04.12.1957

Der vitale Doktor

PASTERNAK

In den letzten Novembertagen brachte der Mailänder Verleger Feltrinelli ein Buch heraus, dessen erste Auflage schon wenige Stunden nach der Auslieferung an die Buchhandlungen vergriffen war: den 700 Seiten umfassenden Roman "Dr. Schiwago" des sowjetrussischen Autors Boris Leonidowvitsch Pasternak. Nach Auffassung italienischer Kritiker verspricht der Roman, die sensationellen Erfolge noch zu übertreffen, die zwei andere im östlichen Machtbereich lebende Autoren bei westlichen Lesern erringen konnten: Wladimir Dudinzew mit seinem Roman "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" und der jugoslawische Altkommunist Milovan Djilas, der zur Zeit eine Gefängnisstrafe abbüßt, mit seinem parteikritischen Buch "Die neue Klasse", das seit Monaten in den Vereinigten Staaten auf den obersten Plätzen der Bestseller-Listen rangiert.

Inzwischen haben die Verlage Collins in London und S. Fischer in Frankfurt eine englische, beziehungsweise deutsche Ausgabe des "Dr. Schiwago" für das nächste Jahr angekündigt. Auch in den Vereinigten Staaten, in Schweden und Frankreich bearbeiten bereits Übersetzer-Teams das russische Manuskript. Außerdem liegen dem Verleger Dr. Giangiacomo Feltrinelli, der über das Copyright an Pasternaks Roman verfügt, bereits Bewerbungen zahlreicher Verleger aus anderen Ländern vor. In der Originalsprache wird der ursprüngliche Text des Romans "Dr. Schiwago" allerdings nicht erscheinen. Die sowjetische Zensur hat die Veröffentlichung des Buches in ihrem Machtbereich verboten.

Der 67jährige Autor Pasternak, den Kenner der russischen Literatur als den neben Wladimir Majakowski bedeutendsten Lyriker der Sowjet-Union bezeichnen, lebt seit Jahrzehnten zurückgezogen in einer kleinen Villa bei Moskau. Da er sich in den letzten Jahren darauf beschränkte, Werke von Goethe, Shakespeare, Kleist, Rilke und Verlaine ins Russische zu übersetzen, brauchte er nicht zu befürchten, mit der sowjetischen Staatspartei und deren Kultur-Ideologie zu kollidieren.

Zwar war Pasternak während der Stalin-Ära mißliebig aufgefallen, weil er sich nicht, wie einige seiner Kollegen, dazu bereit gefunden hatte, in seinen Gedichten die Errungenschaften der bolschewistischen Revolution zu verherrlichen. Nach Stalins Tod aber hatte Pasternak gelegentlich sogar offizielle Ehrungen entgegennehmen können. Der prominente Kritiker Mirski nannte ihn den "größten lebenden Dichter Rußlands", und der sowjetische Autor Ilja Ehrenburg ("Tauwetter") urteilte: Pasternak hat die Fundamente einer wirklich neuen Literatur gelegt."

Zweifellos lag es nicht in Pasternaks Absicht, den Frieden zu Stören in dem er seit einigen Jahren mit der Partei lebte. Als Pasternak im Sommer 1956 seinen Roman nach zehnjähriger Arbeit abgeschlossen hatte, bot er das Manuskript treuherzig dem sowjetischen Staatsverlag zur Veröffentlichung an. Der Roman schildert sehr freimütig und realistisch das Leben eines russischen Intellektuellen vom Beginn des Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Gleich Dudzinew und anderen Schriftstellern vertraute Pasternak auf das "Tauwetter", das nach Stalins Tod eingesetzt hatte.

Seine Hoffnungen schienen zunächst nicht unberechtigt. Der sowjetische Staatsverlag bereitete tatsächlich den Druck des "Dr. Schiwago" vor. Damals überließ Pasternak auch dem Dr. Giangiacomo Feltrinelli, einem eingeschriebenen Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, ein Duplikat des Manuskripts und die Verfügung über das Copyright außerhalb der Sowjet-Union.

Revolutionäre sind Sektierer

Inzwischen aber waren die Zensoren der Moskauer Parteizentrale auf den "Dr. Schiwago" aufmerksam geworden und hatten die Tendenz des Romans schärfstens mißbilligt. Das Fazit, das Pasternaks Titelheld der Arzt Andrejewitsch Schiwago - der Name bedeutet im Russischen soviel wie "der Vitale", "der Vollblütige" - aus seinen Erlebnissen während der Agonie des Zarenreiches, der bolschewistischen Revolution, des Aufbaus der Sowjetgesellschaft und des "vaterländischen Krieges" von 1941 bis 1945 zog, schien ihnen für eine Veröffentlichung vollkommen ungeeignet. Alexej Surkow, der Sekretär des sowjetischen Schriftstellerverbandes, entrüstete sich: "Pasternak zieht sogar die Oktober-Revolution in Zweifel. Er tut so, als handele es sich bei ihr um den schrecklichsten Kriminalfall in der Geschichte Rußlands."

In der Tat ähneln die Gedanken, die sich Pasternaks Titelheld "Dr. Vollblut" über die Sowjet-Union und die parteigelenkte Gesellschaft der Sowjetmenschen macht, in keiner Weise der offiziellen sowjetischen Geschichtsauffassung.

"Jurij Andrejewitsch Schiwago" so heißt es an einer Stelle des Romans, "legte sich wieder einmal Rechenschaft über seine Unfähigkeit ab, die Geschichte - oder was man den Lauf der Geschichte nennt - anders zu begreifen als eine Form des Lebens nach den Gesetzen des ewigen Entstehens und Vergehens. Ebensowenig wie man das Gras wachsen sieht, kann man den Lauf der Geschichte sehen. Der Krieg, die Revolution, die Könige, die Robbespierres dienen der Geschichte nur als organische Reizmittel, als Sauerteig. Die Menschen, die Revolutionen machen, sind fanatische Sektierer. In wenigen Stunden, in wenigen Tagen stürzen sie die alte Ordnung um. Der Geist, in dem sie dies tun, wird noch nach Generationen wie eine Reliquie verehrt. Aber die Freiheit, die wahre Freiheit - nicht die in Worten proklamierte Freiheit - fällt vom Himmel, unbemerkt, durch einen Zufall, durch einen Irrtum."

So wenig diese Gedankengänge mit der Geschichtsphilosophie des Marxismus-Leninismus zu tun haben, so wenig entspricht Pasternaks Gesellschaftsbild der kommunistischen Lehre:

"Ich glaube", bekennt Dr. Schiwago, "daß die Kollektivierung eine falsche Reform war, die fehlgeschlagen ist. Aber man will das nicht erkennen. Um die Schlappe zu vertuschen, hat man mit allen Mitteln des Terrors versucht, den Menschen die Fähigkeit des Urteilens und Denkens zu nehmen. Man hat sie gezwungen, Dinge zu sehen, die gar nicht existieren. Denken wir an die beispiellosen Grausamkeiten der Jeschow -Ära*, an die Verkündung einer Verfassung, von der man im voraus wußte, daß sie nicht angewandt würde, und an die Einführung von Wahlen, die nicht auf dem Prinzip freier Wahlen beruhen."

Offen spricht Pasternak in seinem Roman auch über eines der größten Tabus der Sowjet-Union, die Straflager. In einer Szene, die im Sommer 1943 spielt, meditiert Major Dudorow, ehemaliger Häftling von "Gulag 92 ja N 90":

"Dann sagte man uns eines Tages: Wer von euch will, kann an die Front gehen. Den Überlebenden wird die Freiheit geschenkt.' Gut, das hieß Angriff auf Angriff. Das hieß, sich in starkstromgeladene Stacheldrahtverhaue und in Minenfelder werfen. Das hieß, Monat um Monat das Feuer der Hölle erleben. Nicht umsonst nannte man uns Todeskandidaten. Der Tod raffte uns dahin, einen nach dem anderen. Wie ich das überlebt habe? Weil diese Hölle ein Paradies war im Vergleich zu den Schrecken des Straflagers."

Der Krieg als Wohltat

Major Dudorow spricht auch aus, welche Hoffnungen viele Sowjetbürger in den Krieg gesetzt hatten: "Der Krieg war wie ein reinigender Sturm, wie eine Ankündigung des Heils. Die Gefahren des Krieges wurden zur Wohltat gegenüber der unmenschlichen Herrschaft der Lüge, die wir zuvor erlebt hatten. Nicht nur die einstigen Deportierten, auch alle anderen in der Heimat und an der Front atmeten freier. Mit einem Gefühl wahrhaftigen Glücks zögen wir in den furchtbaren und tödlichen Kampf, denn wir erhofften von ihm die Rettung."

Solche Hoffnungen, konstatiert Pasternak, erfüllten sich nicht. Als, er sein Manuskript verfaßte, hegte er aber offenbar noch die Zuversicht, es werde sich alles zum Guten wenden: "Wenn auch", so heißt es an einer anderen Stelle des Romans, "die Läuterung und die Freiheit, die man nach dem Krieg erwartete, nicht zusammen mit dem Sieg kamen, so war das nicht entscheidend: Die Freiheit lag in der Luft und war das einzige bedeutsame historische Faktum der Nachkriegsjahre."

Pasternak hat jetzt erfahren müssen, daß seine Freiheitsahnungen zumindest verfrüht sind. Als sich die Moskauer Zensoren über die Tragweite seiner Ketzereien klargeworden waren, begnügten sie sich nämlich nicht mit einem Verbot des Romans für den Machtbereich des Kreml. Sie schickten sogar den Sekretär des sowjetischen Schriftstellerverbandes, Surkow, nach Mailand, um den italienischen Genossen Feltrinelli zur Rückgabe der einzigen Kopie des Manuskripts zu bewegen, die ins Ausland geraten war. Auch die Kommunistische Partei Italiens erhielt Order, bei dem Verleger-Genossen zu intervenieren.

Feltrinelli aber ist seit den Ereignissen in Ungarn rebellisch geworden: Er lehnte ab. Der Mailänder Verleger blieb auch bei der Weigerung, das Manuskript zurückzugeben, als ihn Autor Boris Leonidowitsch Pasternak - offensichtlich unter Druck - telegraphisch informierte, er werde den Roman "radikal umschreiben".

"Meine Entscheidung, 'Dr. Schiwago' in der ursprünglichen Form zu veröffentlichen", verkündete Dr. Feltrinelli, "basiert vor allem auf der absolut positiven Beurteilung der literarischen und künstlerischen

Qualität dieses Werkes. Die politische oder ideologische Polemik tritt dabei in den Hintergrund. Mit der Meisterschaft der großen russischen Klassiker des vorigen Jahrhunderts entwirft Pasternak in seinem Roman ein leidenschaftliches Bild vom Leben seines Landes und seines Volkes, wie es bisher keinem anderen zeitgenössischen Autor gelungen ist."

Welche Gefahren sich aus der Veröffentlichung des in Rußland verbotenen Romans für Pasternak ergeben könnten, deutete die Mailänder Wochen-Illustrierte "Oggi" an. Unter der Schlagzeile "Eine dunkle Drohung" veröffentlichte sie Einzelheiten über eine Pressekonferenz Surkows während seines Besuches in Mailand.

Der Sekretär des sowjetischen Schriftstellerverbandes hatte auf dieser Pressekonferenz - mit einem Hintergedanken oder nicht - angemerkt, es sei das zweite Mal, daß ein sowjetrussisches Buch zuerst im Ausland erscheine. Er verwies auf Boris Pilnjaks Buch "Rotholz", das in seiner ursprünglichen Form niemals in der Sowjet-Union gedruckt werden durfte, aber 1929 in Berlin verlegt worden war. Pilnjak wurde 1937 verhaftet und ist seitdem spurlos verschwunden.

* Jeschow war einer der Vorgänger Berijas als Chef der sowjetischen Geheimpolizei.


DER SPIEGEL 49/1957
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