DER SPIEGEL



PROZESSE

Die Nerven verloren

Von Cziesche, Dominik

Seit 15 Monaten sitzt der Millionenerbe Alexander Falk in U-Haft. Er und seine Partner sollen an einem der größten Betrugsmanöver des Neuen Markts beteiligt sein.

Die Szenerie an jenem 19. September des Jahres 2000 wirkte gediegen hanseatisch: In bester Lage, unweit des Hamburger Hafens, trafen sich vormittags ein Unternehmensberater, ein Anwalt und vier Geschäftsleute. Zum Kaffee. Eingeladen hatte Alexander Falk, damals 31, Darling der Gesellschaftsreporter und laut "Bild" Hamburgs "jüngster Milliardär". "Diese Einladung machte mich stolz", erinnert sich heute einer der Teilnehmer an die Runde.

Das änderte sich freilich bald, denn es ging um das "Projekt Ision 2000". Und schon aus dem mit "streng vertraulich" überschriebenen Protokoll des Treffens wird klar, dass die Pläne der Herren mit hanseatischen Kaufmannstugenden wenig zu tun hatten: Staatsanwälte glauben beweisen zu können, dass Falk und seine Freunde an jenem Tag eines der größten Betrugsmanöver des Neuen Markts einfädelten. Mit Scheingeschäften sollen sie den Wert des Internet-Dienstleisters Ision AG aufgebläht haben - dann verkaufte Falk sein Unternehmen, für abenteuerliche 812 Millionen Euro.

Seit 15 Monaten sitzt Falk, der Erbe des Stadtplan-Verlags, nun schon im Hamburger Untersuchungsgefängnis. Das ist sehr lang, normalerweise sollen Verdächtige nicht mehr als ein halbes Jahr festgehalten werden - es sei denn, die Ermittlungen gestalten sich besonders umfangreich. Und in diesem Fall mussten die Staatsanwälte die Falk-Deals minutiös nachrechnen - wenigstens haben es ihnen die Angeschuldigten leicht gemacht.

Wie jetzt interne Dokumente nahe legen, gefährdeten Geldgier und Missgunst den clever eingefädelten Plan. Honorige Geschäftsleute verhielten sich offenbar wie Kleingauner und hinterließen vor lauter Misstrauen gegeneinander breite Spuren. Nahezu lückenlos dokumentierten die Beschuldigten den angeblichen Schmu. In E-Mails und Briefen sprachen sie von drohenden strafrechtlichen Konsequenzen und warnten sich gegenseitig, alles müsse geheim bleiben. Nichts blieb geheim.

Die selbst produzierten Papierberge und E-Mail-Dateien bilden heute das Fundament der 287-seitigen Anklageschrift. Die Staatsanwälte werfen Falk und sieben weiteren Beschuldigten unter anderem Kursmanipulation

und "besonders schweren Betrug" vor; allein Falk soll mit fast 28 Millionen Euro von dem Geschäft profitiert haben.

Die Ankläger vermuten hinter dem Deal einen der größten Skandale der New Economy. In fast 1500 Ermittlungsakten und auf mehr als 500 CD-Roms glauben sie genug Beweise für ihre These zusammengetragen zu haben. Frühestens im Dezember könnte ein Prozess beginnen, denn Falk hatte zwei Richter für befangen erklären lassen, und ihre Nachfolger arbeiten sich noch ein.

Um gerüstet zu sein, hat Falk drei der prominentesten Anwälte der Republik engagiert und mehrere Millionen in die Verteidigung gesteckt. Einen entscheidenden Sieg haben sie schon errungen: Die Ermittler hatten zunächst 532 Millionen Euro bei Falk sicherstellen wollen - das Bundesverfassungsgericht stoppte sie jedoch im Juni. Am 25. August konnten sie stattdessen einen vergleichsweise mageren Arrest über 31,6 Millionen Euro erwirken, vorerst.

Es geht um viel - für beide Seiten: Lassen sich die Vorwürfe nicht halten, blamieren sich die Hamburger Staatsanwälte wie zuvor ihre Düsseldorfer Kollegen im Mannesmann-Prozess. Zudem könnten der klammen Hansestadt Hamburg dann wegen des sichergestellten Vermögens Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe drohen.

Wird Falk jedoch verurteilt, würde er womöglich einen harten Absturz zum Dauerknacki erleben - bis zu zehn Jahre Haft stehen auf "besonders schweren" Betrug.

Einst galt Falk als einer der Stars der New Economy. Sein Aufstieg begann, nachdem er den Stadtplanverlag seines Vaters geerbt hatte. Falk junior verkaufte den "zutiefst unsportlichen Laden ohne Innovationskultur" 1995 für 50 Millionen Mark. Damals war er 26 Jahre alt und gerade Diplomkaufmann geworden. Für gedruckte Stadtpläne, tönte der junge Mann, "wird im Jahr 2005 keiner mehr Geld ausgeben".

Falk genügte es offenbar nicht, nur als Papas Sohn zu gelten. Auf seinem Weg nach oben investierte er unter anderem in die Schweizer Holding Distefora, in den Internet-Dienstleister Ision AG und später in die Traditionsbank Hornblower Fischer. "Dem Mann gelingt einfach alles", jubelte die "Bunte", und für einen "Online-Kapitän" hielt das "Hamburger Abendblatt" den "passionierten Segler und Surfer" - bis er Schiffbruch erlitt.

Wer immer ihn besuchte, bestaunte anschließend wahlweise Falks korrekte Bügelfalten oder seine mit Kamin ausgestatteten Geschäftsräume in einem neoklassizistischen Bürgerhaus. Viel tiefer gehend recherchierten scheinbar auch die meisten Analysten nicht, sie empfahlen die Aktien des von ihm kontrollierten Unternehmens Ision zum Kauf - die Papiere seien ein "strong buy", meinten Wertpapier-Experten noch im September 2000.

Im selben Monat begannen Falk und seine Freunde, den Ermittlern zufolge, ihren Coup zu planen. Laut Anklage war die Idee schlicht: Befreundete Firmen sollten Aufträge an Ision vergeben und die Ision-Rechnungen bezahlen. Über die von Falk kontrollierte Distefora-Gruppe oder mit ihr verbundene Firmen sei das Geld dann wieder an die Auftraggeber zurückgeflossen - ein Nullsummenspiel, das jedoch den Eindruck erweckt habe, Ision wäre ein prosperierendes Unternehmen (siehe Grafik Seite 50).

Falk mahnte laut einem Sitzungsprotokoll angeblich zu absolutem Stillschweigen, die Produktion unnötiger Unterlagen sei zu vermeiden. Hätten sich die Teilnehmer daran gehalten, wäre "Sascha", wie Freunde den Jet-Setter nennen, heute vermutlich frei. Aber schon das Protokoll des ersten Treffens der Runde ist eine Fundgrube für Fahnder. Zu deren Freude erstellten zwei Beteiligte später sogar ein Dossier mit dem Titel "Projekt Ision 2000", in dem sie rückblickend ihre Taten mit Liebe zum Detail dokumentierten. Die Autoren wollten, mutmaßen Fahnder, ein Druckmittel gegen Falk in der Hand halten, um vom Kuchen etwas abzubekommen.

Der eine oder andere versuchte, so ein Insider unzweideutig, "Falk mit Hilfe der

Dokumente an finanzielle Verpflichtungen zu erinnern". Denn manche glaubten offenbar, nicht genug von dem Deal profitiert zu haben. "Insgesamt fordere ich also DM 1 550 000 zzgl. Abfindung aus bestehendem Vertrag (rund DM 250 000 ), macht in Summe 1,8 Millionen Mark", schrieb einer. "Wie Sascha dies löst, ist mir scheißegal." Ein heute Angeschuldigter ermahnte Falk per E-Mail, mit den Geschäftspartnern zu einer "sauberen" Lösung zu kommen. Nicht, dass am Ende einer von denen "die Nerven verliert".

Die Furcht scheint berechtigt. Es sieht so aus, als hätten bald fast alle die Nerven verloren und jeden Deal dokumentiert. Dank der Papiere glaubt die Staatsanwaltschaft mehr als ein halbes Dutzend Scheingeschäfte mit einem Umsatz von rund elf Millionen Mark entdeckt zu haben. Kaum jemand bestreitet mehr, dass es fragwürdige Buchungen gab - allerdings in viel geringerem Umfang, sagen Verteidiger. Und strafbar hätten sich die Beteiligten sowieso nicht gemacht.

Beispielhaft ist den Ermittlern zufolge aber der angebliche Relaunch von Sabine Christiansens Website für 1,8 Millionen Mark - ein utopisch anmutender Preis.

Abgewickelt wurde die mutmaßliche Luftbuchung über die Firma Medienkontor Online von Christiansens Ex-Mann Theo Baltz, der nicht beschuldigt wird und angeblich keine Vorstellung hatte, was sich hinter seinem Rücken abspielte. Heute behauptet ein Medienkontor-Mitarbeiter, einer der inzwischen Verdächtigen habe ihn damals gebeten, das Geschäft auf dem Papier abzuwickeln, um so Umsatz zu erzeugen. Um die Homepage selbst werde man sich später mal kümmern. Über die Tragweite dieser Gefälligkeit, so der Manager heute, sei er sich "nicht im Klaren" gewesen.

Der Plan funktionierte - Ende November 2000 bejubelte die Ision AG in einer Ad-hoc-Mitteilung den eigenen Erfolg: Sie habe ihren Umsatz von Januar bis September um 64 Prozent gesteigert. So habe die Firma ein "positives Bild gezeichnet" - obwohl sie "in den Quartalen zwei und drei des Jahres 2000 stark defizitär arbeitete", stellten drei Hamburger Richter fest,

die jüngst den Haftbefehl gegen Falk erneuerten.

Doch die Zahlen beeindruckten offenbar. Die Ision AG schien ein rasant expandierendes Unternehmen zu sein. Am 19. Dezember 2000 unterschrieb der britische Telekommunikationsanbieter Energis den Kaufvertrag über 812 Millionen Euro - Ende Januar zahlten die Engländer.

In der Zwischenzeit rechnete Falk offenbar nicht mehr mit Widerstand. Doch der kam von einem Vorstandsmitglied und einem anonymen Insider, der Drohbriefe an Beteiligte verschickte.

Zunächst fielen dem korrekten Ision-Manager Thomas K. in den Büchern ein paar Geschäfte auf, die aus seiner Sicht nicht richtig dokumentiert waren. Er bemängelte in einem Brief an Falk unter anderem, der Deal mit der Christiansen-Website sei mit maximal 100 000 Mark zu berechnen, und nicht mit einer 18-mal so hohen Summe. K. wollte von Falk wissen, ob Energis als Käuferin darüber nicht informiert werden müsse - und ob der Ision-Vorstand andernfalls Gefahr laufe, eine Straftat zu begehen.

Falk muss den peniblen Manager als Plage empfunden haben. Immer wieder soll er mit K. gesprochen haben, um ihn ruhig zu stellen, so das Dossier "Projekt Ision 2000". Schließlich folgte der Mann dem Rat seiner Anwälte und informierte Energis doch nicht. Sollte Energis wegen seiner Intervention nicht zahlen, fürchtete er, drohten ihm Regressforderungen.

Gefährlicher als K. wurde Falk und Konsorten ein bis heute anonymer Briefeschreiber, vermutlich ein rachsüchtiger Insider, der sich benachteiligt fühlte. Er habe es sich zur Aufgabe gemacht, kriminelle Machenschaften aufzudecken, warnte er und glänzte mit Detailwissen über die angeblichen Scheingeschäfte.

Erschrocken schrieb der Empfänger eines solchen Briefes an Falk, dem sei "nicht im geringsten klar, wie gefährlich dieser Vorgang für unser aller Zukunft ist ... Man muss kein Jurist sein, um das strafrechtliche Ausmaß und die damit verbundenen Konsequenzen für sämtliche Beteiligte abschätzen zu können". Falk habe schließlich auch Familie und solle endlich alles dafür tun, dass das Projekt Ision geheim bleibe.

Da war es freilich schon zu spät. Der anonyme Briefautor hatte auch dem Zürcher Anwalt und Aktionärsschützer Johann-Christoph Rudin geschrieben. Der ist seit Ende 2002 Verwaltungsrat der früheren Falk-Firma Distefora, die mittlerweile vom Konkurs bedroht ist. Alexander Falk habe in der Vergangenheit zu viel zerschlagenes Porzellan hinterlassen, hatte der Anonymus Rudin angestachelt. "Es muss doch möglich sein, dort einen Keil reinzutreiben?"

Der Smart-Fahrer Rudin wusste, dass Bekannte von Falk in Hamburg 800 Distefora-Akten eingelagert hatten, wichtiges Beweismaterial über den Deal mit Energis. Rudin bezahlte eine offene Lagerrechnung und konnte die Akten übernehmen. Stabsmäßig vorbereitet ließ er sie in eine zuvor

gemietete Drei-Zimmer-Wohnung bringen und in einem für fünf Tage reservierten Copyshop vervielfältigen. Für den Job hatte er Pakistaner und Afrikaner angeheuert, die kein Deutsch sprachen. Die Originale der 800 Akten übergab Rudin der Staatsanwaltschaft. Vieles von dem belastenden Material, das die Beschuldigten selbst verfasst haben, findet sich darin.

Gestützt auf solche Dokumente will die internationale Großkanzlei Clifford Chance nun Falk und weitere Beschuldigte auf Schadensersatz verklagen, im Auftrag der finanziell angeschlagenen Energis. Die Anwälte der Engländer, Sebastian Rakob und Wolfgang Jäger, konnten bisher einige Dutzend Millionen Euro bei Falk arrestieren, allerdings noch nicht rechtskräftig. Vorerst gesichert haben sie sich nach eigenem Bekunden unter anderem sein luxuriöses Haus in Hamburg und seine Yacht "Flica II", die über eine Million Euro wert sein soll.

Damit ist freilich noch lange nicht gesagt, dass die Richter Falk und Co. auch verurteilen werden. Ob deren Taten juristisch gesehen einen Betrug darstellen, ist umstritten. Entscheidend wird vor Gericht sein, ob Energis nicht nur getäuscht wurde, sondern ob die Firma auch einen Schaden erlitten hat. Nur dann würde es sich um einen Betrug handeln. "Die angeblichen Opfer waren so naiv nicht, wie die Staatsanwaltschaft sie gern sehen will", sagt Falks Anwalt Gerhard Strate.

Energis sei am Tag des Ision-Kaufs bereits überschuldet gewesen und habe rechtzeitig von den fraglichen Buchungen erfahren. "Tatsächlich waren bei Energis Bilanzfälschungen und das Erfinden von Umsätzen gang und gäbe", behauptet Strate. Scheingeschäfte hätten quasi zur Energis-Firmenkultur gepasst.

Die Juristen von Clifford Chance weisen das zurück. Und der Hamburger Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger meint: Ob ein Opfer selbst womöglich ein Gauner sei, spiele juristisch keine Rolle.

Aber auch für den Fall, dass der Betrugsvorwurf wackelt, glauben die Ankläger vorgesorgt zu haben: Eine maßgeblich beteiligte Firma hatte die Umsatzsteuer für die umstrittenen Deals beim Finanzamt geltend gemacht - und das sei Steuerhinterziehung. Das wäre weniger spektakulär. Aber auch strafbar.

Falk scheint trotzdem optimistisch zu sein: In seiner Zelle hält er sich mit Klimmzügen fit und arbeitet an neuen Konzepten. Nach der Haft will er einen selbst entwickelten Fonds managen. Mit riskanten Wertpapiergeschäften kennt er sich schließlich aus. DOMINIK CZIESCHE

* Im April 2002 in Berlin mit dem chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemin und dem ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher. * Bei der 25-Jahr-Feier der Firma Medienkontor am 5. September 2003 in Berlin.

DER SPIEGEL 38/2004
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