13.09.2004

USAHeiße Luft

Herausforderer John Kerry darf auf bessere Zeiten hoffen: Die Skandalautorin Kitty Kelley veröffentlicht eine Schmähschrift gegen den Bush-Clan.
Das hätte sich John Kerry früher klar machen müssen: Wer gegen einen Bush antritt, kann mit allem rechnen - mit Fairness nicht.
Kerry hätte nur seinen Freund, den republikanischen Senatskollegen John McCain, nach dessen Erfahrungen im Vorwahlkampf von South Carolina fragen müssen, wo er 2000 als Favorit gegen George W. angetreten war. So schnell konnte er sich gar nicht wehren, wie die Verleumdungen auftauchten: McCain habe seine verkrüppelte Frau verlassen, um mit einer schwarzen Hure Bastarde zu produzieren. Im Übrigen sei er geschlechtskrank und pflege profitable Verbindungen zur Mafia. McCain, unnötig zu erwähnen, verlor.
Dass also just in dem Augenblick, in dem Herausforderer Kerry seinen Vorsprung in den Umfragen des laufenden Wahlkampfs konsolidieren konnte, bei seinen Veranstaltungen und in allen Medien bezahlte Verleumder auftraten, die Lügengeschichten über seine Dienstzeit in Vietnam verbreiteten, war eigentlich abzusehen.
Denn die Bushs sind als gnadenlose Wahlkämpfer bekannt, und Gegner, die Angst vor ihnen haben, sagen: "Sie sind Schläger." Was nicht einmal metaphorisch gemeint ist: Beim Nachzählen in Florida tauchte im November 2000 plötzlich eine Gruppe gut gekleideter Herren beim Wahlprüfungsausschuss auf und verlangte handgreiflich ein Ende der Zählerei. Nach der Herkunft der feinen Nadelstreifenanzüge ging dieser Vorfall als der "Brooks-Brothers-Krawall" in die Geschichte ein.
Ab Dienstag dieser Woche nun muss Präsident George W. Bush selbst von der Medizin schlucken, die er so gern anderen verschreibt. Denn dann erscheint - weltweit - ein Buch, das zwar nur halb so umfangreich ist wie die
Clinton-Memoiren, dafür aber doppelt so spannend: Kitty Kelleys umfassende Sammlung aller Schandtaten, die sich der Präsidenten-Clan jemals hat zu Schulden kommen lassen**.
Nun wird sich darüber streiten lassen, welcher Bush am schlechtesten wegkommt, der 1972 verstorbene Sippen-Patriarch, Senator Prescott Bush, der 41. US-Präsident, George Herbert Walker, oder der 43., George W. - wahrscheinlich aber doch die in den USA als Großmutter der Nation verehrte Barbara Bush, die Kelley als eine Gifthexe mit cojones beschreibt. Sicher ist, dass der Bush-Dauerkritiker Michael Moore nach diesem Buch als penibler Dokumentarfilmer dastehen wird.
Kelley, und dafür waren bereits ihre Bestseller über Frank Sinatra, dessen Freundin Nancy Reagan oder das britische Königshaus bekannt, lädt tonnenweise Schmutz ab, der im Falle von George W. zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt präsentiert wird. Das meiste ist nicht ganz neu, aber es ist so liebevoll aufbereitet - und durch erstaunlich viele Zeugen abgesichert, die es wagen, ihren Namen zu nennen -, dass schlicht nicht alles als "Erfindung" abgetan werden kann, wie es das Weiße Haus schon vergangene Woche versuchte.
Dass George W. keine intellektuelle Leuchte ist, war eigentlich längst klar, Kelley aber lässt eine ganze Schar seiner Kommilitonen von den Universitäten Yale und Harvard auftreten, die es präziser wissen. "Georgie, wie wir ihn damals nannten, fehlte es völlig an intellektueller Neugier, egal auf welchem Gebiet", erinnert sich ein Tom Wilner. "Dieser Typ hat überhaupt keine Vorstellung von komplexen Dingen." Ein anderer, C. Murphy Archibald, beschreibt Bush als "Soufflé von Texas: aufgeblasen und voll heißer Luft".
Natürlich werden auch die Alkohol- und Drogenexzesse des Mannes detailliert beschrieben, der sich der britischen Königin einst als "das schwarze Schaf der Bushs" vorgestellt hatte, inzwischen aber, nach seiner "Wiedergeburt" als frommer Christ, angeblich clean ist. Nach 1974, so das Weiße Haus, habe George W. keine Drogen mehr genommen.
Falsch, behauptet Kelley. Während sein Vater Präsident gewesen sei, habe er in Camp David Kokain geschnupft. Sie will''s - nicht nur, aber auch - aus familiärer Quelle erfahren haben: Bushs Ex-Schwägerin Sharon habe, nach ihrer bitteren Scheidung von Bruder Neil, die Familiengeheimnisse ausgebreitet. Nun dementiert Sharon, aber zwei weitere Ohrenzeugen dementieren das Dementi. Nicht einmal W.s Ehefrau Laura, Umfragewerten nach die beste der Nation, bleibt verschont. Sie habe sich in Collegezeiten als Klein-Dealerin verdingt.
Der Skandalaufbereitung à la Kelley bleibt wenig verborgen. Obwohl ihre Anwälte, allesamt Experten für Verleumdungsklagen, das Buch "mit einem feinen Kamm durchgeflöht haben", kann sie weiterhin George W. mit der Abtreibung in Verbindung bringen, die eine Ex-Freundin vornehmen ließ. Frank und frei zitiert sie auch aus dem E-Mail-Wechsel zwischen Bush senior und seinen Söhnen, in dem es um Auffälligkeiten bei den primären Geschlechtsmerkmalen des Nachfolgers und Vorgängers Bill Clinton geht: "Und natürlich krümmt sich sein Schwanz nach links."
Richtig ernst wird es für den Präsidenten, der derzeit in landesweiten Umfragen führt, bei der alles entscheidenden Zahl der Wahlmänner aber womöglich hinter Kerry liegt, nur in einem Bereich. Detailliert belegt die Autorin noch einmal, wie es ihm gelungen ist, sich vor dem Kriegsdienst in Vietnam durch eine Verpflichtung als Pilot bei der Texas Air National Guard zu drücken, so wie Dutzende andere Söhne prominenter Politiker auch. Nun sieht er wie der Feigling aus, zu dem die bezahlten Veteranen seinen Rivalen durch ihre Verleumdungen machen wollten.
Und Kelley ist nicht die Einzige, die diesen Vorwurf dokumentiert: Vorige Woche berichtete der ehemalige Vize-Gouverneur von Texas, Ben Barnes, er sei es gewesen, der den Bushs diesen Gefallen arrangiert habe - eine Mauschelei, für die er sich heute schämt. HANS HOYNG
* Töchter Barbara, Jenna (verdeckt), Mutter Barbara, Vater George beim Parteitag der Republikaner in New York am 2. September. ** Kitty Kelley: "Der Bush-Clan. Die wahre Geschichte einer amerikanischen Dynastie". C. Bertelsmann Verlag, München; 752 Seiten; 26 Euro.
Von Hans Hoyng

DER SPIEGEL 38/2004
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