Von Hornig, Frank
Noch stehen die Gerüste. Noch sind 10 000 Arbeiter am Werk. Aber im Dezember soll es so weit sein. Dann rollen sie an, die Ölscheichs von Kuweit und Katar, von Bahrein, Oman und Saudi-Arabien. Sie sollen ein neues Weltwunder bestaunen. So hat es ihr Gastgeber, der greise Emir von Abu Dhabi, bestimmt.
Schon die Fahrt vom Flughafen zum Tagungsort wird eine Rekordjagd werden: Gleich neben der Autobahn entsteht die nach Mekka größte Moschee aller Zeiten. Am Ende der eigens errichteten Schnellstraße erhebt sich ein neuer Triumphbogen, größer als der Pariser Arc de Triomphe.
Dann geht es hinauf zum Emirates Palace, dem demnächst wahrscheinlich größten, luxuriösesten und teuersten Hotel, das die Welt je gesehen hat. Allein die Fassade des Wüstenpalastes ist doppelt so lang wie die von Versailles.
Selbst die königlichen Gäste werden beeindruckt sein: Abu Dhabi und Dubai, die beiden wichtigsten arabischen Emirate, haben einen verrückten Wettlauf um die jeweils größten, höchsten und teuersten Projekte begonnen. Es geht um unübertroffene Spektakel, um Macht, Einfluss und weltweites Prestige. Vor allem aber geht es um die richtige Strategie für die Zeit nach dem Öl.
Die benachbarten Millionenstädte am Golf, in wenigen Jahren aus Fischerdörfern entstanden, wollen zur Weltspitze aufschließen und eine Art Hongkong und Singapur des Mittleren Ostens werden, nur etwas reicher. Die Frage ist: Geht der Plan auf, oder werden hier Milliardensummen buchstäblich in den Sand gesetzt?
Willy Optekamp ist in Abu Dhabi Direktor des Emirates Palace. Er muss seine Baustelle bis zur Tagung des Golfrats in drei Monaten in ein Grandhotel verwandeln.
Es ist Donnerstag, kurz nach acht Uhr früh, das Thermometer misst 44 Grad. Und der deutsche Chef bringt seine Manager in Schwung. Er macht das wie ein Motivationsguru, rennt vor der Tafel auf und ab, fixiert sein Publikum. "Gebt mir kein Problem, gebt mir die Lösung!", ruft er in den Raum. Niemand reagiert.
Optekamp, 62, kommt in Fahrt. Er ist Marathonläufer, hat schon um vier Uhr früh am Strand trainiert und findet, man soll immer nach vorn blicken, wie beim Rennen, und abends Listen machen, was morgen zu erledigen ist - "sonst werdet ihr im Leben niemals Erfolg haben", ruft er.
Die 15 Manager gucken etwas verwirrt. Im Büroflur hängen große Fotos. Sie zeigen ihren neuen Standort im Laufe der Zeit. Vor zweieinhalb Jahren war hier noch ein öder Strand.
Ihr Arbeitgeber Kempinski - in Deutschland durch die Luxushotels Adlon in Berlin und Heiligendamm an der Ostsee bekannt - hat sie gerade erst aus aller Welt hierher versetzt. Eigentlich wissen sie, wie man Luxus macht. Aber jetzt sind sie doch ein bisschen überfordert.
Sie lachen wie beim Super-Jackpot-Lottogewinn, so ungewöhnlich ist der Überfluss, den sie plötzlich zu verwalten haben. 35 000 Dollar täglich wird die teuerste Suite kosten, die rund 1200 Quadratmeter misst. Zwei komplette Jahresproduktionen Marmor aus Carrara wurden verbaut. Die mächtige Kuppel ist aus
Gold. 15 Putzkräfte sind ausschließlich zum Polieren der 1002 Kronleuchter engagiert.
Generell gilt: Geld spielt keine Rolle. Eine Rolle spielt nur die Zeit. Über 1000 Mitarbeiter aus 50 Ländern müssen bis zum Golf-Gipfel noch eingeflogen, uniformiert und geschult werden. Eigens produzierte Videofilmchen aus dem Adlon werden ihnen zeigen, wie man sich korrekt verbeugt, lächelt, die Tür aufhält.
Martin Coeshott ist einer von denen, die derzeit viel zu lachen haben. Der britische IT-Manager hatte allein für die Konferenztechnik, für Plasmabildschirme, kabellose Internet-Verbindungen und anderes Manager-Spielzeug 27 Millionen Dollar zur Hand. Anderswo baut man damit ein ordentliches Hotel. Verschwendung? "Wen kümmert das?", hat ihm Optekamp gesagt.
Seine Scheichs wählen sowieso stets das Teuerste aus. "So etwas gibt es nirgendwo sonst auf der Welt", sagt Coeshott.
Allerdings: Die ganze Welt bezahlt auch dafür. Denn die arabischen Märchenwunder werden von Heizölkunden und Autofahrern weltweit finanziert. 100 Millionen Petrodollar fließen zurzeit jeden Tag in die Emirate. Die Ölkrise beschert ihnen in diesem Jahr voraussichtlich Mehreinnahmen von 15 Milliarden Dollar gegenüber 2003 - und das war auch schon ein Spitzenjahr. Ihre Wirtschaft wächst um 8 Prozent, ihre Börse legte dieses Jahr schon über 40 Prozent zu.
Doch der Ölboom hat seine Grenzen. Das haben - zwangsläufig - als Erste die Scheichs von Dubai erkannt. In fünf, spätestens zehn Jahren sind ihre Ölquellen versiegt. Konsequent wie sonst niemand haben sie deshalb ihr Emirat zur Handels- und Tourismusmetropole ausgebaut.
Deshalb haben sie das höchste Hotel der Welt errichtet, das Burj al Arab, das wie ein riesiges Segel aus dem Meer ragt und zu den weltweit bekanntesten Luxushäusern zählt. Sie haben riesige künstliche Inselgruppen in Form von Palmen ("The Palm") oder der Erdkarte ("The World") entworfen und mit dem Bau vor ihrer Küste begonnen.
Eine Skirampe und ein Unterwasserhotel sind schon in Arbeit. Hotels mit 30 000 Zimmern haben die früheren Kamelhirten binnen weniger Jahre in den Sand geklotzt. Fast jeden Monat kommen neue Hochhäuser hinzu. Vorläufige Bilanz: Dubai hat schon mehr Touristen als etwa Brasilien.
Abu Dhabi hat diesen Hype lange nicht mitgemacht. Staatsoberhaupt Scheich Sajjid Ibn Sultan al-Nahjan, 86, gründete die Vereinigten Arabischen Emirate vor über 30 Jahren. Er verfügt über 95 Prozent des Öls seiner Föderation.
Entsprechend beschaulich-gelassen hat der Scheich lange sein feudales Fürstentum regiert. Die Untertanen bekommen zur Hochzeit eine prächtige Villa in der Wüste plus 20 000 Dollar geschenkt. Das Gesundheitssystem ist kostenlos, Lohn- und Einkommensteuer existieren nicht (dafür freilich gibt es auch keine Gewerkschaften und Parteien).
Wenn Angehörige seines Beduinen-Stamms zu Ikea pilgern, tun sie das nicht zum Einkaufen, sondern aus Spaß. Sie finden es komisch, dass Menschen ohne Öl, zum Beispiel ihre Gastarbeiter, Möbel selbst ausmessen und aufbauen müssen.
Willy Optekamp fährt mit seinem Geländewagen die Prachtauffahrt vom Triumphbogen zum Emirates Palace empor. Er hat noch leichte Orientierungsprobleme auf dem 100 Hektar großen Palastgelände. Park und Pool ("So etwas hat es im Mittleren Osten noch nicht gegeben!") sind kaum zu erkennen, stattdessen nur Staub und Sand.
Von Dezember an ist die Auffahrt für Emire und Sultane reserviert. Der Eingang fürs Volk ist separat. Optekamp wird dann sein Büro bei der Rezeption bezogen haben. Er wird stolz sein, dass es Liftboys gibt und Butler wie in einem Grandhotel vor 100 Jahren. "In Europa kann man solchen Service nicht mehr finanzieren", sagt er.
Eines der weltweit bedeutendsten Zentren für Konferenzen und First-Class-Tourismus soll Abu Dhabi durch das Palasthotel werden. Damit nicht genug: Zehn weitere Luxushotels sind schon entworfen. Fast nebenbei ist eine neue Fluggesellschaft entstanden. Ein Jahr nach ihrer Gründung hat Etihad Airways schon sechs Jets in Betrieb, weitere 24 sind für die nächsten fünf Jahre bestellt - darunter auch vier Riesenjumbos des zweigeschossigen Airbus-Modells A 380.
Außerdem geplant: ein Zoo, ein Nationalmuseum und ein öffentlicher Platz, der - die Scheichs überlegen noch - entweder nach dem Vorbild des Londoner Trafalgar Square oder des Pekinger Tiananmen gestaltet werden soll.
Deutschland kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Abu Dhabi will sich mit zehn Prozent am VW-Konzern beteiligen. Eine Transrapid-Verbindung nach Dubai wird diskutiert. Deutsche Architekten, Ingenieure und Baukonzerne sind beim Boom am Golf gut im Geschäft.
Mindestens im Zweimonatstakt pilgerten zuletzt Berliner Politiker in die Emirate. Der Wüstentrip ist eine Art Kollektivtherapie für die Hartz-IV-geplagten Deutschen. Man kann hier mit den Emiren von goldenen Tellern speisen (Bundeskanzler Gerhard Schröder), vom Vize-Regierungschef Scheich Hamdan persönlich im goldenen Mercedes durch die Stadt kutschiert werden (Außenminister Joschka Fischer) oder beim Kamelrennen Konzernanteile verkaufen (VW-Chef Bernd Pischetsrieder).
Der Gegenbesuch der Ölprinzen sorgt selbst im tristen Berliner Regierungsgeschäft für gelegentlichen Glanz. Noch vor der offiziellen Eröffnung der neuen Emirate-Botschaft eilten Kanzler und Scheich Hamdan in die DaimlerChrysler-Repräsentanz, um den neuen Mercedes SLR McLaren zu bestaunen. Der Scheich hat bereits drei der Sportwagen bestellt. Listenpreis: je 441 000 Dollar. FRANK HORNIG
DER SPIEGEL 38/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.