Von Ulrich, Andreas
Das Internet war für ihn der Fluchtweg aus der Enge der bayerischen Provinz: Als der 15-jährige Murat Y. merkte, dass er sich zu Männern hingezogen fühlte, durfte das in seinem Heimatort Asbach-Bäumenheim niemand erfahren. Deshalb suchte der Junge im Netz nach anderen Schwulen.
In einem speziellen Internet-Forum lernte er Mathias B., 41, ebenfalls aus Bayern, kennen. Per Mail freundete er sich mit dem deutlich älteren Homosexuellen an. Am 12. Juli trafen sie sich dann zum ersten Mal, in der Pizzeria Presto in Donauwörth. Und zum letzten Mal.
Vier Tage später wurde die Leiche des Schülers in einem nahen Waldstück gefunden, von Messerstichen grauenhaft entstellt. Inzwischen weiß die bayerische Kriminalpolizei, warum Murat sterben musste. Sie hat zwei Verdächtige festgenommen: Mathias B. und sein Schweizer Freund Rolf H., 33, sollen im Internet gezielt nach einem Jungen wie Murat gesucht haben - um sich durch einen Mord den ultimativen sexuellen Kick zu verschaffen.
Perverse und Pädophile finden ihre Opfer zunehmend in der Anonymität des Netzes. Während Eltern glauben, dass ihre Kinder im sicheren Heim nur ein wenig am Computer spielen, werden die immer öfter online belästigt und bedroht. Täter erschleichen sich mit Lügen und Tricks das Vertrauen ihrer arglosen Opfer, und ihr Risiko dabei ist gering: In Deutschland gibt es nur rund 40 Polizisten, die verdachtsunabhängig im Netz nach Straftätern suchen - und denen sind aus juristischen Gründen oft die Hände gebunden.
Nach einer Studie des US-amerikanischen National Center for Missing and Exploited Children ist jedes fünfte Kind, das regelmäßig im Internet surft, schon belästigt oder bedroht worden. Diese Zahlen seien, glaubt Adolf Gallwitz, Professor an der Polizeifachhochschule Villingen-Schwenningen, "ohne weiteres auf Deutschland übertragbar".
Durch das Internet steigt nach Ansicht des Leiters des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, zwar nicht die Zahl der Sexualmorde. "Aber die Formen der Annäherung an das Opfer verändern sich: Die Täter müssen ihre Opfer nicht mehr auf Bahnhofsklos, in Discotheken oder Bars suchen." Das sei im Netz gezielter und gefahrloser möglich.
So lockte ein Pädophiler voriges Jahr zwei Mädchen aus Regensburg via Internet in seine Wohnung. Ein aufmerksamer Nachbar verhinderte, dass er sich an ihnen verging. In Sachsen-Anhalt bandelte ein 25-Jähriger mit einem Kind aus Braunschweig an, das er missbrauchte. In Frankfurt am Main nahm die Polizei einen ehemaligen US-Soldaten fest, der mit einer zwölfjährigen Engländerin unterwegs war, die er im Netz kennen gelernt hatte.
Sexualdelikte bei Internet-Bekanntschaften nehmen nach Ansicht des Internet-Fahnders Günter Maeser vom bayerischen Landeskriminalamt stetig zu. Allein in Nürnberg wurden seit Ende 2002 drei Menschen umgebracht, die ihren Mörder übers Internet kennen gelernt hatten. Jüngstes Opfer war Ende April eine 21-Jährige, die sich nach einem Chat mit einem zehn Jahre älteren Mann auf ein Rendezvous eingelassen hatte. "Die Leute sind einfach zu gutgläubig", sagt Maeser - und Ermittler wie er können zu wenig tun.
"Die Kriminalität im Internet ist nicht im Entferntesten durch die derzeitigen technischen und rechtlichen Voraussetzungen in den Griff zu bekommen", klagt Polizeidozent Gallwitz. Auf geschlossene Netzwerke, so genannte Peer-to-Peer-Networks, habe die Polizei beispielsweise kaum Zugriff. Um dort hineinzugelangen, müsste der Beamte schon selbst einschlägiges Material, etwa inkriminierte Bilder, anbieten, was ihm aber durch das Strafgesetzbuch verboten ist.
Deshalb, so Gallwitz, fasse die Polizei etwa im Bereich Kinderpornografie oft nur "die Doofen". Wer schlau sei, tausche verbotene Bilder nur mit jemandem, von dem er selbst etwas bekommt. Denn das ist dann garantiert kein ermittelnder Polizeibeamter. "Das ist ein Manko, dass wir nichts anbieten dürfen", klagt Maeser.
Nur zwei Polizeiteams durchsuchen in Deutschland das Netz verdachtsunabhängig nach Straftaten, eines im bayerischen Landeskriminalamt, das andere im Bundeskriminalamt (BKA). Während die Bayern dank ihres Landespolizeigesetzes bei Straftaten von erheblicher Bedeutung schon mal ihre Identität verschleiern dürfen, müssen die BKA-Leute sich auf Nachfrage immer sofort identifizieren. Nur: Ein Pädophiler auf der Suche nach einem Kind bricht dann natürlich fast immer den Kontakt ab, zu einem Treffen kann es nie kommen und somit auch nicht zu einer Festnahme.
Gallwitz plädiert deshalb für eine radikale Änderung der Gesetze, speziell für die Internet-Fahndung. Beamte müssten sich unter falscher Identität bewegen, verbotene Ware anbieten und online wie Hacker Computer von Verdächtigen durchsuchen dürfen. "Sonst können wir das Rennen aufgeben", so der Professor.
Selbst in allgemein zugänglichen Chat-Rooms muss ein BKA-Beamter bislang seine Identität preisgeben. Im Amt kursiert die Anekdote, dass ein Fahnder bei dem Versuch, in ein verdächtiges Forum zu gelangen, gefragt worden sei: "Wer bist du?" Der Kollege soll pflichtgemäß geantwortet haben: "BKA-Beamter." "Guter Witz", sei die Reaktion gewesen - und dann habe der Fahnder Zugang zu dem Forum erhalten. ANDREAS ULRICH
DER SPIEGEL 38/2004
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