberger, der sich in seinem "Radio-Essay" als "Kulturkritiker" bezeichnen läßt, gehört der Redaktion des Süddeutschen Rundfunks an; den Lesern von Literatur-Zeitschriften ist er auch als Nachwuchs-Essayist (Jahrgang 1929) bekannt. Er studierte an deutschen Universitäten und an der Sorbonne Literaturwissenschaft und Philosophie, promovierte 1955 zum-Dr. phil. und veröffentlichte Gedichte, Essays und Kritiken. Ein erster Gedichtband soll noch in diesem Jahr erscheinen.
In seinem "Radio-Essay" über den SPIEGEL stellt Enzensberger - mit dessen Einverständnis hier eine unwesentlich gekürzte Fassung des Essays abgedruckt wird - dem Autor, also sich selbst, einen "Leser" als Widerpart gegenüber.
AUTOR: Ich habe eine Attacke vor, die eine Reihe scharfer Thesen ins Feld führen wird.
These 1: Der SPIEGEL-Stil ist kein Stil, sondern eine Masche.
These 2: Das "deutsche Nachrichten-Magazin" ist kein Nachrichten-Magazin.
These 3: Der SPIEGEL übt nicht Kritik, sondern Pseudo-Kritik.
These 4: Der SPIEGEL-Leser wird nicht orientiert, sondern desorientiert
Verzeihen Sie bitte die bösartige Formulierung der vierten These. Sie ist natürlich nicht persönlich gemeint.
LESER: Ich verzeihe sie keineswegs. Ich werde sie vielmehr nach Kräften bestreiten. Ferner erlaube ich mir, meinerseits eine These aufzustellen:
These 5: Der SPIEGEL ist eine Notwendigkeit,
Aber ehe wir uns über diese Sätze streiten, sollten wir ein paar sachliche Vorfragen aus der Welt schaffen.
Es folgen einige allgemein bekannte Informationen sowie einige Spekulationen und Irrtümer über Geschichte, Auflage und Geschäftserfolg des SPIEGEL. Dann geht die kritische Untersuchung" weiter:
LESER: Kommen Sie, wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, lieber auf die provozierenden Thesen zurück, die Sie vorhin aufgestellt, aber nicht erläutert, geschweige denn bewiesen haben.
AUTOR: Mit Vergnügen. Ich wiederhole:
These 1: Der SPIEGEL-Stil ist kein Stil, sondern eine Masche
LESER: Beweis?
AUTOR: Sehr einfach: Die SPIEGEL -Sprache ist auf alles anwendbar; sie ist von schlechter Universalität. Schlecht deshalb, weil unkenntlich gemacht wird, was sie erfaßt.
LESER: Äußerstenfalls könnten Sie behaupten, der SPIEGEL-Stil sei schlecht, keinesfalls, er sei inexistent.
AUTOR: Stil ist selektiv, nie anwendbar auf beliebig Verschiedenes: Stil ist an den gebunden, der ihn schreibt. Die SPIEGEL -Sprache ist anonym, Produkt eines Kollektivs. Sie maskiert den, der sie schreibt, ebenso wie das, was beschrieben wird: Sprache einer schlechten Universalität, die sich für alles kompetent hält. Vom Urchristentum bis zum Rock and Roll, von der Lyrik bis zum Kartellgesetz, vom Rauschgiftkrawall bis zur minoischen Kunst wird alles über einen Leisten geschlagen. Der allgegenwärtige Jargon überzieht alles und jedes mit seinem groben Netz: Die Welt wird zum Häftling der Masche.
LESER: Was Sie dem Magazin vorwerfen, ist nichts anderes als seine Verständlichkeit. Es macht die Gegenstände in ihrer Mannigfaltigkeit dem Leser kommensurabel. Das ist kein Fehler.
AUTOR: Der Leser, von dem Sie sprechen, ist eine mythologische Figur, wie das Lieschen Müller des deutschen Films. Eine Figur, die freilich sehr real ist. Aber dieser Leser ist kein Naturereignis: er wird gezüchtet. Nicht nur macht der SPIEGEL seine Gegenstände dem Leser kommensurabel, sondern auch den Leser dem Magazin selbst. Er verwandelt sich den Leser an, er zieht ihn auf die Ebene seiner Sprache, er bildet ihn aus. Glauben Sie nicht, das wäre ein einfacher Vorgang. Die SPIEGEL-Sprache muß man lernen, sie ist keineswegs simpel, sondern höchst barock, sie kokettiert mit ihrer eigenen Gewitztheit, mit rasch applizierter Terminologie, mit Modewörtern, mit dem Slang der Saison. Sie beutet das tiefe Bedürfnis aus, mitreden zu können und ist insofern der Sprache des "Reader's Digest" verwandt. Freilich ist sie weniger bieder: Sie führt sich nicht auf, als wäre sie "das Beste", sondern als wäre sie "das Letzte". Sie sehen, auch der Snobismus hat seine Schicksale. Theodor W. Adorno hat in seinen Arbeiten über die Kulturindustrie beschrieben, wie das Immergleiche als Spezialität verpackt und an ahnungslose Bescheidwisser verkauft wird. Eine solche Verpackung ist die Sprache des SPIEGEL.
LESER: Zitieren Sie doch!
AUTOR: Das Zitat ist mein bestes Argument. Übrigens haben Sie recht: Ideologisch wird die Masche natürlich durch den. Wunsch nach allgemeiner Verständlichkeit gerechtfertigt. Ich zitiere ein paar programmatische Sätze hierzu aus "Time", dem Vorbild des SPIEGEL:
Das ganze Magazin sollte verständlich sein für einen beschäftigten Mann - eine Auffassung, vollkommen verschieden von derjenigen der Rubriken in den Tageszeitungen, die sich jede an besondere Gruppen wenden. Um den gesamten Inhalt von "Time" den Weg in den Kopf des Lesers finden zu lassen, mußte er zunächst in eine Sprache übersetzt werden. die ein Mann verstehen konnte. Später wurde aus dieser Idee heraus die Maxime formuliert: "Time" ist so, als ob es von einem Mann tür einen Mann geschrieben wäre.
Lassen wir "Time" getrost aus dem Spiel. Was den SPIEGEL angeht, so übersetzt auch er, aber nicht in einfaches Deutsch, sondern in die Masche. Ich pflücke aufs Geratewohl einige Blüten:
Bei der Schlußfeier der XVI. Olympischen Sommerspiele schickten die australischen Salutschützen dem Muskelkrieg von Melbourne ein martialisches Echo noch. Die Artilleristen Ihrer Majestät der englischen Königin lieferten den aktuellen kriegerischen Kulissendonner zu jenem olympischen Schauspiel, das inmitten einer sehr unfriedlichen Welt zum schlechten Stück geworden war Sie kanonierten die wie einen Zylinderhut aufgestülpte Schlußfeier-Stimmung und alle preisenden Reden von der; Gleichheit und Brüderlichkeit
- unter Sportsleuten zu eitel Schall und Rauch,
Einfaches Deutsch?
Wünschen Sie eine detaillierte Analyse? Entfetten wir versuchsweise den Text, massieren wir die geschwollenen Redensarten weg, reduzieren wir die Posen der Syntax, so bleibt kaum mehr übrig als eine Zeile:
Bei der Schlußfeier der Olympiade wurde Salut geschossen. Das hat uns mißfallen:
Hätte der SPIEGEL sich so ausgedrückt, der Leser, der vielbeschäftigte Mann, hätte nicht nur neun Zeilen überflüssiger Lektüre gespart, er hätte auch einen klareren Kopf behalten. Außerdem könnte er die
Nachricht von ihrer Auslegung unterscheiden, die mit Hilfe der Masche hoffnungslos miteinander vermanscht werden. Darauf werden wir noch zu sprechen kommen.
LESER: Stellen Sie mich als Banause hin, soviel Sie wollen. Ich finde die Version des SPIEGEL amüsanter als die Ihre.
AUTOR: Über Humor ist schlecht zu streiten. Wenn das Magazin über den amerikanischen Schlagersänger Presley schreibt, er sei "sextraordinär" und "transportiere" seine Zuhörer "von Dixieland nach Kinseyland", so ist das zwar miserables Deutsch, aber gewiß nicht ohne eine gewisse Komik, die der Primitivität des Gegenstandes entspricht. Die Zuckungen des Sängers, dem eine elfseitige Titelgeschichte zugedacht ward, "erweckten"
- laut SPIEGEL - den Eindruck, "als habe er einen Preßlufthammer verschluckt". Das schallende Gelächter über derartige Scherze wird einem fatal, wenn Gide und Claudel, Sartre und Freud durch ihresgleichen charakterisiert werden. Als in Ostberlin der junge Philosophenprofessor Wolfgang Harich verhaftet wurde, kramte der SPIEGEL aus seinem Leben eine Episode mit einer Dame aus Thailand aus und fragte "sich", ob es nun "metaphysische oder physische Gründe hatte", daß er mit der "siamesischen Dame" in die Berliner Podbielski-Allee 1 gezogen war. Finden Sie das immer noch amüsant? Das ist KdF-Humor, Modell 1956, verchromt. Ein schiefes und trauriges Gelächter über schiefe und traurige Gestalten: daß es dabei bliebe! Daß es nicht zum Gelächter derer würde, die Gemälde mit Taschenmessern behandeln, und jubeln, wenn der Totschläger in Aktion tritt. Lächerlichkeit tötet: Das ist ein Satz, der eine sehr finstere Bedeutung annehmen kann.
LESER: Sie übertreiben, wie alle Kulturkritiker. Ein schlechter Witz bringt keine Zeitung um. Eine Zeitung ist lebendig, solange sie die Wahrheit sagt. Ein objektives Nachrichtenmagazin ist in Deutschland, ich sagte es schon, eine Notwendigkeit. Das ist keine Frage des Stils, sondern eine Frage der Moral.
AUTOR: Stil und Moral hängen zusammen; das ist übrigens eine Binsenwahrheit. In unserem Fall also: Masche und Moral. Ich komme zu meiner zweiten These:
"Das deutsche Nachrichtenmagazin" ist kein Nachrichtenmagazin.
LESER: Was denn?
AUTOR: Eine Sammlung von Storys und Anekdoten, Witzen, Vermutungen, Briefen, Spekulationen, maliziösen Bemerkungen, Bildchen und Anzeigen. Ich hoffe, ich drücke mich klar aus und vergesse nichts. Gelegentlich ein Leitartikel, eine Karte, eine Statistik. Unter allen Mitteilungsformen kommt am seltensten diejenige vor, nach der das Blatt benannt ist: die schlichte Nachricht.
LESER: Aber das ist ja gerade der Vorteil des SPIEGEL: Er nimmt mir, dem Leser, die synthetische Arbeit ab und ordnet die einzelnen Informationssplitter von vornherein sinnvoll zusammen. Er verarbeitet sie zu einem Ganzen ... AUTOR: ... einer "Story", wie es im SPIEGEL-Statut heißt:
Die Form, in der der SPIEGEL seinen Nachrichtengehalt an den Leser heranträgt, ist die Story
Der Sinn der Story ist es, die Nachricht in ein pseudoästhetisches Gebilde zu verwandeln, sie aus dem Kontext der Situation zu entfernen. Eine echte Nachricht hat eine genau angebbare Quelle; nicht umsonst wird sie in keiner Zeitung wiedergegeben, ohne daß diese Quelle, daß Zeit und Ort ihrer Entstehung angegeben würden. Nachrichten sind für Unterhaltungszwecke im allgemeinen ungeeignet, sie sind kein Genuß-, sondern ein Orientierungsmittel. Dagegen stellt die Story ganz andere Bedingungen: Sie muß Anfang und Ende haben, eine Handlung, und vor allem einen Helden. Echte Nachrichten ermangeln leider oft dieser Eigenschaften. Um so schlimmer für
die Nachrichten, scheint der SPIEGEL sich zu sagen.
LESER: Aber der Held einer solchen Story kann durchaus ein neuer Lokomotivtyp sein oder - eine Operationsmethode!
AUTOR: Ich zitiere Ihnen noch einmal aus dem SPIEGEL-Statut:
Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Darum sollten alte SPIEGEL-Geschichten einen hohen menschlichen Bezug haben. Sie sollten von den Menschen handeln, die etwas bewirken.
Was mit dem "hohen menschlichen Bezug" gemeint ist, weiß ich nicht genau. "Weder besonders schön noch besonders anziehend" als Legende zu einem Porträt Sartres, der bekanntlich schielt? Aber "Time" kann uns Über den Helden der Story noch Genaueres, nämlich seinen ideologischen Hintergrund, mitteilen:
Die Nachrichten entstehen nicht durch "geschichtliche Kräfte- oder Regierungen oder Klassen, sondern durch Individuen.:
Damit ist der Held gerechtfertigt; die Geschichte besteht aus Geschichtchen. Human Interest, Stories aus Fleisch und Blut: Solche Parolen gründen auf der Scheinwahrheit, daß Geschichte von einzelnen gemacht wird: der primär gesellschaftliche Charakter historischer Erscheinungen wird mit einem Seitenhieb auf den marxistischen Klassenbegriff geleugnet. Die Anekdote bestimmt die Struktur einer solchen Berichterstattung, die Historie wird zum Histörchen.
LESER: Wenn Sie schon hinter dem simplen Trick der Story eine Geschichtsauffassung suchen, dann ist sie jedenfalls demokratisch, eben weil sie es auf den einzelnen, nicht aufs Kollektiv abgesehen hat.
AUTOR: Dieser einzelne, wie er übrigens auf dem Umschlag des Magazins sichtbar wird, ist aber gerade der Prominente; nicht der einfache Bürger, sondern der potentielle Führer wird hier als naturalistische Ikone präsentiert. Das Gesetz der Story verlangt, daß Geschichte zum biographischen Detail werde: Die ungarische Oktoberrevolution zum Beispiel verwandelte sich unversehens in eine Titelgeschichte über Nagy, der auch auf dem Umschlag erschien. Jeder aufständische Arbeiter hätte das historische Ereignis besser repräsentiert als dieser hilflose Mann. Geschichte wird von Menschen gemacht, aber nicht von prominenten Individuen, von fetischähnlichen Figuren, denen abzugucken wäre, wie sie sich räuspern und wie sie spucken ...
LESER: Immer noch besser ein fetter Politiker auf dem Umschlag als jede Woche ein und dasselbe Glamour-Girl. Aber lassen wir die müden Helden ruhen. Ich gebe Ihnen gern zu, daß jede Nachricht eine Quelle haben muß. Die Quellen des SPIEGEL mögen zuweilen trübe sein, aber sie sind fast ausnahmslos zuverlässig. Das ist sehr wichtig. Offenbar hat das Magazin ein sehr großes und gut funktionierendes Korrespondentennetz. Die durchschnittliche Tageszeitung macht sich die Nachrichtenbeschaffung doch ziemlich leicht: Sie zapft Fern- und Hellschreiber an und zieht aus diesem Material aus, was der Redaktion wichtig zu sein scheint. Der SPIEGEL läßt sich seine Informationen etwas kosten, und: er prüft sie nach.
AUTOR: Das ist richtig; nur nützt es Ihnen, dem Leser, wenig. Denn die Fakten, die derart mühselig und sorgfältig ermittelt werden, bleiben Ihnen ja verborgen. Sie werden verpackt. Wir haben gesehen, wie. Das Postulat des SPIEGEL-Statuts,
Alle im SPIEGEL verarbeiteten Nachrichten müssen unbedingt zutreffen.
gilt vom Gesichtspunkt des Reporters, nicht von dem des Lesers aus. Wenn bei einer Umfrage im Jahre 1954 91 Prozent der teilnehmenden Leser der Meinung waren, der SPIEGEL sei objektiv, so erlagen sie wohl der gleichen Täuschung wie Sie. Objektivität ist ein Kriterium, das auf die Story schlechterdings nicht anwendbar ist. Maßgebend für das Gelingen einer Story ist einzig und allein ihr Effekt. Die Forderung nach Richtigkeit geht nicht, wie bei der Nachricht, aus ihrem Wesen hervor: Sie wird von außen an sie herangetragen, ja, genaugenommen kann eine Story gar nicht richtig sein, sondern höchstens die in ihr verarbeiteten Details, Nur in diesem Sinn kann davon gesprochen werden, daß der SPIEGEL die Wahrheit sagen will, ja muß. Nicht Richtigkeit, sondern Unangreifbarkeit wird ihm abverlangt, und zwar aus rein juristischen Gründen. Als falsch gilt in diesem Verstand nur eine Behauptung, die zu einem Rechtsstreit führen kann, der für die Zeitschrift aussichtslos wäre. Statt von Richtigkeit sollte man daher, wenn Sie mir das Wort gestatten, lieber von Un-Unrichtigkeit sprechen. Moralisch gesprochen, ist eine doppelte Verneinung nicht, wie in der Logik, mit einer Bejahung identisch. Ich hoffe, Sie überzeugt zu haben.
LESER: Selbst wenn ich Ihrer These, der SPIEGEL sei kein
Nachrichten-Magazin, zustimmen würde, so bewiese das doch nur, daß sein Untertitel, nicht aber, daß sein Verfahren angreifbar wäre. Die Nachricht ist keineswegs die einzige, ja nicht einmal unbedingt die wichtigste Form journalistischer Äußerung. Denken Sie etwa an den Kommentar, an die Glosse oder an den Leitartikel ...
AUTOR: Für den Leitartikler des SPIEGEL, Jens Daniel, habe ich nur Hochachtung und Bewunderung übrig. Sein Verfahren ist unangreifbar, gleichgültig, ob er mit dem, was er sagt, recht oder unrecht hat. Frei nach Voltaire würde ich, wäre er selbst mein erbittertster Gegner, bis zuletzt sein Recht verteidigen, öffentlich seine Meinung äußern. Der Fall des Leitartiklers ist vollkommen klar. Er steht mit seinem Namen ein für das, was er sagt, und, was noch wichtiger ist, er erhebt keinerlei Anspruch auf "Objektivität", im Gegenteil, er wirkt gerade durch die Subjektivität seiner Äußerung, durch seine Überzeugung, sein Engagement, niemals versucht er seine Deutung der Nachrichten als diese selbst auszugeben. Genau das tut aber der Story-Schreiber. Der Story-Schreiber bleibt grundsätzlich anonym, er legt die Karten nicht auf den Tisch, er arbeitet aus dem Unsichtbaren. Das rührt nicht von seiner persönlichen Bosheit, sondern von den Gesetzen seiner Form her, die eine ästhetische Form ist. Story ist Fiktion: dementsprechend muß sich ihr Verfasser als Erzähler aufführen, als allgegenwärtiger Dämon, dem nichts verborgen bleibt und der jederzeit, wie nur je ein Cervantes ins Herz des Don Quichotte, ins Herz seines Helden blicken kann. Während aber Don Quichotte von Cervantes abhängt, ist der Journalist der Wirklichkeit ausgeliefert. Deshalb ist sein Verfahren im Grunde unredlich, seine Omnipräsenz angemaßt. Zwischen der simplen Richtigkeit der Nachricht, die er verschmäht, und der höheren Wahrheit der echten Erzählung, die ihm verschlossen bleibt, muß er sich durchmogeln. Er muß die Fakten interpretieren, anordnen, modeln, arrangieren, aber er darf es nicht zugeben, nicht Farbe bekennen, sich keine Blöße geben. Eine verzweifelte Position. Um sie zu halten, sieht sich der Story-Schreiber gezwungen, zu retuschieren, zwischen den Zeilen zu schreiben, Ich kenne keine Publikation, die es in der Technik der Suggestion, des Durchblickenlassens, der Insinuation weitergebracht hätte als der SPIEGEL. Die Wahrheit wird durch diese Technik allerdings nicht aufgehellt, sondern vielmehr paralysiert. Sie ist ihr gegenüber wehrlos.
LESER: Fällt Ihnen auf, welche Vorteile ein journalistisches Verfahren, wie Sie es beschreiben, bietet? Daß es hier und heute, wie übrigens eh und je, Wahrheiten gibt, die nur zwischen den Zeilen öffentlich bekanntgemacht werden können, ist doch kein Geheimnis. Ich für meinen Teil bin der Ansicht, daß über sie lieber andeutungsweise als gar nicht geschrieben werden soll. Ihrer ästhetischen Argumentation gegen die Story habe ich nichts entgegenzusetzen als die Erfahrung, daß eine SPIEGEL-Geschichte gewöhnlich eine höhere Dosis Kritik enthält als dreißig Nummern einer seriösen Tageszeitung.
AUTOR: Damit wären wir bei meiner dritten These angelangt:
Der SPIEGEL übt nicht Kritik, sondern Pseudo -Kritik.
LESER: Mit dieser These haben Sie sich entschieden zu weit vorgewagt. Ich sehe vergnügt den Kunststückehen entgegen, zu denen Sie werden greifen müssen, um sie zu verteidigen.
AUTOR: Freuen Sie sich nicht zu früh. Mein Argument ist äußerst einfach. Um echte Kritik zu üben, muß man Stellung beziehen, also genau das tun, was der Story-Schreiber, wie wir gesehen haben, nicht tun kann. Bisher sind alle Beobachter daran gescheitert, dem SPIEGEL irgendwelche Überzeugungen zuzuschreiben. Wer es versucht, erntet nur triumphierende Hinweise auf die Unabhängigkeit und Objektivität des Blattes. Die Ideologie des SPIEGEL ist eine skeptische Allwissenheit, die an allem zweifelt außer an sich selbst. Eine Kritik, die keinen anderen Ansatz besitzt als diesen imaginären Hebelpunkt, macht sich von vornherein zur Magd der Ereignisse. Sie schränkt sich auf die pure Taktik ein und gesteht, noch ehe sie geübt wird, ein, daß sie nichts aus den Angeln heben wird Zwar gibt sie vor, die Welt verändern zu wollen, doch weiß sie nicht, zu welchem Ende. Ihr Ziel ändert sich mit den taktischen Erfordernissen, die sich ihrerseits ändern, noch während die Story in den
Satz geht. Insofern ist sie blind: ein Surrogat echter Kritik.
LESER: Wenn ich Ihre Sätze ein wenig verflachen darf, so heißt das wohl, daß der SPIEGEL sehr konkrete Wirkungen hat, ohne doch Prinzipien zu reiten. Das scheint mir eine echte journalistische Leistung zu sein. Publizistik und Philosophie sind zweierlei.
AUTOR: Verdrehen Sie's immerhin ins Positive, was ich sage. An der Sache ändern Sie durch diese Umkehrung nichts. Ich bin sogar genötigt, mit meiner These noch einige Schritte weiter zu gehen. Daß der taktische Realismus des Magazins keine radikale Fragestellung zuläßt, haben wir gesehen. Dem ist hinzuzufügen, daß der Anstrich der Radikalität jedoch jeder Zeile, die darin erscheint, sorgfältig gegeben wird. Das Surrogat stellt sich als das Echte hin, und umgekehrt: Wo radikale Fragen gestellt werden, verdächtigt der realpolitische SPIEGEL sie, indem er sie süffisant belächelt, als Surrogat. Wie immer diskreditiert die falsche Kritik die wahre. Es bleibt ihr gar keine andere Wahl.
LESER: Sie weichen meiner Replik aus. Grundsatzfragen sind, ich sagte es schon, keine Sache des Journalismus. Taktischer Realismus ist für den Publizisten kein Makel, der ihm vorzuwerfen, sondern eine Arbeitsvoraussetzung, die ihm zuzubilligen ist.
AUTOR: Europas beste Wochenzeitungen "The New Statesman and Nation", "L'Express", "France Observateur" und viele andere beweisen das Gegenteil. Das kleinste taktische Detail wird für sie zum Anlaß einer kritischen Wurzelbehandlung. Sie sehen den Vorfall, den Sie attackieren, nicht als Affäre, sondern als Symptom.
LESER: Das überläßt der SPIEGEL seinem Leser. Er gibt ihm nur das Material an die Hand ...
AUTOR: Zur Story verarbeitet, der die pseudo-kritische Auslegung bereits beigemengt ist. Beachten Sie den inquisitorischen Charakter des Verfahrens, den Gestus des "Materialsammelns gegen", der dabei vorherrscht. Mit Hilfe seines Netzes von Informanten und seines riesigen Archivs hat der SPIEGEL die Technik des Dossiers zur Perfektion ausgebildet. Sehr häufig ist eine SPIEGEL-Geschichte der Einleitung eines Verfahrens gegen ihren Helden ähnlich. Beachten Sie eine infame sprachliche Einzelheit, in der sich die inquisitorische Natur des Vorgehens verrät: den Dativ in Ausdrücken wie: "Der Chruschtschew-Brief verriet dem Tito" oder "Er folgte dem Dylan Thomas endlich sogar zurück nach Wales." Diese Redeweise verwandelt den Mann, von dem die Rede ist, von vornherein in einen Angeklagten: einen Angeklagten, der nach Regeln verhört und verurteilt wird, die das Geheimnis der Redaktion bleiben.
LESER: Die meisten, die einem solchen Verfahren unterworfen werden, haben es wohl verdient, seien es nun Filmgrößen oder Schlagersänger...
AUTOR: Im günstigsten Fall wird die Schnulze durch die Schnulze zweiten Grades kritisiert. Wo die Sache so liegt, kann man das Magazin ruhig als eine Art gebrochener Illustrierte hinnehmen, als Bildzeitung für den gehobenen Bedarf. Daß dabei Ansprüche und Methoden sich verfeinern, ändert an der Sache freilich wenig. Keineswegs legitimiert es zur Abhandlung vitaler Fragen der Gegenwart.
LESER: Sie lassen bei Ihrer Analyse beharrlich einen Faktor, vielleicht den wichtigsten, aus dem Spiel: den Leser. Ich darf an seine Existenz erinnern. Der SPIEGEL-Leser ist mit dem Illustrierten-Konsumenten nicht identisch, ja nicht einmal vergleichbar. Wer eine Illustrierte liest, wird unterhalten. Wer den SPIEGEL liest, wird zwar ebenfalls nicht gelangweilt -(ein Umstand, den Sie nicht müde werden, in Vorwürfe auszumünzen), doch war er, wenn er das Heft zuschlägt, nicht nur Zuschauer einer Revue, Sterngucker, quickzer Betrachter, sondern zugleich Student, Lernender während jener ahnungslos bleibt, weiß er Bescheid.
AUTOR: Sie spielen mir die Bälle zu. Geben wir über zu These vier: Der SPIEGEL-Leser wird nicht orientiert, sondern desorientiert.
Wissen Sie, verehrter SPIEGEL-Leser, daß Ihr letzter Satz das Echo des Werbespruchs ist, den das Magazin bei einer Inseraten-Kampagne benutzte?
Wer möchte nicht wie Theseus
sicher gehen?
Wie schön ist das Gefühl:
- "Ich weiß Bescheid!"
DER SPIEGEL ist
- Sie werden's selber sehen -Der Ariadne-Faden unsrer Zeit!
Für das Porträt des idealen SPIEGEL-Lesers, das ich nun skizzenhaft entwerten will, liefern diese Slogans sehr brauchbare Züge. Ich zitiere noch zwei von ihnen:
Der SPIEGEL leuchtet hinter die Kulissen unseres
lärmerfüllten Welttheaters
und..
Hingegen ich, der Weise, les' im SPIEGEL die
Hintergründe.
Ich beginne also: Als Ausgangspunkt kann dienen, daß der Leser als tabula rasa vorgestellt wird. Nichts wird bei ihm vorausgesetzt als die Kenntnis des Jargons. Auf diese tabula rasa werden nun scheinbar unverrückbare, objektive Bilder projiziert, die aber nur virtuell vorhanden sind. Sie sind Phantome. Taucht der abgebildete Sachverhalt von neuem auf, so sind sie verflogen.- Der Kontext muß immer wieder von neuem geboten werden. Der SPIEGEL-Leser ist ein Wesen ohne Herkunft, ohne Geschichte und ohne Gedächtnis. Er ist das eigentlich ahistorische Wesen. Historizität und Gedächtnis ersetzt ihm das Archiv des Magazins, ein ungeheurer Tatsachensilo. In ihm ist alle Vergangenheit omnipräsent, wie die Gegenwart im Reporter. Die historische Dimension entfällt für den Leser ebenso, wie die Form der Story sie negiert. Da alle gegebenen Sachverhalte als prinzipiell unbekannt dargestellt werden," verleiht ihnen erst das Magazin die Würde des Vorhandenen. Die Welt -wird, mit dem Kritiker Günter Anders zu reden, zur Matrize des Magazins, die Story zu ihrem Phantom. Obwohl total unwissend, erhebt der SPIEGEL -Leser den Anspruch, alles verstehen und aburteilen zu können. Er hält sich für gewitzt und glaubt, man könne ihm nichts vormachen. In diesem Glauben wird er dadurch bestärkt, daß ihm fortwährend etwas vorgemacht wird.
LESER: Sind. Sie mit ihrer Philippika zu Ende?
AUTOR: Noch nicht. Dem Leser - Ihnen, mit Verlaub zu sagen - wird eine Überlegenheit suggeriert, die er in 'Wirklichkeit nicht besitzt. Nicht die Rolle eines Handelnden, sondern die eines Zuschauers wird ihm dabei zugespielt. Die Einblicke und Enthüllungen, die ihm das Magazin verschafft, machen -ihn zum Voyeur: Er darf, ohne daß er für irgend etwas verantwortlich wäre, "hinter die Kulissen" sehen. Was ihm angeboten wird, ist die Position am Schlüsselloch. Die Entscheidung nimmt ihm das Magazin ab; sie wird in der Story präfabriziert. Während die Nachricht als zuverlässiges Mittel zur Orientierung eigenen Verhaltens dient und insofern ein Produktionsmittel ist, bleibt die Story reines Konsumgut. Sie wird verzehrt und hinterläßt nur emotionale Rückstände, die als Ressentiment wirksam werden: zum Beispiel Neid oder Schadenfreude- Zwar enthalten viele Stories versteckte Aufforderungen zum Handeln, aber diese Aufforderungen ergeben nie an den Leser, sondern an den jeweils anderen, der angegriffen, "enthüllt" wird. Moralisch entlastet das Verfahren sogar den Konsumenten, indem er ihm jegliche Verantwortung, abnimmt und ihm die Schlechtigkeit der Welt, der andern, mit denen er nichts zu tun hat, für die er nicht einzustehen braucht, die er nicht beeinflussen kann, wöchentlich einmal vor Augen führt. Intellektuell klärt es ihn über seinen faktischen Zustand, den der Ignoranz, keineswegs auf, -sondern verschleiert ihn im Gegenteil mit allen Mitteln. Nicht Orientierung, sondern ihr Verlust ist die Folge.
Quod erat demonstrandum.
LESER: Ich habe den Eindruck, Sie meinen mit alledem mich, den Leser. Aber
Ihr Raisonnement erreicht mich nicht. Sie geben apriorisch vor: Ich bin Empiriker. Den idealen SPIEGEL-Leser gibt es nicht, sondern nur Leute wie Sie und mich, die zu ihm so lange greifen werden, bis eine bessere Zeitschrift ihn ersetzt. Mit einer Anerkennung Ihrer Thesen dürfen Sie übrigens erst rechnen, wenn Sie sie philologisch am Text belegen, statt sie abstrakt zu deduzieren.
AUTOR: Dazu bin ich gern bereit
Es folgen - zwölf Manuskriptseiten lang - Zitate nebst Erläuterungen aus drei SPlEGEL -Geschichten über Jean Paul Sartre, mit denen bewiesen wird, daß der SPIEGEL, in den Jahren 1948, 1949 und 1956 jeweils etwas anderes Über den Pariser Existenzphilosophen geschrieben hat - ein Faktum, das von der SPIEGEL-Redaktion nicht bestritten wird. AUTOR: Ein- sorgfältiger Vergleich der drei Artikel, die Sie hörten, einen aus dem Jahr 1948, einen von 1949 und einen von 1956, dürfte auch den letzten Zweifel daran beheben, auf wessen Seiten der Opportunismus zu suchen ist, von dem der SPIEGEL spricht. Wollte ich das Ergebnis der Analyse resumieren, so müßte ich meine Thesen wiederholen:
DER SPIEGEL-Stil ist kein Stil, sondern eine Masche.
Das "deutsche Nachrichtenmagazin" ist kein Nachrichtenmagazin.
Der SPIEGEL übt nicht Kritik, sondern Pseudokritik
Der SPIEGEL-Leser wird nicht orientiert, sondern desorientiert
LESER: Und die fünfte? Die fünfte These?
AUTOR: Welche These?
LESER: Die meine!
AUTOR: Verzeihen Sie bitte, aber ich kann mich wirklich nicht besinnen ...
LESER: Ich wiederhole sie gern. These fünf, die These des Lesers:
Der SPIEGEL ist eine Notwendigkeit.
Sie wundern sich gar nicht, wie wenig ich Ihren Sätzen widersprochen habe? Das war meist überflüssig. Ich akzeptiere sie ausdrücklich oder enthalte mich der Stimme. Meine Überlegung ist ganz einfach. Wenn es der SPIEGEL zuwege bringt, daß auch nur ein korrupter Beamter entfernt wird, wenn er nur einen einzigen Preistreiber im Jahr bloßstellt, nur eine politische Zwecklüge dem Gelächter preisgibt, ist er mir willkommen. Wenn die Polizei auch nur ein einziges Exemplar beschlagnahmt, stehe ich auf seiten des Zensierten und nicht auf seiten der Zensur. Der Vorfall beweist für mich, daß eine Institution wie der SPIEGEL für uns notwendig ist. Es ist notwendig, daß es wenigstens ein Blatt gibt, das Interessenverbände, Ministerialbürokratien und Funktionäre nicht fürchtet, ein Blatt, das sich gegen den Maulkorb tapfer zu wehren weiß. Meine einzige These schlägt vier der Ihrigen, wie richtig sie auch immer sein mögen.
AUTOR: Ihre These bestreite ich nicht. Dagegen bestreite ich entschieden die Folgerungen, die Sie aus ihr ziehen. Der SPIEGEL ist, wie Sie ganz richtig sagen, eine Institution, die die Macht hat, einen korrupten Beamten aus seinem Amt zu entfernen. Er hat aber auch die Macht, die Meinungen Hunderttausender zu korrumpieren. Solange er von dieser Möglichkeit Gebrauch macht, fehlt ihm die Legitimation dazu, jene zu ergreifen. Der Nimbus der Macht, der ihm anhaftet, steigert nur seine Gefährlichkeit.
LESER: Ich werde Ihnen eine Fangfrage stellen. Wenn Sie die gesetzliche Möglichkeit hätten, das Verbot des SPIEGEL durchzusetzen, würden Sie es tun?
AUTOR: Auf keinen Fall.
LESER: Damit stimmen Sie meiner These zu, der SPIEGEL sei notwendig. Übrigens sind Sie nicht konsequent.
AUTOR: Die Konsequenz, die Sie mir abverlangen, wäre tödlich. Sie würde nicht nur dem SPIEGEL die Freiheit nehmen, Fehler zu begehen, sondern auch mir die Freiheit, sie zu kritisieren. Verbot ist kein Argument, mit dem die Unredlichkeit zu widerlegen, die Wahrheit zu zeigen wäre. Der SPIEGEL, damit haben Sie recht, ist eine Notwendigkeit, Eine bittere Notwendigkeit. Jedes Volk, so hat ein berühmter Amerikaner einmal gesagt, hat die Presse, die es verdient. Jedes Volk, so können wir hinzufügen, verdient die Presse, die es nötig hat. Daß wir ein Magazin vom Schlage des SPIEGEL nötig haben, spricht nicht für das Blatt, das die Masche zu seiner Moral gemacht hat: Es spricht gegen unsere Presse insgesamt, gegen den Zustand unserer Gesellschaft; es spricht mit einem Wort gegen uns.
Ende
Von Enzensberger, Hans Magnus

DER SPIEGEL 10/1957
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